{"id":3205,"date":"2015-09-19T16:29:43","date_gmt":"2015-09-19T16:29:43","guid":{"rendered":"http:\/\/www.verdichtet.at\/?p=3205"},"modified":"2015-10-19T18:57:59","modified_gmt":"2015-10-19T18:57:59","slug":"von-muenze-und-zigarre-ii","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.verdichtet.at\/?p=3205","title":{"rendered":"Von M\u00fcnze und Zigarre II"},"content":{"rendered":"<div class=\"pdfprnt-buttons pdfprnt-buttons-post pdfprnt-top-right\"><a href=\"https:\/\/www.verdichtet.at\/index.php?rest_route=wpv2posts3205&print=pdf\" class=\"pdfprnt-button pdfprnt-button-pdf\" target=\"_blank\"><\/a><a href=\"https:\/\/www.verdichtet.at\/index.php?rest_route=wpv2posts3205&print=print\" class=\"pdfprnt-button pdfprnt-button-print\" target=\"_blank\"><\/a><\/div><p>Ein kaltes Nieseln wusch Wiens letzte Farben dessen Stra\u00dfen hinab, Stra\u00dfen, die ehemals gro\u00dfe Geister auf ihrem Weg zum Ruhm bewandert hatten, heute jedoch nirgendwo mehr hinf\u00fchrten. Kleinere Gestalten schlichen nun umher, die Nasen r\u00fcmpfend, pendelten sie rastlos zwischen den Geb\u00e4uden, um Unterschlupf in H\u00e4usern zu finden, deren Erbauer l\u00e4ngst vergessen waren.<\/p>\n<p>Manch einer war sicherlich an dem alten Keller vorbeigekommen, jenem jenseits des Praters, aus dem man an manch so grauem Tag manch einem Musikspiel lauschen konnte. Niemand aber h\u00e4tte jemals auch nur gewagt, einen Fu\u00df auf die hinabf\u00fchrenden Ziegelstiegen zu setzen, in ein Reich fernab von all den K\u00fcmmernissen dieser Stadt \u2013 ja so bescheiden war Wien -, dasselbe nun erf\u00fcllt war von goldenem Jazz:<\/p>\n<p>Ehemals der Schlupfwinkel einer amerikanischen Runde, die entweder den Weg in ihrer Trunkenheit nicht mehr gefunden hatte oder abger\u00fcstet war, nun die Herberge eines franz\u00f6sischen Stammtisches, der sich t\u00e4glich um die D\u00e4mmerungszeit dort einfand, um sich in der amerikanischen Idee von Wien, die beseelt von schrillen Trompetent\u00f6nen, einzulullen.<\/p>\n<p>Ursprung dieser Musik war eine sich immerw\u00e4hrend drehende Schallplatte, die ein Liebhaber des <i>schwarzen<\/i> Jazz vor der Besatzung von \u00dcbersee hatte mitgehen lassen. Dieselbe drehte und drehte sich, und noch ehe sie zu Ende gespielt war, hob ein kleines M\u00e4dchen mit einer Fliegerkappe auf dem Kopf \u2013 das es sich f\u00fcr ein Streichholz pro Wiederholung zur Aufgabe gemacht hatte \u2013 die Nadel und setzte sie behutsam am \u00e4u\u00dferen Rand der Platte ab, damit die Musik von vorne beginnen konnte und die Zeit niemals stillstand.<\/p>\n<p>\u2026. ein kurzes Scharren w\u00e4lzt sich aus dem Grammophon. F\u00fcr einen Moment scheint das Herz des Kellers aufh\u00f6ren zu schlagen. Und nach der m\u00e4chtigen Stille erklingt er wieder: Der Jazz. Und wieder. Und wieder \u2026<\/p>\n<p>Das M\u00e4dchen mit der Fliegerkappe hatte ein neues Streichholz verdient.<\/p>\n<p>Einem der Franzosen musste die gewissenhafte Arbeit des kleinen M\u00e4dchens aufgefallen sein, denn, sich aus seinem Qualm erhebend und seine \u00fcbrigen Kameraden verlassend, wankte er ihm entgegen \u2013 in die Mitte des k\u00fchlen Kellers mit den s\u00e4ftelnden W\u00e4nden, wo das dort aufgebaute Grammophon vor sich hin tr\u00e4llerte.<\/p>\n<p>\u201eDe tous mes disques, celui-ci est mon pr\u00e9f\u00e9r\u00e9\u201c, nuschelte er, den Blick zwischen dem M\u00e4dchen und der sich weiterdrehenden Platte pendelnd: \u201eTout Vienne devrait les entendre\u201c, meinte er mit wirbelnden H\u00e4nden: \u201eTout Vienne &#8211; enivr\u00e9!\u201c<\/p>\n<p>Das M\u00e4dchen mit der Fliegerkappe sah den angeregten Franzosen verdutzt an. Sie verstand kein Wort.<\/p>\n<p>Der trunkene Mann hingegen lachte, am\u00fcsierte sich und lallte weiter: \u201eTout Vienne peuvent aller se faire voir. Le jazz reste ici. Il est \u00e0 moi\u201c, &#8211; ver\u00e4chtlich blickte er zu den \u00dcbrigen hin\u00fcber-: \u201eMais ne le dis pas \u00e0 ceux-l\u00e0.\u201c<\/p>\n<p>\u201eMerci\u201c, erwiderte das M\u00e4dchen mit der Fliegerkappe. Es war das einzige Wort, das sie auf Franz\u00f6sisch kannte. Gerade eben war es ihr wieder eingefallen.<\/p>\n<p>Der Franzose fand dies unglaublich lustig, lachte laut und z\u00fcckte nach Abschwellen seines Lautpegels entz\u00fcckt eine Silberm\u00fcnze: \u201eRegarde, ma fille, c\u00b4est pour toi\u201c, sagte er und dr\u00fcckte dieselbe etwas ungeschickt in die kleine Hand des M\u00e4dchens: \u201eFais attention \u00e0 ne pas \u00eatre vol\u00e9e.\u201c<\/p>\n<p>Das M\u00e4dchen mit der Fliegerkappe be\u00e4ugte die im schummrigen Glanz der alten Lampen schimmernde M\u00fcnze und wiederholte \u00fcberrascht: \u201eMerci.\u201c<\/p>\n<p>Der Franzose l\u00e4chelte kurz und, als seine Kameraden nach ihm riefen, zog er friedlich ab.<\/p>\n<p>Das M\u00e4dchen mit der Fliegerkappe hingegen blieb vergn\u00fcgt sitzen \u2013 seine Augen leuchteten, die zierlichen Finger umwanden die M\u00fcnze, irgendwann hielt es sie an seine Brust. Mit einem Schlag gewann das wenige Silber an mehr Wert als all die Streichh\u00f6lzer, die das M\u00e4dchen mit der Fliegerkappe jemals verdient hatte. Bereits verga\u00df es, dass ihm noch zwei schuldig waren.<\/p>\n<p>Aber wozu auch dar\u00fcber weiterhin den Kopf zerbrechen?<\/p>\n<p>Silber! Echtes Silber!<\/p>\n<p>\u201eScher\u2018 dich jetzt fort. Ich habe keine Streichh\u00f6lzer mehr!\u201c, schimpfte jemand pl\u00f6tzlich lautstark hinter der Bar.<\/p>\n<p>Das M\u00e4dchen mit der Fliegerkappe fuhr unweigerlich zusammen. Die Silberm\u00fcnze fest in der einen Hand umschlossen, sprang es sodann von seinem Sitz und lief \u00fcber die Kellerstiegen hinaus ins kalte Wien.<\/p>\n<p><i>Wof\u00fcr alles ich die M\u00fcnze verwenden k\u00f6nnte \u2026<\/i>, \u00fcberlegte sich das M\u00e4dchen mit der Fliegerkappe, w\u00e4hrend es \u00fcber die weiten Stra\u00dfen spazierte. Vorbei an Schutthalden, Pl\u00e4tzen unaufger\u00e4umter Gewalten, kam es bis hin\u00fcber zum Prater.<\/p>\n<p><i>Die Aussicht mochte von dort oben toll gewesen sein<\/i>, stellte sich das M\u00e4dchen vor dem abgebrannten Riesenrad vor. Es erinnerte es an die Schallplatte aus dem alten Keller, blo\u00df, dass das hier sich nicht mehr drehte und drehte.<\/p>\n<p><i>Schade<\/i>, meinte es und zog weiter.<\/p>\n<p style=\"text-align: right;\">Tobias Vees<br \/>\n<a href=\"https:\/\/tobiasvees.wordpress.com\/\" target=\"_blank\">tobiasvees.wordpress.com<\/a><\/p>\n<p style=\"text-align: right;\">www.verdichtet.at |\u00a0Kategorie: <a href=\"http:\/\/www.verdichtet.at\/?page_id=3365\">anno<\/a> | Inventarnummer: 15109<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Ein kaltes Nieseln wusch Wiens letzte Farben dessen Stra\u00dfen hinab, Stra\u00dfen, die ehemals gro\u00dfe Geister auf ihrem Weg zum Ruhm bewandert hatten, heute jedoch nirgendwo mehr hinf\u00fchrten. 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