{"id":5945,"date":"2017-01-25T12:25:47","date_gmt":"2017-01-25T12:25:47","guid":{"rendered":"http:\/\/www.verdichtet.at\/?p=5945"},"modified":"2017-02-22T08:46:16","modified_gmt":"2017-02-22T08:46:16","slug":"der-railjetsimulator","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.verdichtet.at\/?p=5945","title":{"rendered":"Der Railjetsimulator"},"content":{"rendered":"<div class=\"pdfprnt-buttons pdfprnt-buttons-post pdfprnt-top-right\"><a href=\"https:\/\/www.verdichtet.at\/index.php?rest_route=wpv2posts5945&print=pdf\" class=\"pdfprnt-button pdfprnt-button-pdf\" target=\"_blank\"><\/a><a href=\"https:\/\/www.verdichtet.at\/index.php?rest_route=wpv2posts5945&print=print\" class=\"pdfprnt-button pdfprnt-button-print\" target=\"_blank\"><\/a><\/div><p>Wenn ich nicht mehr Bahn fahre, kann ich auch nicht mehr schreiben. Ich \u00fcberlege mir, eine alte Waschmaschine so umzubauen, dass ihr Schwungriemen eine Plattform r\u00fcttelt, auf der ein kleiner Schreibtisch und ein Stuhl stehen. Von einem Beamer aus werden Aufnahmen einer vor\u00fcberziehenden Landschaft auf die Wand projiziert. Ich besteige die Plattform, setze mich auf den Stuhl, vor mir auf dem kleinen Tisch &#8211; mein Laptop. \u00dcber eine Fernbedienung nehme ich die Waschmaschine in Betrieb. Die Plattform f\u00e4ngt an zu r\u00fctteln. Mittels einer zweiten Fernbedienung setze ich den Beamer in Gang. Ich ziehe meine Kopfh\u00f6rer \u00fcber. Alsbald tippe ich die ersten S\u00e4tze in den Computer. Das genaue Ziel ist ungewiss, sowohl des Schreibens als auch des R\u00fcttelns Ende.<\/p>\n<p>Und irgendwann habe ich aufgeh\u00f6rt zu tr\u00e4umen.<\/p>\n<p>Zur\u00fcck ins Kaffeehaus. Ach, dort kommt endlich die Melange! Eine Zeitung der Herr? Nein danke, hab schon eine. Danke sehr! Ich winke ab. Wieder in die vor mir liegende Zeitung starrend. Hochwasser. Wo? Und? Was ist jetzt mit dem Hochwasser, mit dem depperten? Das geht jetzt schon seit Tagen so! Land unter, was? Gott sei Dank bin ich nicht in Bombay oder Lagos. Was sollte ich auch dort? Jedes Jahr dasselbe mit dem Wetter. Ich finde den Regen herrlich! (Er macht so sch\u00f6n depressiv, aussichtslose Katastrophenstimmung, passt so richtig zu meinem Inneren.) Und mit ein wenig Gl\u00fcck geht die Welt vielleicht doch unter (Der kleine Benedikt, Zitat aus \u201eDer Salzbaron\u201c), und man muss seine Kredite nicht mehr zur\u00fcckzahlen oder braucht nicht mehr arbeiten zu gehen, weil alles unter Wasser ist.<\/p>\n<p>Der Staat kommt f\u00fcr die Fr\u00fchpension f\u00fcr alle auf. Sicher. Und das Wetter ist l\u00e4ngst nicht mehr das, was es einmal war, sagen manche. In den Sechzigern hat es noch meterhohen Schnee gegeben. Richtige Schluchten hat der Schneepflug in die Stra\u00dfen gegraben. Heutzutage kennt man sich ja nicht mehr aus mit dem Wetter. Im Sommer schneit es, im Winter hat es zwanzig Grad plus und mehr. Wer soll das ertragen? Mein Herz ist irritiert! Und erst der Kreislauf! Hilfsmannschaften bekommen Orden verliehen, typisch \u00f6sterreichisch! Orden verteilen. Monarchistische Altlasten. F\u00fcrs Sandsack-Legen! Ich halt\u2019s nicht aus. Noch ein Kaffee.<\/p>\n<p>Nun gut, wenn wir diese Leute nicht h\u00e4tten, wer wei\u00df? &#8211; Bitte sehr, der Verl\u00e4ngerte. Darf\u2019s was dazu sein? &#8211; Danke, nein. Ich habe die Ahnenp\u00e4sse meiner Eltern mitgebracht. Und Heiratsurkunden und so Zeug eben. Alles, was man f\u00fcr den Einstieg in eine Familienchronik eben braucht. Mein Gott, wer soll denn das alles lesen? Noch dazu in Kurrent! Also, Trauungs-Schein, Di\u00f6zese Br\u00fcnn. Na bitte, geht ja gar nicht so schlecht. Trauungsschein \u2013 Testimonium copulationis. Wenn man sich mit jemandem verbindet, zusammen ist, nat\u00fcrlich. Wurde gar nicht viel drum herumgeredet, damals. Beischlaf- oder auch Begattungslegitimation nenne ich das. Wie das klingt? K\u00f6nigreich B\u00f6hmen, Regnum Bohemiae. Wundersch\u00f6n, nur leider l\u00e4ngst nicht mehr wahr. Bezirksgericht Br\u00fcnn. Blatt 403. Numerus currens zw\u00f6lf. Der Br\u00e4utigam (sponsus) Stanislav K. Die Braut (sponsa) Frau Emilia O. Am sechsten November eintausendneunhundertsieben in Br\u00fcnn. Dort dr\u00fcben sitzt auch so eine aufgeputzte Yuppie-Tussi.<\/p>\n<p>Was hat die andauernd zu telefonieren? Stundenlang ist die schon am Handy dran, unglaublich! Nee, so lange bin ich ja noch gar nicht hier. Aber immerhin. Wenn sie wenigstens leise spr\u00e4che! Manche Menschen sind einfach nicht in der Lage, sich selbst in Relation zu den anderen zu sehen! Man kann hier ganz einfach nicht in Ruhe lesen! Seufzer. Das Leben scheint mit zunehmendem Alter wirklich ernster zu werden. Sollte es nicht leichter werden, verdammt noch eins? Wo doch ohnehin so gut wie alles bereits Vergangenheit ist. Was soll denn noch kommen, bittesch\u00f6n, fragt man sich? War alles da. War alles schon einmal da. Jetzt werden die alten Hits wieder aufgew\u00e4rmt, aus den Sechzigern. Auch schon was. Die Dichter schreiben Shakespeare um, anstatt sich selber was einfallen zu lassen! Die geht mir unheimlich auf die Nerven mit ihrer Telefoniererei! Ah, der Kaffee ist hei\u00df, Donnerwetter! Die Milch h\u00e4tt\u2019 er sich sparen k\u00f6nnen. Hab ich schwarz gesagt oder nicht? Ignorant!<\/p>\n<p>So ein famili\u00e4rer R\u00fcckblick muss sehr genau beobachtet werden. Jede Entwicklung einzelner Personen darf nicht nur zur Routine werden. Es bedarf einer sorgf\u00e4ltigen Analyse der Fakten inklusive der Erl\u00e4uterung diverser Auswirkungen auf andere Mitglieder der Familie, \u00e4hnlich der akribischen Arbeit, wie es Agenten tun w\u00fcrden. Man m\u00fcsste bei der Niederschrift auch darauf achten, nicht blo\u00df Satzellipsen stehen zu lassen oder rein rhetorische Fragen zu stellen, die letztendlich dann doch nicht beantwortet w\u00fcrden. Einer \u00dcberwachungskamera gleich beobachten. Insofern w\u00fcrden sich derartige Beobachtungen f\u00fcr den Unbeteiligten m\u00f6glicherweise insistierend darstellen, vielleicht mit sarkastischen Z\u00fcgen versehen und der logischen Frage, ob man je versucht h\u00e4tte, vor solch einer Kamera beispielsweise unschuldig zu wirken?<br \/>\nSchlie\u00dflich stellt man das Ergebnis unter den Scheffel der heutigen Gesellschaft, zeichnet ein m\u00f6glichst genaues Bild derselben, dieses in ein System gedr\u00e4ngt, mit der Aussicht, Panik und Angst zu sch\u00fcren, auf alle m\u00f6glichen Bedrohungen aufmerksam zu machen, wie es heutzutage ja ein Leichtes ist, blickt man einmal kurz von seinem Boulevardbl\u00e4ttchen hoch, und &#8211; wieder kurz zu Bewusstsein gekommen, das Ganze mit dem Nachsatz versehen, dass n\u00e4mlich nichts besser w\u00fcrde, auch in der weiteren Zukunft nicht. Mit dieser Aussicht im Gep\u00e4ck scheint es gar nicht so schwierig, die Haarnadelkurve in die Zielgerade der socalled \u201eguten alten Zeit\u201c zu kriegen.<\/p>\n<p>Apropos. Es ist vielleicht drei Jahre her, da fahre ich mit dem Abendzug zur\u00fcck, von dort, wohin ich in der Fr\u00fch immer fahre, immer hin und aus Richtung Westen. Eine Fahrt ohne Zwischenf\u00e4lle, ruhig, wenig Passagiere, also kein L\u00e4rm, kein sinnloses Handygequatsche wie hallo, ich bin hier wo bist du?, und so weiter und was machst du eben \u2013 wen interessiert das bitte?, eine verfluchte Erfindung wahrlich!, und keine sonderliche Geruchsbel\u00e4stigung, denn zahllose Mitmenschen halten offensichtlich nicht viel von K\u00f6rperpflege und tragen das selbe Hemd und die selbe Hose, von der Unterw\u00e4sche ganz zu schweigen, offensichtlich mehrere Tage hintereinander.<\/p>\n<p>Winter ist\u2019s, auch wie immer in diesem Land, hat man den Eindruck. Ich verkable mich, und auch das wie immer, gleich nachdem ich es mir im Abteil zurechtgemacht habe und lege einen Film in den Laptop ein, damit die Zeit rascher vergehen m\u00f6ge. Ich wei\u00df es nicht mehr, was es f\u00fcr ein Film war. Jim Jarmusch \u2013 Mystery Train &#8211; war\u2019s nicht, das wei\u00df ich mit Sicherheit. Egal. Er h\u00e4tte mit Inhalt und Ausgang der Geschichte ohnehin nichts zu tun. Ich sehe also den Film zu Ende, w\u00e4hrend auch die Reise langsam ihrem Ende zugeht, packe meine sieben Sachen zusammen und gehe durch die zahlreichen Waggons in Richtung vorderen Zugteil, wobei ich auch durch jenen Wagen muss, der direkt hinter der Lok h\u00e4ngt, um dann, wenn er am Bahnhof ankommt, gleich zu allererst aussteigen und die U-Bahn erreichen zu k\u00f6nnen. Es ist ein Erste-Klasse-Waggon. Nicht, dass ich immer blo\u00df Zweite Klasse fahre, es kommt auch vor, dass ich die Erste Klasse benutze und dann eben aufzahle, womit ich sagen will, sie ist mir ebenso vertraut wie die Zweite Klasse, jedoch ben\u00fctze ich aus Kostengr\u00fcnden in der Mehrzahl die Zweite Klasse.<\/p>\n<p>Als ich also die Schwingt\u00fcre dorthin durchschreite, kommt mir schon ein ziemlich aufgebrezelter, \u00e4u\u00dferst wohlbeleibter Schaffner entgegen, gru\u00dflos, wohlgemerkt, kein guten Abend, keine guten Irgendwas w\u00fcnschend, nichts eben und schmettert mir in perfektem Meidlingerisch \u2013 He, hallo hallo, junger Mann, do kennan S\u2019 oba net net durchgehn \u2013 entgegen. (Hier k\u00f6nnen Sie nicht durchgehen) Austria as it is \u2013 Charles Sielsfield, alias Karl Anton Postl, ausgewanderter \u00d6sterreicher und Schriftsteller zahlreicher Romane und Betrachtungen, achtzehntes Jahrhundert, h\u00e4tte seine wahre Freude daran gehabt, wenn er in der Gegenwart recherchiert h\u00e4tte. Zuerst bin ich baff, um ehrlich zu sein, ich konnte zun\u00e4chst gar nicht glauben, dass das jetzt die Wirklichkeit sein soll, in der ich mich befinde. Ich sehe ordentlich aus, keine zwanzig, f\u00fcnfzig auch nicht mehr sondern &#8211; egal, den Schaffner sch\u00e4tze ich auf f\u00fcnfundvierzig, bin schwarz gekleidet, schwarzer Mantel, Hose, Schuhe ebenso, schwarzen Trolley nachziehend. Sehe also nicht gerade wie ein Penner aus. (Ich bin wirklich froh \u00fcber mein \u201er\u201c im Namen.) Habe eine intellektuelle Brille auf der Nase und bin pl\u00f6tzlich nicht w\u00fcrdig, durch einen Erste-Klasse-Waggon zu gehen.<\/p>\n<p>\u00c4h \u2013 ich gehe nur durch, sage ich anfangs sch\u00fcchtern, zum vorderen Ausgang, weil ich gleich aussteige, alles in der Hoffnung, der Bahnangestellte w\u00fcrde sich vielleicht get\u00e4uscht, geirrt oder was auch immer haben, und der Satz sei ihm ganz einfach nur herausgerutscht, sodass ich hoffte, er w\u00fcrde ihm auch gleich wieder hineinrutschen. Doch da sollte ich mich irren. Nichts da. Genau \u2013 sagte er zu meinem neuerlichen Erstaunen, do d\u00e4afn S\u2019 net durchgehn, des is a Easchte Klass. (Da d\u00fcrfen Sie nicht durchgehen usw.) Nun habe ich ja schon viel erlebt in diesen Z\u00fcgen der sogenannten Staatsbahnen, schlie\u00dflich fahre ich schon mehr als drei\u00dfig Jahre w\u00f6chentlich damit und da gibt es Mannigfaltiges zu berichten. \u00dcber spontane Halte wegen Personenschadens, Suizid auf offener Strecke. Also, daf\u00fcr k\u00f6nnen die nix, das ist klar. Also zwei Stunden Wartezeit. Wegen eingefrorener Weichen ebenso wie aufgrund abzuwartender Anschlussz\u00fcge. Versp\u00e4tungen wegen Betriebsst\u00f6rungen bis zu Mitteilungen, Montagmorgen, man h\u00e4tte keine Lok und m\u00fcsse erst eine suchen. Ich habe mich, soweit es ging, nie aufgeregt deswegen, was auch sinnlos gewesen w\u00e4re, denn an der Abfahrtszeit h\u00e4tte sich ohnehin nichts ge\u00e4ndert. Auch nicht daran, dass in den Abfallk\u00e4sten nahe den Sitzen der Schimmel regierte, und gar oft schon eine \u00fcbelriechende Fl\u00fcssigkeit, Reste aus Cola, Kaffee oder sonst was munter darin vor sich hinstank und schwappte.<\/p>\n<p>Dass s\u00e4mtliche Toiletten gleichzeitig kaputt waren, bis auf die im vordersten Waggon, der Ersten Klasse, dass es keinen Strom f\u00fcr den Computer gab oder \u00fcberhaupt zu wenig Sitzpl\u00e4tze, weil man \u00fcberz\u00e4hlige Waggons aus unerkl\u00e4rlichen Managementfehlern irgendwo anders halbleer herumkutschieren lie\u00df, dass im Winter die Heizung nicht funktionierte und sich im Sommer in manchen Waggons nicht abschalten lie\u00df, bis hin zu dem Satz, den einer der zahlreichen Gener\u00e4le einmal abgelassen hatte, man w\u00e4re als Angestellter ja ohnehin blo\u00df Bittsteller.<\/p>\n<p>Auch wurscht. Dann aber gibt es noch die allj\u00e4hrlichen Sanierungsarbeiten am Gleisk\u00f6rper. Die machen einen Schienenersatzverkehr n\u00f6tig. Und das geht so \u2013 ich komm gleich zur\u00fcck auf meinen Schaffner \u2013 also, da stehen in einem gewissen Ort Busse zur Verf\u00fcgung, die die Reisenden in jene Orte bringen, die nun, \u00fcber mehrere Wochen hindurch, per Bahn nicht passierbar sind. Nun fahren aber diese Busse durchs Unterholz, halten an H\u00fctten, an denen nie jemand ein-, geschweige denn aussteigt und klettern m\u00fchsam versteckte Serpentinen hoch, um endlich mit Versp\u00e4tung dort anzukommen, wo man eigentlich mit dem Zug h\u00e4tte p\u00fcnktlich ankommen sollen. Aber dort ist der Anschluss weg. Das bedeutet eine Stunde l\u00e4nger warten. Oder man ruft ein Taxi. Ist ja alles gratis. Hervorragendes Regionalmanagement, wirklich! Da gibt\u2019s nichts zu meckern.<\/p>\n<p>Nun gut, also der Schaffner verbietet mir, durch die Erste Klasse zu gehen. Jetzt komme ich ihm mit der Logik, dass es keinen Sinn mache, mich nicht durchzulassen, da ich ja ohnehin nicht Platz nehmen m\u00f6chte, und wenn, k\u00f6nnte es ihm auch Pappendeckel sein solange ich bezahlte. Nein, das geht nicht und blablabla. Dann werd ich aber langsam grantig und fordere ihn auf, mir zu zeigen, wo dieses Verbot, hier nicht durchgehen zu d\u00fcrfen, denn stehe. Wei\u00df er nicht, aber es ist so. Ich sehe rot, das merke ich an meinen Herzrhythmusst\u00f6rungen. Er soll zur Seite gehen, damit ich da durchgehen kann, und er sei ein Kasperl und solle sich nicht so auff\u00fchren. Da sieht er rot und stammelt irgendwas Wienerisches, von wegen ich solle mich aus dem Abteil entfernen, ich bel\u00e4stige die G\u00e4ste. Jetzt kriege ich aber meinen Anfall und niemand ist da, der mir die Schl\u00e4fen massiert und mich davon abh\u00e4lt, ihm zu sagen, was f\u00fcr eine j\u00e4mmerliche Figur er sei und dass er mir sofort Namen und Dienstnummer geben solle und er w\u00fcrde von mir h\u00f6ren. Das tut er auch, indem er meint, er w\u00e4re der Zugchef, Zuckscheff! (sic) 238 oder so, h\u00e4h\u00e4h\u00e4 &#8211; schmettert und fett \u00fcbers breite violett-rote Gesicht grinst.<\/p>\n<p>Mir zittern die Knie vor Wut, und ich nehme meinen Koffer und ziehe mich mit den Worten \u2013 das gibt ein Nachspiel, Sie Kasperl \u2013 zum hinteren Ausgang zur\u00fcck. Da h\u00e4lt der Zug auch schon am Endbahnhof. W\u00fctend und rot im Gesicht klettere ich die Stiegen hinunter auf den Bahnsteig. Am vorderen Ausstieg steht der Zuckscheff und streckt seinen Bauch zur T\u00fcr heraus. Er lacht. Sie h\u00f6ren von mir, Sie Kasperl Sie!, rufe ich ihm zu und wende mich Richtung Ankunftshalle.<\/p>\n<p>Zu Hause angekommen \u2013 meine Frau bemerkte sofort, dass etwas nicht stimmte, beichtete ich ihr in allen Details mein Missgeschick mit der staatsbahnlichen Obrigkeit und dass hier immer noch Hof gehalten w\u00fcrde wie in der Kaiserzeit, Relikt aus grauer Vorzeit, denn die Pensionen haben sich die feinen Herren gleichfalls aus diesen Zeiten zunutze gemacht, weil sie ja so wahnsinnig schwer arbeiten, sage ich giftig zu meiner Eheh\u00e4lfte. Aber ich ernte wenig Verst\u00e4ndnis. Man ist am Ende dann doch immer allein.<\/p>\n<p>Tags darauf tippte ich bereits fr\u00fch am Morgen heftig in die Tasten und beschwerte mich bei der f\u00fcr Bahnangelegenheit zust\u00e4ndigen Schlichtungsstelle \u00fcber die bodenlose Schikane, die mir da am Tag zuvor im Abendzug wiederfahren war und forderte, dass sich dieser herrschs\u00fcchtige und amtsanma\u00dfende Zugbegleiter schriftlich bei mir f\u00fcr sein offensichtliches Fehlverhalten zu entschuldigen h\u00e4tte.<\/p>\n<p>Die Antwort, die ich nach vierzehn Tagen erhielt, fiel jedoch alles andere als befriedigend f\u00fcr mich aus, wie ich sie in meinem Gerechtigkeitsstreben erwartet hatte. Der Zuckscheff war einvernommen worden und h\u00e4tte zu Protokoll gegeben, dass ich in aggressiver Weise versucht h\u00e4tte, mich an ihm vorbei durch den Korridor in die Erste Klasse zu dr\u00e4ngen und er mich daran gehindert h\u00e4tte, die Fahrg\u00e4ste der Ersten Klasse weiterhin zu bel\u00e4stigen. Zack! Die halten also alle zusammen, waren meine ersten Gedanken, komme da was wolle! Allerdings r\u00e4umte man mir ein, dass es kein derartiges Verbot g\u00e4be, durch die Erste Klasse gehen zu d\u00fcrfen. Ich nahm meine Brille ab und schluckte. Da gab es f\u00fcr mich nur einen einzigen Satz, mit dem ich die \u00fcbersch\u00fcssige Luft ablassen konnte \u2013 ihr k\u00f6nnt mich doch allemal!, schrie ich durch das Zimmer, beendete das Programm und fuhr den Computer herunter. Luft \u2013 alles was ich jetzt brauchte \u2013 war Luft!<br \/>\nUnd einen Railjetsimulator.<\/p>\n<p style=\"text-align: right;\">Norbert Johannes Prenner<br \/>\nAuszug aus dem Roman \u201eAm Ende ist man doch allein\u201c \u2013 in Entstehung<\/p>\n<p style=\"text-align: right;\">www.verdichtet.at | Kategorie: <a href=\"http:\/\/www.verdichtet.at\/?page_id=420\">hin &amp; weg<\/a> | Inventarnummer: 17041<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Wenn ich nicht mehr Bahn fahre, kann ich auch nicht mehr schreiben. Ich \u00fcberlege mir, eine alte Waschmaschine so umzubauen, dass ihr Schwungriemen eine Plattform r\u00fcttelt, auf der ein kleiner Schreibtisch und ein Stuhl stehen. Von einem Beamer aus werden Aufnahmen einer vor\u00fcberziehenden Landschaft auf die Wand projiziert. 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