{"id":24139,"date":"2026-11-05T14:50:07","date_gmt":"2026-11-05T14:50:07","guid":{"rendered":"https:\/\/www.verdichtet.at\/?p=24139"},"modified":"2026-11-07T15:48:42","modified_gmt":"2026-11-07T15:48:42","slug":"robin-hood-in-gumpoldskirchen","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.verdichtet.at\/?p=24139","title":{"rendered":"Robin Hood in Gumpoldskirchen"},"content":{"rendered":"<div class=\"pdfprnt-buttons pdfprnt-buttons-post pdfprnt-top-right\"><a href=\"https:\/\/www.verdichtet.at\/index.php?rest_route=wpv2posts24139&print=pdf\" class=\"pdfprnt-button pdfprnt-button-pdf\" target=\"_blank\"><\/a><a href=\"https:\/\/www.verdichtet.at\/index.php?rest_route=wpv2posts24139&print=print\" class=\"pdfprnt-button pdfprnt-button-print\" target=\"_blank\"><\/a><\/div><p>Neulich fand ich im Internet ein Meme: Ein gr\u00fcngekleideter Typ mit Schnauzb\u00e4rtchen und ein weiterer, etwas dickerer Kerl unterhalten sich zwischen B\u00fcschen hockend. Der Dicke: \u201eHast du mein Deo gestohlen?\u201c<br \/>Antwort: \u201eIch stehle von den Reichen und verteile es unter den Armen.\u201c<br \/>An wen muss man denken, selbst wenn es hier kein Foto von Erol Flynn in froschgr\u00fcnem Wams und Strumpfhosen gibt?<br \/>Genau.<br \/>An einen Gesetzlosen, der vor achthundert Jahren daf\u00fcr gek\u00e4mpft haben soll, dass Richard L\u00f6wenherz (der nebenbei England nicht sonderlich mochte und sein Herz in Frankreich begraben lie\u00df) seinem Bruder Johann Ohne Land England wieder abjagen konnte (das der sich w\u00e4hrend des br\u00fcderlichen Kreuzzuges angeeignet hatte).<\/p>\r\n<p>Um Entt\u00e4uschungen zu vermeiden, vorab ein Dementi: Robin Hood war nie in Gumpoldskirchen.<br \/>Die Marktgemeinde am Rande des Wienerwaldes im Bezirk M\u00f6dling ist dabei wirklich ein h\u00fcbscher Ort. Urspr\u00fcnglich wollte ich gar nicht hierher, sondern ins 16 Kilometer entfernte Kaltenleutgeben, wo Mark Twain gekurt und wovon er in seiner Autobiografie berichtet hatte. Nix ist es damit geworden, \u00e4hnliche Aerosole wie der von mir hei\u00df geliebte Schriftsteller zu inhalieren.<br \/>Stattdessen stie\u00df ich dort, wo sogar der Reblaus eine Skulptur gewidmet ist, auf eine R\u00e4ubersgeschicht\u2019 aus der Zeit der K.-u.-k.-Monarchie nach 1848.<\/p>\r\n<p>Wenn man die Hauptstra\u00dfe mit ihren niedrigen, in die Tiefe ragenden, h\u00fcbsch bunt get\u00fcnchten Bauten bergauf entlanggeht, landet man hinter dem Kirchenplatz an der Pforte eines Schlosses. Mit meiner Freundin, die mir ein f\u00fcrwahr nobles Kulturwochenende zu meinem Sechziger geschenkt hatte, floh ich vor der mitt\u00e4glichen Hitze eines Julisamstags in das Geb\u00e4ude, das Friedrich II. dem Deutschen Orden geschenkt hatte und heute als Seminarhotel gef\u00fchrt wird. Auf dem Weg zur Kapelle begegneten wir einem freundlichen Herrn mit sch\u00fctterem Haupthaar in gediegenem Hemd und Edeljeans, der uns bat, hinter uns die T\u00fcren zu schlie\u00dfen, wenn wir das Haus erkundeten.<br \/>Dieses war liebevoll mit h\u00fcbschen Blickf\u00e4ngen eingerichtet, wie etwa wundersch\u00f6nen Kachel\u00f6fen, w\u00fcrdevollen Sekret\u00e4ren (M\u00f6belst\u00fccken, keine Schreibtischhengste) und Nippes. Auf einem im Vergleich prosaisch wirkenden Beistelltischchen begegnete ich dem Herrn nochmals zweidimensional auf einem Hochzeitsfoto mit der Aufschrift:<em> Ihr Gastgeber, F\u00fcrst Ladislaus-B.-S.<\/em>, was vielleicht nicht jeden Leser dieser Zeilen hinterm Ofen hervorlocken mag, mich aber umso mehr bewegte, zun\u00e4chst allerdings ohne zu wissen, warum. Eigentlich hab ich es gar nicht so mit Adel.<\/p>\r\n<p>Am Abend recherchierte ich dennoch ein wenig Feudalgeschichte. Das Stammschloss der noblen Familie lag in der Ortschaft K. in Ungarn, einen Katzensprung von der \u00f6sterreichischen Grenze entfernt. Dieses Faktum lie\u00df bis tief in die Nacht hinein in meinem Kopf ein Gl\u00f6ckchen erklingen, sodass ich kaum noch Schlaf fand. Eine alte Familienerz\u00e4hlung begann aus den Untiefen meines Ged\u00e4chtnisses langsam ins Bewusstsein zu wabern.<br \/>Dass ich diese unglaublichen Begebenheiten sogar noch nach gut 180 Jahren zu berichten wei\u00df, verdanke ich \u00fcbrigens meiner Urgro\u00dfmutter, die sich mit etwa 75 Jahren entschloss, eine Autobiografie zu verfassen, die es allerdings nur auf sechs, von einer ihrer T\u00f6chter getippte Seiten brachte. Aber die sind f\u00fcrwahr gehaltvoll, wie ich mich dank einer in meinem Besitz befindlichen Fotokopie \u00fcberzeugen konnte.<br \/>Darin steht unter anderem, dass meine Vorfahren (in Bayern damals wenig beliebte Protestanten) wahrscheinlich kurz vor 1800 direkt in das kleine etwas verschlafene \u00d6rtchen K. zogen, wo sie ein Gasthaus pachteten, das den Namen <em>Krone<\/em> heute noch tr\u00e4gt.<\/p>\r\n<p>Einer in der Reihe meiner Ahnen und der P\u00e4chter war ein im kaiserlichen Wien ausgebildeter Tierarzt. Sein Sohnemann und mein Ur-Urgro\u00dfvater Karl Schwartz hegte im Halbstarkenalter eine Vorliebe f\u00fcr Waffen, mit denen er auch hantierte. Ungl\u00fccklicherweise erlegte er bei Schie\u00df\u00fcbungen auf einen Kirschbaum anstatt der anvisierten Spatzen die Lieblingskatze seines Vaters. Der vertrat \u00e4u\u00dferlich stoisch (innerlich wohl mit blutendem Herz) die Meinung, wenn einer schon so gerne mit Waffen herumbl\u00f6dle, solle er das gef\u00e4lligst beim Milit\u00e4r tun.<br \/>Es traf sich, dass anwerbende Soldaten ihre Stiefelplattler in den dortigen Wirtsh\u00e4usern vollf\u00fchrten, denn Habsburg brauchte K\u00e4mpfer f\u00fcr den Sardinisch-piemontesischen Krieg. Tats\u00e4chlich z\u00e4hlte anno dazumal die Auff\u00fchrung von Verbunk\u00f3s \u2013 zu Deutsch <em>Anwerbet\u00e4nze<\/em> \u2013 zu den erfolgreichsten milit\u00e4rischen Werbeschm\u00e4hs. Und so k\u00e4mpfte Karl in der Folge neun Jahre vergeblich (wie man heute wei\u00df) in der und um die Lombardei, indem er dort Br\u00fccken baute.<\/p>\r\n<p>Als er mit verdammt wenig Sold doch gl\u00fccklicherweise unversehrt heimkam, musste er leider feststellen, dass seine Br\u00fcder den v\u00e4terlichen Besitz unter sich aufgeteilt hatten.<br \/>Doch Ladislaus B.-S. \u2019 Alt-Onkel, also der jenes Herrn, dem ich in Gumpoldskirchen begegnet war, griff meinem Altvorderen unter die Arme und gab ihm das Kaffeehaus <em>Zur Krone<\/em>.<br \/>Mit einer Bleibe sowie einer sinnvollen, weit weniger m\u00f6rderischen Arbeit denn zuvor versehen, konnte Karl Schwartz sich auf Freiersf\u00fc\u00dfe begeben und die ehrbare Maria Habetler als Braut heimf\u00fchren. Damit erh\u00f6hte sich \u00fcbrigens statistisch auch die Wahrscheinlichkeit meiner Existenz.<br \/>Mein Vorfahre erhielt, als er dreifacher Familienvater geworden, eine nicht ungef\u00e4hrliche Chance, sich bei den hochwohlgeborenen B.-S. zu revanchieren. Gesetzlose, die <em>Bety\u00e1ren<\/em> genannt und mit Robin Hood und dessen Gesellen verglichen wurden, trieben damals in Ungarn ihr Unwesen.<\/p>\r\n<p>Zwischen Bety\u00e1ren und R\u00e4ubern oder gar Strauchdieben gab es sowohl in der Benennung als auch in der Beurteilung einen Unterschied. Bety\u00e1ren sollen sich nur so viel angeeignet haben, wie sie unbedingt zum Lebensunterhalt brauchten, und auch dies nur von den Wohlhabenden, in erster Linie von denen, \u201edie das arme Volk aussaugten\u201c. Kein Wunder also, dass die Bety\u00e1ren von den Volksschichten, denen sie entstammten, besonders unterst\u00fctzt wurden: von Hirten, Gutsknechten und armen Bauern, welche ihnen Zuflucht boten.<br \/>Die Banden formierten sich in einer St\u00e4rke zwischen drei und sechzig Mann und waren vor allem im letzten Viertel des neunzehnten Jahrhunderts auch ziemlich habsburgfeindlich gesinnt.<br \/>Der ber\u00fchmteste Gesetzlose war der fesche <em>R\u00f3zsa S\u00e1ndor<\/em> (1813 \u20131878). Wer ihn googelt, wird mit dem Anblick eines Mannsbilds mit einem Schnurrbart wie zwei schnalzende Peitschenriemen in wahrlich pittoresker Csik\u00f3stracht belohnt. Er hatte Ostungarn unsicher gemacht, dort, wo eineinhalb Generationen sp\u00e4ter mein Opa aufwuchs. (Derjenige meiner Vorfahren, der die Enkelin des wehrhaften Kaffeehauspatrons heiratete und mit ihr 1956 nach \u00d6sterreich floh.)<\/p>\r\n<p>Nachdem man den K.-u.-k.-Robin Hood gefangengenommen hatte (in der Puszta, wo der Himmel so tief h\u00e4ngt, dass man die Sterne husten h\u00f6rt, kann man sich auf Dauer kaum gut verstecken), sa\u00df er in der Festung Kufstein ein. Historischen Quellen zufolge bastelte er aus Rosshaaren Ringe als Andenken und verzierte kleine Schachteln mit Strohhalmgem\u00e4lden, die unter anderem die \u201eRESIDENS SALZBURG\u201c darstellten und die er seinen Moritaten-Groupies, pardon, ehrbaren Besucherinnen mit besonders romantischer Ader, \u00fcberreichte.<\/p>\r\n<p>Gesetzlosen-Banden trieben auch in Westungarn ihr Unwesen.<br \/>Meine Urgro\u00dfmutter erinnerte sich, etwa zehn Jahre alt gewesen zu sein, als lauter Wortwechsel sie und ihre Geschwister in ihrem Elternhaus in K. sp\u00e4t in der Nacht aus dem Schlaf riss. Wohnung und Kaffeehaus befanden sich in demselben Geb\u00e4ude, das Kinderzimmer war von der Gaststube nur durch eine Glaswand und einen schweren Vorhang getrennt.<br \/>Die Aufgeweckten schoben den Vorhang etwas beiseite und sahen quasi von ihren Bettchen aus ihren Vater mit seiner Flinte in der Hand einen Bety\u00e1ren zur Rede stellen, der knapp nach der Sperrstunde sich\u2019s im Kaffeehaus bequem machen wollte. Gl\u00fccklicherweise hatte der seine Flinte drau\u00dfen bei der Eingangst\u00fcre angelehnt, bevor er das <em>Krone<\/em> betrat.<br \/>Was er denn n\u00e4chtens in seinem Etablissement zu suchen habe, drang der unerschrockene Cafetier in seinen nicht eben vertrauenserweckenden Gast.<\/p>\r\n<p>Der Ganove muss ein wenig einf\u00e4ltig gewesen sein oder aber mit Wohlwollen gerechnet haben, verriet er doch ziemlich umfassend seine verbrecherischen Vorhaben. Er wolle hier auf zehn Spie\u00dfgesellen warten. Mit seinen Kumpanen habe er vor, so lange auszuharren, bis alle im gegen\u00fcberliegenden Schloss, das von der noblen B.-S.-Familie bewohnt wurde, schlafen gegangen seien. Dann w\u00fcrden sie einsteigen und paar Sachen mitgehen lassen.<br \/>Der sp\u00e4te, zwielichtige Gast war niemand Geringerer als der 1921 in den Bakonyw\u00e4ldern n\u00f6rdlich des Plattensees erfrorene, als letzter Bety\u00e1re bezeichnete <em>Oroszl\u00e1n P\u00e1li<\/em> (L\u00f6wen-Pauli), von dem sogar heute noch ein Altersfoto im Internet herumgeistert. Darauf sieht er \u00fcbrigens gar nicht schrecklich aus, sondern eher wie ein lieber, alter wei\u00dfb\u00e4rtiger Greis, den man durchaus gerne umarmen w\u00fcrde.<br \/>Er habe sogar ein Gymnasium besucht und sowohl auf Deutsch als auch auf Ungarisch makellos schreiben k\u00f6nnen, sei aber mit einen gewaltt\u00e4tigen Vater geschlagen gewesen. Mit f\u00fcnf Freunden habe er, nachdem er von zu Hause ausrei\u00dfen konnte, eine Stra\u00dfenbande gegr\u00fcndet und sei mehrmals von der Polizei erwischt und verhaftet worden. Man sagte ihm Gutherzigkeit und Gro\u00dfz\u00fcgigkeit gegen\u00fcber Armen und Kindern nach. Nur Reiche seien beraubt und niemals Menschen get\u00f6tet worden, erz\u00e4hlen die um ihn gesponnenen Legenden.<br \/>R\u00e4uber-Romantik hin oder her, Karl Schwartz br\u00fcllte ihn an, er solle sich zum Teufel scheren und schleuderte dem Fersengeld-Gebenden noch dessen Waffe nach. Ohne Zeit zu verlieren, pfefferte er ein paar ordentliche Salven in die n\u00e4chtliche Luft, sodass das gesamte Dorf zusammenlief und so jeder Plan, den Raub sp\u00e4ter nachzuholen, gr\u00fcndlich vereitelt wurde. Dem ungeschriebenen Kodex der \u201eSolidarit\u00e4t des einfachen Volkes\u201c folgend verriet der wehrhafte Kaffeehausp\u00e4chter keinen einzigen der elf Banditen, aber ihr S\u00fcppchen hatte er ihnen dennoch gr\u00fcndlich versalzen. So konnte er seinem M\u00e4zen mit vergleichbarer M\u00fcnze die Wohltat vergelten, die der ihm erwiesen hatte, als er verarmt aus dem Krieg heimgekehrt war.<\/p>\r\n<p>Ich konnte mir\u2019s nicht verkneifen, das auch dem hochwohlgeborenen Urur-(wieauchimmer)-Gro\u00dfneffen per Mail mitzuteilen, worauf er mir auf traditionell monarchistische Art dankte. Es habe ihn sehr gefreut.<br \/>Ein bisschen w\u00fcnschte ich mir dann doch Robin Hood nach Gumpoldskirchen. Frei nach dem Motto: Lieber Langbogen als Stock-im-Allerwertesten.<\/p>\r\n<p class=\"has-text-align-right\" style=\"text-align: right;\">Antonia H.<\/p>\r\n<p style=\"text-align: right;\"><!-- \/wp:post-content -->\r\n\r\n<!-- wp:paragraph {\"align\":\"right\"} --><\/p>\r\n<p class=\"has-text-align-right\" style=\"text-align: right;\">www.verdichtet.at | Kategorie: <a href=\"https:\/\/www.verdichtet.at\/?page_id=3365\">anno<\/a>\u00a0| Inventarnummer: 26270<\/p>","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Neulich fand ich im Internet ein Meme: Ein gr\u00fcngekleideter Typ mit Schnauzb\u00e4rtchen und ein weiterer, etwas dickerer Kerl unterhalten sich zwischen B\u00fcschen hockend. 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