{"id":5759,"date":"2016-12-28T09:04:17","date_gmt":"2016-12-28T09:04:17","guid":{"rendered":"http:\/\/www.verdichtet.at\/?p=5759"},"modified":"2017-01-23T06:24:17","modified_gmt":"2017-01-23T06:24:17","slug":"der-schreckliche-herr-kaplan","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.verdichtet.at\/?p=5759","title":{"rendered":"Der schreckliche Herr Kaplan"},"content":{"rendered":"<div class=\"pdfprnt-buttons pdfprnt-buttons-post pdfprnt-top-right\"><a href=\"https:\/\/www.verdichtet.at\/index.php?rest_route=wpv2posts5759&print=pdf\" class=\"pdfprnt-button pdfprnt-button-pdf\" target=\"_blank\"><\/a><a href=\"https:\/\/www.verdichtet.at\/index.php?rest_route=wpv2posts5759&print=print\" class=\"pdfprnt-button pdfprnt-button-print\" target=\"_blank\"><\/a><\/div><p>Nur in seltenen F\u00e4llen wird man vom Tod eines Menschen, den man einmal kannte, durch die Zeitung erfahren. Ich lese Todesanzeigen, diese schwarz umrandeten Verlautbarungen eines wirklichen oder angeblichen Verlustes haben etwas r\u00fchrend Altmodisches, als g\u00e4be es noch so etwas wie Mitbetroffenheit, einen Sozialk\u00f6rper; ich soll Bescheid wissen, ich geh\u00f6re dazu. So sch\u00f6n aufgereiht standen sie da wie die schwarz verhangenen \u2013 oftmals leeren \u2013 Kutschen eines neapolitanischen Trauerzuges.<br \/>\nVor nicht allzu langer Zeit las ich eine solche Todesanzeige. Ein gewisser Monsg. A. ist hoch in den Achtzigern und treu versorgt und mit geistlichem Beistand in P. gestorben. Ich ertappte mich bei dem Wunsch, so etwas auch in meiner eigenen Todesanzeige zu lesen.<\/p>\n<p>Jedes Kind lernt es schon ganz fr\u00fch. Niemand darf sich \u00fcber das Ungl\u00fcck anderer freuen, \u00fcber den Schmerz, den Kummer oder den Tod eines Menschen oder Lebewesens. Sicher wurde dieses wichtigste Lebensprinzip auch mir eingebl\u00e4ut. Ich erinnere mich, dass ich gem\u00e4\u00df dieser Regel nicht nur f\u00fcr tote Regenw\u00fcrmer und Schmetterlinge, sondern auch f\u00fcr Blumen Begr\u00e4bnisse veranstaltet habe.<\/p>\n<p>Und trotzdem ist es passiert. Ich gebe es zu, offen und freiwillig, dass ich mich gefreut habe, als ich es in einer Zeitung las.<br \/>\nWie kam es zu dieser Gef\u00fchlsregung zu einer Person, die ich sicher vierzig Jahre nicht gesehen, an die ich nie wieder gedacht, von der ich nie etwas geh\u00f6rt oder gelesen habe?<br \/>\nEr war Kaplan, der Herr Kaplan in unserer Kleinstadt, Religionslehrer und F\u00fchrer der katholischen Jungschar, er leitete die Heimabende und die Sommerlager.<\/p>\n<p>Obwohl die katholische Jungschar eine Neugr\u00fcndung nach dem Zweiten Weltkrieg war, verraten die Namen schon, woher der Geist noch heftig wehte. Ich war begeistertes Jungscharm\u00e4dchen und lie\u00df keinen Heimabend und kein Jungscharlager aus. Wir sangen, musizierten, spielten Theater, wanderten und betrieben Sport. Wir M\u00e4dchen waren alle kindlich ein bisschen verliebt in den Herrn Kaplan, wir schw\u00e4rmten f\u00fcr ihn, wir fanden ihn sehr sch\u00f6n, er hatte volles, schwarzes Haar, konnte wunderbar singen und Gitarre spielen. In der Kirche schritt er so wunderbar feierlich in vollem Ornat aus, auf der Fu\u00dfballwiese balgte er sich mit den Buben, beim Wandern dr\u00e4ngten wir uns an ihn heran, jeder wollte an seiner Seite gehen und mit ihm reden. Ich erinnere mich noch an seine weichen H\u00e4nde, mit denen er uns \u00fcber Haar und Wangen strich.<\/p>\n<p>Die Pfarrhelferin, Fr\u00e4ulein Annemarie B., ein altes, unscheinbares M\u00e4dchen, tat ungleich viel mehr und Wichtigeres f\u00fcr uns, wir waren alle ihre Kinder. Sie gab die B\u00fccher aus der Pfarrbibliothek aus, studierte Lieder und Theaterst\u00fccke mit uns ein, kam aber gegen unseren Helden nicht an. Sie blieb im Allgemeinen unbemerkt, obwohl ich ihr mein erstes B\u00fchnenerlebnis verdanke. Sie besetzte mich mit dem siebten Zwerg in der Schneewittchen-Produktion, obwohl ich eigentlich noch zu klein war f\u00fcrs Theater. Die Jungschar war nach der Schule die wichtigste soziale und erzieherische Einrichtung in meinem Leben, gefolgt von Sportverein und Musikschule.<\/p>\n<p>Mit diesem kleinen, schwarz gerahmten Viereck in der Zeitung kamen die Erinnerungen zur\u00fcck.<\/p>\n<p>Wir waren einmal auf Sommerlager im Waldviertel, ich sch\u00e4tze, dass ich acht oder neun Jahre gewesen sein werde. Lagerfeuerromantik geh\u00f6rte dazu. Wir sa\u00dfen im Kreis, und das Gespr\u00e4ch kam auf das Sterben und den Tod \u2013 sehr romantisch. Jeder sollte von seinen Erfahrungen damit erz\u00e4hlen. Ich erinnere mich noch, wie ich in ein begeistertes Schw\u00e4rmen geriet, als ich meine Beobachtungen vom Sterben der Erd\u00e4pfelk\u00e4fer und Larven zum Besten gab. Bei meiner Gro\u00dfmutter im M\u00fchlviertel wurden wir Kinder eingesetzt, um in Gl\u00e4sern mit \u00c4ther getr\u00e4nkten Stoffstreifen die Sch\u00e4dlinge einzusammeln. Wir kamen uns wichtig vor und wurden sogar daf\u00fcr entlohnt, ein paar Groschen, f\u00fcr die K\u00e4fer nat\u00fcrlich mehr als f\u00fcr die Larven.<br \/>\nDie ausgewachsenen Tiere nannten wir Vater und Mutter, die Larven Kinder.<\/p>\n<p>Ich hatte besonders schnelle Augen, mir entging keiner, und ich war immer f\u00fcr einen guten Wettbewerb zu haben. Die roten Larven starben unauff\u00e4llig, aber das Sterben der ausgewachsenen, schwarz-gelb gestreiften K\u00e4fer, der schlimmsten Feinde unseres Erd\u00e4pfelackers, war langsam und lie\u00df sich gut beobachten. Ich fand das interessant und lustig, das Zappeln und Zucken und letztendliche Strecken der Beinchen nach oben. Das muss ich lebhaft und zu lustvoll geschildert haben. Denn der Herr Kaplan brach eine Verdammungsrede auf mich herab, dass ich ein grundb\u00f6ses und gottloses Kind sei, das einmal in der H\u00f6lle braten werde, wenn ich nicht sofort bereuen und versprechen w\u00fcrde, solche Lustmorde nie wieder zu begehen. Ich wei\u00df nicht mehr, ob er mir aufgab, diese S\u00fcnden zu beichten.<\/p>\n<p>Nat\u00fcrlich verstand ich damals nicht, wie es sein konnte, dass ich bei meiner Familie im M\u00fchlviertel eine n\u00fctzliche und belohnte Arbeit vollbrachte, im Waldviertel bei der Jungschar f\u00fcr genau das gleiche Handeln H\u00f6llenqualen angedroht bekam.<br \/>\nVon Doppelmoral wusste ich damals noch nichts. Ich glaube heute, dass der Kaplan nicht so sehr das T\u00f6ten selbst verurteilte, sondern meine lustvollen Beobachtungen.<br \/>\nH\u00e4tte ich sie mit Leichenbittergallenmiene und Trauer im Herzen t\u00f6ten m\u00fcssen?<\/p>\n<p>Die zweite und letzte Begegnung mit dem schrecklichen Herrn Kaplan wird sich etwa f\u00fcnfzehn Jahre sp\u00e4ter ereignet haben. Ich ging mit meinem Freund in der K\u00e4rntner Stra\u00dfe spazieren, als nicht weit vom Stephansplatz ein Herr in schwarzer Soutane mit roten Litzen auf mich zust\u00fcrzte und mich zu beschimpfen begann: Wie ich das meinem Vater antun k\u00f6nne, er werde sich im Grab noch einmal umdrehen, ich h\u00e4tte ihn umgebracht und bringe ihn weiter st\u00e4ndig um, weil ich mich dem Antichrist verschrieben h\u00e4tte.<br \/>\nEr schwang dabei in heftiger Erregung eine schwarze Aktentasche in meine Richtung, war hochrot im Gesicht und spuckte vor mir aus. Es war dieser schreckliche Kaplan, damals schon in h\u00f6heren W\u00fcrden, aber ich erkannte ihn sofort, er hatte immer noch sein \u00e4u\u00dferst markantes Gesicht mit einer schwarzen Haarf\u00fclle. Mein Freund verstand gar nichts, er dachte wahrscheinlich, ein zuf\u00e4lliger Irrer h\u00e4tte mich angesprochen und fand das komisch.<\/p>\n<p>Mein Vater war erst vor Kurzem an einem Herzinfarkt gestorben, und ich damals Aktivistin bei einer marxistisch-leninistischen Sekte. Wir standen trotzdem in engem Kontakt und f\u00fchrten viele Diskussionen. Ich war verbohrt und militant, mein Vater verst\u00e4ndnisvoll und tolerant, in dem Sinne: \u201eWenn einer mit zwanzig kein Sozialist war, war er kein Idealist, wenn einer mit vierzig noch immer ein Sozialist ist, ist er ein Trottel. Du wirst auch von dem Baum der Weltrevolution wieder herunterkommen.\u201c<br \/>\nUnd Recht hatte er.<\/p>\n<p>Eine solche Flut von Erinnerungen und Gef\u00fchlen kann also das einfache Lesen einer Todesmeldung ausl\u00f6sen.<br \/>\nDass sich der schreckliche Kaplan \u00fcberhaupt irgendwo in meinen Ged\u00e4chtnisspalten erhalten hatte, dar\u00fcber staune ich noch immer.<\/p>\n<p>14.12.16<\/p>\n<p style=\"text-align: right;\">Veronika Seyr<br \/>\n<a href=\"http:\/\/www.veronikaseyr.at\/\" target=\"_blank\">www.veronikaseyr.at<\/a><br \/>\n<a href=\"http:\/\/veronikaseyr.blogspot.co.at\/\" target=\"_blank\">http:\/\/veronikaseyr.blogspot.co.at\/<\/a><\/p>\n<p style=\"text-align: right;\">www.verdichtet.at | Kategorie:\u00a0<a href=\"http:\/\/www.verdichtet.at\/?page_id=418\">hardly secret diary<\/a> | Inventarnummer: 17016<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Nur in seltenen F\u00e4llen wird man vom Tod eines Menschen, den man einmal kannte, durch die Zeitung erfahren. Ich lese Todesanzeigen, diese schwarz umrandeten Verlautbarungen eines wirklichen oder angeblichen Verlustes haben etwas r\u00fchrend Altmodisches, als g\u00e4be es noch so etwas wie Mitbetroffenheit, einen Sozialk\u00f6rper; ich soll Bescheid wissen, ich geh\u00f6re dazu. So sch\u00f6n aufgereiht standen [&hellip;]<\/p>\n","protected":false},"author":4,"featured_media":0,"comment_status":"open","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[109],"tags":[36],"class_list":["post-5759","post","type-post","status-publish","format-standard","hentry","category-seyr-veronika","tag-hardly-secret-diary"],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/www.verdichtet.at\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/5759","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/www.verdichtet.at\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/www.verdichtet.at\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.verdichtet.at\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/users\/4"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.verdichtet.at\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcomments&post=5759"}],"version-history":[{"count":2,"href":"https:\/\/www.verdichtet.at\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/5759\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":5765,"href":"https:\/\/www.verdichtet.at\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/5759\/revisions\/5765"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/www.verdichtet.at\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fmedia&parent=5759"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.verdichtet.at\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcategories&post=5759"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.verdichtet.at\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Ftags&post=5759"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}