{"id":22943,"date":"2026-06-05T13:18:44","date_gmt":"2026-06-05T13:18:44","guid":{"rendered":"https:\/\/www.verdichtet.at\/?p=22943"},"modified":"2026-06-07T07:56:37","modified_gmt":"2026-06-07T07:56:37","slug":"annaeherung-an-schnittkes-st-florian","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.verdichtet.at\/?p=22943","title":{"rendered":"Ann\u00e4herung an Schnittkes St. Florian"},"content":{"rendered":"<div class=\"pdfprnt-buttons pdfprnt-buttons-post pdfprnt-top-right\"><a href=\"https:\/\/www.verdichtet.at\/index.php?rest_route=wpv2posts22943&print=pdf\" class=\"pdfprnt-button pdfprnt-button-pdf\" target=\"_blank\"><\/a><a href=\"https:\/\/www.verdichtet.at\/index.php?rest_route=wpv2posts22943&print=print\" class=\"pdfprnt-button pdfprnt-button-print\" target=\"_blank\"><\/a><\/div><p>Ich musste kurz nachdenken, dann wusste ich nicht nur den Nachnamen, auch der Vorname fiel mir ein: Alfred. Alfred Schnittke hie\u00df der Komponist, nach dem mich Konstanze am Telefon gefragt hatte.<br \/>\nIn der Stiftskirche St. Florian, sagte sie, werde Schnittkes zweite Sinfonie, die Schnittke <em>St. Florian<\/em> genannt habe, vom Bruckner Orchester Linz gegeben. Sie habe zwei Freikarten bekommen, aber ihr Mann Matth\u00e4us sei verhindert, er m\u00fcsse seiner Funktion als Diakon nachkommen. Und, setzte sie fort, sie habe gleich an mich gedacht, weil sie wisse, dass mich Musik nicht blo\u00df interessiere, sondern dass ich daf\u00fcr auch Leidenschaft zeige.<br \/>\nDas stimmte. Ich z\u00f6gerte nur kurz, weil ich im Kopf \u00fcberschlug, ob ich an diesem Sonntag Zeit hatte, dann schaute ich zur Sicherheit in meinem Stehkalender nach, ob ich etwas eingetragen hatte. Da stand nichts, also stimmte ich zu und bedankte mich bei Konstanze, dass sie an mich gedacht hatte.<br \/>\nIch fragte sie, ob sie mit dem Zug nach Linz komme. Sie bejahte. Sie sage mir noch die genaue Zeit, und es w\u00e4re sch\u00f6n, wenn ich sie mit dem Auto vom Bahnhof abholen w\u00fcrde, dann k\u00f6nnten wir in St. Florian vor dem Konzert einige Zeit verbringen und je nach dem Wetter spazieren gehen oder einkehren oder beides. Ich stimmte zu.<br \/>\nIch fragte mich, wie Konstanze nach dem Konzert nach Hause nach D. oder nach Lambach, wo ihr Elternhaus stand, kommen w\u00fcrde, und bef\u00fcrchtete, dass sie daran dachte, bei mir zu \u00fcbernachten, was mich unangenehm ber\u00fchrt h\u00e4tte. Als h\u00e4tte sie sich an meinem Unbehagen ein paar Sekunden erfreut, sagte sie, ich brauche mir keine Gedanken zu machen, sie appelliere nicht an meine Gastfreundschaft. Sie nehme ein G\u00e4stezimmer im Stift und habe am Montag in der Di\u00f6zese in Linz zu tun. Eine Kollegin aus St. Florian nehme sie nach Linz mit. Sie lachte und sagte, sie sp\u00fcre meine Erleichterung, und ich war in der Tat erleichtert.<\/p>\n<p>Ich holte Konstanze am Sonntagnachmittag vom Linzer Hauptbahnhof ab. Sie trug ein festliches Dirndlkleid, das ich von fr\u00fcher kannte, und sie hatte einen kleinen Koffer mit den Utensilien f\u00fcr die \u00dcbernachtung im Stift bei sich. Wir fuhren ein St\u00fcck auf der Autobahn, dann auf der Stra\u00dfe bis in den Markt. Ich erinnerte mich, dass ich Anfang der 1970er Jahre ein paar Mal mit meinem Vater mit der Florianerbahn von Ebelsberg in den Markt gefahren war und wir im Stift das eine oder andere Orgelkonzert geh\u00f6rt hatten. Die romantische Bahn stellte man 1973 ein. Viel sp\u00e4ter, mein Vater war schon lange tot, hatte ich im Marmorsaal des Stifts ein Violinkonzert mit Lidia Baich geh\u00f6rt. Sie hatte Felix Mendelssohn Bartholdys Violinkonzert in e-Moll op. 64 gegeben, und ich war sowohl von der musikalischen Darbietung als auch von der Attraktivit\u00e4t der Geigerin angetan.<\/p>\n<p>Bald nach dem Verlassen der Autobahn erstand das Stift, das sich diskret in die Landschaft f\u00fcgt, vor unseren Augen. Es wird von Augustiner Chorherren bewirtschaftet, die altern, sterben, aber kaum Nachfolger finden. So teilen sich wachsende Aufgaben auf immer weniger Chorherren auf. Parkpl\u00e4tze gab es um das Stift noch genug, wie \u00fcblich w\u00fcrden die Besucher erst knapp vor dem Konzert anreisen und nach Parkpl\u00e4tzen suchen, je n\u00e4her beim Stift, desto besser, damit sie so wenig wie m\u00f6glich zu Fu\u00df gehen mussten. Der Himmel war bedeckt, aber es regnete nicht, nur manchmal riss die Wolkendecke auf und lie\u00df die Sonne hervorschauen. Die Temperatur war angenehm f\u00fcr einen Aufenthalt im Freien, und so beschlossen wir, uns zun\u00e4chst im Literaturgarten die F\u00fc\u00dfe zu vertreten. Dieser kleine Garten, mit Blumen und Pflanzen dicht bewachsen, lag ganz nahe beim Stift und war dessen ehemaliger Gem\u00fcse- und Gew\u00fcrzgarten. Man hatte kleine Schilder in die Beete gesteckt, die die Pflanzen benannten, Tontafeln trugen vorwiegend religi\u00f6se Sentenzen, von Augustinus etwa, auch Adalbert Stifter mischte sich ein. Neben einer B\u00fcste Anton Bruckners gab es eine Tontafel mit einem Zitat, das man Bruckner zuschrieb: \u201eWer hohe T\u00fcrme bauen will, muss lange beim Fundament verweilen.\u201c Tulpen waren die dominierenden Blumen. Zwischen den Gew\u00e4chsen \u00f6ffnete sich der Blick auf die Landschaft, und aus den unterschiedlichen Gr\u00fcnt\u00f6nen leuchtete der Raps. Sein kr\u00e4ftiges Gelb blendete beinahe.<\/p>\n<p>Eine Ruhe breitete sich in uns aus, die uns angesichts des Konzerts innere Kraft sammeln lie\u00df. Nach einer Weile der Kontemplation regte Konstanze an, in der Stiftsg\u00e4rtnerei auf Kaffee und Mehlspeise einzukehren. Das Caf\u00e9 der Stiftsg\u00e4rtnerei lag zu ebener Erde eines gro\u00dfen Gew\u00e4chshauses. Es war ein Gartengro\u00dfmarkt, und die Leute stellten die ausgew\u00e4hlten Blumen und Pflanzen in Einkaufswagen, die sie scheppernd ins Caf\u00e9 fuhren. Eis schleckende Kinder liefen umher. Eine olivgr\u00fcne Decke sch\u00fctzte ein auf einem Podest stehendes Klavier, davor zeigte ein Plakat das n\u00e4chste Konzert mit leichten Melodien an. Wir sa\u00dfen zwischen exotischen Pflanzen, als w\u00e4ren wir in der S\u00fcdsee, die Bl\u00e4tter einer Palme oder eines Strauches kitzelten uns im Gesicht. Zwischen den Gew\u00e4chsen schauten manchmal Figuren nach antiken Vorbildern und mit k\u00fcnstlicher Patina hervor. Es war hei\u00df, und die hohe Luftfeuchtigkeit erzeugte ein lokales tropisches Klima, das einem den Schwei\u00df aus den Poren trieb. Einige Sitzgelegenheiten gab es drau\u00dfen im Freien, um einen Springbrunnen herum und vor einem Pavillon. Sie waren alle besetzt. Der Springbrunnen pl\u00e4tscherte laut und \u00fcbert\u00f6nte jede Unterhaltung, sa\u00df man in seiner N\u00e4he. Die exotische Umgebung im Gew\u00e4chshaus und das intensive Vogelgezwitscher lie\u00dfen uns wie an einem entfernten Ort f\u00fchlen. Nur das Meer fehlte oder wenigstens der Blick darauf von der Hotelterrasse.<\/p>\n<p>Langsam war es an der Zeit, uns in die Stiftskirche zu begeben. Wir erhielten jeder ein Programmheft, das ich aufmerksam durchlas, unterbrochen von der einen oder anderen Unterhaltung mit Konstanze. Schnittke hatte 1977 die Stiftskirche St. Florian besucht. Der Zugang zu Bruckners Grabst\u00e4tte war schon geschlossen. Er h\u00f6rte damals einen unsichtbaren Chor, der die Abendmesse sang. Er nannte sie eine <em>missa invisibilis<\/em>. Die Kirche, der unsichtbare Chor, das Geheimnisvolle des Raums beeindruckten ihn so sehr, dass er f\u00fcr einen Kompositionsauftrag des BBC Symphony Orchestra auf Anregung Gennadij Roshdestvenskys ein Werk zu Ehren Anton Bruckners und St. Florians schuf, seine 2. Sinfonie, die er <em>St. Florian<\/em> nannte und nach der Messordnung strukturierte. In Erinnerung an den unsichtbaren Chor hatte er eine gleichsam unsichtbare Messe komponiert, eine sakrale Sinfonie f\u00fcr ein gro\u00dfes Orchester vor einem Choralhintergrund. Der Charakter dieser Messe ist zur\u00fcckhaltend, macht sich meist nur am Anfang eines Satzes bemerkbar. So tritt zum Gregorianischen Choral das Orchester hinzu, das eigenst\u00e4ndig ist und mit dem Choral nicht direkt etwas zu tun hat, sondern dessen Weiterf\u00fchrung ist, zitierte das Programmheft Schnittke.<\/p>\n<p>Nur wenige Pl\u00e4tze blieben frei. Die Leute redeten miteinander, meist leise, viele fl\u00fcsterten angesichts der Aura der Stiftskirche. Dann betraten der Dirigent und die Solisten den Kirchenraum, es folgte das Orchester. Einige Instrumente und Stimmen nahmen ihren Platz auf der Empore ein. Ein letztes kollektives R\u00e4uspern und Husten kamen auf, das Publikum gab diesem Reflex noch hastig Raum, w\u00e4hrend das Orchester die Instrumente stimmte. Dann kehrte Stille ein und alle warteten auf das Einsetzen der Instrumente, auf den Beginn des 1. Satzes, des Kyrie. Eine gleichsam himmlische Klangfolge entstand, ich empfand sie in der Tat so, als s\u00e4nken die Kl\u00e4nge vom Himmel herab. Die sechs S\u00e4tze entfalteten sich im mystischen Raum der Stiftskirche. Nach dem Kyrie das Gloria, gefolgt vom Credo, dem Crucifixus, dem Sanctus Benedictus und schlie\u00dflich dem Agnus Dei. Die Stimmen des Chors und des Countertenors erreichten mein Ohr, verzauberten mich. Letzterer \u2013 gleichsam dem Himmel n\u00e4her \u2013 sang auf der Empore, f\u00fcr mich war er unsichtbar wie fr\u00fcher der unsichtbare Chor, der Schnittke beeindruckt hatte. Es wirkte, als k\u00e4me die Stimme, nachdem sie zur Erde gesunken war, aus dem Kirchenraum selbst, losgel\u00f6st von einem menschlichen Ursprung. Der Gregorianische Choral bem\u00e4chtigte sich nach und nach des sakralen Raums, und die Mystik des Mittelalters ergriff von der Stiftskirche Besitz.<br \/>\nDa mischte sich, zun\u00e4chst nahezu unh\u00f6rbar, dann sanft anschwellend, eine virtuose orchestrale Melodik ein, die langsam an Kraft gewann und schlie\u00dflich wie ein Gewitter explodierte. Ich blickte kurz zu Konstanze, die versunken der Musik lauschte und das musikalische Gewitter, da war ich mir sicher, wie den Unwillen Gottes f\u00fchlte, und selbst ich, der sich als Atheisten, h\u00f6chstens als Agnostiker sieht, bekam beinahe Angst, der g\u00f6ttliche Zorn k\u00f6nnte sich wegen meines Unglaubens \u00fcber mir entladen und, ohne R\u00fccksicht auf die zahlreichen gottesf\u00fcrchtigen Menschen, die Stiftskirche zum Bersten bringen und die Menschen unter sich begraben. Und f\u00fcr einen Augenblick flammte Zweifel in mir auf ob meines Atheismus angesichts der r\u00e4umlichen Macht der Stiftskirche, angesichts der \u00fcberw\u00e4ltigten schweigenden Menschen und angesichts des Geheimnisses, der Mystik und der Wucht der Schnittkeschen Musik.<br \/>\nIch sp\u00fcrte die Wirkung dieser sakralen Musik, ihrer religi\u00f6sen Sprache noch lange, nicht nur emotional, auch k\u00f6rperlich, sie ersch\u00f6pfte mich, sie schmerzte, als h\u00e4tte ich eine physische Anstrengung \u00fcberstanden. Und es blieb nach dem Konzert, nach diesem Erlebnis der musikalischen Totalit\u00e4t eine Betroffenheit, die Schnittkes 2. Sinfonie in mir, in Konstanze, in den stillen Menschen erzeugt hatte und die parallel zur Vernunft bestand und sich nur langsam verfl\u00fcchtigte.<\/p>\n<p>Konstanze und ich waren wie die meisten lauschenden Menschen ergriffen. Wir schwiegen, Worte w\u00e4ren der Sinfonie nicht gerecht geworden. Konstanze war ersch\u00f6pft und wollte sich gleich ins G\u00e4stezimmer zur\u00fcckziehen. Wir verabschiedeten uns, und Konstanze sagte, wir sollten uns bald wiedersehen. Ich nickte. Ich hatte noch die R\u00fcckfahrt vor mir, bei der ich aufpassen musste, nicht zu sehr im Schnittkeschen Kosmos zu verharren, um dem Verkehr gewachsen zu sein.<\/p>\n<p style=\"text-align: right;\">G\u00fcnther Androsch<\/p>\n<p style=\"text-align: right;\">www.verdichtet.at | Kategorie: <a href=\"https:\/\/www.verdichtet.at\/?page_id=910\">unerH\u00d6RT!<\/a> | Inventarnummer: 26144<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Ich musste kurz nachdenken, dann wusste ich nicht nur den Nachnamen, auch der Vorname fiel mir ein: Alfred. Alfred Schnittke hie\u00df der Komponist, nach dem mich Konstanze am Telefon gefragt hatte. In der Stiftskirche St. Florian, sagte sie, werde Schnittkes zweite Sinfonie, die Schnittke St. Florian genannt habe, vom Bruckner Orchester Linz gegeben. 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