{"id":3091,"date":"2015-08-30T12:15:43","date_gmt":"2015-08-30T12:15:43","guid":{"rendered":"http:\/\/www.verdichtet.at\/?p=3091"},"modified":"2015-09-27T14:15:39","modified_gmt":"2015-09-27T14:15:39","slug":"titellos","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.verdichtet.at\/?p=3091","title":{"rendered":"Titellos"},"content":{"rendered":"<div class=\"pdfprnt-buttons pdfprnt-buttons-post pdfprnt-top-right\"><a href=\"https:\/\/www.verdichtet.at\/index.php?rest_route=wpv2posts3091&print=pdf\" class=\"pdfprnt-button pdfprnt-button-pdf\" target=\"_blank\"><\/a><a href=\"https:\/\/www.verdichtet.at\/index.php?rest_route=wpv2posts3091&print=print\" class=\"pdfprnt-button pdfprnt-button-print\" target=\"_blank\"><\/a><\/div><p>Das Dorf, von dem ich erz\u00e4hlen m\u00f6chte, ist kein besonderes.<\/p>\n<p>Man k\u00f6nnte es sogar als \u201eein wenig verschlafen\u201c bezeichnen, eingeschneit im Wandel der Zeit. Aber ich m\u00f6chte weniger \u00fcber das Dorf an sich berichten, sondern vielmehr \u00fcber die Kinder, die darin lebten. Es handelt sich dabei um ganz gew\u00f6hnliche Kinder, die vormittags in die Schule gingen und sich nachmittags drau\u00dfen auf dem Dorfplatz versammelten, um miteinander zu spielen.<\/p>\n<p>Die Geschichte begann an einem 1. Advent, als die Schulglocken l\u00e4uteten und die Kinder aus ihren Klassenr\u00e4umen st\u00fcrmten, um drau\u00dfen zu spielen, wie sie es jedes Mal taten. Der erste Schnee fiel vom Himmel herab und k\u00fcsste sacht die Wangen der Kinder, dass diese rot wurden, w\u00e4hrend das Lachen derselben den Platz mit einer herzlichen W\u00e4rme erf\u00fcllte.<\/p>\n<p>Alles war wie immer.<\/p>\n<p>Scheinbar \u2026<\/p>\n<p>Sie alle hatten es im ersten Moment gar nicht bemerkt, weder die aufmerksamen noch die unaufmerksamen, doch stand da wahrhaftig \u2013 mitten auf dem Dorfplatz \u2013 ein Klavier, schwarz und einsam im sanften Schneegest\u00f6ber. In seinem wei\u00dfen Umfeld, erschien es den Kindern einem dunklen Auge gleich. Ein Auge, das sie unheimlich anstarrte, wom\u00f6glich mit b\u00f6sen Absichten.<\/p>\n<p>Keines der Kinder wagte es, n\u00e4her heranzutreten \u2013 unruhiges Gemurmel ging umher, Gewisper und Gefl\u00fcster.<\/p>\n<p>Da trat ein kleiner Junge hinter dem Klavier hervor. Seine Haare waren schwarz wie das Holz des Instruments, seine Haut wei\u00df wie die Tasten. Er trug einen pelzigen Mantel, der bis hin auf den Boden fiel, und irgendetwas \u2013 so wirkte es auf die Kinder \u2013 schien ihn mit dem dunklen Auge zu verbinden. Tats\u00e4chlich setzte er sich auf den Hocker davor und begann zu spielen \u2026<\/p>\n<p>Zuerst langsam. Einzelne Noten \u2013 winzig und leise. Doch als sodann die kleinen Finger zu den tieferen Tasten liefen, brauste ein klingendkl\u00e4ngend Sturm jedweder T\u00f6ne aus dem Inneren des Klaviers \u2013 eine Melodie, abstrakt und ungest\u00fcm.<\/p>\n<p>Die Kinder ringsum f\u00fcrchteten sich vor dem, was sie da h\u00f6rten und sahen. Sie beschlossen daher, den fremden Jungen und sein schwarzes Monster in Ruhe zu lassen, und sich wieder dem eigenen Spiel zu widmen.<\/p>\n<p>Der Tag verstrich rasch und die Nacht zog \u00fcber das Dorf. Die Kinder verabschiedeten sich voneinander und gingen nach Hause \u2013 der unheimliche Junge klappte den Deckel \u00fcber seine Tasten und ging dorthin, wohin niemand wusste. Vielleicht sollte der Spuk am darauffolgenden Tag ein Ende haben und alles so sein wie immer \u2026<\/p>\n<p>Am n\u00e4chsten Morgen jedoch stand das Klavier an derselben Stelle und, nachdem die Kinder aus der Schule kamen, sa\u00df auch der unheimliche Junge wieder dort und spielte seine Melodie.<\/p>\n<p>Heute h\u00f6rte man sie friedfertiger.<\/p>\n<p>Dennoch lie\u00dfen die Kinder den Jungen in seiner grotesken Welt allein und spielten ihr Spiel in der eigenen.<\/p>\n<p>So verwehte die Zeit des Advents, ein Tag glich dem anderen, keine Ver\u00e4nderung zog einher \u2026<\/p>\n<p>Und dann war es endlich soweit: Die Sonne, am Morgen des 24. Dezembers, stieg empor, und die Kinder eilten auf den Dorfplatz, um die Zeit bis zu Heilig Abend ein letztes Mal miteinander zu verbringen. Heute war schon keine Schule mehr und darum \u2013 so erkl\u00e4rten es sich die Kinder \u2013 sa\u00df auch noch niemand beim schwarzen Klavier in ihrer Mitte.<\/p>\n<p>Vormittags war der unheimliche Junge nie da gewesen.<\/p>\n<p>Sie spielten, so herzhaft wie niemals zuvor, w\u00e4hrend Schnee von den seidenen Wolken herabfiel und das schwarze Klavier mit einer d\u00fcnnen Schicht \u00fcberzuckerte.<\/p>\n<p>Dann, als die Kirchenglocken zur Mittagsstunde l\u00e4uteten und die Kinder normalerweise Schulschluss h\u00e4tten, horchten alle auf.<\/p>\n<p>Und es begegnete ihnen die Stille. Eiskalte Stille.<\/p>\n<p>Unschl\u00fcssig h\u00f6rten die Kinder auf zu spielen und blickten hin\u00fcber zum Klavier. Doch kein kleiner Junge sa\u00df dort und spielte seine Melodie. Das dunkle Auge, das gar nicht mehr so dunkel schien, stand einsam und verlassen da, und sein Blick war traurig.<\/p>\n<p>Zumindest empfanden es die Kinder so. Sie alle schwiegen, befangen und besch\u00e4mt.<\/p>\n<p>Da trat eines aus ihren Reihen hervor und n\u00e4herte sich dem Instrument. Die anderen z\u00f6gerten zuerst, aber nach ein paar verstrichenen Augenblicken folgten einige, und gleich darauf alle, bis jedes Kind um das Klavier herum stand. Nach wie vor sagte niemand etwas. Und niemand getraute sich, eine der verschneiten Tasten niederzudr\u00fccken.<\/p>\n<p>Tr\u00e4nen glitzerten, der Schnee fiel unaufh\u00f6rlich, aber die Melodie kehrte nicht zur\u00fcck.<\/p>\n<p>Denn der Junge war fort.<\/p>\n<p>Da l\u00f6ste sich aus der Erinnerung ein Funken, der zu einem gewaltigen Feuer k\u00f6nnte auflodern, ein kleiner Funken, der gro\u00dfe Hoffnung in sich barg.<\/p>\n<p>Die Hoffnung, dass der Junge n\u00e4chstes Jahr wieder kam, um seine Melodie auf dem schwarzen Klavier zu spielen, und alles so war wie immer \u2026<\/p>\n<p style=\"text-align: right;\">Tobias Vees<br \/>\n<a href=\"https:\/\/tobiasvees.wordpress.com\/\" target=\"_blank\">tobiasvees.wordpress.com<\/a><\/p>\n<p style=\"text-align: right;\">www.verdichtet.at | Kategorie:\u00a0<a href=\"http:\/\/www.verdichtet.at\/?page_id=428\">think it over<\/a> | Inventarnummer: 15097<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Das Dorf, von dem ich erz\u00e4hlen m\u00f6chte, ist kein besonderes. 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