{"id":24100,"date":"2026-10-30T14:05:42","date_gmt":"2026-10-30T14:05:42","guid":{"rendered":"https:\/\/www.verdichtet.at\/?p=24100"},"modified":"2026-11-07T15:53:10","modified_gmt":"2026-11-07T15:53:10","slug":"metatrons-nachricht","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.verdichtet.at\/?p=24100","title":{"rendered":"Metatrons Nachricht"},"content":{"rendered":"<div class=\"pdfprnt-buttons pdfprnt-buttons-post pdfprnt-top-right\"><a href=\"https:\/\/www.verdichtet.at\/index.php?rest_route=wpv2posts24100&print=pdf\" class=\"pdfprnt-button pdfprnt-button-pdf\" target=\"_blank\"><\/a><a href=\"https:\/\/www.verdichtet.at\/index.php?rest_route=wpv2posts24100&print=print\" class=\"pdfprnt-button pdfprnt-button-print\" target=\"_blank\"><\/a><\/div><p>Als ich erfuhr, dass ein Erzengel eine dringende Nachricht f\u00fcr mich hatte, war es kurz nach zwei Uhr morgens. Ich sa\u00df im Nachthemd auf dem Sofa und trank Rotwein. F\u00fcr den Empfang h\u00f6herer Wesen war ich damit vermutlich ausreichend vorbereitet. F\u00fcr Besuch von meiner Mutter h\u00e4tte ich noch aufr\u00e4umen m\u00fcssen.<\/p>\n<p>Ich war beim Zappen an einer Frau h\u00e4ngen geblieben, die hinter einem Tisch sa\u00df und anderen Menschen erkl\u00e4rte, weshalb ihr Leben gerade nicht funktionierte. Sie hatte lange Fingern\u00e4gel, war entschlossen geschminkt und sah aus wie jemand, der auch ohne Hilfe des Universums eine ganze Hells-Angels-Gang zur Ordnung rufen konnte. Die Frau hie\u00df Angelina. Unter ihrem Namen stand \u201eTV-Beraterin\u201c. Vor ihr lagen Karten, Kristalle und ein Pendel. Ich nahm an, dass sie diese Dinge als Arbeitsmittel brauchte.<\/p>\n<p>Eine Anruferin wollte wissen, ob ihr Mann zu ihr zur\u00fcckk\u00e4me. Angelina schloss die Augen. Nach etwa f\u00fcnf Sekunden \u00f6ffnete sie sie wieder und erkl\u00e4rte, dass sie zwischen den beiden Schwierigkeiten sp\u00fcre. Die Frau bejahte das. Er sei bereits ausgezogen und wohne jetzt bei einer anderen. Angelina nickte. Sie habe auch die r\u00e4umliche Trennung gesp\u00fcrt. Und dass es da jemand anderen gebe. Zwar k\u00f6nne die Anruferin ihren geliebten Manfred zur\u00fcckholen, ganz einfach \u00fcber eine Umprogrammierung ihres derzeitigen Mangeldenkens, das m\u00fcssten sie aber in einer gesonderten Sitzung machen. Tarif und Termin w\u00fcrden noch bekanntgegeben.<\/p>\n<p>Die Anruferin verabschiedete sich h\u00f6rbar erleichtert.<\/p>\n<p>Je l\u00e4nger ich zusah, desto interessanter wurden die Gespr\u00e4che. Und desto leerer die Weinflasche. Nach dem dritten Glas begann ich zu verstehen, wie die Sendung funktionierte. Nach dem vierten hielt ich mich f\u00fcr ausreichend vorbereitet, um selbst als Anruferin teilzunehmen.<\/p>\n<p>Pl\u00f6tzlich schloss Angelina die Augen und legte zwei Finger an ihre Schl\u00e4fe. Erzengel Metatron sei jetzt ganz nah. Ich stellte vorsichtshalber den Wein ab. Metatron habe eine dringende Nachricht f\u00fcr eine Frau vor dem Fernseher. Diese Frau wisse bereits, dass sie gemeint sei. Ich hatte zwar bis eben nichts davon gewusst, aber nun kam ich nat\u00fcrlich infrage.<\/p>\n<p>Angelina sagte, die Frau solle ihrem Impuls vertrauen und anrufen. Auf dem Bildschirm erschien eine Telefonnummer. Darunter stand, dass eine Minute neunzig Cent koste. Das war f\u00fcr einen Engelskontakt in diese Entfernung vermutlich in Ordnung.<\/p>\n<p>Eine freundliche Mitarbeiterin fragte nach meinem Vornamen und wollte wissen, was mich besch\u00e4ftige. Ich sagte, ich h\u00e4tte eigentlich ins Bett gehen wollen, aber nun sei offenbar etwas dazwischengekommen. Sie stellte mich durch.<\/p>\n<p>Angelina begr\u00fc\u00dfte mich mit meinem Namen und erkl\u00e4rte, sie habe gewusst, dass ich anrufen w\u00fcrde. Ich fand es angenehm, dass wenigstens eine von uns vorbereitet war.<\/p>\n<p>Wegen der R\u00fcckkopplung stellte ich den Fernseher stumm und das Telefon auf Lautsprecher. Mein Mikrofon schaltete ich nur ein, wenn ich etwas sagen wollte.<\/p>\n<p>\u201eMetatron hat dich heute zu mir gef\u00fchrt\u201c, sagte Angelina. Ich erw\u00e4hnte vorsichtshalber den Rotwein. Sie erkl\u00e4rte, auch solche Umwege k\u00f6nnten Teil einer F\u00fchrung sein. Zun\u00e4chst m\u00fcsse sie kl\u00e4ren, wo ich im Leben stehe. Sie sp\u00fcre einen Mann, der emotional nicht erreichbar sei. Ich sagte, ich h\u00e4tte keinen Partner. Angelina nickte. \u201eGenau diese Abwesenheit zeigt sich mir.\u201c Bei Angelina f\u00fchlte ich mich wirklich verstanden.<\/p>\n<p>Sie zog eine Karte und betrachtete sie lange. \u201eDu wartest auf etwas.\u201c<\/p>\n<p>\u201eAuf die Nachricht von Metatron\u201c, sagte ich.<\/p>\n<p>\u201eDu darfst jetzt nicht ins Fordern gehen\u201c, entgegnete Angelina besorgt.<\/p>\n<p>Direkt neben mir sagte pl\u00f6tzlich jemand: \u201eDie ist gut.\u201c<\/p>\n<p>Am anderen Ende des Sofas sa\u00df ein Mann in einer braunen Jacke. Aus seinem sch\u00fctteren Haar ragten zwei kleine H\u00f6rner. Er betrachtete den Fernseher mit dem konzentrierten Interesse eines Wesens, das gerade herausfindet, weshalb die Konkurrenz mehr verdient. Ich sah ihn an. Dann roch ich an meinem Weinglas.<\/p>\n<p>\u201eAm Wein liegt es nicht\u201c, sagte er. \u201eIch bin wirklich da.\u201c<\/p>\n<p>Ich stellte das Glas ab. \u201eWie sind Sie hereingekommen?\u201c<\/p>\n<p>\u201eIch bin erschienen.\u201c<\/p>\n<p>Eine Erscheinung war er zweifellos. Trotzdem wartete ich auf eine genauere Auskunft.<\/p>\n<p>\u201eIch hei\u00dfe Kurt\u201c, sagte er schlie\u00dflich. \u201eIch bin ein D\u00e4mon.\u201c<\/p>\n<p>Ich zog die Fernbedienung n\u00e4her zu mir. Zwar w\u00fcrde ich mich damit kaum verteidigen k\u00f6nnen, dennoch schien es mir wirkungsvoller, sie nach ihm zu werfen als einen Pl\u00fcschpolster.<\/p>\n<p>Angelina fragte, ob ich noch da sei. Meine spirituelle Offenheit konnte wohl kaum jemand infrage stellen, und das sogar in zwei Richtungen. Ich schaltete mein Mikrofon ein, bejahte und schaltete es wieder aus.<\/p>\n<p>\u201eWollen Sie mir etwas B\u00f6ses?\u201c, fragte ich Kurt.<\/p>\n<p>Er legte einen Arm \u00fcber die Couchlehne. \u201eHaben Sie mich gerufen?\u201c<\/p>\n<p>\u201eNein.\u201c<\/p>\n<p>\u201eHaben Sie einen Pakt geschlossen?\u201c<\/p>\n<p>\u201eNicht, dass ich w\u00fcsste.\u201c<\/p>\n<p>Er deutete auf den Fernseher. \u201eDann w\u00fcrde ich vorl\u00e4ufig dort vorsichtig sein.\u201c<\/p>\n<p>Angelina erkl\u00e4rte inzwischen, ich sei ein Mensch, der viel f\u00fcr andere tue, aber selbst oft zu kurz komme. Ich fragte Kurt, ob ich ihn mit dieser Sendung angelockt h\u00e4tte.<\/p>\n<p>\u201eAngelina\u201c, sagte er. \u201eIch wollte wissen, wie sie arbeitet.\u201c<\/p>\n<p>\u201eSie kennen sie?\u201c<\/p>\n<p>\u201eIch kenne ihre Zahlen.\u201c<\/p>\n<p>Er sagte das mit einer bewundernden W\u00e4rme, die mich mehr beunruhigte als die H\u00f6rner.<\/p>\n<p>Angelina erkl\u00e4rte, ich m\u00fcsse mich von alten Bindungen l\u00f6sen, um die F\u00fclle in mein Leben zu lassen. Kurt zog einen Kugelschreiber aus der Jacke und begann auf der R\u00fcckseite meiner Fernsehzeitschrift zu schreiben.<\/p>\n<p>\u201eLassen Sie bitte das Kreuzwortr\u00e4tsel frei\u201c, sagte ich. \u201eMir fehlen nur noch zwei W\u00f6rter.\u201c<\/p>\n<p>\u201eSelbstverst\u00e4ndlich.\u201c<\/p>\n<p>Immerhin hatte er gute Umgangsformen.<\/p>\n<p>Angelina fragte, ob ich in letzter Zeit h\u00e4ufig m\u00fcde sei. Ich sah auf die Uhr. \u201eJetzt gerade schon.\u201c Sie nickte ernst. \u201eDas hat einen Grund.\u201c Ich fragte, ob Metatron diesen Grund kenne. Sie sagte, wir m\u00fcssten erst mein Feld \u00f6ffnen.<\/p>\n<p>\u201eIst es denn noch geschlossen?\u201c<\/p>\n<p>\u201eZum Teil.\u201c<\/p>\n<p>Angelina hob die H\u00e4nde \u00fcber ihre Karten. Dann hielt sie inne. \u201eDa ist etwas.\u201c Kurt h\u00f6rte auf zu schreiben. Ich sah zu ihm. Er sah zu mir. \u201eEtwas in deiner N\u00e4he\u201c, sagte Angelina. \u201eEine m\u00e4nnliche Pr\u00e4senz.\u201c<\/p>\n<p>Kurt legte den Kugelschreiber ab. \u201eDas ist jetzt allerdings interessant.\u201c<\/p>\n<p>\u201eDu bist nicht allein\u201c, erkl\u00e4rte Angelina.<\/p>\n<p>Ich schaltete mein Mikrofon ein. \u201eDas stimmt.\u201c<\/p>\n<p>Ihr Blick wurde scharf. \u201eHast du in letzter Zeit mit Energien gearbeitet?\u201c<\/p>\n<p>\u201eIch habe haupts\u00e4chlich staubgesaugt und W\u00e4sche gewaschen.\u201c<\/p>\n<p>\u201eAuch \u00fcber Gegenst\u00e4nde k\u00f6nnen sich fremde Energien \u00fcbertragen.\u201c<\/p>\n<p>Kurt betrachtete die Fernsehzeitschrift auf seinen Knien und legte sie vorsichtig neben sich.<\/p>\n<p>Angelina beugte sich vor. M\u00f6glicherweise, sagte sie, habe sich eine niedere Wesenheit an mich angeheftet. Kurt richtete sich auf.<\/p>\n<p>Ich stellte mein Mikrofon ab. \u201eKann die Sie tats\u00e4chlich wahrnehmen?\u201c<\/p>\n<p>Er schwieg einen Moment. \u201eFragen Sie sie, was ich tue.\u201c<\/p>\n<p>Ich tat es. Angelina schloss die Augen. \u201eEr versucht, dich zu beeinflussen.\u201c Kurt nickte anerkennend.<\/p>\n<p>Ich fragte, ob sie ihn entfernen k\u00f6nne. Selbstverst\u00e4ndlich k\u00f6nne sie das. Allerdings m\u00fcsse ich mich f\u00fcr eine energetische Reinigung entscheiden.<\/p>\n<p>\u201eWas kostet die?\u201c<\/p>\n<p>\u201eDeine seelische Unversehrtheit sollte dir etwas wert sein.\u201c<\/p>\n<p>\u201eIst sie mir auch. Ich h\u00e4tte nur gerne eine Zahl.\u201c<\/p>\n<p>Auf dem Bildschirm erschien ein Angebot \u00fcber hundertneunundvierzig Euro. Kurt griff sofort wieder nach der Zeitschrift. \u201eWarten Sie\u201c, sagte er. \u201eIch brauche eine frische Seite.\u201c<\/p>\n<p>Angelina erkl\u00e4rte, ich m\u00fcsse rasch handeln. Eine solche Wesenheit k\u00f6nne erheblichen Schaden anrichten. Ich stellte das Mikrofon ab. \u201eWas haben Sie eigentlich vor?\u201c, fragte ich Kurt.<\/p>\n<p>\u201eIch wollte noch bis zum Ende der Sendung bleiben.\u201c<\/p>\n<p>\u201eUnd danach?\u201c<\/p>\n<p>\u201eDas h\u00e4ngt davon ab, was noch kommt.\u201c<\/p>\n<p>Er sah aus wie jemand, der bei einem Vortrag endlich etwas Brauchbares h\u00f6rte.<\/p>\n<p>Ich wandte mich wieder Angelina zu. \u201eWas passiert bei dieser Reinigung genau?\u201c<\/p>\n<p>Sie werde die fremde Energie aus meinem Feld l\u00f6sen.<\/p>\n<p>\u201eUnd wohin kommt sie dann?\u201c<\/p>\n<p>Angelina blinzelte. \u201eSie wird dorthin zur\u00fcckgef\u00fchrt, wo sie hingeh\u00f6rt.\u201c<\/p>\n<p>Kurt sch\u00fcttelte entschieden den Kopf. \u201eIch habe bis Montag Urlaub.\u201c<\/p>\n<p>Ich fragte ihn, ob er nicht auch einfach freiwillig gehen k\u00f6nne. \u201eWenn Ihnen meine Anwesenheit unangenehm ist, selbstverst\u00e4ndlich.\u201c Das brachte mich in eine schwierige Lage. Kurt hatte sich bislang \u00e4u\u00dferst h\u00f6flich verhalten. Er sa\u00df auf meinem Sofa und schrieb in meine Fernsehzeitschrift. Ich hatte schon anstrengenderen Besuch gehabt.<\/p>\n<p>\u201eSie k\u00f6nnen noch bleiben.\u201c<\/p>\n<p>Er bedankte sich. Angelina erkl\u00e4rte inzwischen, ich m\u00fcsse selbst entscheiden, ob ich weiterhin in Angst leben wolle. \u201eBisher hatte ich eigentlich keine\u201c, sagte ich. \u201eDas ist oft das Gef\u00e4hrliche.\u201c Kurt schrieb den Satz auf und unterstrich ihn zweimal.<\/p>\n<p>Ich fragte Angelina, woran ich erkennen w\u00fcrde, dass die Reinigung funktioniert habe. \u201eDu wirst eine Ver\u00e4nderung sp\u00fcren.\u201c<\/p>\n<p>\u201eUnd wenn nicht?\u201c<\/p>\n<p>\u201eDann sitzt die Belastung tiefer.\u201c<\/p>\n<p>\u201eM\u00fcsste man die Reinigung dann wiederholen?\u201c<\/p>\n<p>Angelina l\u00e4chelte. \u201eDu verstehst den Prozess.\u201c<\/p>\n<p>Kurt lie\u00df den Kugelschreiber sinken. Dann begann er zu lachen. Er lachte erst lautlos, dann etwas rasselnder, schlie\u00dflich so heftig, dass ich mein Weinglas festhielt. Angelina fragte, ob ich bereits eine Reaktion wahrnehme.<\/p>\n<p>\u201eJa\u201c, sagte ich. \u201eZiemlich deutlich sogar.\u201c<\/p>\n<p>Sie nickte zufrieden. Kurt presste sich die Zeitschrift vor den Mund.<\/p>\n<p>Ich sagte Angelina, ich wolle \u00fcber die Reinigung erst nachdenken. Ihr Gesicht ver\u00e4nderte sich kaum. \u201eManchmal ist Nachdenken eine Form der Selbstsabotage.\u201c Kurt h\u00f6rte schlagartig auf zu lachen und schrieb wieder.<\/p>\n<p>Ich wartete, bis Angelina die Augen geschlossen hatte. \u201eWas ist daran so interessant?\u201c, fragte ich ihn.<\/p>\n<p>Er wischte sich \u00fcber die Augen. \u201eWir stellen uns unten derart umst\u00e4ndlich an.\u201c<\/p>\n<p>\u201eWobei?\u201c<\/p>\n<p>\u201eBeim Verf\u00fchren. Wir suchen uns jemanden aus, beobachten seine Schw\u00e4chen, machen ihm ein Angebot. Dann kommen die Verhandlungen. Und am Ende die verbindliche Unterschrift.\u201c Er deutete mit dem Kugelschreiber auf den Fernseher. \u201eSie l\u00e4sst die Leute selbst anrufen.\u201c Er sah auf den eingeblendeten Minutentarif. \u201eUnd sie zahlen daf\u00fcr.\u201c<\/p>\n<p>Angelina hatte inzwischen einen Anh\u00e4nger hervorgeholt. &#8222;Gerade sensible Menschen&#8220;, erkl\u00e4rte sie, sollten ihr Feld dauerhaft absichern. \u201eNeunundsiebzig Euro\u201c, sagte sie. \u201eDu investierst damit in deine Freiheit.\u201c Kurt schrieb 79 unter 149.<\/p>\n<p>\u201eUnser System ist veraltet. Upskilling im Sales steht grade hoch im Kurs\u201c, murmelte er.<\/p>\n<p>Ich fragte Angelina, wie lange der Schutz halte. \u201eGrunds\u00e4tzlich dauerhaft.\u201c Ich entspannte mich. \u201eDu musst ihn lediglich regelm\u00e4\u00dfig energetisch nachladen lassen.\u201c<\/p>\n<p>\u201eKann ich das selbst machen?\u201c<\/p>\n<p>Angelina l\u00e4chelte nachsichtig. \u201eDaf\u00fcr biete ich gesonderte Sitzungen an.\u201c<\/p>\n<p>Kurt bl\u00e4tterte auf eine freie Seite und schrieb oben: \u201eNachladen\u201c. Dann sagte er: \u201eIch habe einmal drei\u00dfig Jahre auf ein Erstgeborenes gewartet.\u201c<\/p>\n<p>Ich sah ihn an. \u201eUnd?\u201c<\/p>\n<p>\u201eWurde mir nur widerwillig ausgeh\u00e4ndigt.\u201c Er deutete auf Angelina. \u201eDas hier ist besser.\u201c<\/p>\n<p>\u201eIch h\u00e4tte jetzt trotzdem gern die Nachricht von Metatron\u201c, sagte ich zu Angelina. \u201eDas wird hier langsam etwas teuer.&#8220;<\/p>\n<p>Angelina atmete tief ein. \u201eDu denkst sehr materiell.\u201c<\/p>\n<p>\u201eIch habe angerufen, weil Metatron dringend mit mir sprechen wollte. Es w\u00e4re mir recht, wenn wir das noch vor drei Uhr erledigen k\u00f6nnten.\u201c<\/p>\n<p>Sie erkl\u00e4rte, ich m\u00fcsse lernen, dem richtigen Zeitpunkt zu vertrauen. Dann schloss sie die Augen. Ihre H\u00e4nde ruhten \u00fcber den Karten. Ich wartete. Kurt wartete ebenfalls. Nach einer Weile nahm er den Kugelschreiber wieder auf.<\/p>\n<p>Angelina atmete h\u00f6rbar aus. \u201eEs geht um Vertrauen.\u201c<\/p>\n<p>\u201eIn wen?\u201c<\/p>\n<p>\u201eIn die F\u00fchrung.\u201c<\/p>\n<p>\u201eDurch wen?\u201c<\/p>\n<p>\u201eDu gehst schon wieder in den Verstand.\u201c<\/p>\n<p>Ich stellte das Mikrofon ab. \u201eDarf man bei Ihnen unten eigentlich Fragen stellen?\u201c<\/p>\n<p>Kurt zuckte mit den Schultern. \u201eVor der Unterschrift schon.\u201c<\/p>\n<p>Sein Telefon vibrierte. Er nahm es aus der Jackentasche, las die Nachricht und tippte etwas zur\u00fcck.<\/p>\n<p>\u201eIst es dringend?\u201c, fragte ich.<\/p>\n<p>\u201eMetatron.\u201c<\/p>\n<p>Ich sah ihn an. Kurt betrachtete noch einmal sein Display. \u201eEr fragt, ob Sie immer noch in der Leitung sind.\u201c<\/p>\n<p>Ich setzte mich aufrecht hin. \u201eSie kennen Metatron?\u201c<\/p>\n<p>\u201eSelbstverst\u00e4ndlich.\u201c<\/p>\n<p>\u201eHat er eine Nachricht f\u00fcr mich?\u201c<\/p>\n<p>\u201eJa.\u201c<\/p>\n<p>Ich wartete. Kurt r\u00e4usperte sich. \u201eSie d\u00fcrfen auflegen.\u201c<\/p>\n<p>Ich legte auf.<\/p>\n<p>Im Zimmer war es pl\u00f6tzlich angenehm still. Kurt schrieb etwas in die Zeitschrift.<\/p>\n<p>\u201eSeit wann versucht er, mir das auszurichten?\u201c<\/p>\n<p>\u201eSeit einer Weile.\u201c<\/p>\n<p>\u201eSie wussten es?\u201c<\/p>\n<p>\u201eJa.\u201c<\/p>\n<p>Ich wartete. Kurt deutete auf seine Notizen. \u201eBeim Anh\u00e4nger wollte ich noch wissen, wie sie mit Reklamationen umgeht.\u201c<\/p>\n<p>Ich nahm mein Glas. \u201eUnd?\u201c<\/p>\n<p>\u201eOffenbar \u00e4u\u00dferst gesch\u00e4ftst\u00fcchtig.\u201c<\/p>\n<p>Ich stellte den Fernsehton wieder an. Angelina erkl\u00e4rte den \u00fcbrigen Zuschauern gerade, dass die Frau vorhin leider noch nicht bereit gewesen sei, Verantwortung f\u00fcr ihr Leben zu \u00fcbernehmen. Kurt griff nach dem Kugelschreiber. Ich legte meine Hand auf die Zeitschrift.<\/p>\n<p>\u201eEs reicht jetzt, denke ich.\u201c<\/p>\n<p>Er sah mich an. Dann legte er den Stift auf den Tisch.<\/p>\n<p>\u201eGehen Sie jetzt?\u201c<\/p>\n<p>Er bejahte. Es sei sp\u00e4t geworden und er m\u00fcsse einiges \u00fcberdenken. Die Fernsehzeitschrift w\u00fcrde er sich allerdings gerne bis morgen ausleihen.<\/p>\n<p>\u201eDas Kreuzwortr\u00e4tsel.\u201c<\/p>\n<p>\u201eSelbstverst\u00e4ndlich.\u201c<\/p>\n<p>Dann ging er. Diesmal durch die T\u00fcr.<\/p>\n<p>Am n\u00e4chsten Abend blieb ich beim Durchschalten wieder an dem Sender h\u00e4ngen. Hinter dem Tisch sa\u00df Kurt. Er trug ein schwarzes Hemd und hatte sich die Haare \u00fcber die H\u00f6rner gek\u00e4mmt. Vor ihm lagen Karten, ein Pendel und meine Fernsehzeitschrift. Unter seinem Namen stand: \u201eKurt \u2013 spiritueller Berater\u201c.<\/p>\n<p>Er begr\u00fc\u00dfte eine Anruferin und erkl\u00e4rte, er habe gewusst, dass sie anrufen w\u00fcrde. Ich drehte den Fernseher lauter. \u201eIch sp\u00fcre einen Mann, der emotional nicht erreichbar ist.\u201c Die Frau sagte, sie h\u00e4tte keinen Partner. Kurt sah kurz in die Fernsehzeitschrift. \u201eGenau diese Abwesenheit zeigt sich mir.\u201c Ich kannte den Satz. Ich kannte auch die Seite, auf der er stand.<\/p>\n<p>Die Anruferin erkl\u00e4rte, dass sie sich tats\u00e4chlich oft allein f\u00fchle. Kurt nickte und bl\u00e4tterte um. \u201eDu musst dich fragen, warum es dir so schwerf\u00e4llt, dir selbst etwas Gutes zu tun.\u201c Dann hob er einen Anh\u00e4nger hoch. Die Frau fragte nach dem Preis. \u201eNeunundsiebzig Euro.\u201c Sie schwieg. \u201eDas ist viel Geld\u201c, sagte sie schlie\u00dflich. \u201eIch muss dar\u00fcber nachdenken.\u201c<\/p>\n<p>Kurt bl\u00e4tterte in der Fernsehzeitschrift. Er fand die richtige Stelle sofort. \u201eManchmal ist Nachdenken eine Form der Selbstsabotage.\u201c<\/p>\n<p>Die Frau schwieg. Ich ebenfalls.<\/p>\n<p style=\"text-align: right;\">Verena Tretter<\/p>\n<p style=\"text-align: right;\">www.verdichtet.at | Kategorie: <a href=\"https:\/\/www.verdichtet.at\/?page_id=4535\">Wortglauberei<\/a> | Inventarnummer: 26265<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Als ich erfuhr, dass ein Erzengel eine dringende Nachricht f\u00fcr mich hatte, war es kurz nach zwei Uhr morgens. Ich sa\u00df im Nachthemd auf dem Sofa und trank Rotwein. F\u00fcr den Empfang h\u00f6herer Wesen war ich damit vermutlich ausreichend vorbereitet. F\u00fcr Besuch von meiner Mutter h\u00e4tte ich noch aufr\u00e4umen m\u00fcssen. 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