{"id":50,"date":"2013-11-23T16:36:08","date_gmt":"2013-11-23T16:36:08","guid":{"rendered":"http:\/\/www.verdichtet.at\/?p=50"},"modified":"2014-03-25T16:08:55","modified_gmt":"2014-03-25T16:08:55","slug":"50","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.verdichtet.at\/?p=50","title":{"rendered":"Willensst\u00e4rke. \u00dcbermut. Fall?"},"content":{"rendered":"<div class=\"pdfprnt-buttons pdfprnt-buttons-post pdfprnt-top-right\"><a href=\"https:\/\/www.verdichtet.at\/index.php?rest_route=wpv2posts50&print=pdf\" class=\"pdfprnt-button pdfprnt-button-pdf\" target=\"_blank\"><\/a><a href=\"https:\/\/www.verdichtet.at\/index.php?rest_route=wpv2posts50&print=print\" class=\"pdfprnt-button pdfprnt-button-print\" target=\"_blank\"><\/a><\/div><p>Von einem vorteilhaften Lauf der Dinge konnte nun wirklich nicht die Rede sein \u2013 Lisa sp\u00fcrte aber, dass sich manche der Verlegenheitsentscheidungen, in die sie vor nicht allzu langer Zeit gezwungen wurde, durchaus als n\u00fctzliche Ankn\u00fcpfungspunkte erweisen k\u00f6nnten. Die verhei\u00dfungsvolle Qualit\u00e4t dieser Gewissheit setzte sie aber auch unter Druck. Denn sie wusste: Es war nun ein Gebot der Stunde, nicht nur dieses positive Moment zu internalisieren, sondern auch die bewusste Steuerung dieses Prozesses nicht \u00fcberzustrapazieren.<\/p>\n<p>Drei Monate wohnte Lisa nun schon in Wien. Diese Zeit hatte sie sich erkauft, indem sie das Angebot ihrer Eltern, in den gastronomischen Familienbetrieb einzusteigen, nicht begeistert aufgegriffen und sich in weiterer Folge in eine Selbstfindungsphase in der Bundeshauptstadt hineinreden lie\u00df. Dass sich diese Entscheidung so gar nicht danach anf\u00fchlte, als erf\u00fclle sie einen wichtigen Part in ihrer ganz pers\u00f6nlichen Lebensplanung, hinderte sie nicht daran, mit vorauseilendem Gehorsam an die Sache heranzugehen. Damit unterminierte sie unwillentlich den Freiraum, den ihr ihre Eltern ganz bewusst zugestehen wollten.<\/p>\n<p>Ohne Plan und Ergebnisorientierung hatte sie schon nach wenigen Tagen Unmengen an Studienpl\u00e4nen und Anmeldeformularen gesammelt \u2013 um nicht in die Verlegenheit zu kommen, sich selbst Unt\u00e4tigkeit vorwerfen zu m\u00fcssen. Dabei z\u00f6gerte sie durch die Unverbindlichkeit dieser Ma\u00dfnahmen fundamentale Fragestellungen ihres zuk\u00fcnftigen Lebensweges hinaus. In den Lehrveranstaltungen, die sie besuchte, versuchte sie wie besessen den jeweiligen Anforderungen von Anfang an auf Punkt und Beistrich zu entsprechen \u2013 ohne zu wissen, wof\u00fcr ihr das einmal helfen sollte. Diese eindimensionale Wissensakkumulation wirkte wie eine Art Schleier, der sich \u00fcber jene Bereiche ihres Naturells legte, die \u00fcber selbstbestimmte Initiative und zwischenmenschliche Charakterbildung in einer neuen studentischen Identit\u00e4t aufgehen h\u00e4tten k\u00f6nnen.<\/p>\n<p>Die Bedingung, sich in der Gruppe auf ein Seminar vorzubereiten, war f\u00fcr Lisa anfangs immer ein Grund, die Veranstaltung vorzeitig abzuschreiben. Als sie merkte, dass sich das nicht vermeiden lie\u00df, wenn sie ernsthaft mit dem Studium beginnen wollte, z\u00f6gerte sie nicht, sich auf diese potenzielle Bedrohung einzustellen. Dabei war ihr beim ersten Zusammentreffen mit den Kollegen vor allem aufgefallen, wie gleichg\u00fcltig diese ihren Mangel an Selbstdisziplin und Sachorientierung hinnahmen. Einzig der offensichtlich aus Deutschland stammende Tim dr\u00e4ngte beil\u00e4ufig darauf, einen Zeit- und Arbeitsplan zu entwickeln. Er schien dabei weder mit sich selbst noch mit den Begleitumst\u00e4nden der Besprechungssituation besch\u00e4ftigt zu sein. Das gefiel Lisa sehr.<\/p>\n<p>Sich nicht nur in ihrer kargen Einzimmerwohnung im zehnten Bezirk sondern auch in einem der majest\u00e4tischen Parks oder einem der zahlreichen Cafeh\u00e4user in Wien ihrer Literatur widmen zu k\u00f6nnen, verschaffte Lisa die Best\u00e4tigung und Genugtuung, dass sie ihre akribische Lernmoral nun auch an die neuen Lebensumst\u00e4nde angepasst hatte. Niemals h\u00e4tte sie es jedoch zugelassen, sich von den Reizen der neuartigen Umgebung \u00fcberw\u00e4ltigen und von dem selbst auferlegten Arbeitspensum ablenken zu lassen.<\/p>\n<p>Als der Winter unerwartet fr\u00fch \u00fcber Wien hereinbrach, hatte sich Lisa bereits entschieden, zun\u00e4chst auf das Studium der Anglistik zu setzen. Das hie\u00df auch, dass sie die bereits begonnene Gruppenarbeit weiterf\u00fchren w\u00fcrde m\u00fcssen. Dieser versuchte sie offensiv entgegenzutreten und in Tim hatte sie auch einen Arbeitspartner gefunden, der als einziger die Bereitschaft andeutete, Anstrengung in das gemeinsame Projekt zu legen. Und weil das nicht die Regel war, hatte Lisa ein gro\u00dfes Interesse daf\u00fcr entwickelt, was Tim dazu veranlasste, sich so in den Dienst der Sache zu stellen. Selbiges galt \u00fcbrigens auch f\u00fcr Tim: Er fragte sich, wie Lisa es schaffte, ihre Pers\u00f6nlichkeit einem Arbeitsauftrag derart unterzuordnen.<\/p>\n<p>Keiner der beiden wagte sich aus der Deckung, als es zum wiederholten Male an ihren Schultern h\u00e4ngen blieb, die Textabschnitte der Kollegen in eine koh\u00e4rente Arbeit zu verpacken. Dass die Sacharbeit derartig viel Aufmerksamkeit verlangte, dass gar keine Zeit blieb, um auf Andeutungen pers\u00f6nlicher Natur einzugehen, war beiden ganz recht. Die Erkenntnis, dass auch unvorhersehbare Entwicklungen beherrschbar sind und nicht nur ein Weg zum Ziel f\u00fchrt, hatte Lisa mittlerweile aber neue Luft zum Atmen verschafft.<\/p>\n<p>Die Pr\u00e4sentation des Gruppenprojektes, das die deutliche Handschrift von Lisa und Tim trug, verlief zufriedenstellend. Angesichts ihrer urspr\u00fcnglichen Scheu war Lisa sogar etwas stolz darauf, dass sie neben der permanenten Auseinandersetzung mit den eigenen \u00c4ngsten zumindest in Ans\u00e4tzen den Verlauf der fachlichen Diskussion im Auge behalten konnte. Als sie nach getaner Arbeit die R\u00e4umlichkeiten des Anglistik-Instituts verlie\u00df, war Lisa weniger erleichtert denn motiviert, auf dieser noch nicht ann\u00e4hernd optimalen Performance aufzubauen.<\/p>\n<p>Instinktiv sp\u00fcrte sie, dass es ihr gutt\u00e4te, wenn sie sich f\u00fcr diesen ersten Teilerfolg belohnen w\u00fcrde. Anstatt zu Hause an ihrem Englisch zu feilen, verabredete sie sich mit einer ehemaligen Schulkollegin zum Kino. Auch wenn sie das gegen die entgangenen Lerneinheiten aufrechnete, zahlte sich das echt aus. Die Intensit\u00e4t des Films bescherte ihr eine Wissensvermittlung viel emotionalerer Natur als sie das in den letzten Wochen gewohnt war. Er lieferte auch gen\u00fcgend Gespr\u00e4chsstoff f\u00fcr die Nachbereitung mit ihrer Freundin in einem G\u00fcrtellokal. Und weil der pochende Sound der Location um die Ecke zu verlockend war, klang der Abend recht intensiv aus. Das Bett sah Lisa erst um 4.30 Uhr.<\/p>\n<p>Als sich Lisa kurz vor Mittag ins Badezimmer schleppte und \u2013 sich ihrer t\u00e4glichen Selbstgespr\u00e4chsdosis hingebend \u2013 merkte, dass sich das Timbre ihrer Stimme veritabel nach unten verlagert hatte, bescherte ihr das v\u00f6llig unerwartete Gl\u00fccksmomente. Sie war k\u00f6rperlich auch bald wieder soweit hergestellt, dass sie wie selbstverst\u00e4ndlich nach dem Mittagskaffee den Gang in die Bibliothek antrat. Weil dort am Samstag kaum Betrieb herrschte, konnte sie sich voll auf eines der von ihr bearbeiteten Werke konzentrieren. Dass sie nicht das fand, wonach sie suchte, tangierte sie kaum. Als sie gerade dabei war, am Kopierger\u00e4t zu hantieren, sp\u00fcrte sie einen forschen Rempler zwischen ihren Schulterbl\u00e4ttern. Drei ihrer begrenzt motivierten Gruppenkollegen schienen sich einen Riesenspa\u00df daraus zu machen, die zuf\u00e4llige Begegnung zu nutzen und auf Lisa zuzugehen. Ohne dar\u00fcber nachzudenken, versuchte sie das k\u00f6rpersprachlich zu goutieren. Es \u00fcberraschte sie nicht, dass die Konversation von der Abendgestaltung bestimmt wurde. Sehr wohl \u00fcberraschte sie aber, dass sie das Angebot, die Clique am Abend zu treffen, prompt annahm.<\/p>\n<p>Schon 15 Minuten vor dem vereinbarten Termin fand sich Lisa am Treffpunkt Museumsquartier ein und staunte \u00fcber die inspirierende Atmosph\u00e4re des Kulturzentrums, das in den Wintermonaten von unz\u00e4hligen K\u00fcnstlergruppen und provisorisch errichteten Verpflegungsstellen belebt wird. Deshalb stie\u00df es ihr dann weniger sauer auf, dass sie \u00fcber eine geschlagene Stunde auf ihre Universit\u00e4tskollegen warten musste. Schon w\u00e4hrend man sich mit einem Punsch aufw\u00e4rmte, d\u00e4mmerte es Lisa, dass sich hinter den vermeintlichen Lernmuffeln spannende Pers\u00f6nlichkeiten verbargen. Dass sich auch ihre Bekanntschaften erstaunt dar\u00fcber zeigten, was Lisa langsam von sich preiszugeben begann, versetzte sie endg\u00fcltig in ein Hochgef\u00fchl. Dieses konnte sie dann im nahegelegenen Club ausleben. Es wurde getrunken \u2013 und getanzt. Als sie kurz davor war, sich in dem Soundteppich zu verlieren, sp\u00fcrte sie die Vibration ihres Smartphones in der Hosentasche. Als sie Tims Nummer auf dem Display sah, hielt sie kurz inne, steckte das Handy dann aber schnell wieder weg. Sie widmete sich wieder der sich anbahnenden Ekstase \u2013 und rief nie zur\u00fcck.<\/p>\n<p style=\"text-align: right;\">Nico Lajev<\/p>\n<p style=\"text-align: right;\">www.verdichtet.at | Kategorie: <a href=\"http:\/\/www.verdichtet.at\/?page_id=428\">think it over<\/a> | Inventarnummer: 13036<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Von einem vorteilhaften Lauf der Dinge konnte nun wirklich nicht die Rede sein \u2013 Lisa sp\u00fcrte aber, dass sich manche der Verlegenheitsentscheidungen, in die sie vor nicht allzu langer Zeit gezwungen wurde, durchaus als n\u00fctzliche Ankn\u00fcpfungspunkte erweisen k\u00f6nnten. Die verhei\u00dfungsvolle Qualit\u00e4t dieser Gewissheit setzte sie aber auch unter Druck. 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