{"id":3041,"date":"2015-08-17T06:01:22","date_gmt":"2015-08-17T06:01:22","guid":{"rendered":"http:\/\/www.verdichtet.at\/?p=3041"},"modified":"2015-08-17T06:07:31","modified_gmt":"2015-08-17T06:07:31","slug":"jaeger-und-sammler","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.verdichtet.at\/?p=3041","title":{"rendered":"J\u00e4ger und Sammler"},"content":{"rendered":"<div class=\"pdfprnt-buttons pdfprnt-buttons-post pdfprnt-top-right\"><a href=\"https:\/\/www.verdichtet.at\/index.php?rest_route=wpv2posts3041&print=pdf\" class=\"pdfprnt-button pdfprnt-button-pdf\" target=\"_blank\"><\/a><a href=\"https:\/\/www.verdichtet.at\/index.php?rest_route=wpv2posts3041&print=print\" class=\"pdfprnt-button pdfprnt-button-print\" target=\"_blank\"><\/a><\/div><p>Herr Seidl hatte braunes, etwas sch\u00fctteres Haar, war nicht beleibt, aber auch nicht sportlich. Er trug seit gef\u00fchlten zwanzig Jahren dieselbe Hornbrille und hatte die Gl\u00e4ser ungef\u00e4hr ebenso lange nicht mehr gereinigt. Bei den Familien in seinem Wohnhaus war er als Pedant bekannt, die restlichen Nachbarn nahmen kaum Notiz von ihm. Seine Wohnung h\u00e4tte aus der Kulisse eines Heimatfilms stammen k\u00f6nnen. Auf der Kommode lag, akribisch drapiert, ein Spitzendeckchen seiner Gro\u00dfmutter, von dem er sich nicht trennen konnte. Auch sonst waren keine Bestrebungen zu erkennen, Farbe, vielleicht sogar ein lebendiges Wesen, oder zumindest eine Pflanze unterzubringen. Auff\u00e4llig auch die Abwesenheit jeglicher Urlaubserinnerungen: Diejenigen, die Herr Seidl als solche bezeichnen w\u00fcrde, stammten allesamt von Inlandsurlauben. Die weiteste jemals angetretene Reise hatte nach Caorle gef\u00fchrt, und auch das war noch in seiner Kindheit gewesen. Kurz und gut, er war der Stereotyp eines Stereotyps und wahrscheinlich ganz zufrieden damit.<\/p>\n<p>Herr Seidl geh\u00f6rte nicht zu den Ersten, die das Online-Kleinanzeigenportal benutzten. Er war generell kein gro\u00dfer Freund des Internets. Aber als der alte Sparefroh in mehreren Zeitungsartikeln davon gelesen hatte, setzte er sich eines Tages doch an seinen PC. Dieser reagierte auf das Dr\u00fccken der Einschalttaste mit so lautem Brummen, dass er sich fragte, warum das Ger\u00e4t nach wie vor unbeirrbar seinen Dienst versah. Bald schon war das Brummen seines Computers am Abend aber f\u00fcr ihn so selbstverst\u00e4ndlich geworden wie fr\u00fcher das Flimmern seines R\u00f6hrenfernsehers, und es sollte nicht das Einzige bleiben, was sich innerhalb seiner vier W\u00e4nde \u00e4nderte.<\/p>\n<p>Anstatt weiter auf einen Fernsehsessel zu sparen, erstand er einen gebrauchten und kaufte einen sch\u00f6nen \u00dcberwurf dazu. Als sein Wasserkocher an einem Samstag den Geist aufgab, hatte er binnen Minuten aus mehreren in seiner N\u00e4he angebotenen einen herausgefiltert, den er noch am selben Abend abholen konnte. Bereits am n\u00e4chsten Morgen bereitete er damit Tee zu, und das, obwohl er gar kein Teetrinker war. Seine Eink\u00e4ufe waren aber von Beginn an weniger notwendiger Natur, vielmehr betrachtete er die Habseligkeiten anderer als Freiwild und fand gro\u00dfen Gefallen an seinen Beutez\u00fcgen. In ihm war eine Leidenschaft geweckt worden, wenn auch eine eigenwillige.<\/p>\n<p>Herr Seidl war in seinem Leben nie sonderlich bestrebt, durch Leistung hervorzustechen, und sah auch keinen Grund dazu. Karriere zu machen lag ihm fern, und so f\u00fchlte er sich in seiner Arbeit bei der Beh\u00f6rde \u00e4u\u00dferst wohl. Sein Tagespensum konnte er dank jahrelanger Erfahrung ohne jegliche Form von Anstrengung erledigen. Die seltenen F\u00e4lle, bei denen seine Routine von unvorhergesehenen Vorkommnissen gest\u00f6rt wurde, reichten gerade aus, ihn davor zu bewahren, die Eint\u00f6nigkeit seiner T\u00e4tigkeit wahrzunehmen.<\/p>\n<p>Die Besch\u00e4ftigung mit dem Kleinanzeigenportal machte Herrn Seidl \u00fcberraschend aktiv, ein richtiger Trieb war in ihm ausgel\u00f6st worden. Zum gro\u00dfen Erstaunen seines Kollegen besuchte er seit Neuestem sogar selbst Unternehmen, anstatt, wie bisher f\u00fcr ihn \u00fcblich, darauf zu warten, dass deren Vertreter ihn im B\u00fcro besuchten. Nat\u00fcrlich wusste keiner von ihnen, dass nahe der Schokoladefabrik, deren Betriebsleiter dringend eine Genehmigung ben\u00f6tigte, Frau Frick gerade eine Stehlampe verkaufte. Auch Herr Seidl wusste nicht, dass ihr Gatte sich die Lampe eingebildet hatte, und sie, da die lang ersehnte Scheidung bevorstand, die verhasste Lampe nun mit allen Mitteln loswerden wollte und diese wahrscheinlich auch verschenkt h\u00e4tte.<\/p>\n<p>Herr Seidl erfuhr es auch nicht, denn er fragte nicht nach, warum die Objekte seiner Begierde verkauft wurden. Vielleicht sp\u00fcrte er auch, dass er es manchmal gar nicht wissen wollen w\u00fcrde, und so ruhte er in seinem Fernsehsessel, in dem vor wenigen Wochen noch jemand sanft entschlafen war, und betrachtete zufrieden das Ergebnis seiner urbanen Jagd.<\/p>\n<p>Die Verk\u00e4ufer waren f\u00fcr Herrn Seidl eine v\u00f6llig unverst\u00e4ndliche Spezies. Insbesondere dann, wenn diese quer durch die Stadt Habseligkeiten zu ihm nach Hause oder ins B\u00fcro transportierten, die sie zu einem Preis anboten, der nicht einmal f\u00fcr den Fahrschein in eine Richtung ausgereicht h\u00e4tte. Und dabei wussten sie noch nicht einmal, ob er ihnen die Waren \u00fcberhaupt abkaufen w\u00fcrde. Er fand dennoch Gefallen an seinen neuen Gesch\u00e4ftspartnern. Wahrscheinlich, weil er, abgesehen von seiner Arbeit, wenig Kontakt zur Umwelt hatte. Sicher auch, weil die Begegnungen immer von kurzer Dauer und ungezwungen waren.<\/p>\n<p>Bei seinen Streifz\u00fcgen lernte er die faszinierendsten Charaktere kennen. Wenn er seine Beute auf dem Heimweg in H\u00e4nden hielt, dachte er oft lange \u00fcber deren Vorbesitzer nach. Waren sie bed\u00fcrftig oder verm\u00f6gend? Was waren sie wohl von Beruf? Waren sie alleinstehend, hatten sie Familie? Herr Seidl war fasziniert, wie viel Interpretationsspielraum ein Blick ins Vorzimmer erlaubte. Manche waren freiz\u00fcgig und lie\u00dfen ihn bis ins Wohnzimmer, was viel Einblick in die jeweiligen Lebensumst\u00e4nde gew\u00e4hrte. Gerade die seiner Einsch\u00e4tzung nach wohlhabenderen Personen waren aber in der Regel sehr zugekn\u00f6pft. Dann war Herrn Seidls Jagdinstinkt am st\u00e4rksten ausgepr\u00e4gt. Einmal drehte er sich sogar wortlos um und hatte schon den Liftknopf gedr\u00fcckt, als der Verk\u00e4ufer im letzten Moment doch noch einen Preisnachlass anbot. Stolz trug er die \u201eNachttischlampe antik\u201c nach Hause und konnte vor Freude ob seines listigen Man\u00f6vers kaum einschlafen. Einer betagten Frau mit abgetragenen Kleidern in einem wenig einladenden Altbau wiederum gab er aus Absicht einen zu gro\u00dfen Geldschein. Er hatte l\u00e4ngst das Stiegenhaus verlassen, als sie aus dem Wohnzimmer zur\u00fcckkam, um ihm sein Wechselgeld auszuh\u00e4ndigen. Auf dem Heimweg fragte er sich, was ihn zu dieser Handlung bewogen hatte. Das Bl\u00e4ttern im soeben erstandenen Buch \u201eH\u00e4keln f\u00fcr Fortgeschrittene\u201c, seiner Ansicht nach das ideale Geburtstagsgeschenk f\u00fcr seine Mutter, lenkte ihn aber schnell von allzu philosophischen Fragen ab.<\/p>\n<p>Als die Eink\u00e4ufe zahlreicher wurden, beschloss Herr Seidl, das erste Mal selbst etwas \u00fcber das Kleinanzeigenportal zu verkaufen. Lange haderte er mit dem Entschluss. Der Gedanke, Fremde in seine Wohnung zu lassen, war ihm unangenehm, doch konnte er die Funktion des \u201eStabmixer gebraucht\u201c, den er loswerden wollte, ohne die Steckdose im Vorzimmer nur schwer demonstrieren. Schlussendlich entschied er sich f\u00fcr einen Verkauf. Jedoch mit einer Anzeige ohne Angabe der Hausnummer, nachdem er sich ausgemalt hatte, wie seine Wohnung ausger\u00e4umt wurde, gleich nachdem er einem vermeintlichen K\u00e4ufer mitgeteilt hatte, dass er erst am Abend wieder zu Hause anzutreffen sei.<\/p>\n<p>Mehrere Tage musste Herr Seidl ausharren, bis sich erstmals jemand auf sein Inserat meldete. Obwohl er die darauffolgenden Anfragen nach Preisnachl\u00e4ssen verstehen konnte, da er es selbst nicht anders gehandhabt hatte, \u00e4rgerte ihn die Unwilligkeit, seinen Vorstellungen entgegenzukommen. Er schrieb mehreren Interessenten, dass das Ger\u00e4t bereits verkauft sei, und erst nach mehreren Wochen vereinbarte er einen Termin mit Frau M\u00fcller. Sie hatte gleich eingangs Bereitschaft kundgetan, den veranschlagten Preis zu zahlen. Als er durch den T\u00fcrspion Frau M\u00fcller dabei zusah, wie sie den Lift verlie\u00df und auf seine Wohnungst\u00fcr zuging, verschlug es ihm die Sprache.<\/p>\n<p>Frau M\u00fcllers feuerrote Haare waren das Einzige, was ihn von ihrem farbenfroh \u00fcberzogenen Mantel ablenkte. Entsetzt betrachtete er sie noch einige Sekunden durch das Schl\u00fcsselloch, bevor er die T\u00fcr entriegelte und Frau M\u00fcller in sein Vorzimmer lie\u00df. Mit einem L\u00e4cheln im Gesicht musterte sie den Raum. \u201eEine sehr sch\u00f6ne Wohnung\u201c, sagte sie, und machte ihn damit noch verlegener als er ohnehin schon war. Mit einem Kompliment hatte er nicht gerechnet und begann hastig, sein Verkaufsobjekt zu demonstrieren. \u201eIch h\u00e4tte es Ihnen schon geglaubt, dass das Ger\u00e4t funktioniert\u201c, entgegnete sie ihm, nachdem er den Mixer etwas ungeschickt durch die Luft schwenkte. Er sah ihr dabei zu, wie sie ihn mit ihren filigranen H\u00e4nden drehte und von allen Seiten betrachtete. Pl\u00f6tzlich d\u00e4mmerte ihm, woher seine Nervosit\u00e4t kam. Anders als die Kolleginnen von der Beh\u00f6rde und andere Frauen aus seinem Bekanntenkreis konnte er Frau M\u00fcllers Wesen beim besten Willen nicht einsch\u00e4tzen, und es machte ihn \u2013 neugierig! Mit einem Moment war sein Jagdtrieb stimuliert. Leicht abwesend entrierte er die finanzielle Seite der Ver\u00e4u\u00dferung, w\u00e4hrend er seinen tollk\u00fchnen Plan schmiedete. Als Frau M\u00fcller ihre Jacke anzog, steckte er vor der \u00dcbergabe unauff\u00e4llig die soeben erhaltenen Geldscheine in die Schachtel des Mixers. War sie sonst auch ein wandelndes Mysterium f\u00fcr ihn, eines wusste er: Sie w\u00fcrde das Geld sicher zur\u00fcckbringen. Mit schwei\u00dfnassen H\u00e4nden und klopfendem Herzen versperrte er die T\u00fcr hinter ihr. Er wusste, sie w\u00fcrde bald wieder durch diese T\u00fcr schreiten. Und diesmal w\u00fcrde sie nicht nur sein Vorzimmer kennenlernen.<\/p>\n<p style=\"text-align: right;\">Felix Trummer<\/p>\n<p style=\"text-align: right;\">www.verdichtet.at | Kategorie: <a href=\"http:\/\/www.verdichtet.at\/?page_id=416\">es menschelt<\/a> | Inventarnummer: 15090<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Herr Seidl hatte braunes, etwas sch\u00fctteres Haar, war nicht beleibt, aber auch nicht sportlich. Er trug seit gef\u00fchlten zwanzig Jahren dieselbe Hornbrille und hatte die Gl\u00e4ser ungef\u00e4hr ebenso lange nicht mehr gereinigt. Bei den Familien in seinem Wohnhaus war er als Pedant bekannt, die restlichen Nachbarn nahmen kaum Notiz von ihm. 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