{"id":22657,"date":"2026-04-28T12:00:19","date_gmt":"2026-04-28T12:00:19","guid":{"rendered":"https:\/\/www.verdichtet.at\/?p=22657"},"modified":"2026-05-03T08:18:18","modified_gmt":"2026-05-03T08:18:18","slug":"tsunami-in-aspen","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.verdichtet.at\/?p=22657","title":{"rendered":"Tsunami in Aspen"},"content":{"rendered":"<div class=\"pdfprnt-buttons pdfprnt-buttons-post pdfprnt-top-right\"><a href=\"https:\/\/www.verdichtet.at\/index.php?rest_route=wpv2posts22657&print=pdf\" class=\"pdfprnt-button pdfprnt-button-pdf\" target=\"_blank\"><\/a><a href=\"https:\/\/www.verdichtet.at\/index.php?rest_route=wpv2posts22657&print=print\" class=\"pdfprnt-button pdfprnt-button-print\" target=\"_blank\"><\/a><\/div><div id=\"attachment_22667\" style=\"width: 560px\" class=\"wp-caption aligncenter\"><a href=\"http:\/\/www.verdichtet.at\/wp-content\/uploads\/2026\/04\/aspen.jpg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" aria-describedby=\"caption-attachment-22667\" class=\"size-full wp-image-22667\" src=\"http:\/\/www.verdichtet.at\/wp-content\/uploads\/2026\/04\/aspen.jpg\" alt=\"Copyright: Antonia H.\" width=\"550\" height=\"356\" srcset=\"https:\/\/www.verdichtet.at\/wp-content\/uploads\/2026\/04\/aspen.jpg 550w, https:\/\/www.verdichtet.at\/wp-content\/uploads\/2026\/04\/aspen-300x194.jpg 300w\" sizes=\"auto, (max-width: 550px) 100vw, 550px\" \/><\/a><p id=\"caption-attachment-22667\" class=\"wp-caption-text\">Copyright: Antonia H.<\/p><\/div>\r\n<p>Der Champagnerschnee Colorados stob unter den Skispitzen weg und die Schneekristalle prickelten auf Wangen und Stirne. Das Rattern der Helikopterrotoren verhallte, w\u00e4hrend das Flugvehikel in der glei\u00dfenden Sonne sich aufzul\u00f6sen schien. Tiefblauer, wolkenloser Himmel breitete sich \u00fcber der jungfr\u00e4ulich wei\u00dfen Piste aus.<br \/>Im Dreivierteltakt zog die Gruppe der Skifahrer lange Schw\u00fcnge durch den Pulverschnee, begleitet vom Knirschen der Skier, das einzige Ger\u00e4usch, das diesen Winterzauber begleitete.<br \/>Sanfte H\u00fcgel lie\u00dfen die K\u00f6rper im Rhythmus der Bodenwellen sich zusammenziehen und ausdehnen. Der Geruch von Trillionen Schneekristallen kitzelte in den Nasenl\u00f6chern.<\/p>\r\n<p>In der Ferne donnerten kleine Lawinen zu Tal, jedoch keine, die hier den geschwungenen Spuren der Bretter gefolgt w\u00e4re.<br \/>Doch pl\u00f6tzlich stahl sich unvermutet ein zun\u00e4chst fernes Ger\u00e4usch in die moderate Stille der Winterszene. Ein fernes verhaltenes Knurren. In den Geruch des Schnees mischte sich etwas Fremdes. Einer der Skifahrer wandte den Kopf zu seinen Sportgef\u00e4hrten, von denen niemand etwas zu bemerken schien. Unbeirrt zogen diese ihre Schw\u00fcnge ins Tal.<br \/>Das Knurren wurde zum leisen Grollen.<br \/>In der Luft verbreitete sich ein leiser Duft von salziger Feuchtigkeit.<br \/>Der Skifahrer, der als Letzter der Gruppe seine Bahn zum Fu\u00df des Berges zog, schwang ab, um zu lauschen. Die Skibrille sandte Blitze von den Sonnenreflexen in die Landschaft, als der Sportler den Kopf wandte, um die Quelle des Ger\u00e4usches zu suchen.<\/p>\r\n<p>Die Piste begann sich zu verf\u00e4rben, changierte ins Bl\u00e4uliche, dann ins Gr\u00fcne, unter den F\u00fc\u00dfen bewegten sich Wellen von gr\u00fcnlichen Farbkaskaden mit wei\u00dfen S\u00e4umen, die sich verbreiterten, zerrissen und wieder mit leisem Zischen formierten.<br \/>L\u00e4ngst war die Gruppe der Skifahrer mit ihren bunten Anoraks aus dem Blickfeld verschwunden.<br \/>Der Untergrund begann zu beben und zu schaukeln. Zu schaukeln? Die sanften langgezogenen St\u00f6\u00dfe, die die kleinen Schneebuckel an Skier und Fahrer abgegeben hatten, waren gro\u00dfen Wellenbewegungen gewichen.<br \/>Unter den Beinen des Wintersportlers schien der Schnee zu entgleiten.<\/p>\r\n<p>Der Himmel war immer noch tiefblau, doch der Farbton wechselte nun unmerklich von sattem Samtblau in einen Farbton, der k\u00fchler, um nicht zu sagen distanzierter wirkte.<br \/>Der Blick ins Tal verirrte sich angesichts der seltsamen Farbkaskaden.<br \/>Was im hellen Sonnenlicht noch Konturen besessen, und von Licht und bl\u00e4ulichen Schatten definierte Landschaftsformationen gezeigt hatte, verschwand.<br \/>Der Untergrund, auf dem der Skifahrer in seinem schicken cremefarbenen Overall stand, schien sich nun zu verfestigen, w\u00e4hrend wenige Meter unterhalb scheinbar alles in Bewegung geriet. Die seltsamen Wellen wanderten bergab.<br \/>Die Luft schmeckte nun eindeutig salzig wie in einem Badeort am Meer.<\/p>\r\n<p>Den Mann, auch wenn es angesichts der seltsamen Vorg\u00e4nge m\u00fc\u00dfig erscheint, ihn n\u00e4her zu beschreiben, Mitte drei\u00dfig, sonnengebr\u00e4untes Gesicht, gutverdienend, wohnhaft in einer jener Megacities, die sich im 21. Jahrhundert wie im Regen aufschie\u00dfende Pilzkolonien gebildet hatten, beschlich ein ungutes Gef\u00fchl. Es schien ihm nicht ratsam, sich weiter fortzubewegen.<br \/>Doch wusste er sich angesichts der Ereignisse, die begannen, sich zu \u00fcberst\u00fcrzen, keinen anderen Rat, als abzuwarten. Es war sinnlos, ein Mobiltelefon zu z\u00fccken. Nicht, weil es in dieser H\u00f6he keinen Empfang gegeben h\u00e4tte. Dieses Problem war technisch l\u00e4ngst bew\u00e4ltigt.<br \/>Es h\u00e4tte einfach nichts ver\u00e4ndert, nichts gebracht. Er stand wie angewurzelt da, w\u00e4hrend sich unter seinen Skiern der Boden verf\u00e4rbte und k\u00f6rnig wurde. K\u00f6rnig &#8230; wie Sand.<br \/>Dort wo die Talsohle gewesen war, schien sich nun der Boden verfl\u00fcssigt zu haben. Kleine blaugr\u00fcne Wellenk\u00e4mme, zun\u00e4chst noch transparent, dann immer kompakter, schienen ihm entgegenzulaufen.<br \/>Obwohl er nichts in seinen Beinen oder seinem Rumpf versp\u00fcrte, hatte er den Eindruck, langsam zu sinken. Es war, als schwebte er mit dem Untergrund in Tiefen, deren Begrenzungen er nicht ausmachen konnte.<br \/>Gebannt vom Geschehen blieb ihm nichts anderes \u00fcbrig, als zu beobachten.<br \/>Er konnte nicht fassen, was ihm widerfuhr, und kein Instinkt riet ihm, was zu tun w\u00e4re.<\/p>\r\n<p>Doch dann erhob sich in der Ferne eine riesige Welle. Als ob das Element Wasser von langem Schlaf erwacht sei, stieg es aus seinem Bett auf und reckte sich gegen den Himmel.<br \/>Was sich aus der Vogelperspektive geboten h\u00e4tte, die kleine einsame Gestalt eines Mannes im Skianzug auf einer Sandbank &#8230; nein, das l\u00e4sst sich nicht beschreiben, denn niemand sonst sah, roch, f\u00fchlte und h\u00f6rte das Szenario, das leise Zischen des Wassers, das ferne Grollen anderer brechender Wellen, das immer lauter wurde, das sprudelnde Ger\u00e4usch, wenn Wellen starben, niemand kann das beschreiben, niemand anderer sah dies als der namenlose Mann.<br \/>Die Riesenwelle wuchs und wuchs und machte sich auf den Weg, in Richtung des starr stehenden Menschen in der nun v\u00f6llig inad\u00e4quaten Aufmachung f\u00fcr Wintersport.<\/p>\r\n<p>Was passierte blo\u00df? Wie geschah ihm?<br \/>Was ist denn, Himmel &#8230; dachte der Mann, hob seinen Unterarm, immer noch die Skibrille vor den Augen.<br \/>Er schaute auf seine Uhr, eine geradezu l\u00e4cherliche Handlung, angesichts der Ereignisse!<br \/>Dann begann er, an der Uhr zu fingern, w\u00e4hrend ihm hei\u00df wurde. War\u2019s die Luft, die sich erw\u00e4rmte, die k\u00e4lteisolierende Bekleidung oder die aufsteigende Angst? An der reich ausgestatteten Uhr, mit Kn\u00f6pfen und allerlei Schnickschnack, fand er mit seinen Handschuhen, die er vergessen hatte auszuziehen, kaum einen Knopf. W\u00e4hrenddessen kam die Welle bedrohlich nahe. Kein Zweifel, sie w\u00fcrde ihn verschlingen. Der Geruch von Salzwasser intensivierte sich. Trotz des Skianzuges sp\u00fcrte er die herannahende Feuchtigkeit auf seiner Haut, am ganzen K\u00f6rper, nicht nur im Gesicht.<br \/>Er fingerte und fingerte an seiner Uhr, umgeben vom Tosen der Naturgewalt. Keine Gedanken, nur der Wille, etwas zu tun, um zu entkommen. Zu tun, ohne zu wissen, wie entkommen, w\u00e4hrend eine massive Wasserwand ihn bedrohte.<\/p>\r\n<p>&#8212;&#8212;&#8212;&#8212;&#8212;&#8212;&#8212;&#8212;&#8212;&#8212;&#8212;&#8212;&#8212;-<\/p>\r\n<p>Ein sportlicher Mann, Mitte drei\u00dfig, mit braungebranntem Gesicht, leger gekleidet, betrat mit federndem Schritt ein Gesch\u00e4ft.<br \/>Es war ein seltsames Gesch\u00e4ft, clean, durchgestylt. Ohne Schn\u00f6rkel, mit vielen Nebenr\u00e4umen, die sich um den zentralen Verkaufsraum regelm\u00e4\u00dfig verteilten.<br \/>In Wahrheit waren es keine Gesch\u00e4ftsr\u00e4ume im klassischen Sinn. Man verkaufte hier nicht, man pr\u00e4sentierte, schulte ein, gab Proben. Klassische Gesch\u00e4fte gab es nicht mehr. Daf\u00fcr schicke Angestellte, die mit den Kunden in den Nebenr\u00e4umen verschwanden, Nebenr\u00e4ume, die verschwenderisch bequem ausgestattet waren, mit ausladenden Sitzm\u00f6beln, im Vergleich zum Verkaufsraum fast schon opulent.<br \/>Einer der Nebenr\u00e4ume hatte die Aufschrift: Implement. Ein anderer: Service.<br \/>Eine recht h\u00fcbsche Angestellte empfing ihn. Die Firmenleitung hatte die Angestellten geschult, dass sich jeweils eine weibliche Person um einen m\u00e4nnlichen Kunden und ein attraktiver Mann um weibliche Kundschaft zu k\u00fcmmern hatte, wenn diese mit abgespannter Miene den Laden betraten. Denn dann galt es, Reklamationen abzufedern.<\/p>\r\n<p>\u201eGuten Tag. Was kann ich f\u00fcr Sie tun?\u201c<br \/>\u201eGute Frage, nach dem, was ich erlebt habe. Oder sagen wir, \u00fcberlebt habe.\u201c<br \/>\u201eAch, wollen wir uns nicht in unseren speziellen Beratungs- und Serviceraum zur\u00fcckziehen? Sie klingen, als ob Sie mir Wichtiges zu sagen h\u00e4tten?\u201c<br \/>Die h\u00fcbsche Br\u00fcnette deutete in Richtung des Raumes und beide begaben sich, er eher z\u00f6gernd, sie subtil bestimmend, in den in sanftem Gr\u00fcn gehaltenen Beratungsbereich. Der zeichnete sich durch angenehmes Ambiente, bereitgestellte Getr\u00e4nke und Snacks aus.<br \/>Der Mann lie\u00df sich in den Ohrensessel fallen, w\u00e4hrend die Frau sich auf einen nicht minder bequemen, aber einfacheren Stuhl an seine Seite setzte.<br \/>Dann lehnte er sich vor, durchaus bereit, jederzeit aufzuspringen.<br \/>Er fingerte an seinem Handgelenk. Dort befand sich eine schwarze, eher gr\u00f6\u00dfere Uhr mit allerlei befingerbarem Beiwerk ausgestattet. Er \u00f6ffnete den Verschluss, hielt sie ihr hin.<\/p>\r\n<p>\u201eDas Ding ist M\u00fcll. Das hat mich fast um den Verstand gebracht.\u201c<br \/>\u201eWas ist passiert?\u201c, fragte sie mit geschulter, sanfter Stimme.<br \/>\u201eDieses verdammte Ding hat einen Programmkonflikt gehabt. Ich w\u00e4re fast in einem Tsunami umgekommen.\u201c<br \/>\u201eUnsere Naturkatastrophen sind ereignisstabil programmiert.\u201c<br \/>\u201eIch hab kein Naturereignis eingestellt, sondern Heliskiing in Aspen.\u201c<br \/>\u201eSind Sie sicher, dass dieses Steuerungsger\u00e4t verantwortlich ist und nicht der Mentalchip, der Ihnen von unserem Vertragspartner implantiert wurde?\u201c<br \/>\u201eWieso soll ich das wissen? Das m\u00fcssen Sie wissen\u201c, sagte der Mann ungehalten und deutete mit beiden H\u00e4nden energisch auf die Frau.<br \/>\u201eSie haben Recht. Abgesehen davon kann der sensorische Chip keine Probleme bereiten, er \u00fcbermittelt ja nur neuronale Sinnesreize, die das Programm bereitstellt.\u201c<br \/>\u201eH\u00f6ren Sie, Ihre Erkl\u00e4rungsversuche sind mir einerlei. Ich war in einer besch&#8230; gef\u00e4hrlichen Situation.\u201c<br \/>\u201eIhnen kann nichts passieren. Sie haben es mit virtuellen Realit\u00e4ten zu tun. Ziemlich realistisch, aber k\u00fcnstlich.\u201c<br \/>\u201eMein K\u00f6rper hat darauf ganz und gar nicht k\u00fcnstlich reagiert!\u201c<br \/>\u201eBitte missverstehen Sie mich nicht, aber f\u00fcr Ihre k\u00f6rperlichen Reaktionen auf unsere Programme k\u00f6nnen wir keine Haftung \u00fcbernehmen.\u201c<br \/>\u201eAch, haben Sie das irgendwo in den Unterlagen angegeben? Haben Sie \u00fcberhaupt Informationen zu Risiken bereitgestellt?\u201c<br \/>\u201eWelche Risiken? Nichts, was Sie erleben, passiert wirklich. Sie sind v\u00f6llig sicher.\u201c Die junge, recht attraktiv gekleidete Frau reckte ihren Oberk\u00f6rper und nahm ihre Schultern zur\u00fcck, w\u00e4hrend sie ihren Kopf ein wenig senkte und leicht zur Seite neigte. Zudem kippte sie mit weiblichem Kalk\u00fcl ihre Knie etwas nach links.<\/p>\r\n<p>Er lehnte sich etwas zur\u00fcck und rieb sein Kinn. \u201eNach dem, was mir passiert ist, nehme ich Ihnen das nicht ab. Bevor wir auf Detailfragen herumreiten, was k\u00f6nnen Sie mir als Kompensation anbieten?\u201c<br \/>\u201eNun, wir haben ein neues Modell f\u00fcr die Programmsteuerung. Wir haben unsere Programmpalette diversifiziert. Wir bieten verschiedene Erlebnisszenarios nach ihrem Emotionsspektrum gesondert an. Ein Programmkonflikt sollte ausgeschlossen sein. Das Steuerungsger\u00e4t ist g\u00fcnstiger, Sie k\u00f6nnen au\u00dferdem verschiedene Erlebnisqualit\u00e4ten austauschen, indem Sie einfach Module austauschen, die Sie bei uns erwerben k\u00f6nnen.\u201c<br \/>\u201eKein Interesse. Mir reicht\u2019s. Ich habe ohnedies einen Einkommensverlust, ich war eine Woche nicht arbeitsf\u00e4hig. Adrenalinschock. Ich gebe Ihnen die Steuerung zur\u00fcck und Sie ersetzen mir den halben Kaufpreis. Immerhin hatte ich das Ding vier Monate.\u201c<br \/>\u201eDas w\u00e4re schon m\u00f6glich. Allerdings m\u00fcssen Sie auch das sensorische Implantat bei uns entfernen lassen. Patentschutz.\u201c<br \/>Der Mann erhob sich ruckartig vom Sessel. Ihm platzte offensichtlich der Kragen und wahrscheinlich hatte er ein Flashback, durchlebte also Teile des vergangenen Katastrophenszenarios. Jedenfalls r\u00f6tete sich sein Gesicht: \u201eSie und Ihre virtuelle Realit\u00e4t. In meinem Hirn kramen Sie nicht mehr virtuell und auch nicht reell herum! Sie h\u00f6ren von meinem Anwalt!\u201c<\/p>\r\n<p>Der Mann verlie\u00df fluchtartig Beratungsraum und Gesch\u00e4ft. Auf dessen farblich changierender Fassade prangte die Aufschrift: Virtutrip. Wirklicher als die Wirklichkeit<\/p>\r\n<p>Kurz darauf konsultierte der Mann, ein virtuell verungl\u00fcckter Reisender, seinen Anwalt. Einen, der darauf spezialisiert war, Klienten auch bei Unf\u00e4llen virtueller Art zu vertreten. 68% aller Reisen rund um den Globus wurden nun nicht mehr \u00fcber Reiseb\u00fcros, sondern \u00fcber sogenannte Virtual-Reality-Companies gebucht. Die meisten Touristenattraktionen waren \u00f6kologisch ausgelaugt, leblose verschrumpelte H\u00fcllen einstiger Reiseziele und nicht mehr in der Lage, im Entferntesten noch jene Klischees zu erf\u00fcllen, wie man sie in Reisemagazinen fand. Wer sich hinbegab, riskierte seine Gesundheit und psychische Stabilit\u00e4t.<\/p>\r\n<p>Als der virtuelle Abenteurer, Namen sollen diskreterweise nicht genannt sein, seinen Anwalt in Kenntnis setzte, musste er nat\u00fcrlich genau darlegen, wie er der Katastrophe entkommen war.<br \/>Das h\u00e4tte er lieber vermieden, es war ihm \u00e4u\u00dferst peinlich, aber dieses Detail durfte er seinem Rechtsbeistand nicht vorenthalten. Er hatte sich n\u00e4mlich, als sich die Riesenwelle letztendlich unmittelbar vor ihm auft\u00fcrmte, in die Hose gemacht. Sein vegetatives System hatte die virtuelle Realit\u00e4t auf der Stoffwechselebene umgangen.<br \/>Geruch und W\u00e4rme seiner Angstdiarrh\u00f6 hatten einen Wahrnehmungskonflikt verursacht, der ausreichte, aus der k\u00fcnstlichen Wirklichkeit auszusteigen und sich f\u00fcr wenige Sekunden in seinem Wohnzimmer wiederzufinden, von dessen Couch aus er anf\u00e4nglich die H\u00e4nge von Aspen hinuntergewedelt war, um albtraumhaft in ein hawaiianisches Tsunamiszenario hineinzukippen.<br \/>Er schleuderte instinktiv seine Steuerung weit genug von sich, dass sie, die mittels elektrischem Hautwiderstand arbeitete, ihr Programm nicht mehr an den implantierten Chip weiterleiten konnte. Seine Sinne leiteten nunmehr ungek\u00fcnstelte Realit\u00e4t weiter, die weder angenehm roch noch sich erhebend anf\u00fchlte.<br \/>An diesem Punkt der Sachverhaltsaufnahme zuckte der Anwalt \u00fcbrigens mit keiner Miene. Als Spezialist f\u00fcr virtuelle Desaster war er einiges gewohnt, besonders von m\u00e4nnlichen Klienten &#8230;<\/p>\r\n<p>Recht bald nach dem Erstgespr\u00e4ch machte sich der Advokat an die Arbeit.<br \/>Er konsultierte als Erstes einen technischen Sachverst\u00e4ndigen, einen Ex-Computernerd.<br \/>Der Sachverst\u00e4ndige f\u00fcr virtuelle Wirklichkeit forderte ein intaktes Set an, um dessen Funktionen zu testen. Dazu ben\u00f6tigte er \u00fcbrigens kein Implantat, sondern er verwendete einfach eine jener verkabelten Hauben, mit denen man Hirnstr\u00f6me messen konnte und die er entsprechend pr\u00e4pariert hatte. Dann h\u00f6rte man wochenlang nichts mehr von ihm.<br \/>Nach fast zwei Monaten versuchte der Anwalt, seinen Spezialisten zu erreichen.<br \/>Er wusste immerhin, dass selbst bei guter Auftragslage Tests nicht so lange dauerten, zumal Adrenalin die Zeitwahrnehmung ausdehnte, w\u00e4hrend die virtuellen Trips erstaunlich kurz waren.<br \/>Doch zwei Monate waren ungew\u00f6hnlich lange. Immerhin war es unm\u00f6glich, dass Virtureisende in das k\u00fcnstliche Szenario hineingesogen werden konnten, da ja die Abenteuer im Kopf abliefen und die perfekte Illusion f\u00fcr alle Sinne aufbereitet wurde, ohne dass jemand wirklich seine Fantasie bem\u00fchen musste. Es war kaum verwunderlich, dass der Anwalt so viele im Grunde langweilige Klienten ohne besondere Vorstellungskraft hatte &#8230;<\/p>\r\n<p>Als der Spezialist f\u00fcr virtuelle Rechtsfragen seinen Sachkundigen endlich kontaktieren konnte, wurde er mit einer \u00dcberraschung konfrontiert. Der Ex-Nerd weigerte sich n\u00e4mlich, mit seinem Auftraggeber zusammenzuarbeiten.<br \/>\u201eWas hei\u00dft das, Sie wollen nicht mit mir kooperieren?\u201c, fragte der Anwalt monoton am Telefon.<br \/>\u201eVerstehen Sie mich nicht falsch, ich kooperiere mit Ihnen, aber nicht in diesem Fall. Ich kann Ihnen keine Expertise ausstellen.\u201c<br \/>\u201eIch erinnere Sie daran, Sie sind vertraglich gebunden.\u201c<br \/>\u201eIch bin vertraglich verpflichtet, Ihnen alles zuzutragen, was Ihrer Arbeit dienlich ist. Hier w\u00e4re es kontraproduktiv.\u201c<br \/>\u201eInwiefern?\u201c<br \/>\u201eNun, Ihr Klient h\u00e4tte keine Chance auf Kompensation.\u201c<br \/>\u201eDas ist wohl meine Aufgabe, das zu beurteilen.\u201c<br \/>\u201eNein, er wird nichts bekommen. Es gibt ein Faktum, das sich bei meinen Recherchen ergeben hat.\u201c<br \/>\u201eUnd das w\u00e4re?\u201c<br \/>\u201eNun, ich habe den Tsunami geritten.\u201c<\/p>\r\n<p>Der Anwalt konnte nicht sehen, wie der Computernerd, ein Mann mit Halbglatze und gewelltem r\u00f6tlichen Haarkranz in braunem Cordanzug fr\u00f6hlich auf seinen Zehen wippte.<br \/>\u201eWas meinen Sie?\u201c, fragte der Anwalt mit Nachdruck, w\u00e4hrend er sich vorbeugte, als k\u00f6nnte er der Person seines Sachverst\u00e4ndigen habhaft werden.<br \/>\u201eIhr Klient h\u00e4tte, statt sich in die Hose zu machen, den Tsunami reiten k\u00f6nnen &#8230;\u201c<br \/>\u201eUnd?\u201c, fragte der Anwalt, w\u00e4hrend er eine erfolgreiche Vertretung seines Klienten ihm gerade entgleiten sah.<br \/>\u201e&#8230; Jeder <em>nimmt<\/em> <em>wahr,<\/em> was er will. Wer fantasielos ist, hat Pech gehabt.\u201c<br \/>Dem Advokaten stieg Hitze ins Gesicht. Ihm schwante, dass sein Beruf, der so sehr auf Fakten aufbaute, angesichts der Hybris der Illusionen und Sinnest\u00e4uschungen auf verlorenem Posten stand.<\/p>\r\n<p style=\"text-align: right;\"><em>(vor einigen Jahren ver\u00f6ffentlicht in der Literaturzeitschrift WHYNICHT?)<\/em><\/p>\r\n<p class=\"has-text-align-right\" style=\"text-align: right;\">Antonia H.<\/p>\r\n<p style=\"text-align: right;\"><!-- \/wp:post-content -->\r\n\r\n<!-- wp:paragraph {\"align\":\"right\"} --><\/p>\r\n<p style=\"text-align: right;\"><!-- \/wp:paragraph -->\r\n\r\n<!-- wp:paragraph {\"align\":\"right\"} --><\/p>\r\n<p class=\"has-text-align-right\" style=\"text-align: right;\">www.verdichtet.at |\u00a0Kategorie: <a href=\"https:\/\/www.verdichtet.at\/?page_id=3714\">fantastiques<\/a> | Inventarnummer: 26118<\/p>","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Der Champagnerschnee Colorados stob unter den Skispitzen weg und die Schneekristalle prickelten auf Wangen und Stirne. 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