{"id":5672,"date":"2016-12-17T15:33:20","date_gmt":"2016-12-17T15:33:20","guid":{"rendered":"http:\/\/www.verdichtet.at\/?p=5672"},"modified":"2016-12-28T09:06:31","modified_gmt":"2016-12-28T09:06:31","slug":"weihnachten-im-schatten-der-eiche","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.verdichtet.at\/?p=5672","title":{"rendered":"Weihnachten im Schatten der Eiche"},"content":{"rendered":"<div class=\"pdfprnt-buttons pdfprnt-buttons-post pdfprnt-top-right\"><a href=\"https:\/\/www.verdichtet.at\/index.php?rest_route=wpv2posts5672&print=pdf\" class=\"pdfprnt-button pdfprnt-button-pdf\" target=\"_blank\"><\/a><a href=\"https:\/\/www.verdichtet.at\/index.php?rest_route=wpv2posts5672&print=print\" class=\"pdfprnt-button pdfprnt-button-print\" target=\"_blank\"><\/a><\/div><p>Manchmal, wenn es im Juli kochendhei\u00df und der Nachmittag leer war, trafen meine j\u00fcngere Schwester, unser kleiner Bruder und ich im tiefen Schatten der Eiche zusammen. Wir waren unserer Sommerspiele \u00fcberdr\u00fcssig, waren m\u00fcde und sprachen d\u00f6send von Weihnachten. Der kleine Bruder sa\u00df oben im Baumhaus, und wir sangen zu dritt Weihnachtslieder. Es wird scho glei dumpa, Wer klopfet an, In dulci jubilo-oho, Adeste fideles, Maria durch ein Dornwald ging, Sti-hille Nacht, Alle Jahre wieder, Jingle bells, Vlesustojalajolotschka, Es hat sich heut er\u00f6ffnet, das himmlische Tor, die Engelen, die Bauzelen, die kugelen hervor, O Tannenbaum. Das war das Stichwort. Die Eiche begann zu rauschen und warf ihre Eicheln auf die grasenden Schweine herab.<\/p>\n<p>Das Rauschen und das Abwerfen k\u00fchlte die Luft, und mich \u00fcberkam das erste Staunen \u00fcber das Geheimnis der Physik. Und das Geheimnis der Zeit. Jetzt und sp\u00e4ter, in vier Monaten ist Weihnachten. Und wer bin ich dann?<\/p>\n<p>Hedi und Franzi hatten Scharlach gehabt, und ich war gerade vom Keuchhusten genesen.<br \/>\nDie vier \u00e4lteren Geschwister \u00fcberstanden in diesem Sommer den unabsichtlichen Vergiftungsversuch der Mutter. Sie hatte Waldmeistersekt angesetzt, der zwar wie abgestandenes Blumenwasser schmeckte, aber offensichtlich fermentiert war und alle zu ruhrartigem Brechdurchfall brachte. Im September gelang es ihr wieder nicht, denn unser Vorkoster, der Vater, entdeckte in einem Schwammerlgulasch einen bitteren Geschmack. \u201eMama, da stimmt etwas nicht! Kinder, Finger weg!\u201c Unter die essbaren braunen Baumst\u00e4mmlinge hatte sich offenbar ein gleich aussehender, aber giftiger Blaur\u00f6hrling geschummelt.<\/p>\n<p>Im Oktober \u00f6ffnete die Mutter den gro\u00dfen Mottenkasten auf dem Treppenabsatz und holte die Winterkleidung hervor. Wir probierten die Wintersachen, und es stellte sich heraus, dass unsere Krankheiten und der Sommer uns soweit gutgetan hatten, dass wir aus allem herausgewachsen waren. Das war nichts zu machen. Es gab niemand J\u00fcngeren mehr in der Familie, der das Zeug erben k\u00f6nnte, es wurde an die j\u00fcngeren Cousinen in St. Nikola geschickt.<\/p>\n<p>Im Dezember ging meine Mutter mit uns in die Stadt zum Kaufhaus Frank und kleidete uns neu ein. Was Hedi und Franzi bekamen, wei\u00df ich nicht mehr, ich erinnere mich nur an den Kauf meiner ungl\u00fcckseligen Schihose. Wir waren nicht h\u00e4ufig K\u00e4ufer beim Frank, weil es wenig Geld f\u00fcr Eink\u00e4ufe gab. Aber immerhin waren wir zehn Personen, die selten, aber ab und zu doch etwas Neues brauchten. So kam uns der alte Herr Frank mit freudigen Schritten und offenen Armen entgegen und begr\u00fc\u00dfte meine Mutter. Der junge Herr Frank, Joe genannt, ging mit meinem zweit\u00e4ltesten Bruder in eine Klasse und durfte manchmal auch schon bedienen. Gn\u00e4 Frau, Frau Professor, Frau Doktor, Frau Direktor \u2026 Meine Mutter winkte wie immer mit den Armen wild wedelnd ab, sie mochte die ihr zugedachten Titel nicht und sagte uncharmant griesgr\u00e4mig: Seyr gen\u00fcgt.<\/p>\n<p>Was brauchma denn, etwas f\u00fcrs gn\u00e4 Fr\u00e4ulein? Das gn\u00e4 Fr\u00e4ulein hatte schon sieben Weihnachtsfeste hinter sich und freute sich auf das achte Christkind. Seit dem Sommer mit den Weihnachtsliedern unter der Eiche war ich damit besch\u00e4ftigt, einen Brief an das Christkind zu entwerfen.<\/p>\n<p>Meinen eigenen Karl-May-Band Der Schut, meine eigenen Klassischen Sagen des Altertums von Gustav Freytag, meinen eigenen Band mit den nacherz\u00e4hlten Shakespeare-St\u00fccken, und der dritte Band der Hochreiterkinder von Marlene Haushofer &#8211; das stand ganz oben. Ich sah sie schon im Flammenschein unter dem Christbaum liegen und mich im tiefsten Winkel meines Bettes lesen, allein und unendlich lang, ohne das Buch in einer bestimmten Frist auslesen und weitergeben zu m\u00fcssen. An Spielzeug w\u00fcnschte ich mir eine neue Babypuppe, da ich die alte, meine geliebte Lotte, den ungarischen Fl\u00fcchtlingskindern von R\u00e4dda Barnen in Judenau gespendet hatte. Ein S\u00e4ckchen mit neuen Murmeln w\u00e4re sch\u00f6n und eine ganze Tafel Bensdorp-Schokolade, die man nur zu Weihnachten und zum Geburtstag nicht durch sieben teilen musste.<\/p>\n<p>Was ich mir sonst noch w\u00fcnschte, wei\u00df ich nicht mehr, wahrscheinlich war das ohnedies schon sehr viel. Einen Indianeranzug f\u00fcr den Fasching h\u00e4tte ich mir w\u00fcnschen k\u00f6nnen und vielleicht auch Schlittschuhe in einem St\u00fcck, nicht die Schraubendampfer, die ich bisher fuhr und immer mit Abneigung und Scham im Aufw\u00e4rmbunker des Eislaufplatzes unter den Augen der reichen Kinder anschrauben musste. Aber wahrscheinlich h\u00e4tte ich mir nicht getraut, so viele Dinge und solche Extravaganzen in den Brief ans Christkind zu schreiben. Wir hatten als Kinder den Trick, etwas besonders Gew\u00fcnschtes, Begehrtes, Ersehntes nicht in Worten aufzuschreiben, sondern zu zeichnen.<\/p>\n<p>Das wirkte nicht so unversch\u00e4mt und war immer mit einem Prickeln verbunden, ob das Christkind klug genug war, den Wunsch zu erkennen.<\/p>\n<p>Eigentlich mochte ich den alten Herrn Frank gern. Er war immer lustig und sah lustig aus: Er war klein, hatte volles, dunkles Haar, hielt sich leicht geb\u00fcckt und schritt mit breiten Schritten aus, wobei er mit den Beinen schlenkerte, als k\u00f6nnte er sich nicht entscheiden, ob er die F\u00fc\u00dfe \u00fcberhaupt auf den Boden stellen sollte. Zu uns Kindern war er aufmerksam und sagte witzige Worte. Besonders mochten wir ihn daf\u00fcr, dass er uns, abgesehen von den Eink\u00e4ufen, den Besuch in seinem Kaufhaus vers\u00fc\u00dfte. Bei der Kasse stand ein K\u00f6rbchen mit Heller-Zuckerln \u2013 das waren langgezogene, mit Marillenmarmelade gef\u00fcllte K\u00f6stlichkeiten &#8211; in das wir die Hand hineinstecken und uns auch mehr als ein Zuckerl herausnehmen durften.<\/p>\n<p>Da sah ich, wie Mutter dem alten Herrn Frank etwas ins Ohr fl\u00fcsterte, und der laut und strahlend zur\u00fcck: \u201eAh, eine Schihose zum Christkind! Sch\u00f6n, kommen Sie, gn\u00e4 Frau, schauma, was ma ham.\u201c<\/p>\n<p>Ich stand wie vom Donner ger\u00fchrt, was brauchte das Christkind eine Schihose? Ging das Christkind auch auf Schulschikurs? Ich verstand anfangs gar nichts, und es sch\u00fcttelte mich bei der Vorstellung vom Christkind auf Schiern oder auf der Rodel im tiefen Schnee.<br \/>\nSein wei\u00dfes Spitzenkleidchen, die goldenen Locken, den Heiligenschein mit den Sternchen dar\u00fcber &#8211; und darunter eine Schihose, eine Pudelhaube, F\u00e4ustlinge und Goiserer mit Norwegerpullover und Hubertusfleck?<\/p>\n<p>Pures Entsetzen packte mich, ich war getroffen, ich war versehrt und stand so in Flammen, dass ich mich weigerte, die von Herrn Frank pr\u00e4sentierten Schihosen zu probieren. \u00dcbrigens gab es eh nur ein einziges Modell in verschiedenen Gr\u00f6\u00dfen, eng geschnitten aus schwarzem, dehnbaren Lastex mit einem Steg an den Beinen unten, wenn ich mich richtig erinnere. Ich war so st\u00f6rrisch, dass mich meine Mutter nicht einmal mit Gewalt in die Probierkabine zerren konnte. \u201eGut, wir nehmen die, entschied die Mutter, die passt sicher, aber zwei Nummern gr\u00f6\u00dfer, bitte, damit sie die Hedi n\u00e4chstes Jahr auch noch tragen kann.\u201c<\/p>\n<p>Was war der gr\u00f6\u00dfere Schock? Dass es kein Christkind gab oder dass die Schihose so gro\u00df war, dass sie sofort von der Hausschneiderin Frau Trofeit Hosentr\u00e4ger und zweifache Stulpen aufgen\u00e4ht bekam? Dieser Operation fielen auch die rutschfesten Stege, die mich eventuell mit dieser Schihose vers\u00f6hnen h\u00e4tten k\u00f6nnen, zum Opfer.<\/p>\n<p>Peinlicher und qualvoller habe ich vier Jahre sp\u00e4ter nur den Kauf des ersten BHs in Erinnerung, noch immer mit Mama und im Kaufhaus Frank. Da hat der junge Herr Frank, Bruder Bernhards schnittiger Freund Joe, schon st\u00e4ndig bedient, wenn auch nur in der M\u00e4nnerabteilung. Wahrscheinlich bekam Mama beim Frank mehr Prozente, Gro\u00dffamilienrabatt. Ich w\u00e4re so gerne zum Kaufhaus Stift gegangen, die hatten eine Palmers-Abteilung mit geschulter Damenbedienung. Beim Frank bekam ich ein untragbares Ger\u00fcst Marke Stalingrad, das ich sehr schnell verschwinden und mir von der \u00e4ltesten Schwester Agnes einen ihrer amerikanischen Spitzen-BHs schenken lie\u00df.<\/p>\n<p>Der ganz gro\u00dfe Skandal kam kurz nach Weihnachten. Ich war in den Ferien zu Besuch in St. Nikola, bei Tante Sofie und Onkel Klaus und ihren vier Kindern. Ich \u00fcberredete einmal meine gutm\u00fctige Cousine Michaela, mit mir Kleider zu tauschen, also meine Schihose anzuziehen. Sie sah nicht nur zu mir auf und war mir h\u00f6rig, weil ich \u00e4lter war, sondern weil ich aus der Stadt (o\u00f6. Schdott) kam, auch wenn Tulln damals kaum diesen Namen verdiente. Aber wer und was von dort kam, galt den St. Nikolaern (o.\u00f6. Nigloan) geradezu als \u00fcberirdisch. Gerade am Dreik\u00f6nigstag gab es einen schrecklichen Unfall.<br \/>\nMichaela geriet zu weit \u00fcber die Rodelpiste am Danzer-Bergerl hinaus und brach in das Eis des Dimbaches ein. In letzter Sekunde zog Tante Sofie sie heraus. Ich sehe es noch vor mir, wie die Rodel unterging und Michaela am Bachrand hing. Im Trubel, der diesem Unfall folgte, in dem sogar ein Gendarm ins Br\u00e4uhaus kam und \u00fcberpr\u00fcfte, ob Tante Sofie ihrer Aufsichtspflicht nachgekommen sei, ging meine Schihose irgendwie verloren, und Hedwig kam im n\u00e4chsten Winter nicht in den Genuss dieser Erbschaft. Ich nehme an, dass sie, sonst immer meine n\u00e4chste Rivalin, \u00fcber den Verlust nicht traurig gewesen sein wird.<\/p>\n<p>Ob meine alte Babypuppe Lotte eine Nachfolgerin bekam, wei\u00df ich beim besten Willen nicht mehr. Aber an das kr\u00e4nkelnde Herz mit der Erkenntnis, dass das Christkind und das liebe, kleine Jesulein nicht die Leute waren, f\u00fcr die ich sie gehalten hatte, daran erinnere ich wie an gestern. Lange Zeit konnte ich mich nicht entscheiden, wem ich mehr grollen sollte, meiner Mutter oder dem alten Herrn Frank, ob er mir das Christkind geraubt hat, es entzaubert, versto\u00dfen oder ob er mich davon erl\u00f6st hat? Ich entsagte und genas, indem ich mich f\u00fcr einen Trick entschied, dass sich das Christkind wahrscheinlich auf diese Weise von mir verabschiedet hat. Es war ja schlie\u00dflich allm\u00e4chtig und allwissend. So wurde meine Schihosen-Geschichte doch wieder ganz rund.<\/p>\n<p>8.12.16<\/p>\n<p style=\"text-align: right;\">Veronika Seyr<br \/>\n<a href=\"http:\/\/www.veronikaseyr.at\/\" target=\"_blank\">www.veronikaseyr.at<\/a><br \/>\n<a href=\"http:\/\/veronikaseyr.blogspot.co.at\/\" target=\"_blank\">http:\/\/veronikaseyr.blogspot.co.at\/<\/a><\/p>\n<p style=\"text-align: right;\">www.verdichtet.at | Kategorie: <a href=\"http:\/\/www.verdichtet.at\/?page_id=3365\">anno<\/a> | Inventarnummer: 16152<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Manchmal, wenn es im Juli kochendhei\u00df und der Nachmittag leer war, trafen meine j\u00fcngere Schwester, unser kleiner Bruder und ich im tiefen Schatten der Eiche zusammen. Wir waren unserer Sommerspiele \u00fcberdr\u00fcssig, waren m\u00fcde und sprachen d\u00f6send von Weihnachten. Der kleine Bruder sa\u00df oben im Baumhaus, und wir sangen zu dritt Weihnachtslieder. 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