{"id":21245,"date":"2025-11-09T16:00:11","date_gmt":"2025-11-09T16:00:11","guid":{"rendered":"https:\/\/www.verdichtet.at\/?p=21245"},"modified":"2025-11-15T17:47:42","modified_gmt":"2025-11-15T17:47:42","slug":"im-silberlicht-der-angst","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.verdichtet.at\/?p=21245","title":{"rendered":"Im Silberlicht der Angst"},"content":{"rendered":"<div class=\"pdfprnt-buttons pdfprnt-buttons-post pdfprnt-top-right\"><a href=\"https:\/\/www.verdichtet.at\/index.php?rest_route=wpv2posts21245&print=pdf\" class=\"pdfprnt-button pdfprnt-button-pdf\" target=\"_blank\"><\/a><a href=\"https:\/\/www.verdichtet.at\/index.php?rest_route=wpv2posts21245&print=print\" class=\"pdfprnt-button pdfprnt-button-print\" target=\"_blank\"><\/a><\/div><p>Dass es nichts Gutes in sich verbarg, ahnte ich schon, als ich es gestern zum ersten Mal in meinen H\u00e4nden hielt. Doch das wirkliche Ausma\u00df des Grauens, das der Inhalt in mir ausl\u00f6ste, \u00fcbertraf mit Abstand alle Ahnungen und Bef\u00fcrchtungen, die mein angstbesetztes Hirn des Nachts fantasievoll kreierte.<br \/>\nG\u00e4nsehaut pur. Unter Dauerbeschuss stehen sie, die feinen H\u00e4rchen auf meinem Unterarm, stechen wie stolze Soldaten aus den Poren, stramm und angespannt, bis in die Spitzen, mit eisernen Gesichtern und fest entschlossen, ihre Spannung nicht zu verlieren. Ihre Geradlinigkeit. Ihre W\u00fcrde. Standhaft zu bleiben und aufs Sch\u00e4rfste bereit zum Kampf, dem Grauen Paroli zu bieten, auch wenn das Fundament zittert und bebt. Oder vielleicht gerade deshalb.<\/p>\n<p>Meine Mundwinkel, noch immer starr und vereist, im Ausdruck tiefster Abneigung verharrend und angewidert gen Kinn gezogen, in steilen Gr\u00e4ben, die Abgr\u00fcnde offenbaren, so tief, halten mit unb\u00e4ndiger Kraft die Lippen in Schach, ziehen sie mit dicken Tauen mit sich in die Tiefe. Ungeachtet ihrer Wunden, die noch weiter aufrei\u00dfen, weil sie dem Zug, der auf ihnen liegt, nicht mehr standhalten k\u00f6nnen, eh schon ausged\u00f6rrt waren. Von ihrem Ritt durch die endlose W\u00fcste.<br \/>\nMitleiderregend schrill schreien sie nach Wasser, so habe ich Erbarmen und befeuchte sie mit meiner Zunge, schmecke Salz und Blut, das aus ihnen tropft und bin wieder im Hier und Jetzt. Auf Dr. Walds Couch. In Sicherheit.<\/p>\n<p>Innerlich vertrocknet bin ich, vollkommen leer, nachdem ich alles, was in mir war, aus mir herausgew\u00fcrgt habe, just als ich den Inhalt des P\u00e4ckchens sah, heute Morgen, vielleicht sogar meine Seele. Falls sie \u00fcberhaupt noch in mir wohnte und nicht l\u00e4ngst \u00fcber alle Berge war. F\u00fchle nichts mehr, nur noch Angst. Immer nur Angst. Wann h\u00f6rt das endlich wieder auf? Wer f\u00fchrt diesen entsetzlichen Krieg gegen mich? Warum? <em>Was habe ich getan?<br \/>\n<\/em>So kann es nicht weitergehen, sonst werde ich wahnsinnig. Oder bin ich das schon? Will er <em>das<\/em> erreichen? Dass ich komplett durchdrehe?<br \/>\nSchon wieder zieht sich alles in mir zusammen, mein Bauch wird bretthart, schiebt mir das W\u00fcrgen in den Hals. Ein Speichelsee entspringt in meinem Mund, und mir ist spei\u00fcbel. Schnell springe ich auf und renne zum Klo. Will sie einfach nur loswerden, diese l\u00e4hmende Ohnmacht. Die Angst. Das Pochen. Das Flattern. Die st\u00e4ndige Gefahr. Charlotte. Die schrecklichen Bilder von ihr in meinem Kopf. Und diesen elenden Gestank nach Tod, nach Verwesung, der in meiner Nase sitzt und mich schonungslos antreibt, mit einem lauten Peitschenknall, und ich speie und speie.<\/p>\n<p>\u201eMein Gott, Sie sehen schrecklich aus!\u201c, stellt Dr. Wald besorgt fest, als ich ersch\u00f6pft zur\u00fcckkehre, \u201esind Sie sicher, dass Sie nicht lieber auf Ihr Zimmer m\u00f6chten? Sie sollten sich dringend ein wenig ausruhen!\u201c<br \/>\nEnergisch sch\u00fcttele ich den Kopf und schleppe mich schlurfenden Schrittes zur Couch, auf gar keinen Fall, denke ich aufgew\u00fchlt, blo\u00df nicht auf mein Zimmer, ich will jetzt <em>nicht<\/em> allein sein, und lasse mich wortlos auf das weiche Polster fallen.<br \/>\nMein Therapeut schmei\u00dft die professionelle Distanz \u00fcber Bord, zum ersten Mal, seitdem wir uns kennen, steht auf und deckt mich f\u00fcrsorglich zu, streicht mir mitf\u00fchlend \u00fcber die Wangen und bringt mir ein Glas Wasser.<\/p>\n<p>Mit geschlossenen Augen sauge ich seinen Duft ein, der angenehm durch meine Nase m\u00e4andert, sich dort mutig niederl\u00e4sst, um den elenden Gestank nach totem Tier endlich zu vertreiben. Mit Erfolg, denn sofort werden Empfindungen in mir wach, die Lebensgeister r\u00e4keln sich, g\u00e4hnen herzhaft, bereit zu neuen Abenteuern.<br \/>\nVerstohlen blicke ich ihn an, registriere sein attraktives \u00c4u\u00dferes, die v\u00e4terliche Ausstrahlung, die mich reizt, suhle mich in dem wohligen Gef\u00fchl, das sein Duft in mir ausl\u00f6st, werde aber schon beim n\u00e4chsten Prickeln zur Raison gebracht, schwungvoll eingebremst. Was soll das, Anne, mahnen die Abers und Achs, die in engen Kreisen um meinen Hals schwirren, geschickt Lassos auswerfen, um ihn zuzuziehen, bist du \u00fcbergeschnappt? Du hast andere Sorgen!<\/p>\n<p>Schon gut, schon gut, denke ich und vertreibe sie angewidert, Spa\u00dfverderber. Was kann ich daf\u00fcr, dass sein Duft mich anspricht, inspiriert, befreit, und sp\u00fcre den Luftzug, der entsteht, weil er sich umdreht und geht, und der auf angenehme Weise meine Wangen k\u00fchlt.<br \/>\n\u201eWann haben Sie das Paket ge\u00f6ffnet?\u201c, fragt er mich, nachdem er hinter meinem Kopf Platz genommen hat. Seine sonst so ruhige und sichere Stimme klingt besorgt, \u00fcberschl\u00e4gt sich, als eilten die Worte, l\u00e4ngst \u00fcberf\u00e4llig, aus ihm heraus, l\u00f6sten Gedr\u00e4nge aus am Tor, wohlwissend, dass die Zeit knapp wird. Weil die Aufkl\u00e4rung dr\u00e4ngt.<br \/>\nNerv\u00f6s tippt er mit seinen Fingerkuppen auf die breite Armlehne seines Ledersessels und l\u00e4sst ein unruhiges Schnaufen verlauten. \u201eDie Sache l\u00e4uft ein wenig aus dem Ruder\u201c, merkt er mit ernster Miene an, \u201edas gef\u00e4llt mir nicht. Ganz und gar nicht.\u201c<br \/>\n\u201eHeute Morgen, gleich nachdem ich das Dilemma von gestern mit dem Hausmeister gekl\u00e4rt hatte\u201c, beantworte ich seine Frage.<br \/>\n\u201eWas meinen Sie?\u201c, fragt Dr. Wald interessiert nach.<\/p>\n<p>Kurze Stille, in der ich mich unentschlossen hin und her winde, weil ich mir nicht sicher bin, ob ich ihm wirklich davon erz\u00e4hlen soll. Denn ich sch\u00e4me mich daf\u00fcr. Ich sch\u00e4me mich in Grund und Boden, weil ich meine Emotionen derartig hochkochen lie\u00df, dass die Vernunft keine Chance mehr bekam. Auf der anderen Seite <em>muss<\/em> ich davon berichten, schlie\u00dflich vermute ich, nein, ich bin mir sicher, dass das alles kein Zufall war.<br \/>\n<em>Er<\/em> steckt dahinter, keine Frage. Er ist hier, er ist hinter mir her, will mich kleinkriegen. Ausdr\u00fccken wie eine zu Ende gerauchte Zigarette, auch mein letztes Aufglimmen erl\u00f6schen.<br \/>\nEin R\u00e4uspern im Hintergrund, unruhiges Fu\u00dfgetrappel als Ausdruck seiner Ungeduld, dann seine entschlossene, angenehm tiefe, vibrierende Stimme: \u201eFrau Heldt\u201c, konstatiert er f\u00f6rmlich, \u201eSie werden sicherlich bemerkt haben, dass wir die Ebene eines psychoanalytischen Gespr\u00e4ches l\u00e4ngst verlassen haben. Im Moment haben die aktuellen Geschehnisse absolute Priorit\u00e4t. Es dr\u00e4ngt nach Handlung. Z\u00fcgig!\u201c<\/p>\n<p>Ist ja gut, denke ich ein wenig gereizt, ich tue doch schon alles, was in meiner Macht steht, um die Sache aufzukl\u00e4ren, habe das Gef\u00fchl, an beiden Seiten zu brennen, und f\u00fchle mich gen\u00f6tigt zu beichten, auch wenn er gerade wie ein Lehrmeister klingt, ein wenig zu altklug f\u00fcr meinen Geschmack, und all sein Charme von ihm abbr\u00f6selt wie der Putz von der Wand.<\/p>\n<p style=\"text-align: right;\">Anna Helene Claus<br \/>\n<a href=\"http:\/\/www.schreibenmitherz.de\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">www.schreibenmitherz.de<\/a><\/p>\n<p style=\"text-align: right;\"><em>F\u00fcr alle, die es so richtig gepackt hat:<\/em><br \/>\n<em>Seit 14. November 2025 ist dieser Roman erh\u00e4ltlich, unter<\/em><br \/>\n<em><a href=\"https:\/\/buchshop.bod.de\/im-silberlicht-der-angst-anna-helene-claus-9783819227059\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">https:\/\/buchshop.bod.de\/im-silberlicht-der-angst-anna-helene-claus-9783819227059<\/a><\/em><br \/>\n<em>sowie auf Bestellung im Buchhandel.<\/em><\/p>\n<p style=\"text-align: right;\">www.verdichtet.at | Kategorie: <a href=\"https:\/\/www.verdichtet.at\/?page_id=972\">\u00e4rgstens<\/a> und <a href=\"https:\/\/www.verdichtet.at\/?page_id=412\">auszugsweise<\/a> | Inventarnummer: 25226<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Dass es nichts Gutes in sich verbarg, ahnte ich schon, als ich es gestern zum ersten Mal in meinen H\u00e4nden hielt. Doch das wirkliche Ausma\u00df des Grauens, das der Inhalt in mir ausl\u00f6ste, \u00fcbertraf mit Abstand alle Ahnungen und Bef\u00fcrchtungen, die mein angstbesetztes Hirn des Nachts fantasievoll kreierte. G\u00e4nsehaut pur. 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