{"id":22973,"date":"2026-06-12T12:42:31","date_gmt":"2026-06-12T12:42:31","guid":{"rendered":"https:\/\/www.verdichtet.at\/?p=22973"},"modified":"2026-06-14T14:56:13","modified_gmt":"2026-06-14T14:56:13","slug":"1972er-cortina","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.verdichtet.at\/?p=22973","title":{"rendered":"1972er Cortina"},"content":{"rendered":"<div class=\"pdfprnt-buttons pdfprnt-buttons-post pdfprnt-top-right\"><a href=\"https:\/\/www.verdichtet.at\/index.php?rest_route=wpv2posts22973&print=pdf\" class=\"pdfprnt-button pdfprnt-button-pdf\" target=\"_blank\"><\/a><a href=\"https:\/\/www.verdichtet.at\/index.php?rest_route=wpv2posts22973&print=print\" class=\"pdfprnt-button pdfprnt-button-print\" target=\"_blank\"><\/a><\/div><p>Der Himmel ist im Winter von einer ganz besonderen Bl\u00e4ue, wie sie nur dieser Jahreszeit zu eigen ist.<\/p>\n<p>In der Zeit vor Weihnachten traf ich meinen Halbfreund Robert wieder, der inzwischen in den Vorbereitungen auf die Feiertage versunken war. Zu meiner \u00dcberraschung holte er mich mit einem relativ ungew\u00f6hnlichen Gef\u00e4hrt ab. \u201eDas ist ein 1972er Cortina, ein Fahrzeug, wie es nur damals gebaut werden konnte. Amerikanisches Styling, englischer Motor, italienischer Name. Anfangs machte ich mir nichts aus Autos, aber sp\u00e4ter, so um das Jahr 2016, wuchs meine Nostalgie f\u00fcr die 1970er Jahre\u201c, sagte er. Ich entgegnete ihm, dass ich das merkw\u00fcrdig f\u00e4nde, da er zu dieser Zeit noch gar nicht geboren war, \u00fcberlegte aber, ob ich selbst schon einmal f\u00fcr etwas Nostalgie empfunden h\u00e4tte. \u201eJetzt, wo du es sagst, f\u00e4llt mir ein, dass ich alte Filme aus den USA sehr mochte. Und das auch erst nach einer Zeit, in der ich \u2013 um es mit Pathos zu sagen \u2013 das Sehen gelernt hatte.\u201c<\/p>\n<p>Robert, der inzwischen das Fahrzeug gestartet hatte, um mit mir einen Ausflug zu machen, h\u00f6rte mir gerade nur zu, ohne mich zu unterbrechen. W\u00e4hrend ich um Worte f\u00fcr meinen n\u00e4chsten Satz rang, fiel mir auf, dass das Interieur des Wagens den Zeitgeist verk\u00f6rperte, der mir an den Filmen so gut gefiel: das etwas betulich Biedere, das einem andererseits auch das Gef\u00fchl von Geborgenheit und heiler Welt gab.<\/p>\n<p>\u201eDas Sehen lernen\u201c, setzte ich meinen letzten Gedanken fort, \u201eist etwas, was sich bei mir mit der Zeit ergeben hat. Etwa mit der and\u00e4chtigen Betrachtung des Himmels w\u00e4hrend einer Kaffeepause oder auch dem Fotografieren scheinbar belangloser Gegenst\u00e4nde wie dem eines Serviettenspenders in einer Eisdiele.\u201c<\/p>\n<p>\u201eDas ist ein Sehen, das \u00fcbrigens durch die amerikanische Kultur konditioniert worden ist\u201c, sagte Robert, \u201ewir alle denken, wenn wir von Sonnenunterg\u00e4ngen sprechen, an Bilder aus amerikanischen Western oder wenn wir \u2013 um deinen Gedanken wieder aufzunehmen \u2013 Serviettenspender sehen, an die Arbeiten der Fotorealisten. Ich m\u00f6chte dem gerne hinzuf\u00fcgen, dass wir f\u00fcr solche Bilder umso empf\u00e4nglicher sind, wenn wir einen gewissen Hunger danach versp\u00fcren.\u201c \u201eDas klingt ja interessant\u201c, unterbrach ich ihn. \u201eK\u00f6nntest du vielleicht einmal ein Beispiel daf\u00fcr nennen?\u201c \u201eBeispiele daf\u00fcr w\u00e4ren ein Western am Freitagabend nach einer ersch\u00f6pfenden Arbeitswoche oder die langersehnte Mittagspause in einem Diner. So etwas macht uns achtsamer f\u00fcr die kleinen, aber essentiellen Dinge des Lebens.\u201c \u201eSo wie im Zen?\u201c, entgegnete ich. \u201eJa, so \u00e4hnlich k\u00f6nnte man es beschreiben.\u201c<\/p>\n<p>\u201eWei\u00dft du \u00fcbrigens noch etwas?\u201c, fuhr er fort. \u201eJa, lass es mich h\u00f6ren\u201c, erwiderte ich.<br \/>\n\u201eAls dieses Fahrzeug, in dem wir uns jetzt fortbewegen, pr\u00e4sentiert wurde, war das amerikanisierte Styling noch etwas Ungew\u00f6hnliches. Und wei\u00dft du, was der Hersteller getan hat?\u201c, fragte mich Robert. \u201eEtwa das Aussehen wieder europ\u00e4isiert?\u201c, mutma\u00dfte ich. \u201eNein, die haben sich etwas viel Kl\u00fcgeres einfallen lassen. N\u00e4mlich eine Werbekampagne mit dem Slogan \u201aThe closer you look, the better it looks&#8216;, so dass \u2013 um es mit deinen Worten zu sagen \u2013 die Kunden das Sehen gelernt haben.\u201c<\/p>\n<p>F\u00fcr den Rest der Fahrt schwiegen wir uns an und genossen die Fahrt in Roberts 1972er Cortina. Dann fiel mir ein weiterer Gedanke ein, was ich mit den beschriebenen Gegenst\u00e4nden verbinde.<\/p>\n<p>\u201eWei\u00dft du \u2026\u201c, begann ich zaghaft, \u201eWei\u00dft du, was mir von damals noch in Erinnerung geblieben ist? Als ich im Fr\u00fchjahr 2007 in einem kleinen American Diner sa\u00df, \u00f6ffnete sich f\u00fcr einen Moment die T\u00fcr zu den R\u00e4umen des Personals und heraus kam eine junge, freundliche Bedienung, die mir sehr gefiel und die mich anl\u00e4chelte. Aber ich wusste leider nicht, wie ich mit ihr in Kontakt treten konnte.\u201c<\/p>\n<p>\u201eDas ist immer schwierig, gerade wenn es sich um das Verh\u00e4ltnis zwischen einem Gast und einer Bedienung handelt. Die gew\u00f6hnlichen H\u00f6flichkeitsfloskeln sind da in der Regel zu abgedroschen und eine romantische Bemerkung w\u00e4re fast wieder zu aufdringlich.\u201c Robert konzentrierte sich wieder auf die Fahrbahn, dann setzte er zur Antwort an: \u201eAber sicher wirst du noch einen Weg finden, dieser Situation von damals einen Sinn zu geben. \u00dcbrigens, wir sind gleich am Ziel, bei einem kleinen Adventmarkt in einem Dorf.\u201c<\/p>\n<p>Als wir ankamen, war alles verschneit, aber Robert hatte es nicht schwer, einen Parkplatz zu finden. Wir stiegen aus und mich \u00fcberraschte das satte, mechanische Ger\u00e4usch, das das Schlie\u00dfen der T\u00fcren verursachte.<\/p>\n<p>\u201eDas sah jetzt aus wie in einem Film\u201c, rief uns jemand zu, der vor einer Gl\u00fchweinh\u00fctte stand. \u201eEin sehr sch\u00f6nes Kompliment\u201c, entgegnete ihm Robert. \u201eWie sind Sie denn darauf gekommen?\u201c, fuhr er interessiert fort. \u201eIch dachte an den Wagen. So etwas sieht man heute nur noch in Filmen. Und mit einem modernen Fahrzeug wirkt das Ganze so unspektakul\u00e4r\u201c, bekam er zur Antwort. Da setzte ich mit einem Gedanken ein, den ich schon auf der ganzen Fahrt gesponnen hatte. \u201eWenn es f\u00fcr Sie wie im Film gewesen ist. K\u00f6nnten Sie uns dann wenigstens erz\u00e4hlen, wie dieser Film ausgeht?\u201c Von diesem Moment an begann die Person zu fabulieren.<\/p>\n<p style=\"text-align: right;\">Michael Bauer<\/p>\n<p style=\"text-align: right;\">www.verdichtet.at | Kategorie: <a href=\"http:\/\/www.verdichtet.at\/?page_id=2528\">spazierensehen<\/a> | Inventarnummer: 26147<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Der Himmel ist im Winter von einer ganz besonderen Bl\u00e4ue, wie sie nur dieser Jahreszeit zu eigen ist. In der Zeit vor Weihnachten traf ich meinen Halbfreund Robert wieder, der inzwischen in den Vorbereitungen auf die Feiertage versunken war. 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