{"id":7708,"date":"2018-03-13T16:34:58","date_gmt":"2018-03-13T16:34:58","guid":{"rendered":"http:\/\/www.verdichtet.at\/?p=7708"},"modified":"2018-05-27T14:44:13","modified_gmt":"2018-05-27T14:44:13","slug":"ccc-4","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.verdichtet.at\/?p=7708","title":{"rendered":"Die F\u00e4hrte"},"content":{"rendered":"<div class=\"pdfprnt-buttons pdfprnt-buttons-post pdfprnt-top-right\"><a href=\"https:\/\/www.verdichtet.at\/index.php?rest_route=wpv2posts7708&print=pdf\" class=\"pdfprnt-button pdfprnt-button-pdf\" target=\"_blank\"><\/a><a href=\"https:\/\/www.verdichtet.at\/index.php?rest_route=wpv2posts7708&print=print\" class=\"pdfprnt-button pdfprnt-button-print\" target=\"_blank\"><\/a><\/div><p>Sie sa\u00df auf der Bank vor dem Haus, lehnte sich an die Holzvert\u00e4felung und schloss die Augen. Die Morgensonne w\u00e4rmte ihr Gesicht. Die Tasse Kaffee hielt sie mit beiden H\u00e4nden umschlungen, wie sie es jeden Morgen machte.\u00a0 Es war Samstag und ihr Mann war auf Gesch\u00e4ftsreise. Wieder einmal, wie so oft, war sie alleine. Nur der Anwesenheit des Hundes, der neben ihr in der Wiese lag, war es zu verdanken, dass sie sich nicht einsam f\u00fchlte. \u201eEr wird an deiner Seite sein, wenn ich unterwegs bin\u201c, meinte er damals, als er mit dem kleinen Welpen im Arm in der T\u00fcr stand. Sie hatte Freude an dem Hund, vom ersten Tag an. Doch der Ehemann war nun immer \u00f6fter f\u00fcr Tage unterwegs.<\/p>\n<p>Der Ruf des jungen M\u00e4usebussards im angrenzenden Wald lie\u00df sie aufhorchen. Sie hob die rechte Hand und beschattete ihre Augen. \u201eWas will er uns wohl mitteilen, Hank?!\u201c, sagte sie, mehr zu sich selbst als zum Hund. Dieser hob den Kopf, den er vorher auf seine Vorderpfoten abgelegt hatte, und spitzte die Ohren.<\/p>\n<p>Hank erhob sich und trabte Richtung Waldrand. Sein dunkelbraunes Fell gl\u00e4nzte in der Sonne, seine Bewegungen waren elegant, beinahe katzenhaft. \u201eHank, bleib hier! Du sollst nicht alleine in den Wald!\u201c, rief sie ihm hinterher. Doch Hank war nicht beeindruckt. Dies war v\u00f6llig untypisch f\u00fcr den normalerweise sehr folgsamen Hund. Sie erhob sich von der Bank, stellte die Kaffeetasse ab, pfiff auf zwei Fingern und wartete. Nichts.<\/p>\n<p>Pl\u00f6tzlich nahm sie es wahr. Der Wald, die Stimmung, das Licht &#8211; alles war anders an diesem Morgen. Obwohl ein lauer Wind wehte, r\u00fchrten sich die Bl\u00e4tter der Laubb\u00e4ume nicht. Alles schien erstarrt, der Wald lag ruhig vor ihr, der M\u00e4usebussard war verstummt und der Hund verschwunden. Die zarte Fr\u00fchlingssonne tauchte alles in samtig gelbes Licht, die Umgebung schien von einer hauchd\u00fcnnen Seidendecke eingeh\u00fcllt. \u201eWie die Ruhe vor dem Sturm\u201c, dachte sie.<br \/>\n\u201eHank!\u201c, rief sie \u2013 doch sogar ihre Stimme schien von dem Licht verschluckt zu werden.<\/p>\n<p>Sie holte den Mantel vom Haken in der Garderobe, schloss die T\u00fcr ab und ging in den Wald. Ihre Schritte auf dem Schotterweg waren kaum zu h\u00f6ren, als ob sie mit Schalld\u00e4mpfern an den Schuhen unterwegs w\u00e4re. Sie folgte dem \u00fcblichen Weg, den sie sonst gerne mit dem Hund spazierte. Irgendwo musste er doch zu finden sein? An der Weggabelung angelangt, blieb sie stehen und schaute in beide Richtungen. \u201eHank?\u201c Es war nun kein Rufen mehr, eher ein fragendes Fl\u00fcstern. Und dann sah sie ihn! Die Rute des Hundes war noch zu erkennen in der Ferne, als er um eine Baumgruppe bog. Er trabte den H\u00fcgel hoch, der in ein ziemliches Dickicht f\u00fchren w\u00fcrde.<\/p>\n<p>Ihre Schritte wurden schneller, ihr Herz pochte und nun wurde sie nerv\u00f6s. Sie kannte ihren Hund nicht mehr, er war die ganzen Jahre noch nie weggelaufen. Der Aufstieg erwies sich als sehr m\u00fchsam, der Waldboden war locker und teilweise rutschte sie weg. Manchmal musste sie sich an einem Baum hochhanteln, so steil war es. Aber nun war wenigstens der Hund nicht mehr weit von ihr entfernt. Manchmal drehte er sich um, wartete ein Weilchen und lief dann wieder voran.<\/p>\n<p>Endlich war sie bei ihm angekommen. Noch nie war sie in dieser Gegend gewesen. Sie sp\u00fcrte einen leichten Windhauch in ihrem schwei\u00dfnassen Nacken, doch auch hier war der Wald lautlos, regungslos. Sie lehnte sich an einen Baum, musste tief Luft holen und st\u00fctzte sich mit den H\u00e4nden auf ihren Knien ab. \u201eHank, was ist heute los mit dir?\u201c Der Hund hechelte ein wenig, sah sie an, machte dann auf den Hinterl\u00e4ufen kehrt und trabte einen schmalen Pfad entlang, der zu einem gro\u00dfen, spitzen Felsvorsprung f\u00fchrte. Dann blieb er abrupt stehen, verharrte, hob gleichzeitig einen Vorderlauf und winkelte diesen an. Sie dachte, er h\u00e4tte wohl Wild entdeckt in der Ferne und folgte ihm langsam. Hank starrte in eine Richtung, die f\u00fcr sie noch nicht frei einzusehen war. Dann war ein leises Winseln von Hank zu vernehmen, nur kurz. Hank ging vier oder f\u00fcnf Schritte r\u00fcckw\u00e4rts, zog die Rute ein und legte sich hin.<\/p>\n<p>Aufmerksam folgte sie dem Pfad \u2013 dann stand er pl\u00f6tzlich vor ihr, etwa vier Meter h\u00f6her auf dem Felsvorsprung. Ein beeindruckendes Tier. Die bernsteinfarbigen Augen fixierten sie, ihre Blicke trafen sich. Sie blieb stehen und hielt gleichzeitig den Atem an. Der Wolf hatte graubraunes Fell, einen kr\u00e4ftigen Nacken, er war gut gen\u00e4hrt und strahlte Dominanz aus. Der Wind streifte \u00fcber sein Fellkleid und malte Schattierungen. Sie konnte sich nicht losrei\u00dfen von seinen Augen, sie schienen so klug, so allwissend und doch auch warnend. In ihren Adern pulsierte es, ihr ganzer K\u00f6rper schien zu gl\u00fchen. Es war keine Angst, die sie versp\u00fcrte, es war eine freudige Erwartung von etwas Unbekanntem. Ganz langsam und ruhig n\u00e4herte sich dem Wolf nun von der hinteren Seite ein weiteres Tier. Es war etwas kleiner und nicht ganz so imposant, aber mit ebenso wundersch\u00f6nen, bernsteinfarbigen Augen. Dahinter waren nun auch drei oder vier Welpen zu sehen, ganz jung mussten sie noch sein. Es war also die F\u00e4he, die dem R\u00fcden neugierig folgte, jedoch respektvolle Distanz hielt.<\/p>\n<p>Der Wolf fixierte sie noch eine Weile, leckte sich dann die Schnauze und wandte sich ab. Sie wusste nicht mehr, wie lange sie so dagestanden hatte. Es kam ihr vor, als w\u00e4ren es Stunden gewesen. Als sie sich zu Hank umdrehte, lag dieser immer noch unterw\u00fcrfig auf dem Pfad. Sie fl\u00fcsterte: \u201eHank, komm, wir gehen.\u201c Er erhob sich ruhig und ging langsamen Schrittes voraus.<\/p>\n<p>Nun war das Bl\u00e4tterrauschen wieder zu h\u00f6ren, ihre Schritte waren nicht mehr ged\u00e4mpft, ein helles Licht durchflutete die B\u00e4ume. Als w\u00fcrde der Wald nun wieder atmen.<\/p>\n<p>Sie steckte den Schl\u00fcssel ins Schloss und \u00f6ffnete die T\u00fcr. \u201eHallo mein Schatz, wo warst du blo\u00df so lange? Ich hab dich schon ein paar Mal am Handy angerufen. Du hast es daheim liegen lassen!\u201c Ihr Mann dr\u00fcckte ihr einen Kuss auf die Wange. \u201eIch konnte schon das fr\u00fchere Flugzeug nehmen. Na, ist das eine freudige \u00dcberraschung?\u201c Er half ihr aus dem Mantel und genau in diesem Moment nahm ihre Nase Witterung auf! Wie ein Blitz durchdrang dieses fremde Parfum ihre Riechsinneszellen. Er lie\u00df den Mantel fallen und wich zur\u00fcck. Sie stand imposant vor ihm, mit gekr\u00e4useltem Nasenr\u00fccken, bebenden Nasenfl\u00fcgeln und bernsteinfarbene Augen starrten ihn durchdringend an.<\/p>\n<p style=\"text-align: right;\" align=\"right\">Manuela Murauer<br \/>\n<a href=\"http:\/\/waldgefluesteronline.com\/\" target=\"_blank\">waldgefluesteronline.com\/<\/a><\/p>\n<p style=\"text-align: right;\">www.verdichtet.at | Kategorie: <a href=\"http:\/\/www.verdichtet.at\/?page_id=3714\">fantastiques<\/a> | Inventarnummer: 18027<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Sie sa\u00df auf der Bank vor dem Haus, lehnte sich an die Holzvert\u00e4felung und schloss die Augen. Die Morgensonne w\u00e4rmte ihr Gesicht. Die Tasse Kaffee hielt sie mit beiden H\u00e4nden umschlungen, wie sie es jeden Morgen machte.\u00a0 Es war Samstag und ihr Mann war auf Gesch\u00e4ftsreise. Wieder einmal, wie so oft, war sie alleine. 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