{"id":21849,"date":"2026-01-12T09:29:57","date_gmt":"2026-01-12T09:29:57","guid":{"rendered":"https:\/\/www.verdichtet.at\/?p=21849"},"modified":"2026-01-18T14:52:18","modified_gmt":"2026-01-18T14:52:18","slug":"ilusion-realista","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.verdichtet.at\/?p=21849","title":{"rendered":"Ilusi\u00f3n realista"},"content":{"rendered":"<div class=\"pdfprnt-buttons pdfprnt-buttons-post pdfprnt-top-right\"><a href=\"https:\/\/www.verdichtet.at\/index.php?rest_route=wpv2posts21849&print=pdf\" class=\"pdfprnt-button pdfprnt-button-pdf\" target=\"_blank\"><\/a><a href=\"https:\/\/www.verdichtet.at\/index.php?rest_route=wpv2posts21849&print=print\" class=\"pdfprnt-button pdfprnt-button-print\" target=\"_blank\"><\/a><\/div><p>Es war am Anfang keine Herzensentscheidung. Als ich im Sommer 2006 den Spanischkurs besuchte, war ich zun\u00e4chst frustriert. Doch dann fiel mir eine junge Frau auf, die immer rechts von mir in der hintersten Reihe Platz nahm und dort allein sa\u00df. Es wurde f\u00fcr mich zu einer geliebten Besch\u00e4ftigung, mich immer nach ihr umzudrehen und ihr heimlich beim Lernen zuzusehen.<\/p>\n<p>Wochen vergingen und ich f\u00fchlte zunehmend Frust wegen des Kurses, der immer sehr fr\u00fch begann, und wegen der anderen Teilnehmenden, die auf mich unsympathisch wirkten.<\/p>\n<p>Unerf\u00fcllt blieb mein Verlangen nach der jungen Frau in der letzten Reihe.<\/p>\n<p>(Eines Tages fasste ich aber den Entschluss, sie anzusprechen und etwas \u00fcber meine Interessen zu erz\u00e4hlen. So erz\u00e4hlte ich ihr, dass ich anstelle von Spanisch lieber Griechisch gelernt h\u00e4tte. Etwas, was mich an dieser Sprache immer faszinierte, war ihre Andersartigkeit. So ist das Wort \u201eWein\u201c in den meisten Sprachen dasselbe, beispielsweise \u201ewine\u201c oder \u201evino\u201c. Auf Griechisch hei\u00dft es hingegen \u201e\u03ba\u03c1\u03b1\u03c3\u03af\u201c (Kras\u00ed).<\/p>\n<p>Daraufhin entgegnete sie, dass es sie sehr neugierig mache und sie sich gerne tiefer dar\u00fcber austauschen m\u00f6chte. Ich bot ihr ein \u00a0Treffen an. Da ich bereits das Thema \u201eWein\u201c angesprochen hatte, schlug ich ihr einen gemeinsamen Spaziergang in den Weinbergen au\u00dferhalb der Stadt vor. Ich machte den Vorschlage, dass wir uns am Freitagnachmittag am Bahnhof treffen und dann ein St\u00fcck mit dem Zug hinausfahren k\u00f6nnten. Als sie dann am Bahnhofsvorplatz ankam, war ich au\u00dfer mir vor Freude. Sie strahlte noch denselben Charme aus, mit dem sie mich im Sprachkurs verzaubert hatte.<\/p>\n<p>Unsere Gespr\u00e4che w\u00e4hrend der Bahnfahrt gingen von ihrer Erfahrung in ihrem fr\u00fcheren P\u00e4dagogikstudium hin zu der fotorealistischen Kunst in den USA am Ende der 1960er-Jahre. Sie fand es interessant, dass mir diese neue Art, realistisch zu malen, gefiel denn sie ziehe gegenst\u00e4ndliche und realistische Darstellungen den abstrakten und expressiven vor. Sie begeistere sich \u2013 so sagte sie mir \u2013 f\u00fcr die niederl\u00e4ndische Malerei des 17. Jahrhunderts \u2013 allen voran Vermeer van Delft.<\/p>\n<p>Ich unterbrach sie und erz\u00e4hlte die Anekdote, dass ein antiker Autor von einem Maler berichtete, der Trauben so realistisch malen konnte, dass ein Vogel sich auf dem Bild niederlie\u00df und versuchte, die gemalten Trauben anzupicken. So wurde es jedenfalls \u00fcberliefert.<\/p>\n<p>Sie entgegnete mir, dass sie dieses Beispiel interessant f\u00e4nde, aber ein solcher Ansatz f\u00fcr die Malerei ihr noch nicht weit genug gehen w\u00fcrde. In den Werken der alten Meister sehe sie vielmehr eine &#8218;Aufbruchstimmung der Menschheit&#8216;, wie sie es ausdr\u00fcckte.<\/p>\n<p>Abrupt war mit dem Halt des Zuges an dem kleinen Bahnhof des Weinbauernortes unser Gespr\u00e4ch zu Ende und es w\u00e4re f\u00fcr mich sicher nicht mehr ratsam gewesen, wieder den Faden aufzunehmen.<\/p>\n<p>Wir beide stiegen aus und schauten uns etwas um, dann schlugen wir den Weg zu den Weinbergen ein. Meine Begleiterin merkte an, wie anmutig sie die Landschaft finde und wie sanft sich die Weinberge an den H\u00fcgel schmiegten, \u00e4hnlich einer Himmelsleiter.<\/p>\n<p>Unser neues Gespr\u00e4chsthema waren Reisen, was uns die erste Meinungsverschiedenheit bescherte. Meine Meinung war es, dass es sich lohnte, eher ungew\u00f6hnliche Reiseziele zu besuchen, und ich untermauerte meine These mit L\u00e4ndern wie Bosnien-Herzegowina oder Tadschikistan, die nur wenige andere Menschen bereisten. Es sei daher ein gro\u00dfer Vorteil, dort gewesen zu sein.<\/p>\n<p>Sie aber behauptete, dass es wichtiger sei, kulturelle Sch\u00e4tze gesehen zu haben, dies seien bedeutende Bauwerke und Kunstmuseen. Gleichzeitig sagte sie mir, dass es einen gro\u00dfen Unterschied zwischen Weinl\u00e4ndern und Bierl\u00e4ndern g\u00e4be, wobei sie die Weinl\u00e4nder bevorzuge. Daraufhin wollte ich eine Begr\u00fcndung daf\u00fcr wissen, sie sagte mir nur, der Unterschied sei die Leichtigkeit, mit der die Dinge des Lebens betrachtet w\u00fcrden.<\/p>\n<p>Wir genossen beide noch die Aussicht und sie gestand mir, dass es das erste Mal \u00fcberhaupt gewesen sei, dass sie einen Weinberg zu Gesicht bekam. Der Eindruck sei noch erhabener, als sie es sich vorgestellt hatte.<\/p>\n<p>Wir setzen unsere Gespr\u00e4che noch mit ein paar Belanglosigkeiten fort, die die Lesenden nicht interessieren d\u00fcrften, danach fuhren wir mit einem alten Regionalzug, der ein paar Minuten Versp\u00e4tung hatte, in unsere Universit\u00e4tsstadt zur\u00fcck.<\/p>\n<p>Als wir uns am sp\u00e4ten Nachmittag am Bahnhofsvorplatz verabschiedeten, fragte ich sie, wie es ihr gefallen habe, und sie entgegnete, dass es wie beim Wein sei, den man nur einmal wirklich genie\u00dfen k\u00f6nne. Dies stimmte mich traurig und ich verlor jede Hoffnung.<\/p>\n<p>Die Spanischstunde fing wieder fr\u00fch an. Ich schaffte es gerade, mich in den \u00dcbungsraum zu schleppen, rechts von mir in der hintersten Reihe sa\u00df sie wieder. Auf den Unterrichtsstoff konzentrierte ich mich leidlich und blickte wieder heimlich ein paar Mal zu ihr her\u00fcber. Endlich war die Stunde vorbei und die anderen Studierenden verlie\u00dfen den Raum. Nur sie blieb sitzen und ich schaute wie gebannt zu ihr her\u00fcber. Sie \u00f6ffnete ihre Jausenbox, entnahm eine Rispe mit roten Weintrauben und verschlang sie alle auf einmal.<\/p>\n<p>Bei ihrem Anblick hoffte ich auf ein Wiedersehen im Griechischkurs im n\u00e4chsten Semester.<\/p>\n<p style=\"text-align: right;\">Michael Bauer<\/p>\n<p style=\"text-align: right;\">www.verdichtet.at |\u00a0Kategorie: <a title=\"Que ser\u00e1, ser\u00e1?\" href=\"http:\/\/www.verdichtet.at\/?page_id=403\">verliebt verlobt verboten<\/a> | Inventarnummer: 26040<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Es war am Anfang keine Herzensentscheidung. Als ich im Sommer 2006 den Spanischkurs besuchte, war ich zun\u00e4chst frustriert. Doch dann fiel mir eine junge Frau auf, die immer rechts von mir in der hintersten Reihe Platz nahm und dort allein sa\u00df. 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