{"id":6781,"date":"2017-07-26T16:03:51","date_gmt":"2017-07-26T16:03:51","guid":{"rendered":"http:\/\/www.verdichtet.at\/?p=6781"},"modified":"2017-07-31T06:23:12","modified_gmt":"2017-07-31T06:23:12","slug":"ziehen","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.verdichtet.at\/?p=6781","title":{"rendered":"Ziehen"},"content":{"rendered":"<div class=\"pdfprnt-buttons pdfprnt-buttons-post pdfprnt-top-right\"><a href=\"https:\/\/www.verdichtet.at\/index.php?rest_route=wpv2posts6781&print=pdf\" class=\"pdfprnt-button pdfprnt-button-pdf\" target=\"_blank\"><\/a><a href=\"https:\/\/www.verdichtet.at\/index.php?rest_route=wpv2posts6781&print=print\" class=\"pdfprnt-button pdfprnt-button-print\" target=\"_blank\"><\/a><\/div><p>Ein Mann erwachte aus seinem Schlaf, er hatte von gru\u0308nen Wiesen und lieblichen Seen, von lauschigen Lichtungen im Walde und von V\u00f6geln getr\u00e4umt, welche die Szenerie mit ihrem Gesang erfu\u0308llt hatten. Er wollte sich zur Seite drehen, so wie jeden Morgen, ein Ritual, das ihm das Aufstehen immer erleichtert hatte, doch er fu\u0308hlte, dass er nicht auf dem gewohnt weichen Bett lag, sondern in einer Pfu\u0308tze, modriger Geruch drang in seine Nase, ein bei\u00dfender, \u00fcbel riechender Dunst lie\u00df seine Nase brennen und seine Augen tr\u00e4nen. Er fu\u0308hlte einen stechenden Schmerz in seinem Ru\u0308cken, genau an der Stelle, die hinter seinem Herzen lag. Mit den H\u00e4nden versuchte er zu ertasten, ob irgendwo eine offene Wunde zu erfu\u0308hlen sei, doch fand er keine, die Haut war an dieser Stelle zerschunden.<br \/>\nEr fragte sich, wo er aufgewacht sei, an welch dunklem Ort, und musste erkennen, dass er in einem tiefen Loch gefangen war. In seiner Verzweiflung begann er laut zu schreien, auf dass irgendjemand auf seine missliche Lage aufmerksam werden wu\u0308rde, doch nach wenigen Minuten schon war er heiser geworden und er stellte das Schreien ein, zumal er noch nicht einmal wusste, wo sich das Loch, in dem er gefangen war, u\u0308berhaupt befand. Hungrig versuchte er, den Boden des Lochs abzutasten, ob irgendetwas Essbares zu finden sei, doch au\u00dfer ein paar Regenwu\u0308rmer fand er nichts, also nahm er mit diesen vorlieb.<\/p>\n<p>Das Loch begann sich zu erhellen, die Sonne lie\u00df ein klein wenig Licht auf den Boden fallen, schwach nur, aber doch genug, um schemenhafte Umrisse dieses Gef\u00e4ngnisses zu erkennen. Es war ein im Durchmesser nur wenige Quadratmeter gro\u00dfes Loch, der Boden war an einigen Stellen feucht, es tummelten sich Unken und Regenwu\u0308rmer an diesen feuchten Stellen, eine kleine Pfu\u0308tze stand in einer Ecke, und die Tiefe des Lochs sch\u00e4tzte er auf drei\u00dfig Meter. Nach kurzer Zeit zog die Sonne weiter, nahm ihr Licht mit sich und u\u0308berlie\u00df ihn wieder der Dunkelheit.<br \/>\nDurstig und hungrig machte er sich u\u0308ber das Wasser der Pfu\u0308tze her und scheute nicht davor zuru\u0308ck, eine Unke zu verzehren, nachdem er sie get\u00f6tet und ihr mit blo\u00dfen H\u00e4nden notd\u00fcrftig die Haut abgezogen hatte, schlie\u00dflich hatte er keine Wahl, konnte in dieser Situation keine R\u00fccksicht auf die Gefahren f\u00fcr seine Gesundheit nehmen, die eine solche Nahrung mit sich bringen wu\u0308rde. Nach einigen Stunden schlief er ersch\u00f6pft ein und tr\u00e4umte wieder von lieblichen Wiesen und V\u00f6geln.<\/p>\n<p>Als er erwachte, wagte er nicht, die Augen zu \u00f6ffnen, zu gro\u00df war seine Angst, immer noch in diesem Loch gefangen zu sein. Er zwang sich doch dazu und stellte fest, dass sich an seiner Lage nichts ge\u00e4ndert hatte. Wieder rief er laut um Hilfe, doch wieder blieben seine Rufe unbeantwortet. Er nahm ein paar Wu\u0308rmer zu sich, trank aus der Pfu\u0308tze und zwang sich dazu, sein Gehirn zu besch\u00e4ftigen, indem er ihm gleichsam befahl, einen Ausweg aus dieser Lage zu finden. Er versuchte, mit blo\u00dfen H\u00e4nden die W\u00e4nde zu erklimmen, das einzige Resultat waren jedoch abgerissene Fingern\u00e4gel und blutige Fingerglieder. Er versuchte immer wieder, Anlauf zu nehmen und ein wenig h\u00f6her Halt zu finden in dieser Wand, die ihn umgab, doch er glitt immer wieder ab und zerschnitt sich die Oberarme.<br \/>\nZitternd und blutend sa\u00df er verzweifelt auf dem Boden seines\u00a0 Gef\u00e4ngnisses, nachdenkend, was ihn wohl in diese Haft gebracht haben mochte. Keine Antwort darauf findend, nahm er sich vor, jeden Tag, den er hier unten verbringen sollte, eine Episode seines bisherigen Lebens sich in Erinnerung zu rufen und zu analysieren, sodass er in der Einsamkeit nicht verru\u0308ckt werden wu\u0308rde.<\/p>\n<p>Auf diese Weise verbrachte er etliche Tage, um doch nur zum Ergebnis zu gelangen, dass eine neuerliche Analyse ohnehin keinen Zweck h\u00e4tte, denn das Erlebte war ihm durchaus in Erinnerung geblieben und egal von welcher Seite er es immer wieder analysieren mochte, es \u00e4nderte nichts an seinen damaligen Eindru\u0308cken und Empfindungen. Der Vorrat an Unken, Regenwu\u0308rmern und modrigem Pfu\u0308tzenwasser versiegte nicht, und so begann er, der gew\u00f6hnt war, nur einmal am Tag feste Nahrung zu sich zu nehmen, diese Lebewesen abwechselnd zu verspeisen. Mit der Dauer seines Verweilens in diesem Gef\u00e4ngnis wuchsen in ihm die Angst vor der Dauer seines Aufenthaltes hier unten, seine Einsamkeit und seine Verzweiflung. Er begann damit, Namen von Menschen zu rufen, die er gekannt hatte, bevor er an diesem dunklen Ort aufgewacht war, er rief sie laut, schrie sie richtiggehend aus sich heraus, er flu\u0308sterte sie, hoffend, sie wu\u0308rden auf irgendeine Weise Geh\u00f6r finden, doch bedingt durch die Tiefe des Schachtes wurden sie zu stummen Schreien.<br \/>\nTag um Tag, Woche um Woche verbrachte er auf diese Weise, verzweifelt und ungeh\u00f6rt. In seiner Not und Einsamkeit hatte er sogar den Entschluss gefasst, sein Leiden zu beenden, indem er die Haut der Unken ebenfalls a\u00df, doch erwies er sich als immun gegen das schwache Gift, welches darin enthalten war. Er fragte sich, wie lange seine Haft schon andauerte, doch gelangte er zu keiner Antwort. Er hatte die Hoffnung auf Rettung aufgegeben, als er eines Morgens erwachte und ein sonderbares Kribbeln auf seiner Nase wahrnahm. Er fasste sich an die Nase und fu\u0308hlte ein Stu\u0308ck Draht in seiner Hand. Unschlu\u0308ssig was er tun sollte, beschloss er zu warten, bis die Sonne sein Gef\u00e4ngnis wie jeden Tag fu\u0308r ein paar Minuten erhellen wu\u0308rde. Die Sonne kam und als er seinen Blick zum Himmel wandte, sah er einen Balken quer u\u0308ber den Schacht liegen.<\/p>\n<p>Er beschloss, diese Chance wahrzunehmen und zog am Draht. H\u00f6chst euphorisch, bemerkte er die Schmerzen in seinen H\u00e4nden nicht, welche ungeschu\u0308tzt am Metall zogen. Die ersten Meter des Ziehens fielen ihm leicht, nach ungef\u00e4hr zwanzig Metern jedoch wurden die Schmerzen in seinen H\u00e4nden unertr\u00e4glich und ihm wurde schwarz vor Augen, er hatte das Gefu\u0308hl, ersticken zu mu\u0308ssen. Er dachte nach; er hatte die M\u00f6glichkeit, loszulassen und viele Meter tief zu fallen, oder er konnte sich dafu\u0308r entscheiden, weiterzumachen, unter Schmerzen diesem Loch zu entkommen. Er entschied sich fu\u0308r Letzteres und bald hatte er es geschafft, seine Arme um den Balken zu legen, nun konnte er durchatmen.<br \/>\nEr blickte um sich und musste erkennen, dass der Schacht in einer lieblichen Landschaft gelegen war, doch war er von mehreren Reihen Stacheldraht umgeben. Er schaffte es, sich am Balken hochzuziehen und setzte sich auf diesen. Vor ihm der Stacheldraht, unter ihm das Loch. Als sich seine Augen an das Sonnenlicht, welches er viele Monate blo\u00df fu\u0308r wenige Minuten t\u00e4glich wahrgenommen hatte, gew\u00f6hnt hatten, blickte er u\u0308ber den Rand des Stacheldrahtes und bemerkte, dass er bereits erwartet worden war. Etliche Bussarde sa\u00dfen vor dem Draht. Sie sahen ihn mit gierigen Augen an, welche sich beinahe menschlich ausnahmen. Ihre Blicke schienen ihm, als wollten sie ihm mitteilen, er solle nur den Stacheldraht passieren, sie wu\u0308rden ihn schon zerfleischen.<\/p>\n<p>\u00c4ngstlich lie\u00df er seinen Blick von den Bussarden weg, hin zu den Wesen schweifen, die hinter den Bussarden hockten. Er erkannte zwei Werw\u00f6lfe, die auf der Erde sa\u00dfen, ihre gru\u0308n leuchtenden Augen und ihre ihm durchaus bekannten Gesichtszu\u0308ge schienen ihm sagen zu wollen, er wu\u0308rde als der Versager aufgefressen werden, als den sie ihn einsch\u00e4tzten. Er wollte den Bestien etwas zurufen, da lie\u00df sich ein gro\u00dfer Schwarm V\u00f6gel auf dem Stacheldraht nieder. Nicht die Art von V\u00f6geln, von der er immer getr\u00e4umt hatte, es waren unscheinbare Raben m\u00e4nnlichen Geschlechts sowie sch\u00f6n anzusehende Amazonen, die aus dem Regenwald zu kommen schienen, weiblichen Geschlechts. Diese V\u00f6gel blickten v\u00f6llig unbeteiligt auf die Szenerie, so als wollten sie lediglich als interessierte Beobachter am Geschehen teilhaben. Die Werw\u00f6lfe erhoben sich und er befu\u0308rchtete, sie wu\u0308rden mit einem Satz u\u0308ber den Stacheldraht springen, um ihn zu t\u00f6ten, jedoch sah er, dass sie einem Einhorn Platz machten, welches zu ihnen gesto\u00dfen war.<br \/>\nSie schienen sich gut zu verstehen und das Einhorn kam nahe an den Stacheldraht heran. Es war wei\u00df, von wundersch\u00f6nem K\u00f6rperbau, jedoch hatte es schwarze Augen. Es neigte den Kopf, so als wollte es den Mann dazu bringen, das Horn n\u00e4her zu betrachten. Er tat dies und entdeckte an dessen Spitze Hautfetzen. Er begriff, dass es diese sch\u00f6ne Tier mit den schwarzen Augen gewesen sein musste, das ihn in sein Loch gesto\u00dfen hatte. Er blickte dem Einhorn ins Antlitz und erstarrte vor Schreck. Es \u00f6ffnete sein Maul und zum Vorschein kamen die Fangz\u00e4hne eines Wolfes, geeignet, Beute zu ergreifen, festzuhalten und erst dann wieder freizulassen, wenn der Wolf es m\u00f6chte. Das Einhorn hatte jedoch nicht blo\u00df Fangz\u00e4hne, die u\u0308brigen Z\u00e4hne im Maul dieses Wesens waren merkwu\u0308rdig dreieckig geformt und hatten Zacken an den R\u00e4ndern, wie kleine S\u00e4gen. Er dachte sofort an die Z\u00e4hne des Tigerhais, geeignet dazu, m\u00f6glichst gro\u00dfe St\u00fccke aus seinem Opfer zu rei\u00dfen.<\/p>\n<p>Obwohl er Panik in sich hochsteigen fu\u0308hlte, zwang er sich, Ruhe zu bewahren und die Situation zu analysieren. Er erkannte, dass er zwei M\u00f6glichkeiten hatte. Die eine war, sich durch den Stacheldraht zu k\u00e4mpfen, um danach kriechend und verletzt von den Kreaturen zerrissen zu werden, die Reste vertilgt von den Bussarden und die anderen V\u00f6gel als Zaung\u00e4ste. Die andere war, sich wieder in das Loch fallen zu lassen und nie mehr zuru\u0308ckzukommen. Er u\u0308berlegte kurz, er z\u00f6gerte, das Einhorn hatte sein Maul geschlossen und w\u00e4lzte sich einladend auf seinem Ru\u0308cken, so als ob es meinte, er solle doch zu dem Wesen kommen, welches ihn hinuntergesto\u00dfen hatte in sein Verlies, er w\u00fcrde es ohnehin nicht schaffen, und falls doch, dann verbraucht und zerschunden. Er fragte sich, ob er immer noch ein M\u00e4rtyrer w\u00e4re, w\u00fcrde er dem wei\u00dfen Fabeltier mit den Wolfsz\u00e4hnen Genugtuung geben, erkannte die Unwichtigkeit dieser Frage und sprang.<\/p>\n<p style=\"text-align: right;\">Michael Timoschek<\/p>\n<p style=\"text-align: right;\">www.verdichtet.at | Kategorie: <a title=\"Que ser\u00e1, ser\u00e1?\" href=\"http:\/\/www.verdichtet.at\/?page_id=3714\">fantastiques<\/a> |Inventarnummer: 17139<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Ein Mann erwachte aus seinem Schlaf, er hatte von gru\u0308nen Wiesen und lieblichen Seen, von lauschigen Lichtungen im Walde und von V\u00f6geln getr\u00e4umt, welche die Szenerie mit ihrem Gesang erfu\u0308llt hatten. Er wollte sich zur Seite drehen, so wie jeden Morgen, ein Ritual, das ihm das Aufstehen immer erleichtert hatte, doch er fu\u0308hlte, dass er [&hellip;]<\/p>\n","protected":false},"author":4,"featured_media":0,"comment_status":"open","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[112],"tags":[108],"class_list":["post-6781","post","type-post","status-publish","format-standard","hentry","category-timoschek-michael","tag-fantastiques"],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/www.verdichtet.at\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/6781","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/www.verdichtet.at\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/www.verdichtet.at\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.verdichtet.at\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/users\/4"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.verdichtet.at\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcomments&post=6781"}],"version-history":[{"count":4,"href":"https:\/\/www.verdichtet.at\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/6781\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":6799,"href":"https:\/\/www.verdichtet.at\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/6781\/revisions\/6799"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/www.verdichtet.at\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fmedia&parent=6781"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.verdichtet.at\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcategories&post=6781"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.verdichtet.at\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Ftags&post=6781"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}