{"id":2640,"date":"2015-05-20T18:26:10","date_gmt":"2015-05-20T18:26:10","guid":{"rendered":"http:\/\/www.verdichtet.at\/?p=2640"},"modified":"2015-06-21T08:49:50","modified_gmt":"2015-06-21T08:49:50","slug":"jener-wald-in-weiss","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.verdichtet.at\/?p=2640","title":{"rendered":"Jener Wald in Wei\u00df \u2026"},"content":{"rendered":"<div class=\"pdfprnt-buttons pdfprnt-buttons-post pdfprnt-top-right\"><a href=\"https:\/\/www.verdichtet.at\/index.php?rest_route=wpv2posts2640&print=pdf\" class=\"pdfprnt-button pdfprnt-button-pdf\" target=\"_blank\"><\/a><a href=\"https:\/\/www.verdichtet.at\/index.php?rest_route=wpv2posts2640&print=print\" class=\"pdfprnt-button pdfprnt-button-print\" target=\"_blank\"><\/a><\/div><p>Die vielen B\u00e4ume schwiegen mit geneigten Kronen. Wegen ihrer mit schwarzen Flecken durchzogenen wei\u00dfen Rinde erinnerten sie an die Pest, und gleich Befallenen war ihr trauriger Blick auf scheinbare Gr\u00e4ber gesenkt, die sich bald f\u00fcllen sollten. Sie weinten bittere Tr\u00e4nen, oder waren das nur die vereinzelt vom Himmel segelnden Schneeflocken? Die Zeit schien diesen Ort vergessen zu haben, denn der Birkenwald hielt eine tiefe Ruhe inne, die der sinkende Schnee nur n\u00e4hrte \u2026<\/p>\n<p>Eilig stapfte der Inquisitor durch die Stille, dicht von einer kleinen Gruppe gefolgt. Ein schwarzer Mantel fiel von seinen Schultern, sanft den Schnee streichelnd, w\u00e4hrend dieser unter seinen ledernen Stiefeln knirschte. Das Kreuz, das von seinem Hals baumelte, sprang hektisch nach vor und zur\u00fcck, denn er schritt schnell und die \u00dcbrigen hatten Not mitzuhalten: Die zwei M\u00f6nche, die eng nebeneinander marschierten, der Augenzeuge, der nerv\u00f6s eine Holzf\u00e4lleraxt umklammerte, und ein junger Mann, der alles beschreiben und aufschreiben sollte \u2013 der Novize Ithriel.<\/p>\n<p><i>Der Wald glich einer Armee, die vom Felde zur\u00fcckkehrte \u2013 die B\u00e4ume zerstreuten M\u00e4nnern, jene die Last des Krieges erdr\u00fcckte. All Stolz und Ruhm ward vergessen, denn in einer Schlacht kann es nur Verlierer geben<\/i>, schrieb er hastig mit seiner Feder auf das faltige Pergament, w\u00e4hrend er der Gruppe etwas unbeholfen nachhetzte: <i>Doch von welcher Schlacht kehren sie nur heim?<\/i>, wunderte er sich und sah an den zerstreuten M\u00e4nnern hoch. Er erkannte starre Gesichter in R\u00fcstungen, die m\u00fcden Blickes um Erbarmen beteten. <i>Das Schwarz zerfurchte die wei\u00dfen Birken, wie Tinte ein Pergament<\/i>, notierte er, als er jenes stummen Gebets gewahr wurde. Konnte nur er es sp\u00fcren? Da klang doch dieses intensive Schweigen, unruheschwanger \u2013 ein Fl\u00fcstern, das zwischen den B\u00e4umen zitterte. Sie alle sahen ihnen zu, wie sie umherschritten und ihre Stille st\u00f6rten. Oder waren es die B\u00e4ume, die wanderten? \u2013 Eine stumme Armee, die blo\u00df dahinzog \u2026<\/p>\n<p>Als der Schnee durch eine leicht ansteigende Anh\u00f6he schlie\u00dflich seichter wurde, hielt der Inquisitor und sah an ihr hinauf. Ein Jungwald von Birken verwehrte ihm allerdings die Sicht auf die Spitze.<br \/>\n\u201eDort oben ist es, Herr\u201c, meldete sich der Augenzeuge zu Wort, derweil er angespannt den Stiel seiner Axt w\u00fcrgte.<br \/>\nIthriel musterte mit seinem eindringlichen Blick den unruhigen Mann, ehe er hinaufsp\u00e4hte. Selbst wusste er nicht, was sich dort oben hinter dem Jungwald befand, nur, dass es etwas mit der Hexe zu tun hatte \u2013 wegen ihr waren sie doch erst hergekommen. Ein unangenehmes Gef\u00fchl beschlich ihn. Er wollte es nicht Angst nennen, aber er bef\u00fcrchtete, dass genau jene ihn durch das Ge\u00e4st der Jungbirken aufblitzend anl\u00e4chelte.<\/p>\n<p>W\u00e4hrenddessen hatte der Inquisitor den Worten des Augenzeugen zugenickt und so schritten sie weiter: <i>Wie mit Speer und Schild, mit Widerstand und Willen stand der Rand des Jungwaldes, wie ein undurchdringbarer Wall. Wir aber brachen durch die vorderste Reihe und k\u00e4mpften uns durch das Dickicht, um zu finden, was es verbarg.<\/i><\/p>\n<p>Unerwartet lichtete sich der dichte Jungwald und vor ihnen \u00f6ffnete sich eine kreisf\u00f6rmige Lichtung. Der Inquisitor trat, scheinbar unber\u00fchrt, elegant zwischen den B\u00e4umen heraus. Dann blieb er stehen und sah. Die beiden M\u00f6nche, der Augenzeuge und Ithriel stolperten, von den l\u00e4stigen \u00c4sten des Dickichts ver\u00e4rgert, hinterdrein. Danach blieben sie stehen und sahen \u2026<br \/>\nIn der Mitte der kleinen Lichtung wuchs eine einzelne knorrige Birke, umwandet von einer roten Bl\u00fcte aus Flammen, die hoch hinauf loderte. Ihr Schein flackerte in den Augen der Staunenden wider und der Schnee um die Birke herum leuchtete aufgeregt. Die Feuerzungen leckten rastlos an dem alten Holz, aber sie verzehrten es nicht, sie \u2026: <i>\u2026schienen den Baum nur zu umgarnen. Sie liebkosten ihn. Trotzdem litt er. Welcher Mensch w\u00fcrde auch gerne von W\u00f6lfen liebkost werden?<\/i> Den letzten Satz strich Ithriel mit einigen hektisch gezogenen Linien wieder durch, denn er gefiel ihm nicht.<\/p>\n<p>Der Inquisitor trat n\u00e4her an die brennende Birke heran und streckte den Arm nach ihr aus. Da konnte er den warmen Atem der Flammen sp\u00fcren \u2013 ihre Gier und ihr Verlangen nach mehr \u2026 Sofort zuckte er zur\u00fcck, als das Feuer durch eine hinwegschnalzende B\u00f6e hungrig auffauchte.<br \/>\n\u201eWas ist dies f\u00fcr ein Teufelswerk?\u201c, raunte der kleinere M\u00f6nch und nahm zur Sicherheit einige Schritte Abstand.<br \/>\nDer Augenzeuge antwortete ihm angsterf\u00fcllt: \u201eEs ist das Werk der Hexe!\u201c<br \/>\n\u201eWir sollten geradewegs umkehren und das Weib verbren-\u201c<br \/>\n\u201eVerh\u00f6ren\u201c, schnitt der Inquisitor dem kleineren M\u00f6nch den Satz ab, w\u00e4hrend er sich in einer geschmeidigen Bewegung zu ihnen umdrehte und beruhigend l\u00e4chelte: \u201eWir brechen auf, sobald wir es vernichtet haben\u201c, er wandte sich an den Augenzeugen: \u201eDu! F\u00e4lle es.\u201c<br \/>\nDer Mann zuckte. Er nahm seinen Befehl nicht mit Freuden entgegen und n\u00e4herte sich der lodernden Birke nur langsam. Sichtlich nahm er allen Mut zusammen, bevor er zum ersten Mal mit der Axt ausholte \u2026<\/p>\n<p><i>Ein einsamer Soldat, mit nichts au\u00dfer seinem bitteren Stolz. <\/i>Ithriel hatte sich auf einen Baumstumpf gesetzt und beschrieb nun, was er sah: <i>Die Schlacht hinter sich gelassen, kehrt ihm die n\u00e4chste das Antlitz zu. Wunden tragend ward auch er zur\u00fcckgelassen \u2013 kein Freund mehr, kein Kamerad, er ward verlassen.<\/i><br \/>\nDer Augenzeuge holte erneut aus, einen Moment sp\u00e4ter donnerte sein Eisen gegen das alte Holz.<\/p>\n<p>Ithriels Blick wanderte im Kreis und er meinte, die Jungbirken, die die Lichtung einschlossen \u2026: \u2026<i>sahen ihn. Sie sahen ihn alle. Aber niemand half ihm.<\/i> Als sein Blick jedoch wieder auf die brennende Birke fiel, glaubte er zu sp\u00fcren, dass sie ihm erwiderte: <i>Er sah aus, als weinte er. Und wenn er es k\u00f6nnte, h\u00e4tte er es getan \u2013 er h\u00e4tte es getan.<\/i> Dann barst das Holz des Stammes endg\u00fcltig und der Soldat fiel. Der Augenzeuge sprang noch eilends zur Seite, und kaum war die Birke zu Boden gebrochen, erlosch auch das Teufelsfeuer und es wurde mit einem Mal dunkel.<br \/>\nIthriel durchfuhr ein eigenartiges Kribbeln \u2013 ein Fr\u00f6steln, das einen umfing, wenn man die T\u00fcr vor einem aufkommenden Sturm schloss. Ihm war gar nicht aufgefallen, dass es bereits d\u00e4mmerte und die K\u00e4lte sich wie schwere Eisenketten um die M\u00e4nner gelegt hatte. Zur\u00fcck auf das Geschehen besehen, musterte er den Augenzeugen, der immer noch die Axt fest umklammert hielt und seine Tat gerade erst zu realisieren schien. Der Inquisitor hingegen reckte seine Brust und betrachtete den Baum, als w\u00e4re es ein erlegtes Tier. Jeder schwieg f\u00fcr einen Moment \u2026<\/p>\n<p>\u201eNun denn\u201c, sprach, die Stille brechend, der gro\u00dfe Mann in der Mitte mit erleichterter Stimme: \u201eDann ist es also wirklich eine Hexe!\u201c Er schritt wieder in Richtung Jungwald, die H\u00e4nde hinter dem R\u00fccken zusammengelegt: \u201eLasst sie uns \u2026\u201c, die ernsten Worte h\u00fcpften mit verspielter Leichtigkeit \u00fcber seine l\u00e4chelnden Lippen, \u201e\u2026 fangen.\u201c<br \/>\nStumme Zustimmung \u2013 die beiden M\u00f6nche bekreuzigten sich und folgten, und der Augenzeuge hastete eilig hinterher.<br \/>\nUnd Ithriel?<br \/>\nNun, Ithriel blieb noch kurz sitzen. Sein Blick gebannt vom toten Baum. Die Schreibfeder in seiner Hand ruhte, aber er war fasziniert. Fasziniert vom Werk der Hexe, vom \u2026: \u2026<i>geb\u00e4ndigten Feuer.<\/i> So nannte er es. Die anderen doch warteten nicht und der Wald war ihm unheimlicher geworden. Auch wenn er den Tod des Soldaten bedauerte, kehrte er schlie\u00dflich um.<\/p>\n<p>Doch noch ruhte die Geschichte nicht, die er beschrieben und geschrieben. Voller Entsetzen musste er nach Einbruch der Nacht folgenden Satz hinzuf\u00fcgen: <i>Der lodernde Soldat war gefallen und niemand von uns h\u00e4tte ahnen k\u00f6nnen, dass am Ende des Tages, nachdem die Hexe geflohen war, die ganze Armee im Feuer versank.<\/i><\/p>\n<p style=\"text-align: right;\"><em>Prolog (zum Roman: \u201eIgnis\u201c)<\/em><\/p>\n<p style=\"text-align: right;\">Tobias Vees<br \/>\n<a href=\"https:\/\/tobiasvees.wordpress.com\/\" target=\"_blank\">tobiasvees.wordpress.com<\/a><\/p>\n<p style=\"text-align: right;\">www.verdichtet.at | Kategorie:\u00a0<a href=\"http:\/\/www.verdichtet.at\/?page_id=412\">auszugsweise<\/a> | Inventarnummer: 15058<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Die vielen B\u00e4ume schwiegen mit geneigten Kronen. 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