{"id":5984,"date":"2017-01-31T13:36:53","date_gmt":"2017-01-31T13:36:53","guid":{"rendered":"http:\/\/www.verdichtet.at\/?p=5984"},"modified":"2017-01-31T17:08:23","modified_gmt":"2017-01-31T17:08:23","slug":"sparen-in-den-50er-jahren","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.verdichtet.at\/?p=5984","title":{"rendered":"Sparen in den 50er Jahren"},"content":{"rendered":"<div class=\"pdfprnt-buttons pdfprnt-buttons-post pdfprnt-top-right\"><a href=\"https:\/\/www.verdichtet.at\/index.php?rest_route=wpv2posts5984&print=pdf\" class=\"pdfprnt-button pdfprnt-button-pdf\" target=\"_blank\"><\/a><a href=\"https:\/\/www.verdichtet.at\/index.php?rest_route=wpv2posts5984&print=print\" class=\"pdfprnt-button pdfprnt-button-print\" target=\"_blank\"><\/a><\/div><p>Meine Omama verstand es wie alle aus der Zweifach-Kriegsgeneration, \u201esich was vom Mund abzusparen\u201c. Sie war Sparmeisterin und Wiederverwerterin, sie warf einfach nichts weg. Ihre Erfahrung sagte ihr: \u201eAufheben f\u00fcr schlechte Zeiten.\u201c Die um 1900 Geborenen konnten alles noch einmal gebrauchen! Alte Unterw\u00e4sche und Leint\u00fccher zu Putzfetzen zerschnitten, alte Zeitungen in den H\u00e4nden weichgerieben als Fensterputz- und Klopapier, Seifenreste in zerrissene Nylonstr\u00fcmpfe, alte Semmeln zu Br\u00f6seln zerrieben f\u00fcrs Schnitzelpanieren und f\u00fcr den Apfelstrudel, Einkochen, Einwecken, Hamstern, Tauschen, Restlessen \u2013 \u00fcbrigens: Wer kennt noch das klassische Restlessen, den \u201eGrenadiermarsch\u201c? (Rezept, wie ich es von Omama und Mama gelernt habe: in Zwiebeln und Fett anger\u00f6stete Kn\u00f6delst\u00fccke, Nudeln, Kartoffeln, die von Vortagen \u00fcbriggeblieben waren, mit viel, viel K\u00fcmmel \u2013 zum Verdauen.)<\/p>\n<p>Und diesen Sinn, alles gut auszun\u00fctzen, nichts zu verschwenden, haben diese Gro\u00dfm\u00fctter an ihre T\u00f6chter, unsere M\u00fctter, weitergegeben. Und auch wir &#8211; die Nachkriegsgeborenen der ersten Generation &#8211; wurden zu Wiederverwertung und Sparsamkeit erzogen \u2013 nachhaltiges Wirtschaften, \u00f6kologisches Bewusstsein &#8211; solche mittlerweile wieder hoch gesch\u00e4tzten Tugenden &#8211; das kann man von uns lernen! Wir wissen einige gute Rezepte zur Verwertung von altem Brot, denn \u201eBrot wegwerfen ist eine S\u00fcnde\u201c. \u00dcberhaupt in einem waren sich unsere M\u00fctter der Kriegsgeneration einig: Beim Essen sagten sie immer ganz streng: \u201eEs wird gegessen, was auf den Tisch kommt! Es gibt keine Extraw\u00fcrstln!\u201c \u201eAufessen, damit die Sonne morgen wieder scheint \u2026 wirst du aufessen \u2013 nichts stehen lassen!\u201c<\/p>\n<p>Der Zeitgeist der 50er-Jahre war Sparen und Aufbauen. Die Banken unterst\u00fctzten und f\u00f6rderten diese Lebenshaltung: F\u00fcr die kleinen Sparerinnen und Sparer gab\u2019s eine Sparb\u00fcchse, am Weltspartag den \u201eSparefroh\u201c und viele sch\u00f6ne Geschenke, wenn man da aufs Sparb\u00fcchl einzahlte.<\/p>\n<p>Aber diese Sparsamkeit hatte auch ihre Kehrseite. Bei meiner Freundin Evi Prochaska etwa, dem dicklichen Nachbarskind mit dem lustigen Gr\u00fcbchen im Kinn, zeigte sich die Kehrseite ganz deutlich. Die Familie Prochaska hatte drei T\u00f6chter, alle mit dickem dunkelbraunen Haar, zu Z\u00f6pfen geflochten: die \u00e4lteste, Liesl, Seitenzopf, Herta, die mittlere, Z\u00f6pfe zum Kr\u00e4nzchen aufgesteckt und Evi links und rechts je einen Zopf mit Zopfspangerln. An der Evi, dem unerw\u00fcnschten dritten Madl, das Umst\u00e4nde machte und st\u00f6rte, wurde am meisten gespart! Durch Hemmungen mit den drei streng gezischten Fragen aller Fragen: \u201eWozu soll das gut sein? Wozu brauchst du das? Ist denn das notwendig?\u201c, die Evi wurde immer gehemmter. Nach und nach verk\u00fcmmerten in ihr alle Ideen und W\u00fcnsche, denn sie w\u00e4ren mit Geldausgaben verbunden gewesen. Evi stand immer verlegen daneben \u2013 wunschlos \u2013 ideenlos &#8211; abgedreht. Evis Mutter sagte: \u201cSchon wieder gewachsen! Ich n\u00e4h dir von dem dunkelgr\u00fcnen Kleid, das der Liesi nicht mehr passt, den Saum rauf und geht schon f\u00fcr dich!\u201c Und sie sagte \u201cSchuhe \u2013 wir kaufen sie eine Nummer gr\u00f6\u00dfer und legen vorne Zeitungspapier rein &#8211; zum Reinwachsen.\u201c So steckte die Evi in einem dunkelgr\u00fcnen Kleid, deren Taille zu weit unten sa\u00df, scheuerte sich mit den zu gro\u00dfen Schuhen Fersenblasen, und das Kinngr\u00fcbchen wurde immer tiefer hineingestochen, gar nicht mehr lustig.<\/p>\n<p style=\"text-align: right;\">Angelika Mairose<\/p>\n<p style=\"text-align: right;\">www.verdichtet.at | Kategorie: <a href=\"http:\/\/www.verdichtet.at\/?page_id=3365\">anno<\/a> | Inventarnummer: 17044<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Meine Omama verstand es wie alle aus der Zweifach-Kriegsgeneration, \u201esich was vom Mund abzusparen\u201c. Sie war Sparmeisterin und Wiederverwerterin, sie warf einfach nichts weg. 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