{"id":5357,"date":"2016-10-31T08:47:31","date_gmt":"2016-10-31T08:47:31","guid":{"rendered":"http:\/\/www.verdichtet.at\/?p=5357"},"modified":"2016-11-26T13:53:20","modified_gmt":"2016-11-26T13:53:20","slug":"1-2","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.verdichtet.at\/?p=5357","title":{"rendered":"Die Nacht der gr\u00fcnen Sichel"},"content":{"rendered":"<div class=\"pdfprnt-buttons pdfprnt-buttons-post pdfprnt-top-right\"><a href=\"https:\/\/www.verdichtet.at\/index.php?rest_route=wpv2posts5357&print=pdf\" class=\"pdfprnt-button pdfprnt-button-pdf\" target=\"_blank\"><\/a><a href=\"https:\/\/www.verdichtet.at\/index.php?rest_route=wpv2posts5357&print=print\" class=\"pdfprnt-button pdfprnt-button-print\" target=\"_blank\"><\/a><\/div><p>Es geschah an einem warmen Abend im Mai in einem kleinen Waldst\u00fcck im steirischen H\u00fcgelland.<br \/>\nGustav Fiedler, ein Bauer von dreiundsechzig Jahren, ging gerade spazieren, als er in dem W\u00e4ldchen, das er auf seinem weitl\u00e4ufigen Grundst\u00fcck hatte stehen lassen, um Lebewesen Raum zu geben, das Brechen von Zweigen h\u00f6rte. Er ging ein St\u00fcck weit auf dem Weg, der zwischen den B\u00e4umen durch den Wald f\u00fchrte, und dachte an einen Keiler oder Rehbock als Verursacher des Ger\u00e4uschs. Angestrengt lauschte er, ob weitere folgen w\u00fcrden, doch es blieb still.<\/p>\n<p>So ging er mit langsamen Schritten zum Wohnhaus seines Hofes und zog sich f\u00fcr die Nacht um. In seinem abgewetzten Schlafanzug legte er sich neben seine Ehefrau Aloisia. Sie hatte bereits geschlafen, doch die Bewegungen des Bettes und das \u00e4chzende Ger\u00e4usch, das es von sich ab, als er sich darauf legte, lie\u00dfen sie erwachen. Auf Nachfrage erz\u00e4hlte er ihr, dass er durch den Wald gegangen w\u00e4re und ein Reh oder ein Wildschwein geh\u00f6rt h\u00e4tte, welches er in den n\u00e4chsten Tagen wohl erlegen w\u00fcrde.<br \/>\nSeine Frau stie\u00df einen gellenden Schrei aus, bekreuzigte sich und flehte ihn an, seinem Schwur treu zu bleiben, n\u00e4mlich das Haus nach Einbruch der Dunkelheit nicht zu verlassen. Er beruhigte sie und versprach ihr, sich k\u00fcnftig daran zu halten. In seinem Inneren wusste er jedoch, dass er genau das nicht machen w\u00fcrde, daf\u00fcr war sein Jagdtrieb einfach zu stark ausgepr\u00e4gt.<\/p>\n<p>Am n\u00e4chsten Morgen bereitete Gustav, was selten vorkam, das Fr\u00fchst\u00fcck zu. Aloisia war erfreut, einmal nicht diese Arbeit verrichten zu m\u00fcssen, und nahm die Entschuldigung f\u00fcr den Bruch des Versprechens an.<br \/>\nSie war gleich alt wie ihr Gatte. Mit zwanzig Jahren hatten sie geheiratet, doch Kinder hatten sich keine einstellen wollen. Dennoch wussten sie, wie es mit ihrem Hof, den sie von seinen Eltern \u00fcbernommen hatten, nach ihrem Tod weitergehen w\u00fcrde. Aloisia hatte darauf bestanden, dass er ihrer geliebten Kirche zufallen sollte, und Gustav hatte sich gef\u00fcgt.<\/p>\n<p>Von Wert war ohnehin blo\u00df das gro\u00dfe Grundst\u00fcck, alles andere hatten sie aufgegeben. Zwei Katzen, Murli und Minka wurden sie gerufen, lebten noch auf dem Geh\u00f6ft, nebst einer Vielzahl an M\u00e4usen, von welchen sie sich ern\u00e4hrten. Vieh gab es keines mehr. Die Fiedlers waren arm, das waren sie ihr ganzes Leben hindurch gewesen. Aloisia hatte sich leicht mit diesem Umstand abfinden k\u00f6nnen, Geld bedeutete ihr wenig. Ihr Mann hingegen litt sehr unter der Armut. Wie gerne h\u00e4tte er ein gro\u00dfes Auto gefahren und sein Wohnhaus renoviert und stilvoll eingerichtet, doch war ihm dies nicht beschieden gewesen.<br \/>\nNachdem ihre letzte Kuh geschlachtet worden war und der Hahn, der seine letzten Jahre ohne Hennen hatte zubringen m\u00fcssen, im Suppentopf geendet hatte, ern\u00e4hrte sich das Ehepaar von Gem\u00fcse, welches Aloisia mit viel Liebe zog, nur selten gab es Gerichte aus Wildfleisch. Gustav war zwar ein begeisterter J\u00e4ger, allerdings traf er selten.<\/p>\n<p>Die Furcht seiner Frau vor der Dunkelheit lag in der uralten M\u00e4r vom Steirerwolf begr\u00fcndet, einer Kreatur, D\u00fcrers Werwolf sollte sie nicht un\u00e4hnlich sehen, die in gewissen N\u00e4chten die Menschen der Umgebung plagen w\u00fcrde. Strenge Gottesfurcht und oftmaliges Beten w\u00fcrde sie fernhalten, erfuhr er von seiner Gemahlin, doch gab er nichts auf solches Gerede, ebenso wenig gab er auf das Gebet und die Beichte.<\/p>\n<p>Nach dem Fr\u00fchst\u00fcck erwachte seine Jagdlust. Den ganzen Tag \u00fcber nagte sie an dem Bauern, er konnte kaum das Einsetzen der Nacht erwarten. Er besch\u00e4ftigte sich mit dem M\u00e4hen von Gras und begab sich, nachdem er damit fertig war, in den Keller, um schlecht gewordenes Gem\u00fcse auszusortieren. Das wenigstens sagte er zu Aloisia.<br \/>\nIn Wahrheit reinigte er hingebungsvoll seine B\u00fcchse. Mit \u00d6l befreite er die Waffe von Flugrost, mehrere Male zog er den Lauf durch, er reinigte die Patronenkammer und polierte den h\u00f6lzernen Schaft, bis dieser gl\u00e4nzte.<\/p>\n<p>Als es dunkel zu werden begann, brachte er seiner Frau eine Kanne Tee, in welche er eine ordentliche Menge Schnaps gegossen hatte. Alsbald war sie eingeschlafen.<br \/>\nGustav ging in den Keller, holte sein Gewehr und schlich mit langsamen leisen Schritten zum Waldst\u00fcck. Dort wartete er einige Minuten, und als er erneut das Ger\u00e4usch von brechendem Holz vernahm, lief er in das W\u00e4ldchen, welches vom Schein des Halbmondes einigerma\u00dfen gut erleuchtet wurde.<br \/>\nEr f\u00fchlte, dass er nicht alleine war.<\/p>\n<p>Erst konnte er kein Lebewesen ausmachen, doch als er das Brechen der Zweige immer n\u00e4herkommen h\u00f6rte, wusste er, dass er in wenigen Augenblicken ein Wildschwein oder ein Reh schemenhaft erkennen w\u00fcrde.<br \/>\nUnd schon sah er tats\u00e4chlich ein Wesen auf sich zukommen. Bei diesem handelte es sich jedoch weder um einen Keiler noch um einen Bock, daf\u00fcr war die Kreatur viel zu gro\u00df. Auf vier Beinen kam sie n\u00e4her und begann, f\u00fcnf Meter vor Fiedler, kehlige knurrende Laute auszusto\u00dfen, die sich bald in ohrenbet\u00e4ubendes Geheul steigerten.<br \/>\nEr wich zur\u00fcck und zog mit zitternder Hand seine Taschenlampe hervor, schaltete sie ein und richtete den Lichtkegel auf das Antlitz des Wesens.<br \/>\nDa gefror ihm das Blut in den Adern.<\/p>\n<p>Im Schein des k\u00fcnstlichen Lichts leuchteten die Augen der Kreatur gr\u00fcn, ihr Kopf war schwarz befellt und ihr offenes Maul lie\u00df Rei\u00dfz\u00e4hne erkennen, die von einem S\u00e4belzahntiger h\u00e4tten stammen k\u00f6nnen. Gustavs Hand bebte so stark, dass das Licht der Lampe auch den Rest der Kreatur illuminierte. Sie war drei Meter hoch, hatte ein pechschwarzes Fell und Krallen, die jene eines B\u00e4ren h\u00e4tten sein k\u00f6nnen. Ein langer behaarter Schwanz an der Kehrseite und spitze Ohren an der vorderen rundeten das Bild ab, das Gustav Fiedler in dieser warmen Mainacht vor sich sah. Es war die Schnauze der Bestie, die ihn auf eine morbide Art und Weise faszinierte.<\/p>\n<p>Wie das bei Hunden der Fall ist, hatte auch die Schnauze der Bestie zwei L\u00f6cher, doch, von unten betrachtet, kam es Gustav so vor, als ob die Nasenw\u00e4nde eine bestimmte Form aufn\u00e4hmen, die er schon oft gesehen hatte. Als er ein Giebelkreuz erkannte, wusste er: Er stand dem Steirerwolf gegen\u00fcber.<br \/>\nSchnell entsicherte er sein Gewehr, richtete es auf den Brustkorb des Untiers und dr\u00fcckte ab. Das Projektil drang in den K\u00f6rper des Biests ein, jedoch nicht in die Brust, sondern in die rechte der baumdicken Vorderpfoten. Es heulte auf, sprang seinen Peiniger an und biss in dessen Schulter. Augenblicklich fiel Gustav in Ohnmacht.<\/p>\n<p>Als er am n\u00e4chsten Morgen im Wald erwachte, entledigte er sich seiner Oberbekleidung und untersuchte die Stelle, an der der Steirerwolf ihn gebissen hatte. Die Wunde musste tief sein, denn er f\u00fchlte starke Schmerzen, doch blutete sie nicht mehr. M\u00fchsam stand er auf und schleppte sich zum Hof zur\u00fcck. Seine Ehefrau war gerade dabei, die beiden Katzen auf der Schwelle des Wohnhauses zu streicheln, als sie ihren Mann erblickte und die Wunde sah.<br \/>\nSogleich fiel sie auf die Knie und flehte Gott um Gnade an. Ihr Mann erz\u00e4hlte ihr, was vorgefallen war, und zwar in allen Einzelheiten. Sie lief aus dem Raum und in das Schlafzimmer, wo sie sich auf das Bett fallen lie\u00df und unabl\u00e4ssig vom Steirerwolf stammelte.<br \/>\nEr wartete geduldig, bis sie sich wieder gefangen hatte, dann bat er sie, ihm die Sage von der Kreatur vorzulesen. Sie holte ein gr\u00fcnes Buch aus dem untersten Fach des Regals im Wohnzimmer. Auf dem Bucheinband erkannte er einen Apfel, dem ein Pentagramm eingezeichnet war. Dann las sie.<\/p>\n<p>Als sie fertig war, wusste er, dass von nun an keine Halbmondnacht mehr so sein w\u00fcrde wie jene, die er bislang erlebt hatte. Aloisia verbot ihm, sich vor der Nacht der gr\u00fcnen Sichel, so wurde die Phase des Halbmondes im Buch genannt, in der N\u00e4he des Hofes aufzuhalten. Er versprach, sich wenigstens an dieses Verbot zu halten. Die n\u00e4chsten Tage verliefen ruhig f\u00fcr das Ehepaar Fiedler. Sie k\u00fcmmerte sich um den Garten, er widmete sich der Lekt\u00fcre von B\u00fcchern \u00fcber Gestaltenwandler und besuchte seinen Onkel im Krankenhaus, der sich bei der Jagd versehentlich in die rechte Hand geschossen hatte.<\/p>\n<p>Dann nahte Gustavs erste Nacht der gr\u00fcnen Sichel.<br \/>\nEr f\u00fchlte, dass sich etwas in seinem K\u00f6rper ver\u00e4nderte. Er h\u00f6rte besser als zuvor, selbst das Fiepen der M\u00e4use im ehemaligen Kuhstall konnte er vernehmen, obwohl er im viele Meter entfernten Wohnzimmer sa\u00df. Sein Bart wuchs schneller und dichter, und seine Nase und Augen nahmen Ger\u00fcche und Dinge in nie zuvor gerochener und gesehener Reinheit und Sch\u00e4rfe wahr.<br \/>\nDie bei Weitem intensivste Ver\u00e4nderung aber fand in seinem Innersten, seiner Seele, statt. Das Gef\u00fchl des Hasses auf seine Armut wuchs best\u00e4ndig, nie zuvor war ihm diese so gr\u00e4sslich erschienen wie nun. Also beschloss er, etwas dagegen zu unternehmen.<\/p>\n<p>Als die Phase des Halbmondes einsetzte, warf Aloisia Fiedler ihren Mann aus dem Haus. Die Tage brachte er in einer bauf\u00e4lligen Holzh\u00fctte am Rande seines Grundst\u00fccks zu, in den N\u00e4chten marodierte er durch die Obstg\u00e4rten der Nachbarn. Er ern\u00e4hrte sich von M\u00e4usen und Ratten, selbst ein Steinkauz fiel ihm zum Opfer. Einmal wurde er von einem Nachbarn dabei beobachtet, wie er sich \u00fcber eine Katze hermachte. Da sein Fell zu diesem Zeitpunkt noch kurz war, sodass er es unter seiner Kleidung verbergen konnte, glaubte der Nachbar, der obendrein schwer betrunken war, dass Gustav die Katze lediglich liebkosen w\u00fcrde.<\/p>\n<p>Dann kam die Nacht, in der die gr\u00fcne Sichel in voller Sch\u00e4rfe am Himmel hing.<br \/>\nGustav Fiedler hatte schon den ganzen Tag \u00fcber starke Schmerzen versp\u00fcrt, dazu kam ein Ziehen in seinen Gliedern und starker Fellwuchs am ganzen K\u00f6rper. Als die Nacht hereinbrach, begann die Stelle, an der er gebissen worden war, wie Feuer zu brennen, und er gab in einem fort knurrende Laute von sich.<br \/>\nEine Stunde vor Mitternacht war es so weit. Als der Halbmond von den Wolken, die ihn zuvor verhangen hatten, freigegeben wurde, starrte er diesen aus leuchtenden gr\u00fcnen Augen, die zuvor braun gewesen waren, an und begann zu heulen.<br \/>\nNachdem er sich unter beinahe unertr\u00e4glichen Schmerzen in das Ebenbild der Kreatur, die ihn gebissen hatte, verwandelt hatte, machte er sich auf den Weg zu seinem ersten Opfer.<\/p>\n<p>Dieses war Josef Reinprecht, der reichste Bauer der Umgebung. Gustav stand vor dessen Haust\u00fcre und einen Tritt mit dem kr\u00e4ftigen Hinterlauf sp\u00e4ter in des Gro\u00dfbauern Vorraum. Mit schnellen Spr\u00fcngen brachte er die Treppe, die in den ersten Stock f\u00fchrte, hinter sich und stand neben Reinprechts Bett, aus welchem dieser sprang, sobald er des Wesens ansichtig wurde, das soeben mit einem kraftvollen Hieb seiner neben ihm schlafenden Ehefrau den Garaus gemacht hatte.<br \/>\nUm Gnade flehend stand er vor der Bestie, die Hose seines Schlafanzugs verf\u00e4rbte sich, doch Gustav kannte kein Erbarmen. Er fuhr seinem Opfer mit der Pranke \u00fcber den Hals, der sich sogleich \u00f6ffnete. Aus der Wunde schoss Blut, und Josef Reinprecht sank zu Boden, um nur Augenblicke sp\u00e4ter zu verscheiden. Fiedler warf einen Blick auf die Armbanduhr des reichen Bauern, erkannte, dass sie aus Gold gefertigt war und nahm sie mitsamt dem Unterarm an sich, welchen er im Maul in den kleinen Wald trug.<\/p>\n<p>Zufrieden mit sich und seiner Tat legte er sich auf den Boden, rollte sich ein und schlief bis zur Mittagszeit des n\u00e4chsten Tages. Als er erwachte, war nichts mehr \u00fcbrig vom Steirerwolf, er war wieder Gustav, der nackte Gustav Fiedler.<br \/>\nEr nahm die goldene Uhr von Reinprechts Arm und legte sie an. Sie passte. Dann machte er sich auf den Weg zu seinem Hof. Er begr\u00fc\u00dfte Aloisia, die eben aufgestanden war und ihn mit argw\u00f6hnischen Blicken bedachte. Sie bemerkte, dass er einen teuren Zeitmesser trug und fragte nach dessen Herkunft. Gustav sagte ihr die Wahrheit, worauf sie sogleich ein Gebet f\u00fcr die Seele der Opfer ihres Mannes sprach. Hernach stellte sie fest, dass dieser der Welt einen Gefallen erwiesen h\u00e4tte, denn der Gro\u00dfbauer w\u00e4re f\u00fcrwahr kein gro\u00dfes Licht auf dem Kronleuchter der Gottesfurcht gewesen.<br \/>\nNach dem Mittagessen fuhr Gustav mit dem Zug nach Graz, wo er die Uhr versetzte. Von dem Geld kaufte er einen Ring und ein Kleid f\u00fcr seine Frau, und f\u00fcr sich selbst einen Anzug und ein Paar Schuhe. Den Rest brachte er nach Hause und legte ihn in eine alte metallene Handkasse, die viele Jahre lang leer im Keller gestanden hatte.<\/p>\n<p>Gustav und Aloisia Fiedler f\u00fchrten wieder ihr gewohntes kleines Leben, jedoch im Wissen, dass sie eine kleine Summe Bargeld im Haus hatten, \u00fcber die sie verf\u00fcgen konnten. Er dachte \u00fcber den Ankauf einer neuen Jagdwaffe nach, doch da seine Frau beim n\u00e4chsten Kirchgang endlich eine gr\u00f6\u00dfere Summe in den Klingelbeutel werfen wollte, begrub er diesen Wunsch vorerst.<\/p>\n<p>Der Zufall wollte es, dass der alte, mit Holz beheizte Ofen in der K\u00fcche den Geist aufgab und Ersatz angeschafft werden musste, und das eine Woche vor dem n\u00e4chsten Halbmond. Da der Hafner eine Unsumme f\u00fcr die Errichtung eines neuen Ofens veranschlagt hatte, von dem Geld f\u00fcr die Uhr aber nicht mehr viel \u00fcbrig war, teilte Gustav seiner Frau mit, dass sie ein paar Tage von Rohkost w\u00fcrde leben m\u00fcssen, doch bald w\u00fcrde ein neuer Ofen ihre K\u00fcche zieren. Dann musste er den Hof verlassen.<\/p>\n<p>Im Dorf war der Tod Josef Reinprechts kein allzu gro\u00dfes Thema, schlie\u00dflich war er vielen Menschen verhasst gewesen, vor allem denjenigen, die Schulden bei ihm gehabt hatten. Die Polizei untersuchte sein Ende und schloss den Bericht mit der Vermutung, dass es sich um Raubmord gehandelt h\u00e4tte, denn es fehlte die Uhr, mit der der reiche Bauer gerne und oft im Wirtshaus geprahlt hatte.<\/p>\n<p>Nachdem Gustav nicht einmal befragt worden war, f\u00fchlte er sich sicher.<br \/>\nWieder durchstreifte er die G\u00e4rten, zwei Katzen waren ihm Nahrung f\u00fcr drei Tage, einen Kater, den er gefangen hatte, lie\u00df er wieder frei. Sein feiner Geruchssinn sagte ihm, dass das Fleisch des Tieres nahe der Grenze zur Ungenie\u00dfbarkeit angesiedelt war. Einen Tag vor seiner Verwandlung fasste Gustav nicht nur den Plan, den Direktor der \u00f6rtlichen Bank seines Lebens zu berauben, sondern auch sein Geldhaus um eine erkleckliche Summe zu erleichtern, denn ein neuer K\u00fcchenofen stellte eine finanzielle Herausforderung dar.<\/p>\n<p>Zufrieden mit sich und seinem Plan, brachte er es nicht \u00fcbers Herz, ein Rehkitz, das nur zwei Meter vor ihm \u00fcber den Weg lief, zu t\u00f6ten und aufzufressen. Stattdessen suchte er nach der Mutter des Rehleins. Er fand sie im Unterholz, tot, aber noch warm. Ihr Fell war blutverkrustet, und als er den K\u00f6rper des Tieres n\u00e4her betrachtete, entdeckte er zwei Einschussl\u00f6cher im Bauchbereich, jedoch keine Austrittsl\u00f6cher auf der anderen Seite des Bauches. Der J\u00e4ger, der zweimal auf das Reh angelegt hatte, musste dies mit einer kleinkalibrigen Waffe gemacht haben und bescherte dem Tier dadurch tagelanges Leid. Gustav riss den Kadaver mit blo\u00dfen Pranken auf und fra\u00df die Leber, das Herz und beide hinteren Oberschenkel, denn er brauchte Kraft f\u00fcr seine bevorstehende Verwandlung.<\/p>\n<p>In dieser Nacht verwandelte sich Gustav Fiedler zum zweiten Mal.<br \/>\nEr schlich ein paarmal um das weitl\u00e4ufige Anwesen des Bankdirektors, erkannte, dass dieser alleine war und sich ein Fu\u00dfballspiel im Fernsehen ansah und brach durch die T\u00fcre aus Sicherheitsglas, die das Wohnzimmer vom Garten trennte. Walter Pichlbauer, so hie\u00df Fiedlers drittes Opfer, fiel vor Schreck aus seinem Fernsehsessel. Er rappelte sich auf, drehte sich um und blickte in Gustavs leuchtend gr\u00fcne Augen. Wieder fiel er vor Schreck, dieses Mal in Ohnmacht. Sein Mordtrieb sagte dem Biest, dass es die Sache rasch zu Ende bringen sollte, doch da der immer noch im Wolf steckende Mensch auf Bargeld aus war, wartete er erst einmal ab.<br \/>\nAls Pichlbauer wieder erwachte, stand Gustav zwei Meter von ihm entfernt in einer Ecke des Raumes. Der Direktor starrte fassungslos auf die Kreatur, dann rang er sich einige wenige Worte ab, um am Leben gelassen zu werden. Der Wolf n\u00e4herte sich ihm mit langsamen Schritten, und als Walter die Nasenw\u00e4nde der Bestie sah und das Firmenzeichen seiner Bank oberhalb der gierigen Z\u00e4hne erkannte, da fiel er auf die Knie und betete den Steirerwolf mit der Giebelkreuzschnauze an. Dieser lie\u00df sich davon nicht beeindrucken und packte Pichlbauer mit den Z\u00e4hnen im Genick und hob ihn hoch.<br \/>\nMit langen schnellen S\u00e4tzen brachte er den Direktor zur Bank und zwang ihn, den Sicherheitscode der T\u00fcre einzutippen, indem er mit der Vorderpranke auf das kleine Tastenfeld neben dem Eingang wies und dabei bedrohlich knurrte. Die T\u00fcre \u00f6ffnete sich, und Gustav warf Walter in den Kassenraum. Mit einem Satz war er wieder bei ihm, hob ihn erneut hoch und lie\u00df ihn vor der T\u00fcre des Tresorraumes fallen.<\/p>\n<p>Am n\u00e4chsten Tag machten Ger\u00fcchte die Runde im Dorf. Gustav Fiedler wurden diese am Vormittag am Tresen des \u00f6rtlichen Gasthauses zugetragen. Demnach hatte Walter Pichlbauer vermutlich seine private Schatulle auff\u00fcllen wollen. Ansonsten h\u00e4tte er sich wohl kaum mitten in der Nacht Zutritt zum Safe seiner Bank verschafft. Dort, im begehbaren Tresor, war er n\u00e4mlich aufgefunden worden. Es war wohl ein riesiger Keiler, der ihn derart zugerichtet hatte. Man fand Haare auf dem Boden, lange schwarze Grannen, wie von einem Wildschwein. Was es dort zu suchen hatte, konnte jedoch niemand erkl\u00e4ren. Pichlbauers Leib war von tiefen Wunden \u00fcbers\u00e4t, wie von Hauern verursacht. Die \u00dcberwachungskamera hatte den Keiler unscharf gefilmt, und die Polizei wollte noch einen erfahrenen J\u00e4ger hinzuziehen. Sie war sich n\u00e4mlich nicht sicher, ob das Unget\u00fcm auf dem Video tats\u00e4chlich ein Wildschwein war.<\/p>\n<p>Die Angelegenheit verlief im Sande, wenigstens beh\u00f6rdlich, doch nachdem es auch den Besitzer des S\u00e4gewerks erwischt hatte, machte sich allm\u00e4hlich Angst unter den Reichen des Dorfes breit.<br \/>\nKurt Haas hatte er gehei\u00dfen und hatte gr\u00e4sslich geendet. Er wurde vor seinem S\u00e4gewerk gefunden, am Morgen nach der Nacht der gr\u00fcnen Sichel. Die Arme und Beine waren ihm herausgerissen worden, wie auch der Tresor in seinem B\u00fcro. Offenbar war der Geldschrank etliche Male zu Boden geschleudert worden, bevor er nach- und das Geld darin freigegeben hatte.<br \/>\nGustav hatte keine Angst, und bald auch keine Geldsorgen mehr. Er stellte seinen Reichtum nicht zur Schau, kaufte blo\u00df zwei K\u00fche und drei Hennen. Im Wohnhaus belie\u00df er alles so, wie er es jahrzehntelang gekannt hatte, erneuerte lediglich den Fernseher und das Sofa. Aloisia stiftete der Dorfkirche eine neue Orgel, dies jedoch mit der strengen Auflage, dass niemand den Namen der Stifterin erfahren durfte.<\/p>\n<p>Mit der Zeit wurden Gustav die schmerzhaften Verwandlungen zu kr\u00e4ftezehrend, also beschloss er, dass noch ein letztes Opfer dran glauben musste. In der darauffolgenden Nacht der gr\u00fcnen Sichel w\u00fcrde er einen unbescholtenen Mann in die Schulter bei\u00dfen, dadurch den Steirerwolf \u00fcbertragen und dann w\u00e4re er frei. So stand es im Buch seiner Ehefrau. Und er w\u00e4re nicht blo\u00df frei, sondern auch reich.<br \/>\nSeitdem er der Steirerwolf war, hatte sich Gustav Fiedlers Blick auf das Geld n\u00e4mlich ge\u00e4ndert. Hatte er vor seiner Wolfwerdung mit verachtenswertem Begehren auf Geld geblickt, so tat er dies nunmehr mit begehrlicher Verachtung.<\/p>\n<p>Sein letztes Opfer war Josefa Bohnstingl, die Besitzerin der gr\u00f6\u00dften Sattlerei im Umkreis von sechzig Kilometern. Sie f\u00fchrte den Betrieb in der achten Generation und war f\u00fcr ihren Geiz, somit auch f\u00fcr dementsprechenden Reichtum, bekannt. Gustav suchte sie auf und musste erkennen, dass nicht nur Aloisia und er von der Existenz des Steirerwolfs wussten. Die alte Frau empfing ihn in ihrem Bett, eine Schrotflinte hatte sie im Anschlag und dr\u00fcckte ohne Vorwarnung ab. Ein Schrotkorn streifte sein linkes Ohr, ansonsten blieb er unverletzt. Nach einer Schrecksekunde knurrte er b\u00f6se und sprang zu ihr ins Himmelbett, dessen wei\u00dfe Laken sich binnen Sekunden rot f\u00e4rbten. Im Keller fand er eine Truhe, voll mit M\u00fcnzen aus Gold und Silber, und trug diese im Maul in das W\u00e4ldchen. M\u00fchsam schleppte er am Morgen nach seiner letzten Untat als Steirerwolf den Schatz zu seinem Haus und teilte Aloisia mit, dass er in der n\u00e4chsten Nacht der gr\u00fcnen Sichel das Wesen des Wolfs weitergeben w\u00fcrde. Sie umarmte ihn und fragte, an wen er es denn weitergeben w\u00fcrde.<br \/>\nEr w\u00fcsste es noch nicht, log er.<\/p>\n<p>Gustav Fiedlers letzte Nacht der gr\u00fcnen Sichel war angebrochen. In den Tagen davor hatte er sich von Fasanen und Rebh\u00fchnern ern\u00e4hrt, ein Hundewelpe wurde ihm ebenso zur Nahrung wie ein Wellensittich und ein Kalb, denn er hatte sich vorgenommen, gut gen\u00e4hrt in diese Nacht zu gehen.<br \/>\nKurz vor Mitternacht, die Verwandlung war l\u00e4ngst vollzogen, l\u00e4utete die Glocke der Dorfkirche. Johannes Zirngast, der Pfarrer, schrak aus seinen Tr\u00e4umen auf und lief in sein Bethaus, um zu sehen, was vor sich ging. Dort sah er sogleich den m\u00e4chtigen Steirerwolf, der von der Kanzel herab abwechselnd heulte und knurrte. Zirngast reckte seine Arme gen Himmel, doch Gott war in dieser Nacht nicht anwesend. Der Wolf sprang, riss den Gottesmann zu Boden und vergrub seine Z\u00e4hne in dessen Schulter. Dann lief er aus der Kirche.<\/p>\n<p>Aloisia und Gustav Fiedler lebten noch zw\u00f6lf Jahre lang ein bescheidenes, jedoch nicht armes Leben, bis sie im selben Monat friedlich einschliefen.<br \/>\nIhr Geld vermachten sie der Dorfkirche, die eine hohe Mauer um das Wohnhaus des Pfarrers errichten lie\u00df, die nach dessen Tod wieder abgetragen wurde.<\/p>\n<p style=\"text-align: right;\">Michael Timoschek<\/p>\n<p style=\"text-align: right;\">www.verdichtet.at | Kategorie: <a title=\"Que ser\u00e1, ser\u00e1?\" href=\"http:\/\/www.verdichtet.at\/?page_id=3714\">fantastiques<\/a> |Inventarnummer: 16153<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Es geschah an einem warmen Abend im Mai in einem kleinen Waldst\u00fcck im steirischen H\u00fcgelland. Gustav Fiedler, ein Bauer von dreiundsechzig Jahren, ging gerade spazieren, als er in dem W\u00e4ldchen, das er auf seinem weitl\u00e4ufigen Grundst\u00fcck hatte stehen lassen, um Lebewesen Raum zu geben, das Brechen von Zweigen h\u00f6rte. 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