{"id":23016,"date":"2026-06-18T16:15:53","date_gmt":"2026-06-18T16:15:53","guid":{"rendered":"https:\/\/www.verdichtet.at\/?p=23016"},"modified":"2026-06-21T11:58:11","modified_gmt":"2026-06-21T11:58:11","slug":"exodus","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.verdichtet.at\/?p=23016","title":{"rendered":"Abschied von Wien"},"content":{"rendered":"<div class=\"pdfprnt-buttons pdfprnt-buttons-post pdfprnt-top-right\"><a href=\"https:\/\/www.verdichtet.at\/index.php?rest_route=wpv2posts23016&print=pdf\" class=\"pdfprnt-button pdfprnt-button-pdf\" target=\"_blank\"><\/a><a href=\"https:\/\/www.verdichtet.at\/index.php?rest_route=wpv2posts23016&print=print\" class=\"pdfprnt-button pdfprnt-button-print\" target=\"_blank\"><\/a><\/div><p><em>Wenn ein \u00e4lterer Herr bei Pensionsantritt seine gewohnte Gro\u00dfstadt verl\u00e4sst und sich \u201eam Land\u201c (in einem etwa 30 km von Wien entfernten Dorf) niederl\u00e4sst, geht er nicht nur \u00fcber die Stadtgrenze seiner geliebten bisherigen Heimat. Er gibt seinen urbanen Lebensstil auf, verl\u00e4sst seine Freunde und Verwandten, die liebgewonnenen Stra\u00dfen und Pl\u00e4tze, Geb\u00e4ude, Lokale, Kulturst\u00e4tten und Verkehrsmittel, und liefert sich schutzlos den Gegebenheiten und den Bewohnern der neuen Wahlheimat aus. Er ist aber dort nicht mehr \u201edaheim\u201c, sondern eben nur \u201ezu Hause\u201c. Es ist ein ganz anderes Leben dort \u2013 jenseits der Stadtgrenze. Er verliert sehr viel Gewohntes und Vertrautes. Ein St\u00e4dter hingegen, der in eine andere Stadt zieht, oder ein Bauer, der 100 Kilometer weiter in einen anderen Bauernhof einheiratet, hat keinen derartigen \u201eKulturschock\u201c, sondern lebt mit kleinen \u00c4nderungen \u201ewie ge-wohnt\u201c weiter.<\/em><\/p>\n<p>Morgen ist es so weit \u2013 morgen verlasse ich die Stadt. Ab morgen bin ich kein Wiener mehr. Endg\u00fcltig \u2013 f\u00fcr immer! Nach knapp 60 Jahren \u2013 das ist mehr als ein halbes Jahrhundert! Kann so ein alter Baum noch Wurzeln schlagen \u2013 in fremde Erde verpflanzt? SIE sagt <strong>JA<\/strong>. \u201eIm Bett\u201c \u2013 sagt SIE scherzhaft \u2013 \u201ein meinem Bett hast du noch immer eine starke Wurzel!\u201c Weiber! Seit Eva sind wir aus dem Paradies geworfen worden. Wien ist auch ein Paradies \u2013 oder zumindest das Vorzimmer zum Paradies! Ich wei\u00df das \u2013 ich bin ein Teil von Wien \u2013 und Wien ist ein Teil von mir. Auch jetzt \u2013 mit einem kleinen Bauch und Glatze und einer langen Virginia-Zigarre im Gesicht (sie schmeckt mir eh nicht, viel zu scharf und bei\u00dfend, aber es schaut so imposant-gem\u00fctlich aus), habe ich mich noch nicht abgenabelt von Wien, bin ich noch immer kein Erwachsener, der selbstbewusst dort zu Hause ist, wo er sich gerade aufh\u00e4lt.<\/p>\n<p>Als ein Junger \u2013 das war anfangs der 60er-Jahre \u2013 war ich einmal Provinzreisender, aushilfsweise f\u00fcr ein paar Wochen. Untertags war\u2019s ja lustig \u2013 mit der dicken Tasche die Eisenhandlungen von Nieder\u00f6sterreich, Burgenland und der Steiermark besuchen, aber am Abend \u2013 t\u00f6dlich!! Ein billiges Zimmer suchen, dann ins Dorfwirtshaus \u2013 was gibt\u2019s zum Essen: \u201eSchnitzel, Schweinsbraten, Gulasch\u201c \u2013 ewig dasselbe. Und dann ein, zwei Bier und etwas lesen, bis man m\u00fcde ist. Ein Zigeunerleben, aber ohne Romantik! Und was das Schlimmste war \u2013 die Entfremdung von zu Hause. Auf einmal ist man nur Besuch \u2013 die Freunde \u201afremdeln\u2018, weil man sie jetzt so selten sieht \u2013, der nicht mehr automatisch wei\u00df, was los ist, infolge zu langer, zu h\u00e4ufiger Abwesenheit nicht mehr richtig dazu geh\u00f6rt. So muss an einem Baum ein Ast absterben \u2013 immer weiter vom Saftstrom abgeschnitten \u2013 immer schlechter durchblutet wie ein Raucherbein, genauso wird\u2019s mir gehen \u2013 ab morgen!<\/p>\n<p>\u201eGr\u00fcbel \u00a0nicht so viel\u201c, sagt SIE. \u201eDas Leben ist viel zu kurz f\u00fcr nostalgischen Tr\u00fcbsinn\u201c, sagt SIE, \u201edie paar guten Jahre, die wir noch haben! Du bist doch ein Widder\u201c, sagt SIE, \u201edu bist es doch, der immer vorw\u00e4rtsst\u00fcrmt, der nicht warten kann. Hast du nicht immer gesagt, du bist gut, wenn du ein Ziel hast und wei\u00dft, wo es langgeht?\u201c.<\/p>\n<p>JA, JA, stimmt ja alles \u2013 aber wie soll man eine neue, schwere Aufgabe angehen \u2013 ohne Boden unter den F\u00fc\u00dfen? Kann man einen Sack Zement aufheben, wenn man in der Luft h\u00e4ngt? Kann man mehr in der Luft h\u00e4ngen als ich? Vor zwei Jahren die Frau verloren, dann in die Fr\u00fchpension wegen Firmenpleite, und gleichzeitig die Wohnung aufgeben, die man so m\u00fchsam erspart, so liebevoll eingerichtet hat, in der man ein Kind aufgezogen, Freunde bewirtet, gefeiert, gestritten, geschlafen, gearbeitet, eben gelebt hat wie in einer zweiten Haut! Das erste Drittel des Lebens im Elternhaus in Wien \u2013 das zweite in eben dieser Wohnung in Wien \u2013 und jetzt Abschied von dem allem, was mir so vertraut ist, auf ins letzte Drittel \u2013 in die Fremde!<\/p>\n<p>\u201eRed doch nicht so einen Unsinn\u201c, sagt SIE, \u201eals ob 30 Kilometer von Wien am Nordpol w\u00e4re! Jedes Ende ist ein neuer Anfang, ein neues Spiel \u2013 und wir haben doch prima Karten. Ein neuer, sch\u00f6ner Lebensabschnitt beginnt jetzt\u201c, sagt SIE, \u201eEndlich vom Joch befreit, Zeit f\u00fcr sich selbst haben. Keine Verantwortung, keine ungeliebten Pflichten mehr!\u201c<\/p>\n<p>Das macht es ja soviel schwerer \u2013 dieses <strong>\u201eNicht-mehr gebraucht-Werden\u201c!<\/strong> Wenn man sagen wir von der Firma in eine entfernte Niederlassung geschickt w\u00fcrde, um dort etwas Neues aufzubauen \u2013 ja, da w\u00e4re man den ganzen Tag gefordert und k\u00f6nnte abends m\u00fcde und zufrieden zur Frau nach Hause \u2013 <strong>jawohl, nach Hause<\/strong> \u2013 kommen, dorthin, wo man halt jetzt wohnt, wo einem die T\u00fcr aufgemacht wird mit \u201eBussi\u201c und \u201esetz dich schon zum Tisch, die Suppe ist gleich fertig\u201c. Dann w\u00e4re es auch in Timbuktu sch\u00f6n \u2013 oder noch besser dr\u00fcber der Donau im Weinviertel \u2013 dort, wo ich jetzt hin soll \u2013 morgen. Das w\u00e4re ein gleitender \u00dcbergang in eine neue Heimat \u2013 aber so?<\/p>\n<p>Von heute auf morgen alle Br\u00fccken abbrechen \u2013 in eine kleine Ortschaft ziehen, mit misstrauischen Nachbarn, einem Wirtshaus und einem ADEG, das war\u2019s? Meine paar Freunde werden mich bald vergessen haben, meine Schwester wird mich einmal im Jahr besuchen und Weihnachten eine Karte schreiben, das war\u2019s. Der gewohnte Spaziergang auf den Nu\u00dfberg, fallweise ein Bier im Nussdorfer Br\u00e4ust\u00fcberl, die Sauna in Oberlaa, das gute Himbeer-Eis beim Tichy, die verregneten Sonntagnachmittage im Cafe Hummel \u2013 alles aus? Wie weggeblasen, wenn ich morgen in den M\u00f6belwagen steige?<\/p>\n<p>Herrgott, jetzt tu ich mir aber schon selber leid \u2013 wo ist mein logisches Denken geblieben, auf das ich so stolz bin, mein rationelles Handeln? Hab ich nicht so oft zu IHR gesagt, dass mich der Stra\u00dfenl\u00e4rm vor meinen Fenstern immer mehr st\u00f6rt? Dass ich so gerne im Gr\u00fcnen wohnen w\u00fcrde, im Garten beim Jausenkaffee den Vogerln zuh\u00f6ren, nach dem Abendessen Hand in Hand mit IHR durch die Weing\u00e4rten spazieren m\u00f6chte?<\/p>\n<p>Man kann kein Omelett machen, ohne Eier zu zerschlagen! Gott sei Dank, mein Hirn funktioniert wieder! Hab ich IHR nicht dauernd vorgejammert, dass ich die Einsamkeit nicht mehr ertrage, von Montag bis Freitag allein in der Wohnung? Und nun kann ich jeden Morgen neben IHR aufwachen? Und \u00fcberhaupt \u2013 mit unserem Theaterabonnement kommen wir oft genug nach Wien. Ich kann ja als Pensionist jede Woche ins Thermalbad Oberlaa fahren \u2013 untertags sind eh weniger Leute \u2013 und mich nachher in der Konditorei mit meiner Schwester treffen \u2013 sie wohnt ja gleich ums Eck dort. Mit dem bl\u00f6den Rauchen h\u00f6r ich auch auf ab morgen \u2013 ich brauch keinen Schnuller mehr.<\/p>\n<p>Jetzt geht das Telefon \u2013 das wird SIE sein: \u201eHallo Haserl, ja, ich hab schon alles eingepackt. Eine traurige Stimme hab ich? JA, bin ich auch \u2013 nach so vielen Jahren hier. Das hast du lieb gesagt \u2013 es ginge dir auch so. Nur ein kalter, egoistischer Mensch geht durchs Leben wie eine Maschine. Was sagst du da \u2013 das ist ja das sch\u00f6nste Geburtstagsgeschenk, das ich je bekommen habe \u2013 du hast mir einen Marillenbaum gekauft, den wir morgen gemeinsam vor DEINEM \u2013 nein, jetzt ist es ja UNSER Haus \u2013 pflanzen werden? Ich hab noch nie einen eigenen Baum gehabt. Und gerade Marillen \u2013 wo ich doch so gerne Marillenkn\u00f6del esse. Wei\u00dft du was \u2013 wir laden meine Schwester und den Schwager ein, dass sie am Abend mit uns feiern \u2013 die \u00dcbersiedlung, meinen 60er und den Pensionsantritt \u2013 alles auf einmal! JA? Womit wir ansto\u00dfen sollen? Mit Marillensekt nat\u00fcrlich! BUSSI, jetzt kann ich endlich einschlafen. Gute Nacht, Haserl, bis morgen!\u201c<\/p>\n<p>Eigentlich war ich als Wiener ja immer schon in Nieder\u00f6sterreich, geografisch, nicht?<\/p>\n<p style=\"text-align: right;\">Robert M\u00fcller<\/p>\n<p style=\"text-align: right;\">www.verdichtet.at | Kategorie: <a href=\"http:\/\/www.verdichtet.at\/?page_id=416\">es menschelt<\/a>| Inventarnummer: 26149<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Wenn ein \u00e4lterer Herr bei Pensionsantritt seine gewohnte Gro\u00dfstadt verl\u00e4sst und sich \u201eam Land\u201c (in einem etwa 30 km von Wien entfernten Dorf) niederl\u00e4sst, geht er nicht nur \u00fcber die Stadtgrenze seiner geliebten bisherigen Heimat. 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