{"id":6970,"date":"2017-08-30T18:02:31","date_gmt":"2017-08-30T18:02:31","guid":{"rendered":"http:\/\/www.verdichtet.at\/?p=6970"},"modified":"2017-09-06T15:54:29","modified_gmt":"2017-09-06T15:54:29","slug":"lampen-uhren-und-geschichten","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.verdichtet.at\/?p=6970","title":{"rendered":"Lampen, Uhren und Geschichten"},"content":{"rendered":"<div class=\"pdfprnt-buttons pdfprnt-buttons-post pdfprnt-top-right\"><a href=\"https:\/\/www.verdichtet.at\/index.php?rest_route=wpv2posts6970&print=pdf\" class=\"pdfprnt-button pdfprnt-button-pdf\" target=\"_blank\"><\/a><a href=\"https:\/\/www.verdichtet.at\/index.php?rest_route=wpv2posts6970&print=print\" class=\"pdfprnt-button pdfprnt-button-print\" target=\"_blank\"><\/a><\/div><p>Es ist 22 Uhr 24. Grell. Der Schein meiner Schreibtischlampe irritiert mich. Seit genau einer Stunde starre ich nun auf das leere Blatt Papier vor mir. Nichts. Immer noch nichts. Eine Stunde und nichts. In ziemlich genau zwanzig Minuten wird sie nach Hause kommen, und ich muss meine Arbeit beenden. Gezwungenerma\u00dfen. Sie h\u00e4lt nicht viel von meinen Geschichten. Vermutlich zu Recht. Charakterlose Figuren in seelenlosen R\u00e4umen mit fragw\u00fcrdigen Motiven, die langweiligen T\u00e4tigkeiten nachgehen. Unspektakul\u00e4r. Mit einem Wort: real. Sie erkennt sich in meinen Erz\u00e4hlungen wieder, deswegen kann sie nichts mit ihnen anfangen. Absurd eigentlich. Als w\u00fcrde man in einen Spiegel sehen und sein Gegen\u00fcber nicht wahrhaben wollen.<\/p>\n<p>22 Uhr 26. Ich drehe meine kleine Stereoanlage auf das Maximum der minimalen Lautst\u00e4rke, um meine Lieblingsstelle im \u201eSchwanensee\u201c von Tschaikowsky einigerma\u00dfen genie\u00dfen zu k\u00f6nnen. Ich schalte die Lampe aus und schlie\u00dfe die Augen. Dunkelheit. Tschaikowsky, immer noch zu leise, im Hintergrund. Augen auf, Lampe wieder an. 22 Uhr 27, falsche Stelle. Grell. Ich muss mich erst wieder an das Licht gew\u00f6hnen. Eine Weile blicke ich einfach auf den Zettel vor mir, bis ich die Anlage schlie\u00dflich zur\u00fcck auf ein Minimum stelle. Mit klassischer Musik habe ich eigentlich nicht viel am Hut. Mozart, Beethoven und Bach. Die drei Gro\u00dfen ihrer Zeit kenne ich nat\u00fcrlich. Oder waren es Bach, Mozart und Haydn? Ich wei\u00df es nicht. Aber Tschaikowsky finde ich trotzdem sch\u00f6n.<\/p>\n<p>Ich pr\u00fcfe die Spitze meines Bleistifts. Perfekt. Nicht zu spitz, sodass er abbrechen k\u00f6nnte, sobald man ihn auf das Papier setzt. Genau richtig. Wenn mir jetzt nur irgendetwas einfallen w\u00fcrde. Etwas Gro\u00dfes. Es muss schon etwas Gro\u00dfes sein. Nat\u00fcrlich ist mir klar, dass ich weder Tolstoi noch Hemingway noch Schnitzler bin, aber Kehlmann w\u00fcrde ich hinkriegen. Vielleicht. Oder nicht? Von ihm ist doch dieser Roman \u00fcber die beiden Herren, die durch die Welt reisen und etwas abmessen sollen? So oder so \u00e4hnlich, glaube ich. Oder war der von K\u00f6hlmeier? Jedenfalls soll die Geschichte ziemlich gut gewesen sein. Aber wer m\u00f6chte sich schon mit anderen vergleichen. Man ist schlie\u00dflich einzigartig. Und so sollen auch meine Texte sein. Nicht so wie von diesem Kehlmann oder K\u00f6hlmann.<\/p>\n<p>Ich lehne mich zur\u00fcck, lege den Kopf in den Nacken. Obwohl die Musik l\u00e4uft, h\u00f6re ich das unabl\u00e4ssige Ticken der Uhr. Tick, tick, tack, tick, tack, tick, tick, tick, tack. Einmal tief einatmen und ausatmen. Weiter geht\u2018s. Nur womit? Es gibt noch nicht einmal einen Anfang. Beunruhigt wandert mein Blick auf die silberne Taschenuhr, die ich vor mir auf den Tisch gestellt habe. 22 Uhr 33. Zumindest einen Absatz m\u00f6chte ich heute schaffen. Einen kurzen. Ein paar S\u00e4tze nur. Meinetwegen etwas Banales, wie die Fahrt in der Stra\u00dfenbahn. Oft sind die langweiligsten Einstiege die mit der besten Geschichte im Gefolge. Ich setze den Stift auf das Papier und halte die Luft an. Wieso? Grell. Das Licht ist beinahe unertr\u00e4glich. Wenn sie nach Hause kommt, werde ich sie um eine neue Lampe bitten. Unm\u00f6glich, so zu arbeiten. Mit einem Sto\u00df lasse ich die Luft wieder aus meinen Lungen. Mein Glaube, dass mit der Luft auch die Ideen aus mir herauskommen w\u00fcrden, hat sich leider nicht verwirklicht. Trotzdem versuche ich es immer wieder. Tick, tick, tack. Der Schwanensee ist aus. Die Aufnahme ist relativ kurz. Ich habe geh\u00f6rt, dass sie eigentlich viel l\u00e4nger ist. Ich w\u00fcsste gerne, was fehlt.<\/p>\n<p>Immer noch liegt die Mine des Bleistifts am Papier auf. Aber viel mehr als ein Punkt ist es noch nicht. Weit entfernt davon, ein Wort zu sein. Wie beginnt noch gleich Vernes \u201eIn achtzig Tagen um die Welt\u201c? \u201eIm Jahr achtzehnhundertirgendwas wohnte in dem Haus, in dem jemand gestorben war, ein Mann namens Phileas Fogg.\u201c So ungef\u00e4hr war das doch. Auch kein bahnbrechender Anfang. Aber es ist einer. Und wer h\u00e4tte damals gedacht, dass dieser simple Satz der Beginn eines der erfolgreichsten Werke der klassischen Literatur werden w\u00fcrde? Verne selbst vermutlich nicht. Wie lange das wohl gedauert hat? Diesen ersten Satz zu schreiben, meine ich. Ob er auch so lange \u00fcberlegt hat? Gut Ding braucht eben Weile, sagt man doch.<\/p>\n<p>Ich h\u00e4tte vorher Ideen sammeln, meine Gedanken aufschreiben sollen. Viel zu selten mache ich mir Notizen. Und was ich notiere, findet selten Verwendung. Wenn ich nur einen klaren Gedanken fassen, ihn formulieren k\u00f6nnte. Mein Blick wandert im Raum umher. Viel gibt es nicht zu sehen. Nur wenig erinnert mich \u00fcberhaupt an irgendetwas. Auch in den Schubladen meines Schreibtischs werde ich nicht f\u00fcndig. Unn\u00f6tiger Krimskrams, sonst nichts. Ich lege den Bleistift weg und nehme den kleinen Papierkranich, der viel mehr wie ein Pferdchen mit Fl\u00fcgeln aussieht, in die Hand. Ein paar Mal drehe ich ihn herum, dann lege ich ihn wieder zur\u00fcck. Ich sehe ihn weiter an. Eine Erinnerung, die ich nie vergessen werde. Vor langer Zeit hat ihn mir jemand geschenkt. Einfach so war er in meiner Westentasche, den Moment wei\u00df ich noch genau. Pl\u00f6tzlich war es in meinem Leben, das M\u00e4dchen, von dem ich dachte, dass ich niemals einen Tag ohne es sein k\u00f6nnte. Das letzte Mal habe ich es vor f\u00fcnf oder sechs Jahren gesehen. Wann und wo, wei\u00df ich nicht mehr. Wie wichtig diese ersten Male sind, w\u00e4hrend das letzte Mal oft keine Bedeutung hat. Irgendwann ist es einfach so weit. Ohne es zu merken, ist der wichtigste Mensch in deinem Leben gar nicht mehr so wichtig und nur noch eine Erinnerung auf einem Bild an der Wand oder eben ein Origami auf deinem Schreibtisch. Vielleicht sollte ich das aufschreiben.<\/p>\n<p>22 Uhr 41. Jede Sekunde k\u00f6nnte ich den Aufzug h\u00f6ren, den Schl\u00fcssel, das Schloss dreht sich um, T\u00fcr auf, sie steht in der Wohnung, in meinem Zimmer. Nein. So weit darf es nicht kommen. Ich m\u00f6chte sie heute nicht mehr sehen. Sobald ich den Lift h\u00f6re, sofort Licht aus und ins Bett unter die Decke, Augen zu und ruhig atmen, wenn sie die Zimmert\u00fcr aufmacht, soll sie glauben, ich schlafe. So mach ich das. Tick, tack, tick, tick, tack.<\/p>\n<p>Man sollte meinen, heutzutage besitzt man keine Taschenuhr mehr und wenn, dann ist es ein Erbst\u00fcck oder ein Geschenk vom Gro\u00dfvater oder \u00c4hnliches. Ich w\u00fcnschte, ich h\u00e4tte eine tolle Geschichte zu dieser Uhr, hab ich aber nicht. Vor einem Jahr etwa habe ich sie in einem Uhrengesch\u00e4ft gekauft, kein Second-Hand-Laden, sie ist neu, schlicht, ohne gro\u00dfartige Verzierungen, innen ist ein einfaches Ziffernblatt. In regelm\u00e4\u00dfigen Abst\u00e4nden muss man sie aufziehen. Wenn mich die Leute danach fragen, erz\u00e4hle ich, sie sei von meinem Urgro\u00dfvater, der sie im ersten Weltkrieg einem gefallenen Soldaten abgenommen hat. Alle glauben sie mir. In Wahrheit wei\u00df ich gar nicht, ob einer meiner Urgro\u00dfv\u00e4ter oder Gro\u00dfv\u00e4ter in irgendeinem Krieg gek\u00e4mpft hat. Dar\u00fcber werde ich wohl nicht schreiben.<\/p>\n<p>Mein Blick haftet wieder am Papier, der Stift ist in meiner Hand. Je einfacher, desto besser. Einen Moment schlie\u00dfe ich meine Augen, mein Kopf ist v\u00f6llig leer. Die Sekunden verstreichen. Dann \u00f6ffne ich sie wieder. Und es geht los. Endlich habe ich eine Idee. Ein Wort, eine Phrase, ein Satz nach dem anderen. Ich kann gar nicht aufh\u00f6ren. Wie ich es geplant hatte, beschreibe ich die Menschen, die R\u00e4ume, die Absichten dieser Menschen, so wie ich sie kenne. Es soll m\u00f6glichst realistisch sein. Keine Fantastereien. Eine Milieustudie sozusagen. L\u00e4ngst sind aus einem Absatz zwei, sogar drei oder vier geworden. Der Bleistift ist immer noch spitz genug, von ihr keine Spur. Normalerweise ist sie p\u00fcnktlich. Genau um 22 Uhr 47 schlie\u00dft sie f\u00fcr gew\u00f6hnlich die Wohnungst\u00fcr auf. Seit ich mich erinnern kann, war das nie anders. Jeden Mittwochabend. Sie steigt um 22 Uhr 24 in die Stra\u00dfenbahn, f\u00e4hrt achtzehn Minuten bis zur Endstation und von dort geht sie die restlichen f\u00fcnf Minuten zu Fu\u00df bis zu unserem Haus, in unsere Wohnung. Ich lege den Bleistift zur Seite. Drehe meinen Kopf in Richtung Uhr.<\/p>\n<p>Ein Knall. Ich schrecke auf. Grell. Das Wasserglas, das ich auf den Schreibtisch gestellt habe, ist zu Boden gefallen und zerbrochen. Wasser \u00fcberall. Ich muss eingeschlafen sein. Das Licht blendet mich. Mein Blick f\u00e4llt auf das Blatt Papier. Es ist leer. Es w\u00e4re zu sch\u00f6n gewesen. Die Stille um mich herum beunruhigt mich. Ich schaue auf die silberne Taschenuhr vor mir. 22 Uhr 41. Die Uhr tickt nicht mehr. Sie muss stehengeblieben sein. Meine Augen brennen. Ich schalte das Licht aus.<\/p>\n<p style=\"text-align: right;\">Anna Bartl<\/p>\n<p style=\"text-align: right;\">www.verdichtet.at | Kategorie: <a href=\"http:\/\/www.verdichtet.at\/?page_id=408\">an Tagen wie diesen<\/a> | Inventarnummer: 17162<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Es ist 22 Uhr 24. Grell. Der Schein meiner Schreibtischlampe irritiert mich. Seit genau einer Stunde starre ich nun auf das leere Blatt Papier vor mir. Nichts. Immer noch nichts. Eine Stunde und nichts. In ziemlich genau zwanzig Minuten wird sie nach Hause kommen, und ich muss meine Arbeit beenden. Gezwungenerma\u00dfen. 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