{"id":5128,"date":"2016-09-27T11:59:03","date_gmt":"2016-09-27T11:59:03","guid":{"rendered":"http:\/\/www.verdichtet.at\/?p=5128"},"modified":"2016-09-29T11:41:35","modified_gmt":"2016-09-29T11:41:35","slug":"xx-8","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.verdichtet.at\/?p=5128","title":{"rendered":"Proband"},"content":{"rendered":"<div class=\"pdfprnt-buttons pdfprnt-buttons-post pdfprnt-top-right\"><a href=\"https:\/\/www.verdichtet.at\/index.php?rest_route=wpv2posts5128&print=pdf\" class=\"pdfprnt-button pdfprnt-button-pdf\" target=\"_blank\"><\/a><a href=\"https:\/\/www.verdichtet.at\/index.php?rest_route=wpv2posts5128&print=print\" class=\"pdfprnt-button pdfprnt-button-print\" target=\"_blank\"><\/a><\/div><p>Eigentlich kann man ja nicht viel \u00f6fter als drei Mal pro Jahr als Proband fungieren. Weil f\u00fcr die meisten klinischen Studien zwischendurch Wartezeiten gefordert werden, damit sich der K\u00f6rper regenerieren kann, nehme ich an. Ich aber bin in vielen Krankenh\u00e4usern und medizinischen Einrichtungen von Pharmafirmen t\u00e4tig. Es scheint keine zentrale Datenbank f\u00fcr Probanden zu geben, oder, ich wei\u00df nicht, vielleicht ist es denen auch einfach egal. Ich mache das jetzt seit nicht ganz zwei Jahren. Alle Kosten kann ich nicht davon bestreiten, aber es ist ein gutes Zubrot. Bislang habe ich alle Medikamente ohne gr\u00f6\u00dfere Nebenwirkungen vertragen, kassiert, daf\u00fcr nicht leiden m\u00fcssen. In Summe kann ich sagen: Ich bin gerne Proband.<\/p>\n<p>Gerade bin ich wieder am Anfang eines neuen Auftrages, ein station\u00e4rer Aufenthalt ist erforderlich. Das ist mir sogar lieber als ambulant, kann mich gut dort ausruhen \u2013 einfach rein ins frisch bezogene Bett und die Augen schlie\u00dfen, wenn ich will. Die Krankenschwester gibt mir mein Medikament: vier blaue Pillen Oral-Turinabol. Sie hat die Packung in der linken Hand \u2013 darauf ist als Hersteller VEB Jenapharm verzeichnet. Mir kommt der Name der Pillen bekannt vor, den habe ich schon wo geh\u00f6rt, und VEB Jenapharm, soll VEB etwa volkseigener Betrieb hei\u00dfen? DDR? Ja, DDR! Diesmal erhalte ich 2.800 Euro f\u00fcr zehn Tage, mit der Chance auf Verl\u00e4ngerung \u2013 in einem anderen Krankenhaus, aber es ist dasselbe Programm. In meinem Brotjob als freier Grafiker bin ich in einer Sackgasse, niemand will mehr etwas von mir. Das hei\u00dft: Ich bin auf dieses Geld angewiesen.<\/p>\n<p>Nach vier Stunden kommt die Krankenschwester wieder: noch einmal vier Pillen. \u201eIst das nicht ein bisschen viel?\u201c, frage ich sie. \u201eWenn wir etwas daf\u00fcr zahlen, gibt\u00b4s die Dr\u00f6hnung\u201c, antwortet sie. Was soll ich dagegen sagen, bin ich in der Position dazu? Mehr oder weniger bin ich jemand, der seinen K\u00f6rper verkauft. Im jetzigen Fall f\u00fcr einen guten Lohn, daher bin ich mucksm\u00e4uschenstill.<\/p>\n<p>Unmittelbare Nebenwirkungen stelle ich keine fest, au\u00dfer dass ich ziemlich speedig bin, ich f\u00fchle mich getrieben. Das \u00e4rztliche Personal und die Krankenschwestern sind anfangs mit mir zufrieden. Nach zehn Tagen sp\u00fcre ich jedoch den Turbo in mir ziemlich stark, ich bin aggressiv, in meinem Gesicht entwickelt sich Akne, wie damals als ich noch jugendlich war. Diese Nebenwirkungen sind anscheinend nicht im Sinn des Auftraggebers, daher findet keine Verl\u00e4ngerung statt. Ich werfe mir vor, mich dumm angestellt zu haben. Ich h\u00e4tte flunkern sollen, sage ich zu mir selbst. Nein, es ist schon in Ordnung, meine ich nach l\u00e4ngerem Nachdenken. Man hat meine Aggression doch sicherlich bemerkt, ja, und die Akne ist ja klar sichtbar, da h\u00e4tte ich doch gar nichts verheimlichen k\u00f6nnen.<\/p>\n<p>Jetzt erhole ich mich einmal, ein paar Tage, dann bin ich wieder im Dienst.<\/p>\n<p>Gefordert ist ein station\u00e4rer Aufenthalt von sieben Tagen, abzuleisten in einem kleineren Krankenhaus in einer Bezirksstadt, zirka f\u00fcnfundvierzig Kilometer von meinem Wohnort entfernt, in n\u00f6rdlicher Richtung. F\u00fcr mich ist das kein Problem, ganz im Gegenteil, es ist eine gute Verdienstm\u00f6glichkeit, es gibt 1.950 Euro f\u00fcr den Auftrag.<\/p>\n<p>Diesmal hei\u00dft das Medikament Clenbuterol, die Packung ist wei\u00df-rot-blau, wie die franz\u00f6sische Fahne, die Tabletten sind wei\u00df. Hinter dem Markennamen steht 40. \u201eUrspr\u00fcnglich ist das ein Asthma-Medikament\u201c, erkl\u00e4rt mir die Krankenschwester, \u201eaber es hat einen weiten Anwendungsbereich.\u201c Sie verabreicht mir morgens, mittags und abends je drei Tabletten. Nach der ersten Einnahme halte ich es f\u00fcr Zufall, nach der zweiten denke ich, es k\u00f6nnte etwas dran sein, und nach der dritten Einnahme, abends, bin ich mir fast ganz sicher: Von den Clenbuterol-Tabletten sinkt meine Laune auf den Nullpunkt. Richtig mies aufgelegt werde ich davon.<\/p>\n<p>Ich teile das auch der Krankenschwester, die f\u00fcr die Nachtschicht eingeteilt ist, mit. Sie meint aber nur: \u201eGlauben Sie denn nicht, dass Ihnen irgendeine Laus \u00fcber die Leber gelaufen ist?\u201c Das medizinische Personal m\u00f6chte, dass die Medikamente hochwirksam und bestens vertr\u00e4glich sind. Widerrede wollen sie keine h\u00f6ren.<\/p>\n<p>Am dritten Tag will ich mir aus dem Kaffeeautomaten einer Nachbarstation einen Kaffee ziehen. Eine junge Frau steht vor ihm, der Kaffeeautomat macht Ger\u00e4usche, der Kunststoffbecher f\u00fcllt sich. Sie zieht ihn heraus.<\/p>\n<p>Da f\u00e4llt es mir auf: Ich kenne diese Frau! Bei meiner Testserie mit Oral-Turinabol war sie auch in dem dortigen Krankenhaus anwesend gewesen. \u201eHey du, bist du auch Probandin?\u201c, frage ich ganz direkt. \u201eBin ich, ja, und ich mache das schon ziemlich lange\u201c, sagt sie mit tiefer Stimme. Sie sieht mich direkt an, und ich bemerke ihren Bartschatten und starke Akne im Gesicht. Ihre Hand, die den Kaffeebecher h\u00e4lt, zittert.<\/p>\n<p>Sie muss fr\u00fcher sehr h\u00fcbsch gewesen sein, hat wohl \u00e4hnlich ausgesehen wie Simonetta Vespucci, die sch\u00f6nste Frau von Florenz im Rinascimento. Jetzt ist sie la bella Simonetta in der H\u00f6lle.<\/p>\n<p style=\"text-align: right;\">Johannes Tosin<\/p>\n<p style=\"text-align: right;\">www.verdichtet.at | Kategorie: <a href=\"http:\/\/www.verdichtet.at\/?page_id=972\">\u00e4rgstens<\/a> | Inventarnummer: 16121<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Eigentlich kann man ja nicht viel \u00f6fter als drei Mal pro Jahr als Proband fungieren. Weil f\u00fcr die meisten klinischen Studien zwischendurch Wartezeiten gefordert werden, damit sich der K\u00f6rper regenerieren kann, nehme ich an. Ich aber bin in vielen Krankenh\u00e4usern und medizinischen Einrichtungen von Pharmafirmen t\u00e4tig. 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