{"id":2664,"date":"2015-05-26T10:15:13","date_gmt":"2015-05-26T10:15:13","guid":{"rendered":"http:\/\/www.verdichtet.at\/?p=2664"},"modified":"2015-06-04T08:43:53","modified_gmt":"2015-06-04T08:43:53","slug":"axungia-canis","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.verdichtet.at\/?p=2664","title":{"rendered":"Axungia Canis"},"content":{"rendered":"<div class=\"pdfprnt-buttons pdfprnt-buttons-post pdfprnt-top-right\"><a href=\"https:\/\/www.verdichtet.at\/index.php?rest_route=wpv2posts2664&print=pdf\" class=\"pdfprnt-button pdfprnt-button-pdf\" target=\"_blank\"><\/a><a href=\"https:\/\/www.verdichtet.at\/index.php?rest_route=wpv2posts2664&print=print\" class=\"pdfprnt-button pdfprnt-button-print\" target=\"_blank\"><\/a><\/div><p>Mein Anzug zwickt und dr\u00fcckt, wo er nur kann, unter dem Hemd l\u00e4uft mir der Schwei\u00df aus s\u00e4mtlichen Poren. Es scheint die Zeit des Fegefeuers gekommen, zumindest glaube ich mich nicht weit davon entfernt. \u00dcberall klebt Beileid an feuchten H\u00e4nden, zwischendurch ein Wangenkuss, wenn man sich n\u00e4her steht. Viele der Gesichter kenne ich von irgendwo her, von fr\u00fcher, ich bin nur nicht in der Stimmung, mich bei allen zu erinnern. Die blassen Gebirgsz\u00fcge der Karawanken geben dem Ganzen einen vertrauten Rahmen, l\u00e4ngst schon bin ich keiner mehr von hier und doch sp\u00fcre ich, dass Vergangenes nach mir greift.<\/p>\n<p>Amalie W., meine Gro\u00dfmutter v\u00e4terlicherseits, ist im vierundachtzigsten Lebensjahr von uns gegangen. Unrasiert, schlampig und alkoholisiert geht mein Vater voran, er soll die Familie nun f\u00fchren, es ist die Bestimmung des an Jahren \u00e4ltesten Nachkommen. Meine Mutter beobachtet ihn dabei argw\u00f6hnisch; wenn sie nicht gerade schreit, dann ist sie kaum vorhanden. Aber niemand von uns wird ihm folgen wollen.<\/p>\n<p>Ebensowenig kann von mir verlangt werden, dass ich mich diesem verlogenen Schauspiel anvertrauen muss. Schlie\u00dflich bin ich nur gekommen, weil es sich geh\u00f6rt, um ungeschriebenen Regeln zu gen\u00fcgen, denn f\u00fcr einen Abschied brauche ich keine Inszenierung. Au\u00dferdem ist es mir viel zu hei\u00df, hat man sich denn keinen sp\u00e4teren Termin aussuchen k\u00f6nnen, wo es die Trauer doch lieber hat, wenn es ein wenig feucht und kalt ist. Der Gottesmann wirkt elegant, er ist in H\u00f6chstform und die offene Grube seine B\u00fchne. Den Menschen, um den er seine Grabesrede gewoben hat, kenne ich nicht, obwohl ich ihn kennen m\u00fcsste, zumindest sagt mir das eine innere Stimme, wahrscheinlich geht es um den Leumund, den die Tote f\u00fcr den Sch\u00f6pfer braucht. Meine Schwester st\u00f6\u00dft mich sanft in die Seite, die ganze Zeit schon kommt es mir vor, als ob sie mich suchen w\u00fcrde. \u201eIch kann nicht mehr!\u201c, fl\u00fcstert sie, niemand au\u00dfer mir, soll h\u00f6ren, was sie sagt.<br \/>\n\u201eWas?\u201c<br \/>\n\u201eMir ist das Ganze zu viel, ich muss weg von hier!\u201c<br \/>\n\u201eHalte durch, bald haben wir es \u00fcberstanden, ich habe mir schon etwas \u00fcberlegt\u201c, ich fasse nach ihrer Hand, weil ich Angst habe, dass sie mich alleine l\u00e4sst.<\/p>\n<p>Schlie\u00dflich treten wir gemeinsam vor, um die Erde in den Schlund zu werfen. Wenn man Sachen gesehen hat, die man besser nicht h\u00e4tte sehen sollen, ist man froh, wenn man damit nicht alleine ist. Hinter der von einer ranzigen Schicht \u00fcberzogenen Eisent\u00fcre hat sich alles abgespielt, verborgen vor den Blicken derer, die es ohnedies nicht verstehen w\u00fcrden. Einen offenen Spalt, eigentlich nicht mehr als eine Unachtsamkeit hat es gebraucht, um das Geheimnis preiszugeben. Die Erinnerung formt sich qu\u00e4lend. Seelenlose Wesen, die \u00fcber den Hof schleichen und deren schlaffe, ausgeweidete K\u00f6rper von der Decke h\u00e4ngen, bevor sie in den Kochtopf wandern. Ab und an verfolgen sie mich sogar bis in den Schlaf. Die Luft von damals ist bei\u00dfend scharf, sie raubt mir den Verstand, kn\u00f6cheltief stecke ich im Morast und muss mich \u00fcbergeben, heimlich, so wie ich es mir angew\u00f6hnt habe. Will ich nicht den Lederg\u00fcrtel sp\u00fcren, muss ich aufh\u00f6ren, an Widerstand, an Flucht zu denken. Dass es uns gibt, reicht aus, um uns zu bestrafen, Eva erwischt es meistens schlimmer. \u201eWeiber sind dazu da, um zu empfangen!\u201c, erbarmungslos hagelt es auf Evas kindlichen K\u00f6rper hernieder. H\u00e4tte nicht ich an ihrer Stelle sein k\u00f6nnen, sie tut mir so leid, obwohl ich nichts daf\u00fcr kann. Und die Eltern, die stehen unbeteiligt daneben und tun, als ob sie das nicht das Geringste angehen w\u00fcrde. Verstohlen blicke ich zu Eva und wei\u00df, was sie denkt, ich bewundere sie f\u00fcr die Fassung, mit der sie das Geschehene ertr\u00e4gt. Ich muss mich ablenken, sonst wird es mir den Hals zuschn\u00fcren, aus reiner Verzweiflung schaue ich hinunter auf meine Schuhe, ob wohl kein Dreck und keine Exkremente auf ihnen kleben, denn sonst w\u00fcrde meine Mutter wieder schreien und das w\u00e4re wieder erst der Anfang. Eine Kr\u00e4he st\u00f6\u00dft sich vom Mauerwerk des Kirchturmes ab, f\u00fcr einen Augenblick kann ich durchatmen.<\/p>\n<p>Im glei\u00dfenden Licht der Sonne gl\u00e4nzen die Leute der Trauergesellschaft, wie Krapfen, die gerade aus dem hei\u00dfen Fett gefischt wurden. Auf einen Schlag ist mir klar, warum so viele erschienen sind. In gewisser Weise aus Dankbarkeit, weil sie es alle bei ihr gekauft haben, abgef\u00fcllt in wei\u00dfen Plastiktiegeln ohne Aufschrift. Ein Ablaufdatum oder eine Chargennummer h\u00e4tte ohnedies niemanden interessiert. Was die \u00dcberlieferung f\u00fcr gut h\u00e4lt, wird wohl gut sein, warum zweifeln, die Alten werden schon gewusst haben, was sie tun und wenn es tats\u00e4chlich hilft, wof\u00fcr es Zeugen gibt, dann muss das als Beweis ausreichen, dann hat die \u00dcberlieferung recht gehabt. Es fehlt noch, dass sie aus der Hexe eine Heilige machen, aber wundern w\u00fcrde mich das nicht. Noch liegt sie unten im Loch, sodass sie f\u00fcr jedermann sichtbar ist, aber bald schon werden die Herren von der Bestattung Erde dr\u00fcber gesch\u00fcttet haben, womit das Vergessen beginnen kann. F\u00fcr viele mag es damit vorbei sein, f\u00fcr uns ist es das nicht, wir bleiben die Nachkommen der Hundsb\u00e4uerin, f\u00fcr immer, denn Blut ist die st\u00e4rkste Verbindung, die es gibt.<\/p>\n<p>Langsam geht die offizielle Show zu Ende, um im Anschluss dem ausgelassenen Gesicht der Trauer Platz zu machen, ich habe meine Schuldigkeit getan. Eva noch viel mehr. Mein Vater wendet sich zu mir um, die aufgesetzte Vertraulichkeit wirkt l\u00e4cherlich auf mich. \u201eWir gehen jetzt zum Kirchenwirt\u2026ihr kommt doch mit?\u201c Ich muss seinem warmen, alkoholschwangeren Atem ausweichen. \u201eJa!\u201c, sage ich artig, weil ich keine Diskussion haben will. Das \u201eJa\u201c ist ein falsches \u201eJa\u201c, denn ich denke nicht daran, zum Kirchenwirt zu fahren, ich habe anderes vor. Eva, die alles mitverfolgt hat, schaut mich erwartungsvoll an, ich sp\u00fcre, dass sie mir vertraut, so wie fr\u00fcher. Jeder kann sehen, dass wir nicht dem Tross folgen, sondern in der entgegengesetzten Richtung verschwinden. Meinen Vater wird es nicht weiter k\u00fcmmern, er wird seinen Schmerz ertr\u00e4nken, so wie er es gewohnt ist.<\/p>\n<p>Den Ort, an den ich uns f\u00fchre, habe ich sorgf\u00e4ltig ausgesucht. Vor allem Eva soll es dort gefallen, f\u00fcr sie mache ich das Ganze. Das Auto lassen wir am Parkplatz neben der Stra\u00dfe zur\u00fcck, die letzten Meter hinauf zur Kirche und den Ausgrabungen m\u00fcssen wir gehen. Eva wei\u00df Bescheid. Unser stilles Abkommen h\u00e4lt, wir brauchen keine Worte. Ich bin froh, dass das Areal menschenleer ist, denn so habe ich es mir insgeheim gew\u00fcnscht. Der Stein des Altars ist warm, aufgeheizt von der Sonne, er wird alles geduldig \u00fcber sich ergehen lassen und seiner Bestimmung entsprechend niemandem davon berichten. Aus der Hosentasche fische ich eine Locke aus d\u00fcnnem, grauem Haar und lege sie sorgf\u00e4ltig vor uns auf den steinernen Tisch. Begleitet von einem unabsichtlichen \u201eHm?\u201c deutet sie mit dem Zeigefinger auf die Stelle, wo das Haarb\u00fcschel liegt. \u201eDie Krankenschwester war gerade drau\u00dfen und da hab ich es gemacht, sie hat sicher nichts gemerkt, sie hat geschlafen\u2026 Gibst du mir ein Feuerzeug?\u201c Wir halten uns an den H\u00e4nden, w\u00e4hrend das Keratin vor sich hin schmort und dabei \u00fcbel riecht. \u00a0Der D\u00e4mon scheint vertrieben. Auf dem Weg zur\u00fcck z\u00fcndet sich Eva eine Zigarette an, ich habe sie schon lange nicht mehr so gel\u00f6st gesehen, ich habe das sehr vermisst. Zu unseren F\u00fc\u00dfen das Jauntal, die klare Sicht gibt den Blick weit ins Land hinein frei.<\/p>\n<p><em>Mit Leib und Seele lege ich mich vertrauensvoll in deine H\u00e4nde, denn du hast mich erl\u00f6st, treuer Gott. (Psalm 31,6)<\/em><\/p>\n<p align=\"right\">strobauer<\/p>\n<p align=\"right\">www.verdichtet.at | Kategorie: <a href=\"http:\/\/www.verdichtet.at\/?page_id=972\">\u00e4rgstens<\/a> | Inventarnummer: 15061<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Mein Anzug zwickt und dr\u00fcckt, wo er nur kann, unter dem Hemd l\u00e4uft mir der Schwei\u00df aus s\u00e4mtlichen Poren. Es scheint die Zeit des Fegefeuers gekommen, zumindest glaube ich mich nicht weit davon entfernt. \u00dcberall klebt Beileid an feuchten H\u00e4nden, zwischendurch ein Wangenkuss, wenn man sich n\u00e4her steht. 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