{"id":21988,"date":"2026-02-12T13:57:45","date_gmt":"2026-02-12T13:57:45","guid":{"rendered":"https:\/\/www.verdichtet.at\/?p=21988"},"modified":"2026-02-15T09:01:00","modified_gmt":"2026-02-15T09:01:00","slug":"im-rucksack","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.verdichtet.at\/?p=21988","title":{"rendered":"Im Rucksack"},"content":{"rendered":"<div class=\"pdfprnt-buttons pdfprnt-buttons-post pdfprnt-top-right\"><a href=\"https:\/\/www.verdichtet.at\/index.php?rest_route=wpv2posts21988&print=pdf\" class=\"pdfprnt-button pdfprnt-button-pdf\" target=\"_blank\"><\/a><a href=\"https:\/\/www.verdichtet.at\/index.php?rest_route=wpv2posts21988&print=print\" class=\"pdfprnt-button pdfprnt-button-print\" target=\"_blank\"><\/a><\/div><p>Anfangs fanden wir ihn am\u00fcsant. Ehrlich gesagt lachten wir uns halbtot nach der ersten Begegnung mit ihm.<\/p>\n<p>\u201eIch bin der Willi\u201c, hatte er gesagt, ein zappeliger, \u00e4lterer Mann, den ein riesiger, grauer Rucksack nach hinten zog. D\u00fcnn war er und klein, kleiner als Marie, die zu mir an die T\u00fcr kam, um zu sehen, wer da bei uns Sturm gel\u00e4utet hatte.<\/p>\n<p>\u201eIch bin der Willi, jaja\u201c, zwinkerte er unruhig, \u201eund der Willi hat die Wohnung neben euch gemietet, jaja, und da wird er ganz alleine wohnen, jaja, weil niemand mit ihm sein will \u2013 was wei\u00df ich, warum! Aber!\u201c, hob er den Zeigefinger, \u201eAber daf\u00fcr besitzt der Willi viele, viele Sch\u00e4tze, und da drinnen\u201c, wies der Finger Richtung Rucksack, \u201eda sind neue Sch\u00e4tze. Die hat der Willi vorhin gefunden, an der Donau, jaja, und jetzt\u201c, verbeugte er sich leicht, \u201emuss sich der Willi verabschieden und seine Sch\u00e4tze auspacken!\u201c<\/p>\n<p>Einige Tage sp\u00e4ter fand ich ihn im Stiegenhaus vor, als er dabei war, seinen gigantischen Rucksack aus dem Lift zu zerren.<\/p>\n<p>\u201eJaja!\u201c, keuchte er, als ich anbot, ihm zu helfen.<\/p>\n<p>Mit vereinten Kr\u00e4ften zogen wir den Rucksack, der unglaublich schwer war, vor seine Wohnungst\u00fcr. \u201eSind da Steine drinnen?\u201c, scherzte ich.<\/p>\n<p>\u201eJaja!\u201c, rief er ungeduldig, sperrte fahrig die T\u00fcr auf, rief \u201eKomm rein, komm rein!\u201c, \u00f6ffnete flink gleich im Vorraum den Rucksack. Es waren tats\u00e4chlich Steine darin, verschieden gro\u00dfe, gew\u00f6hnliche Steine. Er nahm einen runden, hellen in die eine, einen flachen Stein in die andere Hand und stie\u00df mit dem Fu\u00df die T\u00fcr zu einem gro\u00dfen Zimmer auf.<\/p>\n<p>\u201eKomm rein!\u201c, rief er wieder, lief in den Raum, legte die Steine behutsam auf einen Tisch zwischen unz\u00e4hlige andere. Sie lagen \u00fcberall, bedeckten den Boden bis auf ein paar freigelassene Pfade, stapelten sich auf zwei B\u00e4nken, in Regalen \u2013 massenhaft Steine, wohin ich auch blickte.<\/p>\n<p>\u201eJaja, das sind meine Sch\u00e4tze!\u201c, rief er in trotzigem Tonfall, w\u00e4hrend er unerm\u00fcdlich Nachschub aus dem Rucksack holte und arrangierte. \u201eWenn kein Mensch den Willi leiden mag, ihm die Katze wegl\u00e4uft, ihm die Pflanzen eingehen \u2013 was wei\u00df ich, warum! Was bleibt da noch? Steine! Jaja!\u201c<\/p>\n<p>Und er erkl\u00e4rte, dass die besten Steine an der Donau l\u00e4gen, er die allerbesten aber in der Donau vermute, nur k\u00f6nne er leider weder schwimmen noch tauchen. Dann streichelte er ehrf\u00fcrchtig einen Stein nach dem anderen, beschrieb und lobte wortreich jedes Fleckchen an ihnen. Erst nach geraumer Zeit schaffte ich es, ihn zu unterbrechen und zu gehen.<\/p>\n<p>\u201eEin Spinner! Und furchtbar anstrengend\u201c, teilte Marie meine Meinung, die ihm wie ich eines Tages beim Rucksack-Schleppen behilflich war und seinen Steinschw\u00e4rmereien ebenfalls nur mit M\u00fche entkommen konnte. Sie erfuhr unter anderem, dass er, der Willi, sich oft wundere, dass er anscheinend der einzige Mensch war, der erkannte, wie sch\u00f6n, wie einzigartig, wie seelenvoll so mancher Stein am Wegesrand war.<\/p>\n<p>\u201eDieser Verr\u00fcckte passt absolut nicht in unser Haus\u201c, sagten auch die anderen Mieter untereinander und zum Hauseigent\u00fcmer. Nach weiteren Begegnungen, bei denen unser neuer Nachbar ungefragt und detailreich von seinen neuesten Sch\u00e4tzen erz\u00e4hlte, gingen wir ihm aus dem Weg, machten auch nicht mehr auf, wenn er an unserer T\u00fcr war.<\/p>\n<p>Einmal sahen wir ihn beim Spazierengehen an der Donau. Er nahm uns nicht wahr, ging an uns vor\u00fcber, seinen Blick konzentriert auf den Schotterweg gerichtet. Wir beobachteten belustigt, wie er erfreut in die H\u00e4nde klatschte, sich b\u00fcckte und Steine in seinen Rucksack legte. Im Scherz klatschte ich sp\u00e4ter wie er in die H\u00e4nde, hob einen gro\u00dfen Kieselstein auf, rief, \u201eEin Schatz, jaja, ein Schatz!\u201c, und schenkte ihn Marie.<\/p>\n<p>Vor drei Tagen l\u00e4utete er sp\u00e4tabends bei uns, minutenlang. Als ich schlie\u00dflich \u00e4rgerlich \u00f6ffnete, fuchtelte er aufgeregt mit einem Brief in der Hand, rief:<\/p>\n<p>\u201eDer Willi kommt sich verabschieden, jaja, dem Willi wurde die Wohnung gek\u00fcndigt, wieder einmal, was wei\u00df ich warum, denn der Willi hat immer die Miete bezahlt, jaja, und &#8230;\u201c<\/p>\n<p>\u201eDann w\u00fcnsche ich dem Willi alles Gute!\u201c, unterbrach ich ihn, wich seinem fassungslosen Blick aus und schloss die T\u00fcr.<\/p>\n<p>Marie tat er leid, sie legte ihm am n\u00e4chsten Tag den gro\u00dfen Kieselstein von mir vor die T\u00fcr.<\/p>\n<p>Wir sahen ihn nicht wieder. Gestern waren zwei Polizisten bei uns, die sich erkundigten, was wir \u00fcber den Mann wussten, der neben uns gewohnt hatte und den sie in der Donau gefunden hatten, tot, ertrunken, hinabgezogen von einem Rucksack voller Steine.<\/p>\n<p>Seitdem besch\u00e4ftigt Marie die Frage, ob auch unser Kieselstein im Rucksack gewesen ist.<\/p>\n<div id=\"attachment_21993\" style=\"width: 460px\" class=\"wp-caption aligncenter\"><a href=\"http:\/\/www.verdichtet.at\/wp-content\/uploads\/2026\/02\/stein_.jpg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" aria-describedby=\"caption-attachment-21993\" class=\"size-full wp-image-21993\" src=\"http:\/\/www.verdichtet.at\/wp-content\/uploads\/2026\/02\/stein_.jpg\" alt=\"Copyright: Claudia Dvoracek-Iby\" width=\"450\" height=\"316\" srcset=\"https:\/\/www.verdichtet.at\/wp-content\/uploads\/2026\/02\/stein_.jpg 450w, https:\/\/www.verdichtet.at\/wp-content\/uploads\/2026\/02\/stein_-300x211.jpg 300w\" sizes=\"auto, (max-width: 450px) 100vw, 450px\" \/><\/a><p id=\"caption-attachment-21993\" class=\"wp-caption-text\">Copyright: Claudia Dvoracek-Iby<\/p><\/div>\n<p style=\"text-align: right;\">Claudia Dvoracek-Iby<br \/>\n(Text und Zeichnung von 2015)<\/p>\n<p style=\"text-align: right;\">www.verdichtet.at | Kategorie: <a href=\"http:\/\/www.verdichtet.at\/?page_id=972\">\u00e4rgstens<\/a> | Inventarnummer: 26061<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Anfangs fanden wir ihn am\u00fcsant. 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