{"id":4895,"date":"2016-08-22T16:13:38","date_gmt":"2016-08-22T16:13:38","guid":{"rendered":"http:\/\/www.verdichtet.at\/?p=4895"},"modified":"2016-08-24T05:58:17","modified_gmt":"2016-08-24T05:58:17","slug":"computersprache","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.verdichtet.at\/?p=4895","title":{"rendered":"Computersprache"},"content":{"rendered":"<div class=\"pdfprnt-buttons pdfprnt-buttons-post pdfprnt-top-right\"><a href=\"https:\/\/www.verdichtet.at\/index.php?rest_route=wpv2posts4895&print=pdf\" class=\"pdfprnt-button pdfprnt-button-pdf\" target=\"_blank\"><\/a><a href=\"https:\/\/www.verdichtet.at\/index.php?rest_route=wpv2posts4895&print=print\" class=\"pdfprnt-button pdfprnt-button-print\" target=\"_blank\"><\/a><\/div><p><strong>\u00a0<\/strong><em>Zu Besuch<\/em><\/p>\n<p>\u201eUnd, hilft er wenigstens im Haushalt mit?\u201c Birgit seufzt. Diese Frage stellt ihr jeder, seit sie mit Arif einen 16-j\u00e4hrigen syrischen Fl\u00fcchtling bei sich aufgenommen hat. Die Skepsis, die ihr entgegenschl\u00e4gt, kommt von allen Seiten. Von ihrer eigenen Familie erf\u00e4hrt sie diese genauso wie von Arbeitskollegen oder Nachbarn.<\/p>\n<p>Am Anfang war der Tenor zu ihrem Engagement noch sehr positiv, aber nachdem sich die Medienberichterstattung seit den Ereignissen in der K\u00f6lner Silvesternacht im Jahr 2015 v\u00f6llig gewandelt hatte, ist nicht mehr viel \u00fcbrig geblieben von der N\u00e4chstenliebe und dem sozialen Denken.<\/p>\n<p>\u201eHast du nichts von dem M\u00e4dchen geh\u00f6rt, das von einem Fl\u00fcchtling vergewaltigt und danach erschlagen wurde? Hast du keine Angst, dass dir das auch passieren k\u00f6nnte?\u201c<\/p>\n<p>Nicht alle Geschichten, die erz\u00e4hlt werden, sind Vorurteile oder L\u00fcgen. Manches davon ist auch wahr. Aber Birgit hat keine Angst. Sie braucht Arif nur in die Augen zu sehen, um zu wissen, dass in ihm eine gute Seele steckt.\u00a0 Sie glaubt nicht daran, dass ihr Arif jemals eine Falle stellen k\u00f6nnte.<\/p>\n<p>\u201eNein, er hilft nicht mit im Haushalt. Er sitzt die meiste Zeit herum und starrt auf sein Handy. Sein einziger Freund ist zwei Stunden entfernt von uns in Wien. Arif sitzt dagegen bei mir in einem Vorort von Linz fest und hat den ganzen Tag nichts zu tun\u201c, sagt Birgit.<\/p>\n<p>Die junge Mutter ist stets ehrlich, wenn die Familie sie nach Arif fragt. Nur bei den Menschen, die sie auf der Stra\u00dfe auf ihren Hausgast ansprechen, zuckt sie auf solche Fragen lediglich mit den Schultern.<\/p>\n<p>\u201eJa lernt er denn kein Deutsch?\u201c<br \/>\n\u201eDer n\u00e4chste freie Kurs ist im Herbst.\u201c<br \/>\n\u201eSpielt er mit deinen Kindern?\u201c<br \/>\n\u201eEher selten. Er ist sehr nach innen gekehrt.\u201c<br \/>\n\u201eDas macht dir keine Sorgen?\u201c<br \/>\n\u201eNein. Er hat viel durchgemacht. Man muss ihm Zeit geben.\u201c<br \/>\n\u201eSchreibt er auf Arabisch?\u201c<br \/>\n\u201eJa, das ist seine Muttersprache.\u201c<\/p>\n<p>Die Fragen enden schnell. Die Familienmitglieder tauschen ein paar sorgenvolle Blicke untereinander aus. Das Thema wird gewechselt. Niemand will Birgit ihr Engagement ausreden, aber Bewunderung erntet sie daf\u00fcr auch keine. Die Skepsis bleibt.<\/p>\n<p><em>Zu Hause<\/em><\/p>\n<p>Arif sitzt in seinem Zimmer und schreibt mit seinem Freund Hassan Nachrichten am Smartphone hin und her. Hassan erz\u00e4hlt ihm, dass er gestern im Park Fu\u00dfballspielen war mit anderen Buben aus Syrien. Sie hatten daf\u00fcr endlich einen echten, runden Ball verwendet und keine selbstgefertigte Kugel, die sie aus alten Lebensmittelkartons gebastelt hatten. Es hat Spa\u00df gemacht, schreibt Hassan. Arif l\u00e4chelt. Er freut sich f\u00fcr seinen Freund, den er vergangene Woche in Wien besuchen war. Birgit f\u00e4hrt alle zwei Wochen mit ihm nach Wien, damit sich die beiden treffen k\u00f6nnen. Arif ist ihr daf\u00fcr unendlich dankbar.<\/p>\n<p>Hassan ist sein einziger Freund aus Syrien. Er hat es ebenfalls bis nach \u00d6sterreich geschafft. Hassan ist die letzte Verbindung zu Arifs Heimat. Ohne Hassan w\u00e4re er ganz alleine auf dieser Welt. Mit Hassan spielte er schon, als sie beide noch ganz klein waren. Wenn Arif Hassan sieht, erinnert er sich an den Staub auf den Stra\u00dfen, den sie aufgewirbelt hatten, als sie Ball spielten. Oder\u00a0 an den s\u00fc\u00dfen Geruch von Kuchen, den sie gemeinsam aus dem Ofen von Hassans Gro\u00dfmama gestohlen hatten, kurz bevor er fertiggebacken war.<\/p>\n<p>Pl\u00f6tzlich st\u00fcrmt Birgits kleiner Sohn, der achtj\u00e4hrige Martin, ins Zimmer. Er \u00f6ffnet die T\u00fcr ungefragt. Arif zuckt zusammen. Sofort f\u00fchlt er sich zur\u00fcckversetzt in eine Stadt, die niedergebombt wurde. Nicht nur eine Rakete ist direkt im Nachbarhaus eingeschlagen. Arif hat viele Leichen gesehen. Und er hat st\u00e4ndig Angst, dass auch hier pl\u00f6tzlich eine Rakete neben ihm einschlagen k\u00f6nnte. Sein Trauma sitzt tief.<\/p>\n<p>\u201eArif, willst du mir helfen? Schau, was wir meine Tante geschenkt hat! Einen kleinen Computer zum Basteln!\u201c<\/p>\n<p>Martin versteht nicht, dass Arif seine Sprache nicht kann. Er spricht mit ihm trotzdem Deutsch, und Arif tut auch immer so, als w\u00fcrde er es verstehen. Er will den kleinen Buben nicht entt\u00e4uschen. Auch dieses Mal nicht. Doch als Arif dieses Mal aufblickt, beginnen seine Augen zu leuchten.<\/p>\n<p>Arif sieht, dass Martin einen kleinen Raspberry Pi in seinen H\u00e4nden h\u00e4lt. Der Raspberry Pi ist ein billiger Einplatinencomputer ohne Geh\u00e4use, von dem bereits mehr als sieben Millionen Ger\u00e4te weltweit verkauft worden sind \u2013 auch nach Syrien. Arif hatte vor ein paar Jahren auf dem Raspberry Pi das Programmieren gelernt. Es war der einzige Computer, den er je besessen hatte. Er bastelte damals auch selbst eine H\u00fclle f\u00fcr das Teil. Und lernte die Programmiersprache Python.<\/p>\n<p>Arif beugt sich zum kleinen Martin herab und nimmt ihm behutsam die Platine aus der Hand. Gemeinsam geht er mit dem Jungen in sein Zimmer, um sie dort f\u00fcr ihn zu verkabeln, am Bildschirm anzustecken, das Betriebssystem zu installieren und in Betrieb zu nehmen. Als der kleine Computer zu surren anf\u00e4ngt und l\u00e4uft, freut sich Martin und klatscht.<\/p>\n<p>\u201eJa, du hast es geschafft. Danke!\u201c<\/p>\n<p>Ein paar Stunden sp\u00e4ter sitzen die beiden noch immer gemeinsam vor dem Bildschirm. Arif hat damit begonnen, den Raspberry Pi mit einfachen Befehlen dazu zu bringen, Songs, die Martin gefallen, abzuspielen. Als Birgit das Zimmer betritt, sieht sie sofort, dass sich etwas ge\u00e4ndert hat. Bei Arif und Martin. Sie sieht Arifs Begeisterung, sein Strahlen in den Augen. Er blickt konzentriert auf den Bildschirm, und seine Finger bewegen sich blitzschnell \u00fcber die angeschlossene Tastatur. Sie sieht auch die Freude in Martins Augen und den Stolz auf ihren Hausgast.<\/p>\n<p>\u201eMama, Mama, Arif ist ein Computergenie! Er hat das neue Ger\u00e4t von Tante Greta zum Laufen gebracht. Und schau, es spielt Helene Fischer ab!\u201c<br \/>\n\u201eDas ist ganz toll, Martin.\u201c<\/p>\n<p>Arif schreibt Martin ein Programm, das ein einfaches Ping-Pong-Spiel mit dem Lieblingssong des Jungen sowie den Figuren aus dem offiziellen YouTube-Video kombiniert. Der kleine Bub umarmt ihn. Arif l\u00e4sst die N\u00e4he zu. Er zuckt nicht weg und er l\u00e4chelt. Es scheint ihm gutzutun. Noch nie zuvor hatte Birgit den syrischen jungen Mann l\u00e4cheln sehen, au\u00dfer wenn er mit seinem Freund Hassan gespielt hat. Die Mutter ist beeindruckt. Der zuvor so verloren wirkende 18-J\u00e4hrige bl\u00fcht dank des Computers regelrecht auf.<\/p>\n<p>Neben Arabisch beherrscht Arif also noch andere Sprachen flie\u00dfend. Sprachen, mit denen sie nicht gerechnet hatte. Programmiersprachen wie Python, HTML und Java.<\/p>\n<p>Birgit erkundigt sich im Dorf, ob jemand Arifs F\u00e4higkeiten gebrauchen kann. Dann w\u00fcrde sich Arif vielleicht ein wenig n\u00fctzlicher vorkommen, denkt sie. Und ihr Plan geht auf. Arif programmiert dem B\u00e4cker seine Webseite. Zum Dank bringt er jetzt jeden Morgen frische Croissants vorbei und winkt Arif zu. Arif winkt zur\u00fcck und l\u00e4chelt.<\/p>\n<p><em>Zu Besuch<\/em><\/p>\n<p>Als Birgit das n\u00e4chste Mal gefragt wird, ob \u201eihr Fl\u00fcchtling\u201c denn mittlerweile im Haushalt mithelfe, antwortet sie: \u201eNein, aber er programmiert meinem Sohn fast jeden Tag ein neues Spiel. Und dem B\u00e4cker die Webseite. Und dem Schuster hat er dabei geholfen, seinen Rechner neu aufzusetzen.\u201c<\/p>\n<p>Schweigen und Staunen. Keiner wei\u00df, was er darauf sagen soll.<\/p>\n<p>\u201eArif ist ein Computergenie\u201c, sagt Birgit. \u201eEr spricht viele Sprachen. Programmiersprachen. Aber auch sein Deutsch wird immer besser. Weil er den Drucker des Lehrers wieder zum Laufen gebracht hat, unterrichtet ihn dieser jetzt einmal pro Woche kostenlos. Er ist Arif so dankbar, weil er sich mit dem Ger\u00e4t davor schon seit Monaten herumge\u00e4rgert hat. Und Martin ist auch ganz begeistert. Er hilft Arif jetzt ebenfalls beim Deutschlernen. Danach darf er immer seine frisch programmierten Spiele auf dem Raspberry Pi spielen, den du ihm geschenkt hast, Greta.\u201c<\/p>\n<p>\u201eHoffentlich sind das keine Killer-Spiele?\u201c<br \/>\n\u201eDoch, eines hei\u00dft sogar &#8218;Fallen&#8216;, also, falls es um dein Englisch nicht so gut bestellt sein sollte, das hei\u00dft: &#8218;gefallen&#8216;. Da geht es darum, \u00e4ngstliche Tanten und Omas abzuschie\u00dfen. Das wolltet ihr doch h\u00f6ren, oder?\u201c<\/p>\n<p>Entsetzte Blicke und Stille.\u00a0 Birgit seufzt. Ihr Sarkasmus steigt automatisch mit dem Grad an Dummheit der anderen. Manche, denkt sich die junge Mutter, lernen&#8217;s einfach nie.<\/p>\n<p style=\"text-align: right;\">Barbara Wimmer<br \/>\n<a href=\"https:\/\/shroombab.at\/\" target=\"_blank\">https:\/\/shroombab.at<\/a><\/p>\n<p style=\"text-align: right;\">www.verdichtet.at | Kategorie: <a href=\"http:\/\/www.verdichtet.at\/?page_id=416\">es menschelt<\/a>\u00a0| Inventarnummer: 16100<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>\u00a0Zu Besuch \u201eUnd, hilft er wenigstens im Haushalt mit?\u201c Birgit seufzt. Diese Frage stellt ihr jeder, seit sie mit Arif einen 16-j\u00e4hrigen syrischen Fl\u00fcchtling bei sich aufgenommen hat. Die Skepsis, die ihr entgegenschl\u00e4gt, kommt von allen Seiten. Von ihrer eigenen Familie erf\u00e4hrt sie diese genauso wie von Arbeitskollegen oder Nachbarn. Am Anfang war der Tenor [&hellip;]<\/p>\n","protected":false},"author":4,"featured_media":0,"comment_status":"open","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[119],"tags":[11],"class_list":["post-4895","post","type-post","status-publish","format-standard","hentry","category-wimmer-barbara","tag-es-menschelt"],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/www.verdichtet.at\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/4895","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/www.verdichtet.at\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/www.verdichtet.at\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.verdichtet.at\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/users\/4"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.verdichtet.at\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcomments&post=4895"}],"version-history":[{"count":5,"href":"https:\/\/www.verdichtet.at\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/4895\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":4900,"href":"https:\/\/www.verdichtet.at\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/4895\/revisions\/4900"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/www.verdichtet.at\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fmedia&parent=4895"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.verdichtet.at\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcategories&post=4895"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.verdichtet.at\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Ftags&post=4895"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}