{"id":3727,"date":"2015-11-22T16:46:46","date_gmt":"2015-11-22T16:46:46","guid":{"rendered":"http:\/\/www.verdichtet.at\/?p=3727"},"modified":"2016-06-14T07:06:58","modified_gmt":"2016-06-14T07:06:58","slug":"life","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.verdichtet.at\/?p=3727","title":{"rendered":"Life, Teil 1"},"content":{"rendered":"<div class=\"pdfprnt-buttons pdfprnt-buttons-post pdfprnt-top-right\"><a href=\"https:\/\/www.verdichtet.at\/index.php?rest_route=wpv2posts3727&print=pdf\" class=\"pdfprnt-button pdfprnt-button-pdf\" target=\"_blank\"><\/a><a href=\"https:\/\/www.verdichtet.at\/index.php?rest_route=wpv2posts3727&print=print\" class=\"pdfprnt-button pdfprnt-button-print\" target=\"_blank\"><\/a><\/div><p><em>(inspired by TWD)<\/em><\/p>\n<p>Leere. Unendliche Leere. Das war alles, was sie in diesem Moment f\u00fchlte. Sara starrte auf die Wasseroberfl\u00e4che des Indoor-Pools, der sich vor ihren Augen \u00fcber das halbe Untergeschoss des verlassenen Einfamilienhauses erstreckte.<br \/>\nEs war still hier unten. Die anderen durchsuchten das Obergeschoss des Hauses nach Kleidung. Konserven. Waffen. Das Haus schien sicher zu sein. F\u00fcrs Erste. Sie hatten schon seit ein paar Stunden in Ruhe marschieren k\u00f6nnen. Sara ging in die Knie und lie\u00df eine Hand langsam durch das Wasser gleiten. Es war angenehm. Der Raum war friedlich. Das Wasser schlug leise gegen den Beckenrand.<\/p>\n<p>Das Haus wirkte noch fast bewohnt. Etwas unordentlich. Die Bewohner mussten bis vor Kurzem noch hier gewesen sein. Vielleicht hatten sie fl\u00fcchten k\u00f6nnen. Sara w\u00fcnschte es ihnen. Ohne sie je gekannt zu haben. Sie schloss die Augen, senkte den Kopf und atmete tief durch. Ein Schluchzen durchbrach ihre Atemz\u00fcge.<br \/>\nDieses Sterben war so sinnlos. Seit einem knappen Jahr war ihre Gruppe unterwegs und k\u00e4mpfte ums \u00dcberleben. Tag f\u00fcr Tag. Nacht f\u00fcr Nacht. Sie k\u00e4mpften gegen die Jahreszeiten, gegen wilde Tiere. Aber was viel schlimmer war: Sie mussten gegen andere Menschen k\u00e4mpfen.<br \/>\nDa waren jene, die ihre Vorr\u00e4te wollten. Und da waren die anderen. Die nicht mehr sie selbst waren. Seit der Virus ausgebrochen war. Die Menschen starben. Standen wieder auf und machten sich auf die Suche. Nach anderen Menschen. Die sie fressen konnten. Untote Kannibalen. Nicht vorstellbar &#8211; und doch war es Realit\u00e4t geworden.<br \/>\nDer Kern der Gruppe war seit Anbeginn der Apokalypse zusammen. Zu Beginn waren sie acht gewesen &#8211; Rick und Lori, Daryl, Carol und Sofia, Glenn, Luke und Sara. Sie waren der Seuche entronnen und schlossen sich zusammen. Alleine war die \u00dcberlebenschance gleich null. Drei von ihnen hatten es trotzdem nicht bis hierher geschafft.<br \/>\nDaf\u00fcr hatten sich andere der Gruppe angeschlossen. Momentan waren sie zehn Personen. Das Vertrauen innerhalb der Gemeinschaft musste gro\u00df sein, um das \u00dcberleben aller garantieren zu k\u00f6nnen. Wobei &#8211; eine Garantie gab es nie.<\/p>\n<p>Heute war ein schlechter Tag f\u00fcr Sara. Einer jener Tage, an denen selbst sie die Zukunft der Menschheit hinterfragte. Wo das alles hinf\u00fchren sollte. Was aus den \u00dcberlebenden werden sollte. Menschheit &#8230; Die Definition des Wortes musste wohl neu \u00fcberdacht werden.<br \/>\nSara war sonst immer diejenige, die die K\u00f6pfe der anderen wieder aufrichten konnte. Ihr Optimismus und ihre Fr\u00f6hlichkeit waren ihre Markenzeichen. Sie schien mit allen gut auszukommen, denn sie wusste, wie sie den Menschen begegnen musste. Es war eine Gabe, sich auf andere Menschen einstellen zu k\u00f6nnen &#8211; ohne sich dabei zu verstellen.<\/p>\n<p>Aber heute war es anders. Heute ben\u00f6tigte Sara jemanden, der ihr sagte, dass das alles nicht umsonst war. Dass es einen Sinn machte, in diesem Chaos weiterzuleben. Sie hing in einem Tal der Hoffnungslosigkeit fest. Vorgestern hatten sie wieder zwei aus ihrer Gemeinschaft verloren. Greg und Suzie waren gebissen worden. Das hie\u00df, dass sie selbst zu Monstern mutierten. Ein P\u00e4rchen, gerade mal Anfang 20.<br \/>\nSara erinnerte sich daran, wie sie in diesem Alter gewesen war. Es war noch nicht allzu lang her, nur ein paar Jahre. Und doch erschien es ihr wie eine Ewigkeit. Freitagabend mit Freunden ausgehen, ein romantisches Essen mit ihrem Freund, Heiligabend mit ihren Eltern und ihrem Bruder Luke.<br \/>\nIhre Eltern hatten das alles Gott sei Dank nicht mehr miterleben m\u00fcssen. Sie waren beide ein paar Monate vor dem Virusausbruch bei einem Autounfall gestorben.<\/p>\n<p>Luke hatte sie drei Monate, nachdem sich die Gruppe gemeinsam auf den Weg gemacht hatte, einen sicheren Ort zu finden, bei einem Angriff verloren. Er wollte sie sch\u00fctzen. Und fiel dabei den Bei\u00dfern in die Arme. Er konnte sich befreien, aber die Bisse, die er davongetragen hatte, lie\u00dfen der Gruppe keine Wahl.<br \/>\nSara konnte sich noch von ihm verabschieden. Sie hielt ihn im Arm, als Luke, ihr Bruder, ein Mensch, starb. Betete, dass seine Seele friedlich den Weg zu ihren Eltern finden w\u00fcrde. Sie hielt ihn so lange im Arm, bis sich der K\u00f6rper wieder zu regen begann.<br \/>\nDas war nicht mehr Luke. Sein K\u00f6rper, ja. Aber das, was Luke ausgemacht hatte, sein Wesen, war weg. Das war nur noch ein t\u00f6dlicher Virus, der sich leblose K\u00f6rper zu eigen machte, um sich weiter zu verbreiten.<br \/>\nRick wollte es tun. Doch Sara kam ihm zuvor. Sie griff mit Tr\u00e4nen im Gesicht nach ihrem Jagdmesser und rammte es ihrem Bruder in die Stirn. Es schien ihr in diesem Moment, dass sie sich das Messer in ihr eigenes Herz stie\u00df. Sein K\u00f6rper erschlaffte zum zweiten &#8211; und letzten &#8211; Mal.<br \/>\nEs konnten ihnen ganze K\u00f6rperteile fehlen, das war egal. Doch wenn das Gehirn zerst\u00f6rt wurde, war das auch f\u00fcr diese Kreaturen das Ende.<\/p>\n<p>Luke. Ihr Bruder. Er fehlte ihr. Sie waren immer eng verbunden gewesen. Er war ihr Held. Hatte auf sie aufgepasst. Die Tage nach seinem Tod waren es die anderen gewesen, die ihr Halt gegeben hatten. Die ihr Mut zugesprochen und sie besch\u00fctzt hatten.<br \/>\nFast jeder von ihnen hatte mittlerweile einen Verlust zu beklagen. Rick hatte seine Frau Lori verloren, Carol ihre Tochter Sofia. Daryl hatte auch seinen Bruder verloren, doch Merle war nie Teil ihrer Gemeinschaft gewesen.<\/p>\n<p>\u201eDen oberen Stock k\u00f6nnen wir verbarrikadieren. Wir bleiben heute hier\u201c, h\u00f6rte sie Rick dumpf im Obergeschoss rufen. Sara blinzelte geistesabwesend und starrte weiter in das Wasser.<br \/>\nPl\u00f6tzlich sp\u00fcrte sie eine angenehme N\u00e4sse, die ihren K\u00f6rper umschloss. Sie war in den Pool gefallen und trieb regungslos auf der Wasseroberfl\u00e4che. Sie betrachtete die Fliesen am Grund des Pools. Das Wasser lief in ihre Ohren. Egal. Sie hielt die Luft an.<br \/>\nEine seltsame Ruhe machte sich in ihrem K\u00f6rper und ihrem Geist breit. Wie in Trance h\u00f6rte sie ihrem eigenen Herz zu, wie es seinen Schlag verlangsamte. Das Wasser schlug sachte gegen ihren K\u00f6rper. Sara atmete langsam und gleichm\u00e4\u00dfig aus. Die Luftblasen stiegen links und rechts neben ihrem Gesicht hinauf zur Wasseroberfl\u00e4che.<br \/>\nSara war bewusst, dass sie sich bewegen musste, um Luft zu holen. Aber sie schaffte es nicht. Sie war m\u00fcde. Die Glieder schmerzten von den tagelangen M\u00e4rschen und N\u00e4chten auf hartem Beton oder unwegsamem Gel\u00e4nde. Es war angenehm, leicht, im Wasser zu treiben. Sie war ruhig. Hatte nach wie vor nicht wieder eingeatmet.<br \/>\nLangsam merkte sie, wie der Atemreflex versuchte, wieder einzusetzen. Ein paar Mal tief unter Wasser einatmen, dann w\u00e4re es vorbei. Der ganze Schmerz, die Erinnerungen, das Leid. Alles w\u00e4re vergessen. Aber f\u00fcr die anderen w\u00e4re es nicht vorbei.<br \/>\nSie w\u00fcrde zur\u00fcckkehren. Vielleicht w\u00fcrde sie jemanden aus der Gruppe erwischen, bevor sie jemand t\u00f6ten konnte. Die j\u00fcngsten Neuzug\u00e4nge waren noch nicht so trainiert in ihrer Verteidigung. Sie hatten sich monatelang in einer Firmenkantine verschanzt, bis sie von Rick und Glenn gefunden wurden.<\/p>\n<p>Sara wusste, wie schwer es f\u00fcr jeden einzelnen war, ein Mitglied der Gemeinschaft an die Bei\u00dfer zu verlieren. Auch wenn das Wesen, das get\u00f6tet werden musste, nichts mehr mit dem urspr\u00fcnglichen Menschen gemein hatte. Die meisten interpretierten das Notwendige mit Mord.<br \/>\nMord in der Familie. Sie w\u00fcrde mit dieser Aktion einen aus der Gruppe dazu zwingen, wieder morden zu m\u00fcssen. Das konnte sie nicht zulassen.<br \/>\nDa war er, der \u00dcberlebenswille. Sara versuchte sich m\u00fchevoll zu drehen, konnte sich aber nicht bewegen. Ihre Kleidung war mit Wasser vollgesogen und zog sie unter die Oberfl\u00e4che. Ihre Arme klatschten auf das Wasser, um sich aufzurichten, aber sie schaffte es nicht.<\/p>\n<p>Da bemerkte sie einen Schatten, kurz darauf sprang jemand neben ihr ins Wasser. Die Welle trug sie in die entgegengesetzte Richtung. F\u00fcr einen Augenblick kam ihr Kopf \u00fcber Wasser, sie konnte kurz einatmen und gurgelte etwas Unverst\u00e4ndliches.<br \/>\nWenn es ein Bei\u00dfer war, musste sie weg. Sie versuchte zu schwimmen, kam aber nicht vom Fleck. Jemand packte sie an der Schulter und drehte sie mit Gewalt um. Sara holte tief Luft. Sie hatte bereits Wasser geschluckt und hustete es wieder aus.<br \/>\nEin starker Arm umfasste ihre Taille von hinten. \u201eAtme, Sara! Verdammt Sara, atme!\u201c, rief ein Mann aufgebracht und schwamm mit ihr die wenigen Meter bis zu den Eingangsstufen des Pools.<br \/>\nSie atmete ein paar Mal tief durch. Dann fing sie hemmungslos an zu weinen. Es war kein Bei\u00dfer. Sie lehnte ihren Kopf gegen die Schulter ihres Retters. Ihre Sinne waren benebelt, sie erkannte ihn nicht.<br \/>\nEr setzte sich auf die oberste Stufe und hielt sie fest. Sara lehnte ersch\u00f6pft zwischen seinen Beinen auf der Stufe unterhalb. \u201eIch wollte &#8230; ich konnte nicht &#8230; ich bin so &#8230; m\u00fcde &#8230;\u201c, murmelte sie verzweifelt. \u201eShhh\u201c, sagte er leise und nahm seinen zweiten Arm zu Hilfe, um sie besser zu st\u00fctzen.<br \/>\nEs \u00fcberkam sie wieder ein Hustenanfall und sie erbrach Wasser. \u201eGut so, raus damit\u201c, sagte er ruhig und wiegte sie leicht hin und her. Sie st\u00f6hnte auf st\u00fctzte sich auf seinen Knien ab, um sich richtig auf die Stufe zu setzen.<\/p>\n<p>Ihre Arme zitterten, sie brachte selbst kaum die Kraft auf. Er schien zu merken, was sie vorhatte, und half ihr. \u201eIch konnte es nicht &#8230;\u201c, sagte sie wieder und schluchzte auf. \u201eWas?\u201c, fragte er leise.<br \/>\nSie richtete sich auf und versuchte sich zu beruhigen. \u201eEs beenden. Ich h\u00e4tte jemanden von euch erwischen k\u00f6nnen. Bevor ihr mich get\u00f6tet h\u00e4ttet. Das h\u00e4tte ich mir nie verzeihen k\u00f6nnen. Auch wenn ich dann nicht mehr ich selbst bin\u201c, antwortete sie. Sara rieb sich die Augen, die vom Chlor brannten.<br \/>\n\u201eKleiner Tipp am Rande: Besorg dir eine eigene Pistole. Ein Schuss. In den Kopf. Zwei Fliegen mit einer Klappe. Du bist tot und wir haben keine Arbeit. Aber glaub blo\u00df nicht, wir h\u00e4tten uns von deiner ersoffenen Bei\u00dferleiche erwischen lassen.<br \/>\nKannst dich doch sowieso nicht anschleichen. Ich h\u00e4tte dich auf zehn Meter Entfernung geh\u00f6rt\u201c, erkl\u00e4rte er trocken.<\/p>\n<p>Sara musste l\u00e4cheln. Zu so einer Antwort war nur einer f\u00e4hig. Am Beckenrand sah sie seine Armbrust auf den Fliesen liegen. Sie drehte sich um und sah Daryl.<br \/>\n\u201eHi\u201c, sagte er leise und nickte ihr leicht zu. \u201eHi\u201c, fl\u00fcsterte sie. \u201eIch h\u00e4tte dich get\u00f6tet. Das wei\u00dft du, oder\u201c, meinte er und sah ihr in die Augen. Seine Worte mussten einem Au\u00dfenstehenden kalt und emotionslos erscheinen. Doch sie wusste, wie er es meinte.<br \/>\n\u201eJa\u201c, erwiderte sie mit zitternder Stimme. \u201eIch h\u00e4tte es gehasst. Aber ich h\u00e4tte es getan\u201c, erkl\u00e4rte Daryl. Saras Mundwinkel zuckten. Sie wollte nicht wieder weinen. Sie nickte kurz und heftig. \u201eIch wei\u00df. Du willst niemanden mehr verlieren\u201c, sagte sie und atmete tief durch.<\/p>\n<p>Er nahm ihr Gesicht in beide H\u00e4nde. \u201eIch will niemanden mehr verlieren\u201c, wiederholte er ruhig Saras Worte. Sein Blick wirkte besorgt. \u201eIch &#8230; Die Gruppe darf dich nicht verlieren\u201c, erg\u00e4nzte er.<br \/>\nSara hielt kurz die Luft an und blinzelte. Wassertropfen liefen \u00fcber ihr Gesicht und vermischten sich mit den Tr\u00e4nen auf ihren Wangen.<br \/>\nSie sah ihn fragend an und zog die Augenbrauen zusammen. Hatte er gerade \u201eIch darf dich nicht verlieren\u201c, sagen wollen? \u201eSara. Codename Sunshine. Wenn wir dich sehen, sch\u00f6pfen wir neuen Lebensmut. Trotz der ganzen Schei\u00dfe hier. Die Sonne geht auf. Sara sagt, es wird ein sch\u00f6ner Tag. Wir erledigen Bei\u00dfer. Sara hofft auf ihren Seelenfrieden. Vogelbabys fallen aus ihrem Nest. Sara setzt sie wieder zur\u00fcck. Ich w\u00fcrde das Federvieh nicht mal sehen. Und alles passiert mit einem L\u00e4cheln auf den Lippen\u201c, erkl\u00e4rte er sanft. Er blickte kurz auf ihre gleichm\u00e4\u00dfig geformten Lippen und fuhr mit einem Daumen kurz dar\u00fcber, um die Wassertropfen darauf wegzuwischen.<\/p>\n<p>Es tat ihm weh, sie leiden zu sehen. Sie hatte sich seit ihrem ersten Aufeinandertreffen stark ver\u00e4ndert. Sie hing damals an ihrem Bruder, lie\u00df ihm den Vortritt, stand in seinem Schatten. Luke war in Ordnung gewesen, hatte sich um sie gek\u00fcmmert.<br \/>\nAber er hatte nie versucht, Sara aus dieser passiven Rolle herauszuholen. Sie war stark. Ein Fels in der Brandung. Sie war optimistisch. Sie sah in jedem das Gute, lie\u00df sich aber nicht blenden.<br \/>\nMit Hilfe ihrer Menschenkenntnis hatte Rick schon einige Male die im Nachhinein betrachtet richtige Entscheidung f\u00fcr die Gruppe treffen k\u00f6nnen, als sie auf andere \u00dcberlebende trafen. Sie wusste, wie Daryl tickte, und akzeptierte ihn, wie er war. Sie konnte Geheimnisse bewahren, die sonst niemand wusste. Das mochte er an ihr.<br \/>\nDie letzten Monate war sie ihm ans Herz gewachsen. Er zeigte seine Gef\u00fchle nicht offen, das hatte er nie gelernt. Schon gar nicht Frauen gegen\u00fcber. Er war ohne Mutter oder Schwester gro\u00df geworden. Daf\u00fcr mit einem Vater, der trank und seinen Bruder und ihn misshandelt hatte.<br \/>\nDiese Gruppe war das, was einer Familie am n\u00e4chsten kam, selbst als sein Bruder noch lebte. Merle hatte sich mit den falschen Leuten umgeben. Als ihn die Bei\u00dfer erwischten, beendete Daryl sein Dasein. So hatten sie beide, Daryl und Sara, ihre Br\u00fcder verloren &#8211; get\u00f6tet mit ihren eigenen H\u00e4nden.<\/p>\n<p>Sara war durcheinander. Sie wusste, dass Daryl ein zynischer Einzelg\u00e4nger war. Innen drin jedoch genauso verletzbar wie alle anderen. Aber diese Seite zeigte er so gut wie nie. Sie verlangte es auch nicht oder manipulierte ihn dazu, sie zu zeigen. Das letzte Mal war es aus ihm herausgebrochen, als er Merle get\u00f6tet hatte.<br \/>\n\u201eKeine Ahnung, wie du das immer schaffst, aber es ist cool\u201c, fl\u00fcsterte er und l\u00e4chelte leicht. Das kam auch nicht oft vor bei ihm. Aber wenn es jemand schaffte, dann war es Sara. \u201ePass auf dich auf und bleib bei uns. OK?\u201c, fragte er und sah ihr fordernd in die Augen.<br \/>\nSie nickte leicht und sah nach unten. Er gab ihr einen br\u00fcderlichen Kuss auf die Stirn. Wie er es schon oft getan hatte. Aber diesmal war es anders. Er hielt kurz inne und wanderte dann langsam ihr Gesicht entlang, seine Nasenspitze streifte ihre Wange.<br \/>\nSara schloss die Augen. Trotz der nassen Kleidung war ihr nicht kalt. Sie sp\u00fcrte ebenfalls, dass die Stimmung anders war als sonst. Sie mochte Daryl. Vor der Apokalypse w\u00e4ren sie sich wahrscheinlich nie begegnet.<br \/>\nEr war ehrlich und geradlinig. Er akzeptierte Rick als Chef der Gruppe und stand ihm loyal zur Seite. Er achtete auf die Schw\u00e4cheren der Gruppe. Sie wusste, dass jeder Verlust auch innerlich an ihm nagte.<br \/>\nSie sp\u00fcrte seinen Atem auf ihrem Mund und merkte, dass er z\u00f6gerte, sie zu k\u00fcssen. Sie \u00f6ffnete kurz ihre Augen und sah direkt in seine. Sein Blick wechselte immer wieder kurz zu ihrem Mund.<\/p>\n<p>Er sp\u00fcrte eine seltsame Unruhe in seiner Brust, sein Hals schien sich zu verengen. Etwas hielt ihn zur\u00fcck, sich die letzten Zentimeter vorzubeugen.<br \/>\nAuch Sara hatte den Wunsch, ihn zu k\u00fcssen. Aber sie wollte nicht, dass ihre Beziehung sich dadurch ver\u00e4nderte. Sie mussten sich aufeinander verlassen k\u00f6nnen, Beziehungsstress konnte sich in diesen Zeiten niemand leisten.<br \/>\nSie streckte sich ihm entgegen und k\u00fcsste ihn leicht auf seine Wange. Dann umarmte sie ihn und dr\u00fcckte ihn so eng an sich, wie es ihre geschw\u00e4chten Arme zulie\u00dfen. Daryl vergrub seinen Kopf in ihrer Halsbeuge, schloss die Augen und streichelte ihren R\u00fccken.<br \/>\nSie genoss seine Ber\u00fchrung, seine warmen H\u00e4nde strahlten durch die feuchte Kleidung auf ihre Haut. Auch er empfand ihre Umarmung als angenehm, beruhigend, in einer gewissen Art sogar besch\u00fctzend.<br \/>\nSaras Kopf war wie leergefegt. Keine schwerm\u00fctigen Gedanken. Nur dieser Moment. Diese Umarmung. So langsam ihr Herz kurze Zeit zuvor noch geschlagen hatte, so kr\u00e4ftig und schnell pulsierte es in diesem Augenblick. Ja. Sie war am Leben. Und sie wollte leben. Weiterleben. Mit Daryl und den anderen. Ihrer Familie.<\/p>\n<p>Nach einer gef\u00fchlten Ewigkeit trennten sie sich voneinander. Sie sah ihn an und merkte, wie er sich wieder verschloss. Er sah an ihr vorbei Richtung Treppenhaus, sein K\u00f6rper spannte sich an und er ging auf Abstand. Sie nahm es ihm nicht \u00fcbel. Sie h\u00f6rte die zwei Neuen die Treppe hinunterpoltern und stand vorsichtig auf.<\/p>\n<p>\u201eWas zum Teufel ist denn hier passiert?\u201c, rief Alex neugierig und blieb am anderen Ende des Pools gemeinsam mit Andy stehen. \u201eIch wollte mich umbringen und hab mich ins Wasser gest\u00fcrzt. Daryl hat mich wieder rausgezogen\u201c, erkl\u00e4rte Sara ruhig und sah die beiden an. Daryl sa\u00df noch immer hinter ihr und beobachtete die zwei Burschen still.<br \/>\n\u201eKomm schon, Sunshine. Rede keinen Bl\u00f6dsinn. Wieso solltest du dich umbringen wollen?\u201c, fragte Andy und sch\u00fcttelte den Kopf. Sara senkte kurz den Kopf und drehte sich leicht zu Daryl. \u201eDa sagt man mal die Wahrheit und es glaubt einem keiner\u201c, murmelte sie. Daryl verzog den Mund, um ein Grinsen zu unterdr\u00fccken, und stand ebenfalls auf.<br \/>\n\u201eDann gib\u2019s halt zu, Sara\u201c, begann Daryl und r\u00e4usperte sich. \u201eSie ist \u00fcber ihre eigenen Beine gestolpert, ausgerutscht und reingefallen. Ich hab sie rausgezogen\u201c, erkl\u00e4rte Daryl in seiner ernsten Art. Die alternative Begr\u00fcndung erschien den beiden glaubhafter.<\/p>\n<p>Alex und Andy machten sich \u00fcber Sara lustig. Sara stieg langsam an Daryl vorbei aus dem Wasser und hielt sich dabei an seinem Oberarm fest. Einen Moment l\u00e4nger als notwendig verweilte ihre Hand an der Stelle, bevor sie weiterging. Daryl folgte ihr mit einigen Schritten Abstand und beobachtete sie.<br \/>\nSie war noch wackelig auf den Beinen, schien sich aber wieder beruhigt zu haben. Er \u00fcberlegte, ob er sie h\u00e4tte k\u00fcssen sollen. Obwohl: Dieser Moment hatte ihre Beziehung in jedem Fall ver\u00e4ndert. Irgendetwas war anders.<br \/>\nBei seiner Armbrust angekommen, hob Sara sie schwerf\u00e4llig auf und zielte in die Richtung der beiden Jungen. \u201eIhr macht euch jetzt mal n\u00fctzlich und sucht mir eine bequeme Schlafm\u00f6glichkeit da oben. Ich bin \u00e4lter, mir steht ein Bett zu. Oder zumindest eine Couch. Wenn es breit genug ist, teile ich auch. Ausnahmsweise. Macht schon, sonst jage ich euch Pfeile in den Hintern!\u201c, sagte sie gespielt streng und ging langsam auf Alex und Andy zu.<br \/>\n\u201eYes, Ma\u2018am!\u201c, riefen beide lachend und liefen zur\u00fcck zu den anderen, um ihnen Saras Missgeschick br\u00fchwarm zu erz\u00e4hlen. Und hoffentlich eine Schlafm\u00f6glichkeit zu reservieren. Sara drehte sich um und hielt Daryl die Armbrust hin. \u201eDu hast da was fallen lassen, Robin Hood\u201c, l\u00e4chelte sie ihn an. Er nahm ihr die Armbrust ab und schulterte sie.<\/p>\n<p>\u201eSehen wir zu, dass wir trockene Sachen auftreiben. Sonst krepieren wir an einer harmlosen Grippe und die anderen m\u00fcssen uns beide abknallen. So habe ich mir meinen Abgang nicht vorgestellt\u201c, sagte Daryl und deutete Richtung Stiegenaufgang.<br \/>\nSara nickte. \u201eDann w\u00e4re die ganze Aktion hier umsonst gewesen. Zumindest was mich angeht\u201c, sagte sie sarkastisch und ging voraus. Vor den ersten Stufen drehte sie sich noch einmal um. Er blieb ebenfalls stehen und sah sie fragend an.<br \/>\n\u201eAndererseits hast du seit Langem wieder mal sowas wie eine Dusche abbekommen. Ich finde, das war es wert\u201c, kicherte sie leise, zwinkerte ihm zu und ging dann langsam die Stufen hoch. Er sah ihr nach und grinste.<br \/>\nSie war immer noch dieselbe. Davon war er \u00fcberzeugt. Aber irgendetwas war anders \u2013 doch anders hie\u00df nicht zwingend schlechter. Das hatte sie ihn in den letzten Monaten gelehrt.<\/p>\n<p style=\"text-align: right;\">Petra Hechenberger<\/p>\n<p style=\"text-align: right;\">www.verdichtet.at | Kategorie: <a href=\"http:\/\/www.verdichtet.at\/?page_id=3714\">fantastiques<\/a> | Inventarnummer: 15155<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>(inspired by TWD) Leere. Unendliche Leere. Das war alles, was sie in diesem Moment f\u00fchlte. Sara starrte auf die Wasseroberfl\u00e4che des Indoor-Pools, der sich vor ihren Augen \u00fcber das halbe Untergeschoss des verlassenen Einfamilienhauses erstreckte. Es war still hier unten. Die anderen durchsuchten das Obergeschoss des Hauses nach Kleidung. Konserven. Waffen. 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