{"id":5950,"date":"2017-01-25T08:59:40","date_gmt":"2017-01-25T08:59:40","guid":{"rendered":"http:\/\/www.verdichtet.at\/?p=5950"},"modified":"2017-01-27T18:17:30","modified_gmt":"2017-01-27T18:17:30","slug":"geschwurbelt","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.verdichtet.at\/?p=5950","title":{"rendered":"Geschwurbelt"},"content":{"rendered":"<div class=\"pdfprnt-buttons pdfprnt-buttons-post pdfprnt-top-right\"><a href=\"https:\/\/www.verdichtet.at\/index.php?rest_route=wpv2posts5950&print=pdf\" class=\"pdfprnt-button pdfprnt-button-pdf\" target=\"_blank\"><\/a><a href=\"https:\/\/www.verdichtet.at\/index.php?rest_route=wpv2posts5950&print=print\" class=\"pdfprnt-button pdfprnt-button-print\" target=\"_blank\"><\/a><\/div><p>Die Sonne geht schon fr\u00fch unter in diesen Tagen, ihr Licht hat auch nur wenig Kraft, gerade einmal genug, um den luftigen, in zartem Orange und Magenta gehaltenen Vorhang leuchten zu lassen.<br \/>\nEin Leuchten, das die beiden alten Herren wieder anzieht, sie hier ihren Tee hier trinken l\u00e4sst.<br \/>\nEs sind die Farben des Fr\u00fchlings und des Sommers, die ihnen etwas Zuversicht in die Gesichter zaubern \u2013 auch wenn es bis zum Fr\u00fchling noch drei Monate hin ist.<\/p>\n<p>Vor drei Tagen haben sie sich hier kennengelernt, heute ist das etwa halbst\u00fcndige Gespr\u00e4ch aber bereits Tradition. Dabei leben sie schon viele Jahre in dem Heim, ihre unterschiedlichen Gewohnheiten haben sie sich davor aber noch nie treffen lassen: Adam ist mehr der Morgenmensch, wartet jeden Tag minutenlang auf den Sonnenaufgang \u2013 es ist genau die Zeit, in der sich Bedam hinlegt; Adam speist mit den anderen im gro\u00dfen Saal \u2013 Bedam kennt den nicht, war da noch nie drin, hatte sich schon bei seiner Einweisung ausbedungen, das Essen in seinem Zimmer einzunehmen. Es ist stets kalt, Bedam speist jeweils zw\u00f6lf Stunden nach Lieferung.<\/p>\n<p>Die Jahreszeit hat es nun \u2013 als Schnittstelle \u2013 erm\u00f6glicht, dass sich die beiden jetzt eine halbe Stunde lang einander widmen.<\/p>\n<p>\u2013 Im Mai war ich das letzte Mal daheim &#8230; Die Spatzen sind durch die Luft geschwirbelt &#8230; Ich bin an einem B\u00e4chlein gesessen, das vor sich hin geschwarbelt hat &#8230; \u2013<br \/>\n\u2013 Das B\u00e4chlein hat geschwarbelt? &#8230; Du meinst wohl: Es hat geschwabbelt &#8230;? \u2013<br \/>\n\u2013 Nein! Das B\u00e4chlein hat geschwarbelt &#8230; Ich finde, dieses Wort beschreibt es besser &#8230; \u2013<br \/>\n\u2013 Na gut. \u2013<br \/>\n\u2013 Also ich sitz da am Bach, pl\u00f6tzlich wird es dunkler. Die Wolken haben sich geschw\u00e4rbelt. \u2013<br \/>\n\u2013 Geschw\u00e4rbelt? \u2013<br \/>\n\u2013 Ja. \u2013<br \/>\n\u2013 Dann ist diese Maschine gekommen und hat ein gleich nebenan gelegenes W\u00e4ldchen geschwerbelt \u2013<br \/>\n\u2013 Geschwerbelt? \u2013<br \/>\n\u2013 Ja. Na sicher: geschwerbelt. Dann haben sie die B\u00e4ume geschworbelt und die St\u00e4mme geschwurbelt. Damals habe ich geschw\u00f6rbelt, nie mehr dahin zur\u00fcckzukehren &#8230; Ja, ich habe es geschw\u00fcrbelt &#8230; \u2013<\/p>\n<p>Es wird nicht mehr lange dauern, bis die Sonne hinter den B\u00e4umen auf dem nahen H\u00fcgel untergeht, ein leichter Hauch von Abendwind pludert die jetzt samtenen Farben des Vorhangs zu einem ergreifenden Schauspiel, dem beide ihre volle Aufmerksamkeit widmen.<br \/>\nDann ist Bedam dran.<\/p>\n<p>\u2013 Letzten Mai war ich in der buckligen Welt &#8230; Viele Ausfl\u00fcgler sind da herumgeschwimmelt. Das war mir aber egal, hab einfach weiter vor mich hin geschwammelt &#8230; \u2013<br \/>\n\u2013 Geschwammelt? &#8230; Meinst du: Spazierengehen? &#8230; Oder: Wandern? \u2013<br \/>\n\u2013 Nein, ich bin geschwammelt &#8230; Das trifft es meiner Meinung nach mehr. \u2013<br \/>\n\u2013 OK. \u2013<br \/>\n\u2013 Alles war gut, aber dann hat es pl\u00f6tzlich vor tausenden Menschen geschwemmelt \u2013<br \/>\n\u2013 Geschwemmelt? \u2013<br \/>\n\u2013 Ja! &#8230; Es waren wirklich sehr viele &#8230; naja, tausende waren es nicht, da hab ich ein bisschen geschwummelt \u2013<br \/>\n\u2013 Geschwummelt? \u2013<br \/>\n\u2013 Na sicher &#8230; es waren nur vielleicht zwanzig oder drei\u00dfig. Ein paar von ihnen sind in einem Teich geschwommelt, obwohl es sehr kalt war &#8230; Ein P\u00e4rchen hat keine drei\u00dfig Meter davon &#8230; hahaha &#8230;. miteinander geschw\u00e4mmelt &#8230; Und ich bin mir sicher: Kaum wieder unten im Dorf haben sie dann in der Kirche geschw\u00f6mmelt &#8230; \u2013<\/p>\n<p>Mit jeder Sekunde verliert der Vorhang an Farbe, das Orange wird zu einem Grau, das Magenta zu einem anderen, Adam und Bedam sehen die letzten Strahlen der Sonne hinter B\u00e4umen auf einem nahen H\u00fcgel erl\u00f6schen: Adam g\u00e4hnt, es wird Zeit f\u00fcr ihn schlafen zu gehen; Bedam streckt sich, \u00fcberlegt sich, was es heute f\u00fcr ihn zu tun geben wird, auch wenn er wei\u00df, dass es f\u00fcr ihn nichts mehr zu tun gibt.<br \/>\nAuf den Sonnenuntergang beim luftigen, in zartem Orange und Magenta gehaltenen Vorhang freuen sich aber schon jetzt beide.<\/p>\n<p style=\"text-align: right;\">Christoph Stantejsky<\/p>\n<p style=\"text-align: right;\">www.verdichtet.at | Kategorie: <a href=\"http:\/\/www.verdichtet.at\/?page_id=4535\">Wortglauberei<\/a> | Inventarnummer: 17042<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Die Sonne geht schon fr\u00fch unter in diesen Tagen, ihr Licht hat auch nur wenig Kraft, gerade einmal genug, um den luftigen, in zartem Orange und Magenta gehaltenen Vorhang leuchten zu lassen. 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