{"id":5691,"date":"2016-12-18T08:25:20","date_gmt":"2016-12-18T08:25:20","guid":{"rendered":"http:\/\/www.verdichtet.at\/?p=5691"},"modified":"2016-12-20T09:13:17","modified_gmt":"2016-12-20T09:13:17","slug":"das-haeuschen-im-wald","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.verdichtet.at\/?p=5691","title":{"rendered":"Das H\u00e4uschen im Wald"},"content":{"rendered":"<div class=\"pdfprnt-buttons pdfprnt-buttons-post pdfprnt-top-right\"><a href=\"https:\/\/www.verdichtet.at\/index.php?rest_route=wpv2posts5691&print=pdf\" class=\"pdfprnt-button pdfprnt-button-pdf\" target=\"_blank\"><\/a><a href=\"https:\/\/www.verdichtet.at\/index.php?rest_route=wpv2posts5691&print=print\" class=\"pdfprnt-button pdfprnt-button-print\" target=\"_blank\"><\/a><\/div><p>In den Tiefen des Landes gab es einen gro\u00dfen, dunklen Wald. Er war voller kr\u00e4ftiger B\u00e4ume und an mancher Stelle wurde er von saftigen, gr\u00fcnen Wiesen unterbrochen. Dennoch wagten sich die Menschen nicht tiefer als ein paar hundert Meter hinein. Sobald die Kinder laufen konnten, wurde ihnen eingebl\u00e4ut, niemals den Wald zu betreten, von jeher kursierten Schauergeschichten, um dieses Verbot zu untermauern. Sie handelten von ungezogenen M\u00e4dchen und Jungen, die nicht auf die Erwachsenen h\u00f6ren wollten, in den Wald gegangen und niemals zur\u00fcckgekehrt waren. Manchmal sa\u00df man am Lagerfeuer, lauschte den Ger\u00e4uschen der Nacht und jemand sagte: \u201eH\u00f6rt ihr das? Das ist der kleine Lukas, der sein Leid klagt. W\u00e4re er nur damals nicht in den Wald gegangen!\u201c oder: \u201eDas sind Marias Schreie, sie fleht, dass ihr jemand zur Hilfe kommt, doch jeder, der ihr folgt, ist genauso verloren wie sie!\u201c<\/p>\n<p>Allerdings konnte man sich nicht wirklich auf eine gemeinsame Ursache dieses Schreckens einigen. Die einen meinten, es handle sich um einen riesigen, menschen\u00e4hnlichen Wolf, der von Menschenfleisch lebte, andere wiederum waren sich sicher, dass im Wald der Schlund der H\u00f6lle lag, der alles verschluckte, das in seine N\u00e4he kam. Dann gab es nat\u00fcrlich auch die Traditionalisten, die von Hexen, Monstern und Kobolden sprachen.<\/p>\n<p>Jeder Landstrich, der einen sch\u00f6nen, gro\u00dfen Wald sein Eigen nennt und etwas auf sich h\u00e4lt, hat solche Geschichten. Tatsache ist, dass es schon einige gab, die tiefer in den Wald eingedrungen waren, um wertvolle Rohstoffe oder sich selbst zu finden, und die auch heil wieder zur\u00fcckgekehrt waren. Tatsache ist auch, dass es einige gab, die nicht wiederkamen, aber auch daf\u00fcr existierten rationale Erkl\u00e4rungen. Immerhin, es war ein verdammt gro\u00dfer und dunkler Wald, da konnte man sich schon leicht verirren. Unter den Jugendlichen gab es andere Theorien. Die g\u00e4ngigste war, dass sich die \u201eVerlorenen\u201c einfach aus dem Staub gemacht hatten, um diesem Kaff zu entfliehen und irgendwo ein besseres, aufregenderes Leben anzufangen. Die Wahrheit lag wie so oft irgendwo in der Mitte.<\/p>\n<p>Der Wald war gr\u00f6\u00dftenteils eine ganz normale Ansammlung von B\u00e4umen, nicht anders als andere. Vielleicht mit dem kleinen Unterschied, dass die Tiere hier ein friedlicheres, ruhigeres Leben f\u00fchrten, da die Menschen, dank ihres Aberglaubens, nicht das Bed\u00fcrfnis hatten, die Gegend zu zivilisieren.<\/p>\n<p>Jedoch gab es ungef\u00e4hr in der Mitte des Waldes ein kleines H\u00e4uschen, das von au\u00dfen unscheinbar wirkte. Zu jeder Tages- und Nachtzeit quoll Rauch aus dem gemauerten Schornstein, ein beeindruckender Kr\u00e4utergarten erstreckte sich auf der R\u00fcckseite, und die Fensterl\u00e4den waren fast immer geschlossen. Hervorzuheben w\u00e4re auch, dass es den Anschein hatte, als w\u00fcrde das H\u00e4uschen immer im Schatten stehen, obwohl es auf einer Lichtung erbaut wurde. Jeder Wanderer, der sich ihm n\u00e4herte, ward nicht mehr gesehen, jedes Kind, das sich hierher verirrte, kehrte nicht mehr heim.<\/p>\n<p>Die Bewohnerin dieses H\u00e4uschens war eine Hexe wie sie im Buche stand. Sie war alt und h\u00e4sslich, hatte einen Buckel und eine Warze auf der Nase und war von so einer abgrundtiefen Bosheit erf\u00fcllt, dass sich selbst Werw\u00f6lfe und Kobolde vor ihr f\u00fcrchteten. Verirrte, die eine unsichtbare Grenze \u00fcberschritten, wurden in ihren Bann gezogen und konnten sich nicht mehr wehren. Manche verspeiste sie gleich, andere lie\u00df sie noch einige Zeit f\u00fcr sich arbeiten, bis sie sich ihrer entledigte. Sie war so alt wie die Zeit und kannte keine Furcht.<\/p>\n<p>Allerdings hatte sie auch noch nicht Fred getroffen.<\/p>\n<p>Eines Tages sah sie aus ihrem Fenster und erblickte mit Genugtuung, dass ein junger Mann die Lichtung betrat. Sie hatte schon seit geraumer Zeit kein Festmahl mehr gehabt, und auch wenn dieser Junge etwas schlaksig wirkte, es w\u00fcrde genug Fleisch an ihm dran sein. Die Hexe rieb sich die H\u00e4nde, kicherte boshaft und trat ihm entgegen. Anstatt sich in eine wehrlose Kreatur zu verwandeln, die sich ihr bereitwillig zu F\u00fc\u00dfen legte, stolperte er ihr in die Arme und nieste ihr ins Gesicht.<\/p>\n<p>\u201eIch bin Fred!\u201c, kr\u00e4chzte er, w\u00e4hrend ihm ein dicker Rotzfaden aus der Nase hing. \u201eTschuldigung\u201c, f\u00fcgte er hinzu, als er die besudelte und durchaus verdutzte Hexe sah.<br \/>\n\u201eEs sind diese verdammten Gr\u00e4ser und Pollen. Und die B\u00e4ume und diese f\u00fcrchterlichen Tiere, die \u00fcberall ihre Haare herumliegen lassen. Dieser Wald ist so was von DRECKIG!\u201c<br \/>\nEr schnaubte in ein riesiges, gelbliches Taschentuch und nach kurzem Z\u00f6gern bot er es gro\u00dfz\u00fcgig der Hexe an. Diese reagierte nicht, sondern starrte Fred fassungslos und wutschnaubend an.<br \/>\n\u201eNein? Na, dann halt nicht.\u201c<br \/>\nEr steckte das Tuch wieder ein, stemmte die Arme in den R\u00fccken und blickte sich um.<br \/>\n\u201eNettes Pl\u00e4tzchen haben Sie hier. Abgesehen von der vielen Natur, nat\u00fcrlich!\u201c Fred lachte \u00fcber seinen gelungenen Scherz und schlug der Hexe auf den Buckel.<br \/>\n\u201eHuch, das ist ja ein ekliges Ding! So was kann man heutzutage wegmachen lassen, wissen Sie das?\u201c<br \/>\nDie Hexe warf einen kurzen Seitenblick auf ihren R\u00fccken, hob die Hand vor Freds Brust und begann Zauberformeln zu murmeln.<br \/>\n\u201eJa, danke! Ich w\u00fcrde schrecklich gern etwas trinken!\u201c<\/p>\n<p>Fred fuhr sich mit dem Handr\u00fccken \u00fcber die Nase und schob sich an der Hexe vorbei, um durch die offene T\u00fcr zu schreiten. Die Hexe war zwar kurzfristig \u00fcberrascht, dass ihr Zauber nicht gewirkt hatte, aber sie war jetzt erst recht entschlossen, den Jungen zu ihrem Sklaven zu machen und ihn f\u00fcr sein Verhalten zu ma\u00dfregeln.<br \/>\nAls sie seine nasale Stimme aus dem Haus h\u00f6rte, beeilte sie sich hineinzukommen.<br \/>\n\u201eMein GOTT, ist das stickig hier!\u201c<br \/>\nDarauf folgte ein beeindruckender Hustenanfall.<br \/>\n\u201eWann haben Sie denn hier das letzte Mal geputzt? \u00dcberall Staub!\u201c<br \/>\nZwei elefant\u00f6se Nieser.<br \/>\n\u201eAlso erstmal muss hier ein bisschen Licht rein!\u201c<\/p>\n<p>Fred begann schwungvoll die Fensterl\u00e4den aufzurei\u00dfen und st\u00f6rte sich auch nicht daran, dass einige Gl\u00e4ser und Sch\u00fcsseln mit undefinierbarem Inhalt zu Bruch gingen. \u201eNein!\u201c, kreischte die Hexe und zerrte an seinem Hemd. K\u00f6rperliche Kraft hatte sie dank ihrer F\u00e4higkeiten bis dahin nie gebraucht.<br \/>\n\u201eSchon in Ordnung, Sie brauchen mir nicht zu helfen, ich kann das allein!\u201c<br \/>\nEr sch\u00fcttelte sie erfolgreich ab.<br \/>\n\u201eAber Sie k\u00f6nnten mir in der Zwischenzeit was zu trinken bringen. Das haben Sie wohl schon wieder vergessen, altes M\u00e4dchen, h\u00e4h?\u201c<\/p>\n<p>Er lachte und zwinkerte ihr nachsichtig zu, w\u00e4hrend er sich weiter an den Fenstern zu schaffen machte. F\u00fcr einen Moment stand die Hexe ratlos da, bis sich auf ihrem Gesicht ein furchterregend b\u00f6sartiges Grinsen breitmachte. \u201eAber nat\u00fcrlich!\u201c, kr\u00e4chzte sie und mixte mit ihren Zauberutensilien einen grausigen Trank aus Kr\u00e4henf\u00fc\u00dfen, Rattenherzen und Froschschleim zusammen. Mit ihren knorrigen, warzigen H\u00e4nden hielt sie ihm die Tasse vor die Nase und sprach: \u201eHier. Alles austrinken!\u201c<\/p>\n<p>Fred schn\u00fcffelte daran und verzog das Gesicht. \u201eDa haben Sie mir eine Limonade gemacht, was?\u201c Beherzt griff er zur Tasse, z\u00f6gerte nur einen Moment und leerte das Gef\u00e4\u00df mit einem Schluck. Die Hexe kicherte unheilvoll und verk\u00fcndete: \u201eJetzt bist du mein!\u201c<br \/>\nDie Farbe verschwand aus seinem Gesicht und sein Blick wurde glasig. Die Welt um ihn begann zu schwanken, und er musste sich an einem Tisch festhalten, woraufhin dieser nachgab und s\u00e4mtliche Flaschen, T\u00f6pfe und Tierleichen, die sich darauf befanden, auf den Boden kugelten und sich im ganzen H\u00e4uschen verteilten. Fred sank auf die Knie und griff sich auf den Bauch. \u201eMir ist so\u2026\u201c<\/p>\n<p>\u201eJetzt wirst du daf\u00fcr b\u00fc\u00dfen, du elender Wurm!\u201c Triumphierend blickte sie auf ihn herab, hob ihren Arm und zischte einen grausigen Zauberspruch.<br \/>\nPl\u00f6tzlich schrie Fred auf: \u201eMein Darmleiden! Wo ist das Klo?\u201c<br \/>\nEr schubste die Hexe beiseite und st\u00fcrmte ins erstbeste offene Zimmer. M\u00fchsam rappelte sie sich auf und ihr Gesicht verwandelte sich in eine vor Schrecken verzerrte Fratze, als sie ihm nachblickte. \u201eDas\u2026 das ist mein Schlafzimmer!\u201c, keuchte sie und begann zu rennen. Sie war jedoch zu aufgebracht, um darauf zu achten, wo sie hintrat, so landete sie ungl\u00fccklicherweise auf einer herumliegenden Flasche, rollte darauf zirkusgleich ins Schlafzimmer, wo die Flasche von einem abgetrennten Hasenkopf gebremst wurde. F\u00fcr den K\u00f6rper der Hexe kam dieser Halt allerdings zu abrupt, sie \u00fcberschlug sich und brach sich das Genick vor den F\u00fc\u00dfen Freds. Dieser erhob sich mit einem tiefen Seufzer, machte einen gro\u00dfen Schritt \u00fcber die \u00dcberreste der Hexe und zog sich dabei die Hose hoch.<\/p>\n<p>\u201eHui, das war aber knapp. Ein gem\u00fctliches Klo haben Sie da! Oh, Sie haben sich hingelegt? Jaja, ich verstehe den Hinweis. Ich bin n\u00e4mlich ein \u00e4u\u00dferst feinf\u00fchliger Mensch. Ich merke, wenn ich nicht mehr erw\u00fcnscht bin. Bringen Sie mich ja nicht zur T\u00fcr, ich finde allein raus! Cheerio!\u201c<\/p>\n<p>Beschwingt und erfrischt verschwand Fred wieder im Wald und er lebte gl\u00fccklich mit seinen Allergien bis ans Ende seiner Tage.<\/p>\n<p style=\"text-align: right;\" align=\"right\">Constanze Scheib<\/p>\n<p style=\"text-align: right;\">www.verdichtet.at | Kategorie: <a href=\"http:\/\/www.verdichtet.at\/?page_id=3714\">fantastiques<\/a> | Inventarnummer: 16161<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>In den Tiefen des Landes gab es einen gro\u00dfen, dunklen Wald. Er war voller kr\u00e4ftiger B\u00e4ume und an mancher Stelle wurde er von saftigen, gr\u00fcnen Wiesen unterbrochen. Dennoch wagten sich die Menschen nicht tiefer als ein paar hundert Meter hinein. 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