{"id":21489,"date":"2025-12-07T16:16:22","date_gmt":"2025-12-07T16:16:22","guid":{"rendered":"https:\/\/www.verdichtet.at\/?p=21489"},"modified":"2025-12-13T15:26:33","modified_gmt":"2025-12-13T15:26:33","slug":"ich-war-einmal","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.verdichtet.at\/?p=21489","title":{"rendered":"Ich war einmal\u00a0"},"content":{"rendered":"<div class=\"pdfprnt-buttons pdfprnt-buttons-post pdfprnt-top-right\"><a href=\"https:\/\/www.verdichtet.at\/index.php?rest_route=wpv2posts21489&print=pdf\" class=\"pdfprnt-button pdfprnt-button-pdf\" target=\"_blank\"><\/a><a href=\"https:\/\/www.verdichtet.at\/index.php?rest_route=wpv2posts21489&print=print\" class=\"pdfprnt-button pdfprnt-button-print\" target=\"_blank\"><\/a><\/div><p>Ich erinnere mich gut: Vor sehr langer Zeit besa\u00df ich ein pr\u00e4chtiges Gefieder, ein stolzes Gem\u00fct und ein ebensolches Gehabe. Ich war ein Hahn. Ein sch\u00f6ner, stattlicher Hahn wohlgemerkt. Ich lebte auf einem gro\u00dfen Bauernhof, bekam reichlich Futter, reichlich Hennen, und kam auch recht gut mit den anderen Tieren des Hofes aus. Jeder Hahn an meiner Stelle w\u00e4re mehr als einverstanden mit diesem Leben gewesen. Nicht ich.<\/p>\n<p>Es waren unerw\u00fcnschte Gef\u00fchle, die regelm\u00e4\u00dfig in mir aufstiegen und die ein zufriedenes Dasein verhinderten. Ja, ich war damals ein Hahn mit Gef\u00fchlen, war wohl die M\u00f6we Jonathan unter dem Gefl\u00fcgel \u2013 zugegeben, nicht so feinsinnig, nicht so spirituell wie diese, denn ich wurde von eher niedrigen Regungen beherrscht. Mich plagten die Eifersucht und die Sehnsucht.<\/p>\n<p>Um es auf den Punkt zu bringen: Ich war eifers\u00fcchtig auf den Hofhund und sehnte mich nach der Aufmerksamkeit des Bauern.<\/p>\n<p>Mich qu\u00e4lte die Tatsache, dass der Hund von ihm gestreichelt wurde und ich nicht. Der Bauer beachtete mich nicht, er warf mir zwar jeden Morgen meine K\u00f6rner hin, ging aber dann uninteressiert an mir vor\u00fcber. Obwohl ich Tag f\u00fcr Tag zuverl\u00e4ssig meine Arbeit verrichtete, ihn jeden Morgen p\u00fcnktlich mit meinem Hahnenschrei weckte \u2013 nie wurde ich gelobt, nie get\u00e4tschelt wie der faule Hund, der nichts dergleichen tat.<\/p>\n<p>Eines Tages war mein Frust so gro\u00df, dass ich mich beim Hund \u00fcber diese Ungerechtigkeit beklagte und ihm meine Eifersucht gestand. Der Hund nagte an einem Knochen und meinte schlie\u00dflich: \u201eMache es doch einfach wie ich! Belle freudig und wedle mit dem Schwanz, sobald du den Bauern erblickst. Damit zeigst du ihm deine Zuneigung. Du wirst sehen, er wird darauf reagieren.\u201c<\/p>\n<p>Meine Sehnsucht nach Liebe und Anerkennung war inzwischen derma\u00dfen gewachsen, dass ich den Ratschlag des Hundes annahm. So streifte ich den letzten Rest meines Stolzes ab und \u00fcbte den ganzen Tag, zum Hund zu werden. Mit Erfolg.<\/p>\n<p>Schon am n\u00e4chsten Morgen schaffte ich es, hunde\u00e4hnliche Laute von mir zu geben und mit meinen herrlichen, bunten Schwanzfedern zu wedeln. Und tats\u00e4chlich, der Bauer blieb stehen, statt wie sonst an mir vor\u00fcberzugehen, und betrachtete mich verwundert.<\/p>\n<p>\u201eHast du gesehen, wie fasziniert er von mir war? So interessiert hat er dich noch nie angesehen! Ich bin sicher, morgen schon wird er mich streicheln\u201c, prahlte ich vor dem Hund.<\/p>\n<p>Am darauffolgenden Tag begr\u00fc\u00dfte ich den Bauern mit einem freudigen Winseln, wackelte mit meinem gefiederten Hinterteil, warf meinen Kopf in den Nacken und jaulte herzzerrei\u00dfend. Lange, lange beobachtete er mich kopfsch\u00fcttelnd. Ach, wie sehr ich sein Interesse genoss!<\/p>\n<p>\u201eEr kann es nicht fassen, mich so lange \u00fcbersehen zu haben\u201c, erkl\u00e4rte ich mit stolzgeschwellter Brust dem Hund. \u201eEr beachtet mich nun mehr als dich! Bestimmt wird er mich morgen schon streicheln.\u201c<\/p>\n<p>\u201eKikeriwau, Kikeriwau-wau!\u201c, schrie ich meinem Herrn durchdringend am n\u00e4chsten Tag entgegen, spreizte s\u00e4mtliche Federn, drehte mich hechelnd vor ihm im Kreis und warf mich ihm schlie\u00dflich zu F\u00fc\u00dfen, ihm meinen Kopf entgegenstreckend, damit er ihn endlich ber\u00fchre.<\/p>\n<p>Da ergriff mich der Bauer. Er hob mich hoch und schloss mich in seine kr\u00e4ftigen Arme. \u00dcbergl\u00fccklich legte ich meinen Kopf in seine Armbeuge.<\/p>\n<p>\u201aJetzt, endlich, jetzt streichelt er mich\u2018, dachte ich voll Freude.<\/p>\n<p>Und dann dachte ich nichts mehr, denn der Bauer drehte mir den Kragen um.<\/p>\n<p style=\"text-align: right;\"><em>\u00a0<\/em><em>(Erstver\u00f6ffentlichung: Anthologie Zwischendurchgeschichten, 2020)<\/em><\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p style=\"text-align: right;\">Claudia Dvoracek-Iby<\/p>\n<p style=\"text-align: right;\">www.verdichtet.at | Kategorie: <a href=\"http:\/\/www.verdichtet.at\/?page_id=7515\">Von M\u00fccke zu Elefant<\/a> | Inventarnummer: 25237<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Ich erinnere mich gut: Vor sehr langer Zeit besa\u00df ich ein pr\u00e4chtiges Gefieder, ein stolzes Gem\u00fct und ein ebensolches Gehabe. Ich war ein Hahn. Ein sch\u00f6ner, stattlicher Hahn wohlgemerkt. Ich lebte auf einem gro\u00dfen Bauernhof, bekam reichlich Futter, reichlich Hennen, und kam auch recht gut mit den anderen Tieren des Hofes aus. Jeder Hahn an [&hellip;]<\/p>\n","protected":false},"author":4,"featured_media":0,"comment_status":"open","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[176],"tags":[141],"class_list":["post-21489","post","type-post","status-publish","format-standard","hentry","category-dvoracek-iby-claudia","tag-von-muecke-zu-elefant"],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/www.verdichtet.at\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/21489","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/www.verdichtet.at\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/www.verdichtet.at\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.verdichtet.at\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/users\/4"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.verdichtet.at\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcomments&post=21489"}],"version-history":[{"count":4,"href":"https:\/\/www.verdichtet.at\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/21489\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":21538,"href":"https:\/\/www.verdichtet.at\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/21489\/revisions\/21538"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/www.verdichtet.at\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fmedia&parent=21489"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.verdichtet.at\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcategories&post=21489"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.verdichtet.at\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Ftags&post=21489"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}