{"id":4911,"date":"2016-08-26T06:57:45","date_gmt":"2016-08-26T06:57:45","guid":{"rendered":"http:\/\/www.verdichtet.at\/?p=4911"},"modified":"2016-09-26T10:34:59","modified_gmt":"2016-09-26T10:34:59","slug":"der-froschkuesser","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.verdichtet.at\/?p=4911","title":{"rendered":"Der Froschk\u00fcsser"},"content":{"rendered":"<div class=\"pdfprnt-buttons pdfprnt-buttons-post pdfprnt-top-right\"><a href=\"https:\/\/www.verdichtet.at\/index.php?rest_route=wpv2posts4911&print=pdf\" class=\"pdfprnt-button pdfprnt-button-pdf\" target=\"_blank\"><\/a><a href=\"https:\/\/www.verdichtet.at\/index.php?rest_route=wpv2posts4911&print=print\" class=\"pdfprnt-button pdfprnt-button-print\" target=\"_blank\"><\/a><\/div><p>Ich, Igor Kushkurow, wurde heute von einem Tier angefallen.<br \/>\nVon meiner Mutter zu dieser T\u00e4tigkeit verdonnert, reinigte ich den Skimmer des riesigen Schwimmteiches meiner Familie. Meine Familie ist reich, also hat der Teich solche Dimensionen, dass mein Vater, Vladimir Kushkurow, ohne Weiteres einen Schwarzrussischen Adlerwal darin halten k\u00f6nnte und anzunehmenderweise auch w\u00fcrde, h\u00e4tte er die Zeit, sich der Erziehung dieses Wesens zu widmen. Ein Adlerwal ist n\u00e4mlich ein \u00fcberaus st\u00f6rrisches Tier, das gut abgerichtet werden muss, damit es davon absieht, sich aus dem Wasser in die L\u00fcfte zu erheben und unter der schwarzrussischen Bev\u00f6lkerung gr\u00e4sslich zu marodieren.<\/p>\n<p>Mein Vater Vladimir ist ein vielbesch\u00e4ftigter Mann. Als oberster Kontrolleur der Ausfuhr von Schwarzrussischen Diamantrosinen hat er es zu betr\u00e4chtlichem Wohlstand gebracht. Der Export von Diamantrosinen ist in meiner sch\u00f6nen Heimat dem Staat vorbehalten, wie auch der von Schwarzrussischen Eulenhamstern, welcher ebenfalls von meinem Vater \u00fcberwacht wird. Eulenhamster sind nachtaktive Nagetiere mit vier Zahnreihen. Sie geraten schnell in Harnisch, was angesichts ihres Lebendgewichts von acht Kilogramm f\u00fcr Menschen letal ausgehen kann. F\u00fcr ihre bevorzugten Beutetiere, Schwarzrussische Kuheulen, harmlose Flugkreaturen, die sich von Gras ern\u00e4hren, das sie wiederk\u00e4uen, enden Begegnungen mit den Hamstern stets t\u00f6dlich.<\/p>\n<p>Da mein Vater die Ausfuhr dieser beiden \u00fcberaus seltenen und aus diesem Grund h\u00f6chst wertvollen G\u00fcter kontrolliert, darf es nicht verwundern, dass er steinreich ist. Meine Familie lebt in einem Palast, der in der N\u00e4he des Zentrums der schwarzrussischen Hauptstadt gelegen ist. Das Haupthaus ist zwar dem franz\u00f6sischen Schloss Versailles nachempfunden, doch ist es dreimal so gro\u00df. In dieser bescheidenen Behausung lebe ich mit meinen Eltern und meiner Gro\u00dfmutter. Meine Mutter ist, das darf ich so sagen, meine beste Freundin, und ihre Mutter meine zweitbeste. Als Einzelkind hatte ich das gro\u00dfe Gl\u00fcck, die ungeteilte Aufmerksamkeit dieser beiden Frauen zu erhalten.<\/p>\n<p>Als ich einmal schlecht in der Schule war, verbannte mich meine Mutter f\u00fcr ganze drei Wochen in mein Lernzimmer. Meine Noten besserten sich zwar nicht, doch fiel meiner Gro\u00dfmutter auf, dass ich jedes Mal, wenn ich das Zimmer verlie\u00df, dies l\u00e4chelnd und mit gel\u00f6stem Gesichtsausdruck machte. Eines Tages durchsuchte sie das Zimmer und fand meinen Schatz. Sie \u00fcbermalte in allen vierundneunzig Zeitschriften die deutlich sichtbaren und oft in Nahaufnahme abgelichteten Geschlechtsteile der Frauen mit schwarzer Tinte bester schwarzrussischer Provenienz und Permanenz, doch sah sie davon ab, die Teile der abgebildeten M\u00e4nner ebenfalls zu \u00fcbermalen.<br \/>\nSchlagartig besserten sich meine Noten, und ich wurde an der Staatlichen Schwarzrussischen Kunstakademie als Student zugelassen.<\/p>\n<p>Erst studierte ich Film, denn ich hatte den Plan, ein gro\u00dfer Regisseur zu werden. Da ich mich schon immer f\u00fcr das Thema Paarung interessierte, reichte ich ein Filmprojekt f\u00fcr die Jahrespr\u00e4sentation ein, welches die Paarung eines Schwarzrussischen Raupenebers mit einem Exemplar der Gattung Schwarzrussischer Seidenrammler allen Professoren und Studenten anschaulich machen sollte. Erst ging alles gut, doch als der Rammler den Spie\u00df umdrehte und den Eber zu begatten begann, wobei er ebenso r\u00fcde wie stellungskreativ ans Werk ging, hielt ich auch diese Szene mit der Kamera fest. Ich hatte irrt\u00fcmlich zwei m\u00e4nnliche Exemplare zusammengebracht, doch ma\u00df ich diesem Umstand keine gro\u00dfe Bedeutung bei. Mein Professor daf\u00fcr umso mehr, denn als der zweite Teil meines Films im gro\u00dfen Filmsaal der Akademie \u00fcber die Leinwand flimmerte, begann der Lehrer zu br\u00fcllen und warf mich aus seinem Studiengang.<br \/>\nEin gro\u00dfz\u00fcgiges Entschuldigungsschreiben meiner Mutter lie\u00df den Rektor der Hochschule erkennen, dass meine wahre Berufung in der Malerei und Bildhauerei lag, und so wurde ich bildender K\u00fcnstler.<\/p>\n<p>Mit meinem neuen Professor \u00fcberwarf ich mich bald, da er meine \u00fcberragende k\u00fcnstlerische Begabung nicht erkennen konnte, und sie folglich auch nicht zu w\u00fcrdigen wusste.<br \/>\nMeine Mutter erlaubte mir daraufhin, in einem Nebentrakt unseres Zuhauses ein ger\u00e4umiges Atelier einzurichten und stattete mich dankenswerterweise mit etwas Geld aus. Meine Gro\u00dfmutter wollte mich ebenfalls unterst\u00fctzen und beauftragte mich, sie in \u00d6l zu portr\u00e4tieren. Tagelang beobachtete ich sie, dann hatte ich das perfekte Sujet f\u00fcr eine realistische Darstellung der alten Frau.<\/p>\n<p>Der Zufall wollte es, dass ich mein Gem\u00e4lde an dem Tag vollendete, an dem ein Ball im Wohnsaal meiner Familie stattfand. Alle wichtigen Menschen Schwarzrusslands waren anwesend, als mein Vater mich auf die B\u00fchne holte und mich als gro\u00dfen K\u00fcnstler vorstellte. Dann bat er meine Gro\u00dfmutter, das Bild, das au\u00dfer mir niemand zu Gesicht bekommen hatte, zu enth\u00fcllen. Mir war zwar etwas mulmig zumute, doch da ich ein gro\u00dfer K\u00fcnstler war, hielt ich dieses Gef\u00fchl f\u00fcr die Angst vor dem gro\u00dfen Erfolg. Meine Gro\u00dfmutter zog das schwarze Tuch vom Bild und fiel in Ohnmacht. Mein Vater wurde puterrot und bald \u00fcbert\u00f6nte sein Gebr\u00fcll das durch die Menge gehende Raunen. Meine Gem\u00e4lde zeigte meine Gro\u00dfmutter im Badezimmer, und zwar mit allen Attributen einer nackten sechsundachtzigj\u00e4hrigen Frau vor dem Spiegel. Auf dem Rand ihres goldenen Waschbeckens lag ihr schneewei\u00dfes Gebiss, daneben stand eine soeben geleerte Flasche Schnaps. Ihr zahnloser Mund formulierte einige h\u00f6chst unfl\u00e4tige Worte, welche ich mit dem sch\u00f6nen Stilmittel der Sprechblase anschaulich gemacht hatte.<br \/>\nDrei Wochen nach diesem k\u00fcnstlerischen Eklat, der es bis ins Staatliche Schwarzrussische Fernsehen geschafft hatte, sprach meine Mutter wieder mit mir und erkl\u00e4rte meine gro\u00dfe Karriere als Maler f\u00fcr beendet. Sie wies mich an, Bildhauer zu werden.<\/p>\n<p>Ich besorgte mir einen riesigen Block Marmor und machte mich an die Arbeit. Ich h\u00e4mmerte, mei\u00dfelte, schabte und am Ende polierte ich. Dann orderte ich einen Kran, der mein Kunstwerk aufrichten sollte. Meine Eltern waren mit meiner Gro\u00dfmutter auf Urlaub, und am Tag ihrer R\u00fcckkehr stand mein f\u00fcnfzehn Meter hohes Meisterwerk auf dem Rasen vor unserem Palast. Die schwarze Limousine meines Vaters fuhr vor. Er sprang aus dem Fond, blickte auf mein Werk, rieb sich die Augen, blickte ein weiteres Mal auf die Skulptur, dann begann er zu br\u00fcllen. Dass ich nicht ganz dicht w\u00e4re, h\u00e4tte er geahnt, aber nun h\u00e4tte er den Beweis f\u00fcr meine v\u00f6llige Verr\u00fccktheit und Infantilit\u00e4t. Dann lief er in den Palast.<\/p>\n<p>Meine Mutter und meine Gro\u00dfmutter betrachteten mein Werk und konnten nicht verstehen, warum mein Vater so b\u00f6se geworden war. Also schlenderten sie zu einem H\u00fcgel auf unserem sch\u00f6nen Anwesen, wo meine Gro\u00dfmutter in Ohnmacht fiel. Meine Mutter betrachtete mein Werk erst verst\u00e4ndnislos, doch bald erkannte sie, was sich da vor ihrer bescheidenen Bleibe entphallte. Sie lief zu mir und machte mir schwere Vorhaltungen. Ich h\u00e4tte meine Familie in der ganzen Stadt unm\u00f6glich gemacht, schrie sie. In diesem Augenblick fuhr die Karosse des Vizeministers f\u00fcr die moralische Ordnung in Schwarzrussland vor, und der hohe Politiker bezeichnete mich als schlimmen Finger. Ich protestierte lautstark, pochte auf die Freiheit der Kunst, doch es half nichts. Mein m\u00e4chtiger Phallus wurde von einem rasch angeforderten Kran zum Liegen gebracht, noch bevor ich eine Wasserleitung zu meinem Kunstwerk hatte legen k\u00f6nnen. Ich hatte n\u00e4mlich vorgehabt, Wasser in meinem Meisterwerk hochzupumpen, sodass eine Font\u00e4ne aus dessen Spitze geschossen w\u00e4re.<\/p>\n<p>Nach diesem Vorfall wurde ich von meiner Mutter zum Hausmeister ohne k\u00fcnstlerischen Aufgabenbereich ernannt.<br \/>\nIch bin f\u00fcr die Instandhaltung unseres Palastes zust\u00e4ndig. Ich sauge, schraube, kehre, bohre, poliere und wische feucht auf. Dar\u00fcber hinaus darf ich mich um den imposanten Fuhrpark meines Vaters k\u00fcmmern. Au\u00dferdem obliegt mir die ehrenhafte Aufgabe, den Skimmer des Schwimmteiches zu reinigen, und das dreimal t\u00e4glich.<br \/>\nHeute befand sich nicht blo\u00df Schlamm im Sieb, sondern eine Kreatur von einiger H\u00e4sslichkeit und Gef\u00e4hrlichkeit, n\u00e4mlich ein Schwarzrussischer Kleinkarierter Habichtsfrosch. Sofort war ich mir der Gefahr bewusst, in der ich schwebte. Habichtsfr\u00f6sche haben \u00fcberaus scharfe Schn\u00e4bel, und ihre Zehen sind mit Krallen bewehrt, die einem Menschen schwere Verletzungen zuf\u00fcgen k\u00f6nnen.<br \/>\nIch lief in die am Teich gelegene Badevilla meiner Mutter und holte ein Paar Handschuhe aus dem Leder einer Schwarzrussischen Steppenbergziege, welches sich durch ein hohes Ma\u00df an Robustheit auszeichnet.<\/p>\n<p>So ausger\u00fcstet, hob ich das Sieb aus der Halterung und fing den drei Kilogramm schweren adulten Habichtsfrosch ein. Da die Kreatur helle Federn auf ihren Antriebsfl\u00fcgeln hatte, wusste ich, dass es sich um ein weibliches Exemplar handelte. Es sah mich aus gro\u00dfen Augen an, dann begann es abwechselnd zu quaken und zu kreischen. Ich war unschl\u00fcssig, wie ich mich verhalten sollte, also hielt ich den Frosch so, dass er mich nicht verletzen konnte, und k\u00fcsste ihn in der Hoffnung, dass er sich in eine sch\u00f6ne Frau verwandeln w\u00fcrde.<\/p>\n<p>Pl\u00f6tzlich ert\u00f6nte hinter mir ohrenbet\u00e4ubendes Gebr\u00fcll. Ich wandte mich um und sah meinen Vater, der den Kuss offensichtlich beobachtet hatte. Mein Erzeuger stattete mich mit dem Wissen aus, dass es sich bei mir um einen gleicherma\u00dfen postpubert\u00e4ren wie pr\u00e4senilen Tagedieb handelte, der der v\u00f6lligen \u00dcbergeschnapptheit anheimgefallen w\u00e4re.<br \/>\nDer Frosch, der die Tirade mith\u00f6ren hatte m\u00fcssen, blickte mich mitleidig an. Ich k\u00fcsste ihn ein zweites Mal und lie\u00df ihn sanft ins Wasser zur\u00fcckgleiten. Mein Vater offerierte gerade, mir schon noch Manieren beizubringen, da begann das Wasser des Teiches zu brodeln, und eine wundersch\u00f6ne nackte Frau entstieg dem Nass. Sie kam auf mich zu, k\u00fcsste mich und f\u00fchrte mich an der Hand in mein Schlafgemach, wo sie sich auf eine Art und Weise gerierte, dass ich f\u00fcrchte, meine Gro\u00dfmutter w\u00fcrde auf der Stelle das Zeitliche segnen, erf\u00fchre sie von diesen Unmanierlichkeiten.<\/p>\n<p>Seit heute bin ich also in einer Beziehung. Meine Freundin ist, das darf ich kundtun, ein sehr ehrlicher und direkter Mensch. Wenn sie mir etwas mitteilen m\u00f6chte, dann quakt sie, und wenn ihr etwas missf\u00e4llt, kreischt sie.<\/p>\n<p style=\"text-align: right;\">Michael Timoschek<\/p>\n<p style=\"text-align: right;\">www.verdichtet.at | Kategorie: <span style=\"color: #000000;\"><a href=\"http:\/\/www.verdichtet.at\/?page_id=3714\">fantastiques<\/a><\/span> | Inventarnummer: 16101<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Ich, Igor Kushkurow, wurde heute von einem Tier angefallen. Von meiner Mutter zu dieser T\u00e4tigkeit verdonnert, reinigte ich den Skimmer des riesigen Schwimmteiches meiner Familie. 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