{"id":266,"date":"2013-11-28T07:50:14","date_gmt":"2013-11-28T07:50:14","guid":{"rendered":"http:\/\/www.verdichtet.at\/?p=266"},"modified":"2015-09-07T10:46:45","modified_gmt":"2015-09-07T10:46:45","slug":"mir-verwirren-sich-die-sinne","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.verdichtet.at\/?p=266","title":{"rendered":"Mir verwirren sich die Sinne!"},"content":{"rendered":"<div class=\"pdfprnt-buttons pdfprnt-buttons-post pdfprnt-top-right\"><a href=\"https:\/\/www.verdichtet.at\/index.php?rest_route=wpv2posts266&print=pdf\" class=\"pdfprnt-button pdfprnt-button-pdf\" target=\"_blank\"><\/a><a href=\"https:\/\/www.verdichtet.at\/index.php?rest_route=wpv2posts266&print=print\" class=\"pdfprnt-button pdfprnt-button-print\" target=\"_blank\"><\/a><\/div><p style=\"text-align: right;\"><strong><\/strong><em>Mir verwirren sich die Sinne!<\/em><br \/>\n<em>Kaum vermag ich mich zu fassen.<\/em><br \/>\n<em>Wild erregte St\u00fcrme rasen,<\/em><br \/>\n<em>Drohn von allen Seiten mir.<\/em><br \/>\n<em>[Don Giovanni, Erster Akt, 21. Szene]<\/em><\/p>\n<p>Lea Richtsfelds Handy klingelte aufsehenerregend. Paul hatte seiner Stiefmutter vor einigen Wochen einen neuen Handyklingelton verpasst \u2013 Road to Hell von Chris Rea. Es war ihr bis jetzt noch nicht gelungen, den urspr\u00fcnglichen wieder einzustellen, sei es aus Zeitmangel oder technischem Unverst\u00e4ndnis. Im Landtagsb\u00fcro hatte ihr Handyl\u00e4uten schon so manches beamtete Stirnrunzeln hervorgerufen.<br \/>\nBruno Richtsfeld beobachtete ihre Reaktion und versuchte zu erraten, wer denn der Gespr\u00e4chspartner sein k\u00f6nnte, seine Frau verlie\u00df jedoch mit dem Handy den Raum, um das Gespr\u00e4ch in der K\u00fcche entgegenzunehmen.<\/p>\n<p>Nach dem Telefonat durchquerte sie das Esszimmer, band sich dabei die Haare im Nacken zusammen und er\u00f6ffnete ihrem Mann auf dem Weg ins Vorzimmer: \u201eDie N\u00f6sterer hat mich angerufen, ich muss noch zu ihr ins B\u00fcro, da gibt es Ungereimtheiten bei der Ticketvergabe. Sei nicht b\u00f6se, vielleicht dauert es ja nicht lange. Das mit den Handwerkern kannst Du doch \u00fcbernehmen?! Bis sp\u00e4ter!\u201c<br \/>\nBruno kam mit der Zeitung in der Hand ins Vorzimmer und nickte; sie dr\u00fcckte ihm eilig einen Kuss auf den Mund. \u201eIch freu mich darauf, wenn die Festspiele wieder ausgespielt haben, dann habe ich endlich wieder mehr Zeit f\u00fcr Dich.\u201c<br \/>\nKaum hatte Lea ausgesprochen, h\u00f6rte Richtsfeld auch schon die T\u00fcr ins Schloss fallen; ihr Parfum hing noch im Raum und verst\u00e4rkte das Gef\u00fchl des Verlassenseins im immer noch fremden Haus, das ihm sofort wieder leer und \u00fcberdimensioniert erschien.<br \/>\nEr hatte Leas Telefonat mit der Intendantin nicht mitgeh\u00f6rt, in Festspielzeiten war seine Frau als Kulturstadtr\u00e4tin praktisch immer in Bereitschaft, irgendwo zu vermitteln, zu beurteilen, zu entscheiden, aber leise Zweifel hatte Richtsfeld immer, wenn seine Frau nicht bei ihm war. Lea hatte ihm niemals w\u00e4hrend der sieben Jahre ihrer Beziehung das Gef\u00fchl gegeben, ihn nicht mehr zu lieben oder jemanden anderen vorzuziehen, trotzdem gelang es ihm einfach nicht, seine latente Eifersucht zu \u00fcberwinden.<\/p>\n<p>Er sah ihr durchs Fenster nach, als sie mit viel Elan das Haus verlie\u00df. Sie winkte ihm nochmals kurz zu und nahm das Fahrrad \u2013 in der Innenstadt kam man damit viel schneller voran; normalerweise; nat\u00fcrlich nicht, wenn man Probleme mit der Ausdauer und mit dem Gewicht hat. Der Kommissar seufzte und bedauerte einmal mehr den erbarmungsw\u00fcrdigen Zustand seines K\u00f6rpers.<\/p>\n<p>Sollte er jetzt die Bedienungsanleitung seines iPod studieren? Er g\u00e4hnte herzhaft, streckte sich ausgiebig und sah auf die Uhr. Nun stand ihm also noch eine Begegnung der besonderen Art bevor; Handwerker w\u00fcrden in seine Privatsph\u00e4re eindringen und Unruhe und Staub verursachen.<br \/>\nDas Haus war in keinem guten Zustand. Er hatte vorgeschlagen, bis das Haus renoviert w\u00e4re, noch in seiner Wohnung zu bleiben, aber Lea wollte nicht zuviel und vor allem nicht zu abrupt renovieren, um den Charakter ihres Elternhauses, in dem bis vor einem Jahr noch ihr Vater gewohnt hatte, nicht ganz zu zerst\u00f6ren. Geplant war, zuerst die Fenster auszutauschen und dann noch im Sommer die Holzb\u00f6den abschleifen zu lassen.<br \/>\nDie halbe Stunde bis zum Eintreffen der Handwerker wollte er seinem zuk\u00fcnftigen silbergl\u00e4nzenden Begleiter widmen.<\/p>\n<p>Er r\u00fcckte seinen Sessel vom Fenster weg, durch das nun ungehindert die Sonne schien, Lea hatte zwar die Vorh\u00e4nge schon gekauft, aber \u2013 wegen der bevorstehenden Arbeiten an den Fenstern \u2013 noch nicht montiert. Er nahm die Betriebsanleitung des iPod zur Hand.<br \/>\nSein karges technisches Geschick erschwerte das Verst\u00e4ndnis der Anleitung, au\u00dferdem war die Schrift sehr klein. Skeptisch musterte Richtsfeld sein Geschenk und erhob seufzend seinen massigen K\u00f6rper, um seine Lesebrille vom Tisch zu holen.<br \/>\nN\u00e4her als seine Brille jedoch lagen die Reste des Fr\u00fchst\u00fccks. Ob er sich nach dem allzu gesunden Vollkornbrot in diesen unbeobachteten Minuten nicht noch so ein au\u00dferplanm\u00e4\u00dfiges Schinkensemmerl g\u00f6nnen sollte? Nat\u00fcrlich sah das sein Di\u00e4tplan nicht vor, aber schlie\u00dflich war heute sein Geburtstag. Er hatte die Semmel schon aufgeschnitten und wollte gerade nach der Butter greifen, als das L\u00e4uten seines Handys ihn davon abhielt.<\/p>\n<p>Richtsfeld erreichte nach der sechsten Wiederholung von Don Giovannis \u201eAuf denn zum Feste\u201c sein Handy, das in der K\u00fcche lag; ein wenig au\u00dfer Atem nahm er den Anruf entgegen. \u201eHallo Amad\u00e9, ich bin\u2019s. Mach Dich schleunigst auf den Weg. Es gibt Arbeit. In f\u00fcnf Minuten vor dem Hotel Stein!\u201c<br \/>\nSebastian Nimmervoll, Richtsfelds erster Assistent und Stellvertreter, hatte bereits aufgelegt, bevor sein perplexer Chef Fragen stellen konnte. Richtsfelds Spitznamen, den ihm seine Kollegen vor einigen Jahren w\u00e4hrend einer Betriebsfeier unter dem Einfluss von mehreren Vogelbeerschn\u00e4psen verpasst hatten, w\u00fcrde er wohl niemals loswerden.<\/p>\n<p style=\"text-align: right;\">Jana Kornelius<br \/>\nAuszug aus dem Roman: Mordskulisse,<br \/>\nNeuhofen \/ Krems ; Linz ; Wien, Resistenz Verlag, 2009<\/p>\n<p style=\"text-align: right;\">www.verdichtet.at | Kategorie: <a href=\"http:\/\/www.verdichtet.at\/?page_id=412\">auszugsweise<\/a> | Inventarnummer: 13030<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Mir verwirren sich die Sinne! Kaum vermag ich mich zu fassen. Wild erregte St\u00fcrme rasen, Drohn von allen Seiten mir. [Don Giovanni, Erster Akt, 21. 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