{"id":22931,"date":"2026-06-05T06:27:06","date_gmt":"2026-06-05T06:27:06","guid":{"rendered":"https:\/\/www.verdichtet.at\/?p=22931"},"modified":"2026-06-07T09:04:17","modified_gmt":"2026-06-07T09:04:17","slug":"besucher","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.verdichtet.at\/?p=22931","title":{"rendered":"Besucher"},"content":{"rendered":"<div class=\"pdfprnt-buttons pdfprnt-buttons-post pdfprnt-top-right\"><a href=\"https:\/\/www.verdichtet.at\/index.php?rest_route=wpv2posts22931&print=pdf\" class=\"pdfprnt-button pdfprnt-button-pdf\" target=\"_blank\"><\/a><a href=\"https:\/\/www.verdichtet.at\/index.php?rest_route=wpv2posts22931&print=print\" class=\"pdfprnt-button pdfprnt-button-print\" target=\"_blank\"><\/a><\/div><p style=\"text-align: left; padding-left: 40px;\"><span style=\"color: #800000;\"><em>Hinweis der Redaktion:<\/em><\/span><br \/>\n<span style=\"color: #800000;\"><em>Dieser Text kann verst\u00f6rend wirken, er <\/em><\/span><span style=\"color: #800000;\"><em>thematisiert psychische Ausnahmesituationen.<\/em><\/span><\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>\u201eWarum kommst du mich eigentlich so oft besuchen? Wir waren doch nie befreundet, oder?\u201c Mario sieht mich nicht an, blickt vielmehr angestrengt aus dem Fenster, hinunter auf die gepflegten Gr\u00fcnfl\u00e4chen und die schmalen, gewundenen Kieswege der weitl\u00e4ufigen Spitalsanlage. Seine raue Stimme ist leise und lauernd. Vorsicht bei derart beil\u00e4ufig gestellten Fragen!<br \/>\nIch krame in meinem Rucksack, tue, als ob ich ihn nicht geh\u00f6rt h\u00e4tte.<br \/>\n\u201eWar er heute Nacht wieder bei dir?\u201c, erkundige ich mich sachlich.<br \/>\nMario schweigt eine lange Minute, dann richtet er seinen dunklen, stechenden Blick auf mich.<br \/>\n\u201eSiehst du ja!\u201c, schnaubt er d\u00fcster und hebt anklagend seinen linken Arm. Seine Mundwinkel zucken. Zwei frische hellrote Einschnitte verlaufen zwischen alten, verblassten vom Handgelenk bis zum Ellbogen.<br \/>\n\u201eEr hat wieder verlangt, dass ich mich schneide. Teile meinen Schmerz, sagt er immer. Seine Stimme \u2013 seine blo\u00dfe Gegenwart ist so be\u00e4ngstigend, unertr\u00e4glich \u2013 dieses kalte, blaue Licht, eiskalt \u2026\u201c<\/p>\n<p>Mario verstummt, setzt sich auf den Rand seines Bettes, kr\u00fcmmt den R\u00fccken, schl\u00e4gt die Arme um seinen Oberk\u00f6rper, wiegt sich langsam hin und her.<br \/>\n\u201eDu denkst wirklich, dass er real ist? Woher kommt er und warum ausgerechnet zu dir? Was will er von dir?\u201c<br \/>\nIch erschrecke, die so oft zur\u00fcckgedr\u00e4ngten Fragen sind nun einfach aus mir herausgesprudelt.<br \/>\n\u201eWei\u00dft du, woher du kommst und ob du real bist?\u201c, \u00fcberschl\u00e4gt sich Marios Stimme sogleich vor \u00c4rger. \u201eIch wei\u00df nicht, was oder wer er ist und warum er solche Macht \u00fcber mich besitzt, dass ich mich sogar verletze, wenn er es mir befiehlt. Ich wei\u00df es nicht, ich wei\u00df es nicht! Ich wei\u00df auch nicht, warum er zu mir kommt \u2013 und wei\u00df genauso wenig, warum du andauernd zu mir kommst! Na, sag schon, Felix, warum bist du hier?\u201c<\/p>\n<p>Mario fixiert mich aus tief liegenden Augen. Ich versuche, seinem Blick standzuhalten, beginne zu schwitzen. Er wei\u00df es, denke ich, er wei\u00df, dass mich seine Mutter f\u00fcr meine w\u00f6chentlichen Besuche bei ihm bezahlt.<br \/>\n\u201eNa h\u00f6r mal, als ehemalige Schulkameraden ist das doch selbstverst\u00e4ndlich.\u201c<br \/>\nIch stocke unsicher, als Mario pl\u00f6tzlich aufspringt und eine Sekunde sp\u00e4ter ganz nahe vor mir steht.<br \/>\n\u201eDann soll es so sein\u201c, fl\u00fcstert er. \u201eEin L\u00fcgner wie du verdient es nicht anders. Ich habe dich lange genug gesch\u00fctzt.\u201c<br \/>\nEr greift in seine Hosentasche, nimmt etwas heraus und dr\u00fcckt es mir mit zitternden Fingern in meine rechte Hand.<br \/>\n\u201eDies ist \u2013 \u201c, er presst seine Lippen zusammen. \u201eDies ist von dem blauen Wesen.\u201c<br \/>\nEin kleines, in Zellophanpapier gewickeltes, eisblaues Bonbon liegt auf meiner Handfl\u00e4che.<br \/>\n\u201eH\u00f6r zu, Felix!\u201c Marios bleiches Gesicht ist dicht vor mir, seine angsterf\u00fcllte Stimme ist kaum h\u00f6rbar. \u201eDa drinnen \u2013 \u201c, sein Zeigefinger tippt kurz auf das Bonbon, \u201eda drinnen ist seine gesamte Energie.\u201c<\/p>\n<p>\u201eDas ist ja sehr praktisch\u201c, sage ich laut, einen Lachreiz unterdr\u00fcckend. \u201eDann werde ich seine gesamte Energie sofort vernichten.\u201c<br \/>\nRasch wickle ich das Bonbon aus dem Papier und nehme es in den Mund. Es schmeckt nach Pfefferminze. Marios Augen weiten sich, er wird noch blasser.<br \/>\n\u201eWas, was tust du nur!\u201c, sagt er matt. \u201eNun geh\u00f6rst du ihm, du Vollidiot.\u201c<br \/>\nEr sinkt auf den grauen Teppichboden. Angesichts dieser absurden Situation muss ich heftig lachen. Ich verschlucke mich, das Bonbon bleibt mir in der Kehle stecken. Ich huste und lache, sp\u00fcre, wie mein Gesicht rot anl\u00e4uft und mir der Schwei\u00df ausbricht. Ich bekomme keine Luft mehr, gerate in Panik, huste und huste und schaffe es endlich, das Bonbon auszuspucken. Es f\u00e4llt ausgerechnet Mario auf den Scho\u00df, der gellend zu schreien beginnt, immer hysterischer schreit, nicht zu schreien aufh\u00f6rt, auch nicht, als ich das Bonbon l\u00e4ngst von seiner Hose entfernt und in der ganzen Aufregung wieder in meinen Mund bef\u00f6rdert habe.<br \/>\nDie T\u00fcr wird aufgerissen, eine Krankenschwester st\u00fcrzt herein, spricht beruhigend auf den br\u00fcllenden Mario ein und winkt mir gleichzeitig, zu gehen. Ich nehme meinen Rucksack, verlasse das Zimmer, gehe, so schnell ich kann, den langen Gang entlang, laufe die Treppen hinunter, zweiter Stock, erster Stock, Erdgescho\u00df \u2013 hinaus, nur hinaus \u2026<\/p>\n<p>\u201eIch habe dir B\u00fccher mitgebracht\u201c, begr\u00fc\u00dfe ich Mario eine Woche sp\u00e4ter.<br \/>\nEr reagiert nicht, sitzt aufrecht auf seinem Bett und schaut wie bei meinem letzten Besuch aus dem Fenster. Ich lege die B\u00fccher, die mir seine Mutter gegeben hat, auf das Nachtk\u00e4stchen. Mario schaut mich nun direkt an, auf seinem Gesicht ein L\u00e4cheln von solcher W\u00e4rme, dass ich erschrecke.<br \/>\n\u201eDanke\u201c, sagt er leise. \u201eVielleicht kann ich nun wirklich wieder lesen, so wie fr\u00fcher. Seit das blaue Wesen nicht mehr zu mir kommt, f\u00fchle ich mich absurderweise schrecklich leer. Vielleicht helfen mir B\u00fccher \u00fcber diese Leere hinweg.\u201c<br \/>\nEr lehnt sich zur\u00fcck, an die wei\u00dfe Wand.<br \/>\n\u201eBist du mir b\u00f6se, Felix?\u201c, fragt er kindlich. Tr\u00e4nen laufen ihm \u00fcber die Wangen.<br \/>\n\u201eWarum sollte ich dir b\u00f6se sein?\u201c<br \/>\n\u201eWeil ich dir das Bonbon mit seiner Energie darin gegeben habe, weil er mich nun in Ruhe l\u00e4sst und sicherlich jetzt dich qu\u00e4lt! Macht er dir gro\u00dfe Angst?\u201c<br \/>\n\u201eRede keinen Unsinn. Freu dich lieber, dass es dir besser geht! Du wirst sicherlich bald nach Hause d\u00fcrfen, dein fr\u00fcheres Leben aufnehmen, wieder normal leben k\u00f6nnen. Um mich mach dir bitte keine Gedanken, da besteht absolut kein Grund.\u201c<\/p>\n<p>\u201eIst es sehr schlimm f\u00fcr dich?\u201c, weint Mario.<br \/>\n\u201eWas meinst du? Es ist alles in Ordnung.\u201c<br \/>\n\u201eL\u00fcge nicht!\u201c, schreit Mario.<br \/>\n\u201eIch l\u00fcge nicht\u201c, l\u00fcge ich.<br \/>\nMario fasst mich grob am linken Handgelenk, zerrt mir den \u00c4rmel meines Pullovers hinauf. Fassungslos starrt er auf meinen Unterarm.<br \/>\n\u201eKeine Schnitte?\u201c, stammelt er. \u201eEr verlangt nicht von dir, dich zu verletzen?\u201c<br \/>\n\u201eBitte, vergiss diesen blauen Geist, er existiert nicht.\u201c<br \/>\nMario h\u00f6rt auf zu weinen, sein Gesichtsausdruck wird hart. Er l\u00e4sst meinen Arm los.<br \/>\n\u201eIch m\u00f6chte, dass du nie wieder zu mir kommst\u201c, sagt er, geht zur T\u00fcr und \u00f6ffnet sie weit. \u201eGeh jetzt!\u201c<br \/>\nAls ich nicht sofort reagiere, zischt er: \u201eVerschwinde endlich, du verdammter L\u00fcgner!\u201c<\/p>\n<p>Ich verlasse das Krankenhaus, kaufe mir in der Spitalsapotheke noch eine Heil- und Wundsalbe. Die frischen Messereinschnitte an meinen Oberschenkeln schmerzen ein wenig, wenn beim Gehen der raue Hosenstoff an ihnen reibt.<\/p>\n<p style=\"text-align: right;\">Claudia Dvoracek-Iby<\/p>\n<p style=\"text-align: right;\">www.verdichtet.at | Kategorie: <a href=\"http:\/\/www.verdichtet.at\/?page_id=972\">\u00e4rgstens<\/a> | Inventarnummer: 26142<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Hinweis der Redaktion: Dieser Text kann verst\u00f6rend wirken, er thematisiert psychische Ausnahmesituationen. &nbsp; \u201eWarum kommst du mich eigentlich so oft besuchen? Wir waren doch nie befreundet, oder?\u201c Mario sieht mich nicht an, blickt vielmehr angestrengt aus dem Fenster, hinunter auf die gepflegten Gr\u00fcnfl\u00e4chen und die schmalen, gewundenen Kieswege der weitl\u00e4ufigen Spitalsanlage. 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