{"id":23990,"date":"2026-10-10T17:59:26","date_gmt":"2026-10-10T17:59:26","guid":{"rendered":"https:\/\/www.verdichtet.at\/?p=23990"},"modified":"2026-10-17T12:50:15","modified_gmt":"2026-10-17T12:50:15","slug":"storytelling","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.verdichtet.at\/?p=23990","title":{"rendered":"Storytelling"},"content":{"rendered":"<div class=\"pdfprnt-buttons pdfprnt-buttons-post pdfprnt-top-right\"><a href=\"https:\/\/www.verdichtet.at\/index.php?rest_route=wpv2posts23990&print=pdf\" class=\"pdfprnt-button pdfprnt-button-pdf\" target=\"_blank\"><\/a><a href=\"https:\/\/www.verdichtet.at\/index.php?rest_route=wpv2posts23990&print=print\" class=\"pdfprnt-button pdfprnt-button-print\" target=\"_blank\"><\/a><\/div><p>Ein Kaffeehaus in Linz. Ein bisschen sch\u00e4big, ein bisschen heimelig. Schwarzwei\u00dffotos mit Zigarre paffenden Pers\u00f6nlichkeiten. Rauch ist seit dem allgemeinen Rauchverbot keiner zu erschnuppern. Und stets ein Sprachengewirr, bei dem der Turm von Babel lange Ohren bekommen k\u00f6nnte.<br \/>Hier finden n\u00e4mlich auch Sprachencaf\u00e9s statt.<\/p>\r\n<p>Ein Donnerstag im Monat: Da trudeln Leute aus Kanada, China, Mexiko, aus aller Herren und Frauen L\u00e4nder (auch hiesige) ein, die alle dasselbe Ziel verfolgen: Schnurren aus dem Leben anderer zu h\u00f6ren und zum Besten zu geben. Erz\u00e4hlzeit: etwa sieben Minuten. Es gibt auch ein Thema und die Erz\u00e4hlsprache ist Englisch. Nicht meine Muttersprache, aber ich liebe \u201echallenges\u201c.<\/p>\r\n<p>Themen sind solche wie: \u201cChefgehabe\u201c, \u201eKnapp vorbei ist auch daneben\u201c; alles klingt in der Fremdsprache wie aus der Pistole geschossen. Zumindest f\u00fcr mich.<\/p>\r\n<p>Also gut, mein erster Abend. Ich f\u00fchle mich wieder in meinen Beruf zur\u00fcckgeworfen, in welchem ich st\u00e4ndig mit mehreren Zuh\u00f6rern zu tun hatte. Dennoch, jede Person, die in den reservierten Raum mit der langen Tafel eintritt, ein Tropfen mehr Adrenalin.<br \/>Geradezu harmlos werden Getr\u00e4nke bestellt, man plaudert, macht Smalltalk, ach so, ja, viele Computerfachleute, ein Schauspieler, eine Psychiaterin\u00a0\u2026 jugendliche Erscheinungen, manche wirken beruflich versiert, keiner, keine aber abgebr\u00fcht.<\/p>\r\n<p>Sind die vielen roten B\u00e4ckchen der Aufregung oder der sich durch die vielen Menschen aufheizenden Atmosph\u00e4re geschuldet?<\/p>\r\n<p>Sich auf Englisch treffen, entspannt mich irgendwie auch. Es erinnert mich an Amerika, mit unkomplizierten, manchmal ein wenig \u00fcbertrieben \u00fcberschw\u00e4nglichen Begegnungen.<\/p>\r\n<p>Endlich ist eine Menge zustandegekommen, die einer gro\u00dfen Schulklasse entspricht.<\/p>\r\n<p>Die Moderatorin des Abends, eine kleine temperamentvolle Mexikanerin, begibt sich zur gr\u00f6\u00dften Leerstelle des Raumes. Dort steht einsam ein runder Tisch, an dem man sich, wenn man zu nerv\u00f6s ist, leider nur ein bisschen anlehnen kann.<\/p>\r\n<p>Sie ergreift das Wort: \u201eWillkommen, habt ihr zu essen und zu trinken? Heute iiist\u201c, wie eine Zirkusansagerin gestaltet sie das Folgende, man h\u00f6rt vor jedem ihrer S\u00e4tze geradezu Trommelwirbel: \u201eHeute iiist, Storytelling! Wie das funktioniert?\u201c Dann erkl\u00e4rt sie mit marktschreierischer Stimme das Motto und reicht einen Zettel herum, auf dem sich die Erz\u00e4hlenden der Reihe nach eintragen. Die Vorgabe sei frei interpretierbar und bitte, unterst\u00fctzt die Redner und Rednerinnen tatkr\u00e4ftig! Nein, niemand m\u00fcsse sich verpflichtet f\u00fchlen, witzig zu sein. Jeder\/jede wie er\/sie k\u00f6nne.<\/p>\r\n<p>Ich bem\u00fche mich, das Wichtigste mitzubekommen, zu sehr bin ich besch\u00e4ftigt, innerlich Anlauf zu nehmen und einen Platz nicht zu weit vorne und auch nicht als Letzte der Liste zu erhaschen. Ich will es wirklich wissen, ob ich diese bunte Truppe fesseln kann.\u00a0 Englisch ist im Grunde eine praktische Sprache, ich hoffe ich finde in der K\u00fcrze treffende Redewendungen \u2026 ich habe mich f\u00fcr dieses allererste Mal <em>nicht<\/em> vorbereitet \u2026 Kaltstart \u2026 ICH WILL ES WISSEN.<\/p>\r\n<p>Die erste Erz\u00e4hlerin entfaltet ihre Geschichte \u00fcber \u201eBeing bossy\u201c. Fast alle haben oder hatten Chefs, \u00fcber die sie eine Menge erz\u00e4hlen k\u00f6nnen. Werden das heute lauter Episoden aus der Arbeitswelt?<\/p>\r\n<p>Ich schalte meine Aufmerksamkeit <em>mindestens<\/em> auf Quadrophonie: zuh\u00f6ren, nach innen Gef\u00fchlen lauschen, Beifall spenden, in meinen Geschichten kramen (bildlich und akustisch), die Reaktionen des Publikums erhaschen.<br \/>Was habe ich f\u00fcr schr\u00e4ge Erlebnisse aus meiner ein paar Jahre schon zur\u00fcckliegenden Berufslaufbahn auf Lager? (Ha, da w\u00e4re dieses Arschloch, oder doch lieber der beste Chef von allen?) Nat\u00fcrlich werde ich keine Kraftausdr\u00fccke verwenden, sollen meine Zuh\u00f6rerInnen sich das doch selber denken &#8230;<\/p>\r\n<p>W\u00e4hrend meine Gedanken innerlich Haken schlagen, merke ich, wie wunderbar dieses Storytelling doch ist.<\/p>\r\n<p>Im Grunde ist es gar nicht so wichtig, <em>brillant<\/em> zu erz\u00e4hlen.<br \/>Es ber\u00fchrt bereits, wie die Pers\u00f6nlichkeiten der Erz\u00e4hlerInnen wie im Zeitraffer aufbl\u00fchen, wie <em>ihre<\/em> Geschichte wieder lebendig wird, mit <em>ihren<\/em> Bew\u00e4ltigungsstrategien, die sie zur Verf\u00fcgung hatten &#8230; ja, Gottseidank haben sie \u2026<\/p>\r\n<p>Manche Story ist zart gef\u00e4rbt, manche ruckelt ein wenig, egal!\u00a0 Bei jeder entsteht ein innerer Film. Ich schaue die Gesichter an, wie sie mimisch ihre eigene Vergangenheit nochmals durchleben, wie ihre M\u00fcnder (manchmal sogar ganze K\u00f6rper) nach Worten ringen, um Gef\u00fchle zu vermitteln, um sich verst\u00e4ndlich zu machen: \u201eJa das war ich und das bin ich!\u201c<\/p>\r\n<p>Wenn diese Leute aus aller Welt von anderen Personen anonym erz\u00e4hlen, wird klar, was sie ber\u00fchrt hat, in welcher Beziehung sie zu ihnen und ihren Erlebnissen stehen. Gleich, woher sie stammen.<br \/>Letztendlich teilen sie <em>immer<\/em> sich <em>selbst<\/em> mit.<\/p>\r\n<p>Der sch\u00fcchtern wirkende, sehr junge Mann, k\u00f6rperlich ein Athlet, fragt seine Zuh\u00f6rerInnen sanft, ob sie denn das und das schon geh\u00f6rt h\u00e4tten, ob sie das schon von seiner Kultur w\u00fcssten? Er kommt aus China. Eine Erz\u00e4hlerin hat sich ihre Geschichte in ihr Handy getippt, liest sie, so lebendig, wie sie kann, vor und dirigiert sich mit einer Hand selber.<br \/>Die Psychiaterin\u00a0gibt mit liebenswertem griechischen Akzent zu, wie nerv\u00f6s sie ist, und kommt dann in Fahrt, zu erz\u00e4hlen, wie sie ihre unwillige Chefin manipuliert hat. Auf nette Art nat\u00fcrlich und sinnvoll.<br \/>Nach ihrem Auftritt strahlt sie, vom Applaus liebkost, wie ein Honigkuchenpferd.<\/p>\r\n<p>Irgendwie stelle ich mir vor, dass alle Episoden im schummrig beleuchteten Raum wie W\u00f6lken herumdriften. Wenn man will, kann man sich im Nachhinein noch einen Eindruck einfangen.<\/p>\r\n<p>Kaum jemand \u00fcberschreitet sieben Minuten Redezeit. Und wenn, dann w\u00e4re ich sauer gewesen, wenn sie es nicht getan h\u00e4tten. Obwohl ich oder gerade weil ich immer wieder aus meinen Erinnerungen Fetzen zu erhaschen suche.<\/p>\r\n<p>Oh, ich bin dran!<\/p>\r\n<p>Schluck. Ein bisschen verliert mein K\u00f6rper seine Festigkeit. Die Moderatorin sagt mich an, als w\u00e4re ich der bew\u00e4hrte Star der Manege. Das tut sie bei allen. Alle sind Gewinner, bevor sie den Mund aufgemacht haben. Alle werden immer noch von Zuwendung aufgefangen, wenn sie bereits wieder auf ihren Pl\u00e4tzen sitzen. Ich brauche mich nicht zu f\u00fcrchten, beurteilt zu werden. Es geht nicht um Urteile oder Bewertung.<\/p>\r\n<p>Soll ich <em>wieder<\/em> eine echte Chef-Geschichte erz\u00e4hlen? Ich habe bereits drei auf Lager, damit ich mich nicht nackt f\u00fchle. Welche kann hier am besten gedeihen? Ich muss mich entscheiden!<\/p>\r\n<p>Alle sehen mich schon gespannt an. Eine Sekunde l\u00e4nger, und sie werden sich einander zuwenden.<\/p>\r\n<p>Ich verwerfe, was ich vorbereitet habe. Die Redewendungen und Vokabel, die ich noch schnell online im Handy nachgeschlagen habe, kann ich nicht mehr verwenden. Ich bin entbl\u00f6\u00dft, ohne Kr\u00fccken, ohne Netz und doppelten Boden. Bleibt nur noch, mich zeigen, so wie ich bin.<br \/>\u201eOh Gosh, I am nervous\u201c, hauche ich.<\/p>\r\n<p>Da! Die Blicke beginnen von mir wegzuwandern. Ich schnappe nach Luft, suche einen Anker. Und fange an: <em>MONGOLEI. Unendliche Weite. Hochsteppe. Stille. Nur das S\u00e4useln des Windes, nur der Schrei des Milans. <\/em>Alle h\u00f6ren zu. In diesem schummrigen Licht wirken sie alle milde gestimmt. Innerer Seufzer der Erleichterung, vorsichtig, ganz vorsichtig Jubel, zumindest mitten im Kopf.<\/p>\r\n<p>Gut, dass ich mich geweigert habe, befahrene Wege zu ben\u00fctzen! Ich sehne mich, von der ersten Welle ihres Wohlwollens getragen, danach, meine Zuh\u00f6rerInnen mit einem <em>neuen<\/em> Erlebnis zu beschenken, vielleicht ein bisschen jene Gef\u00fchle zu wecken, die ich hatte. Die erhebenden, die \u00e4ngstlichen, die unsicheren. Hier bin ich und teile mit. Teile.<\/p>\r\n<p>Die Erz\u00e4hlung ist nicht so wichtig. Sie dreht sich darum, wie man zur Chefin seines Reitpferdes wird. Vielleicht klingt das f\u00fcr Menschen, die nicht pferdeaffin sind, langweilig. Versierte Reiter wissen, was zu tun ist. Ja, eh.<br \/>Doch, warum soll man eine mongolische Stute nicht mit einem B\u00fcrohengst vergleichen k\u00f6nnen?<br \/>Eben.<\/p>\r\n<p>Nachbemerkung:<br \/>Ich denke, ich bin damals in jedem Sinne des Wortes angekommen. Danke f\u00fcr eure Aufmerksamkeit. DANKE.<\/p>\r\n<p class=\"has-text-align-right\" style=\"text-align: right;\">Antonia H.<\/p>\r\n<p style=\"text-align: right;\"><!-- \/wp:post-content -->\r\n\r\n<!-- wp:paragraph {\"align\":\"right\"} --><\/p>\r\n<p class=\"has-text-align-right\" style=\"text-align: right;\">www.verdichtet.at |\u00a0Kategorie: <a href=\"https:\/\/www.verdichtet.at\/?page_id=4535\" data-type=\"page\" data-id=\"4535\">Wortglauberei<\/a> | Inventarnummer: 26257<\/p>","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Ein Kaffeehaus in Linz. Ein bisschen sch\u00e4big, ein bisschen heimelig. Schwarzwei\u00dffotos mit Zigarre paffenden Pers\u00f6nlichkeiten. Rauch ist seit dem allgemeinen Rauchverbot keiner zu erschnuppern. Und stets ein Sprachengewirr, bei dem der Turm von Babel lange Ohren bekommen k\u00f6nnte.Hier finden n\u00e4mlich auch Sprachencaf\u00e9s statt. 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