{"id":21072,"date":"2025-10-23T08:08:50","date_gmt":"2025-10-23T08:08:50","guid":{"rendered":"https:\/\/www.verdichtet.at\/?p=21072"},"modified":"2025-10-25T09:27:30","modified_gmt":"2025-10-25T09:27:30","slug":"ein-letztes-mahl","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.verdichtet.at\/?p=21072","title":{"rendered":"Ein letztes Mahl"},"content":{"rendered":"<div class=\"pdfprnt-buttons pdfprnt-buttons-post pdfprnt-top-right\"><a href=\"https:\/\/www.verdichtet.at\/index.php?rest_route=wpv2posts21072&print=pdf\" class=\"pdfprnt-button pdfprnt-button-pdf\" target=\"_blank\"><\/a><a href=\"https:\/\/www.verdichtet.at\/index.php?rest_route=wpv2posts21072&print=print\" class=\"pdfprnt-button pdfprnt-button-print\" target=\"_blank\"><\/a><\/div><p>Was auch immer sich im kleinen steirischen Dorf Gratwein zutrug \u2013 Melitta Knehs wusste davon.<br \/>\nSie war siebenundf\u00fcnfzig Jahre alt, gl\u00fccklich und verm\u00f6gend verwitwet und widmete ihre Zeit ihrer Spitzh\u00fcndin namens Ella und den Dingen, die im Ort vor sich gingen.<br \/>\nMelitta hatte sich als gro\u00dfe Aufdeckerin einen Namen in Gratwein gemacht, zumindest sah sie das so. Die \u00fcbrigen Einwohner des Dorfes, etwa dreitausend an der Zahl, sahen die Sache anders: F\u00fcr sie war diese Frau einfach eine Plage, der man aber besser nichts entgegensetzte, aus wirtschaftlichen Gr\u00fcnden.<\/p>\n<p>Ihr vor Jahren verstorbener Mann, Oswald Knehs, war der Besitzer des gr\u00f6\u00dften S\u00e4gewerkes im Ort. Au\u00dferdem hatten ihm ein Gasthaus, ein Lebensmittelgesch\u00e4ft und das \u00f6rtliche Bordell geh\u00f6rt.<br \/>\nEr war dem Trunk nicht abgeneigt, und oft kam es zu unsch\u00f6nen Szenen im Hause Knehs, wenn Oswald nach ausgiebigen Touren durch seine beiden Gastronomiebetriebe auf allen Vieren in das eheliche Schlafzimmer zu schleichen versuchte.<br \/>\nEines Tages ging im Dorf die Meldung vom pl\u00f6tzlichen Tod des verm\u00f6genden Mannes um. Es wurde hinter vorgehaltener Hand getuschelt, doch wagte niemand \u00f6ffentlich dar\u00fcber zu sprechen, zu gro\u00df war die Furcht, als Urheber einer Falschmeldung zu gelten. Dar\u00fcber hinaus hatte sich Melitta Knehs nicht zu dem Vorfall ge\u00e4u\u00dfert. Sie schwieg eisern und machte nicht den Eindruck, \u00fcber den Verlust des Mannes traurig zu sein, der ihr Treue bis in den Tod versprochen sowie angetrunken ein von ihr abgefasstes Testament unterfertigt hatte.<\/p>\n<p>Einer der drei Gratweiner Polizeibeamten gab in bierseliger Runde am Tresen eines Gasthauses Details zum Besten: Melitta hatte ihren Gatten auf die Jagd begleitet, was ungew\u00f6hnlich f\u00fcr sie war, denn sie verabscheute das T\u00f6ten von Lebewesen. Sie musste ihren Mann mit einem Rehbock oder einem gro\u00dfen Eber verwechselt haben, jedenfalls war der Mann tot.<br \/>\nDie an der Theke stehenden Gratweiner Trinker bedr\u00e4ngten den Polizisten, Details preiszugeben. Nachdem dieser zwei weitere Gl\u00e4ser Schnaps geleert und seine Dienstwaffe sicher auf einem Garderobenhaken verstaut hatte, fuhr er fort.<br \/>\nBeide hatten einl\u00e4ufige Schrotflinten dabeigehabt, doch seltsamerweise war Oswald mit zwei Wunden auf der Brust und einem Tannenzweig im Mund aufgefunden worden.<br \/>\nPl\u00f6tzlich wurde es still im Gasthaus.<br \/>\nSelbstmord schied aus, also stand die Annahme im Raum, dass es sich um einen tragischen Jagdunfall gehandelt haben musste, so stellte es der Polizist dar.<br \/>\nAls einer der G\u00e4ste die Tatsache, dass zweimal aus einer einl\u00e4ufigen Flinte auf Oswald Knehs geschossen worden war, erw\u00e4hnte, und ein weiterer Gast den Tannenzweig im Mund des Verblichenen anf\u00fchrte und vom Ritual der letzten \u00c4sung sprach, da nahm der Ordnungsh\u00fcter Haltung an, seine Waffe von der Garderobe ab und begab sich in die Mittagssonne, die jeden konsumierten Schnaps unbarmherzig bestraft.<\/p>\n<p>Die Umst\u00e4nde des Todes von Oswald machten bald die Runde im Dorf, doch Melitta schwieg. Sie ordnete ihre Angelegenheiten, verkaufte erst das S\u00e4gewerk und dann das Gasthaus. Der Verkauf des Freudenhauses gestaltete sich einigerma\u00dfen schwierig, doch schlie\u00dflich einigte sie sich mit der Frau, die sich in diesem Betrieb vom ersten Stock an die Bar im Erdgeschoss hochgearbeitet hatte. Dass diese Frau bei der Beerdigung ihres Chefs am lautesten geweint hatte, wurde in Gratwein als erfrischendes Detail in der ansonsten dunklen Causa gerne angenommen und eifrig weiterverbreitet.<br \/>\nMelitta schwieg, bis ihre Unschuld vom Grazer Gericht festgestellt wurde. Der Aufsichtsj\u00e4ger aus dem Nachbarort Gratkorn war als Gutachter hinzugezogen worden und hatte festgestellt, dass Oswald Knehs seine Waffe ohne weiteres gegen die eigene Brust h\u00e4tte richten k\u00f6nnen. Melitta w\u00e4re wahrscheinlich zu ihrem Mann geeilt und h\u00e4tte die Flinte dabei verloren oder weggeworfen, und ein mit den Eckz\u00e4hnen geschickter Eber h\u00e4tte durchaus den Abzug bet\u00e4tigen k\u00f6nnen.<br \/>\nDer Richter starrte den Gutachter erst ungl\u00e4ubig an, dann blickte er liebevoll auf seine Armbanduhr, die rotgolden und neu in der Sonne gl\u00e4nzte, woraufhin er den Wildschweinen in Gratweins W\u00e4ldern erh\u00f6hte Gef\u00e4hrlichkeit attestierte und Melitta freisprach.<\/p>\n<p>Diese machte sich sogleich daran, sich all der Dinge, die sich in Gratwein zugetragen hatten und um die sie sich aufgrund einer kurzzeitigen Liaison mit dem Gratkorner Aufsichtsj\u00e4ger nicht hatte k\u00fcmmern k\u00f6nnen, anzunehmen.<br \/>\nDa sie jedoch bald bemerkte, dass die Menschen, die sie auf der Stra\u00dfe ansprach, ihr mit einer Mischung aus Furcht und Abscheu begegneten, verlegte sie sich darauf, ihre Kommentare und Vermutungen \u00fcber das Internet unter die Leute zu bringen.<br \/>\nDas ging naturgem\u00e4\u00df schneller als die Bel\u00e4stigung von Menschen, zumal sie bei dieser nicht mit der T\u00fcr ins Haus fallen konnte, sondern erst ein Gespr\u00e4ch beginnen musste, dem sie den Anschein von Harmlosigkeit verlieh, um ihr Gegen\u00fcber nicht zu verschrecken und in die Flucht zu schlagen.<br \/>\nIhre gewonnene Zeit investierte sie in Spazierg\u00e4nge mit ihrer Spitzin Ella und dem Lernen f\u00fcr die Jagdpr\u00fcfung. Sie hatte n\u00e4mlich Gefallen an der Jagd gefunden, an den vielen M\u00f6glichkeiten, mit mehr als nur leeren H\u00e4nden aus dem Wald zu kommen. Sie bestand die Pr\u00fcfung mit Bravour, und auch beim Schie\u00dftest zeigte sie eine gute Leistung, obwohl sie zuvor laut eigenen Angaben erst ein einziges Mal\u00a0 eine Waffe abgefeuert hatte.<\/p>\n<p>Im sozialen Netzwerk, in dem sie ihre Meinungen, Ansichten und Unterstellungen verbreitete, befreundete sie sich virtuell auch mit Menschen, die nicht in Gratwein oder einem der umliegenden D\u00f6rfer wohnten. Sie geizte auch nicht mit Informationen \u00fcber ihren sehr gehobenen Lebensstandard und lud auch etliche Fotos ihrer Villa hoch, die von einem park\u00e4hnlichen Grundst\u00fcck einges\u00e4umt war.<br \/>\nSie erhielt etliche Nachrichten von M\u00e4nnern ihres Alters, doch beantwortete sie keine einzige, denn sie sah sich nunmehr als Solit\u00e4r, wie der in Wei\u00dfgold gefasste Brillant an ihrem Finger.<br \/>\nDennoch war sie nicht einsam, denn sie hatte eine Haush\u00e4lterin eingestellt. Sie hatte immer eine Haushaltshilfe haben wollen, doch die Furcht, dass ihr Mann sich dieser h\u00e4tte k\u00f6rperlich n\u00e4hern k\u00f6nnen, hatte sie darauf verzichten lassen.<\/p>\n<p>Eines Tages l\u00e4utete es am Eingangstor des Grundst\u00fcckes, und da die Haush\u00e4lterin gerade einkaufen war, \u00f6ffnete Melitta das Tor und wies die Person, die drau\u00dfen stand, an, zur Villa zu kommen.<br \/>\nSie \u00f6ffnete deren T\u00fcre und erstarrte. Vor ihr stand ein Mann von, wie sie sch\u00e4tzte, drei\u00dfig Jahren und bat sie um Geld. Sie wies ihn br\u00fcsk ab, doch der Mann, der sich als Clemens vorstellte, lie\u00df sich nicht abwimmeln. Eloquent setzte er die inzwischen im Gesicht rot angelaufene Melitta Knehs davon in Kenntnis, dass er sehr wohl f\u00fcr das Geld arbeiten wollte. Den Rasen wollte er m\u00e4hen, die B\u00e4ume und Str\u00e4ucher in Form halten und den Gem\u00fcsegarten pflegen. Die W\u00f6rter, die er verwendete, lie\u00dfen Melitta annehmen, dass es sich um einen Mann von h\u00f6herem, wenn nicht gar hohem Bildungsgrad handelte.<br \/>\nMit einer knappen Handbewegung gab sie Clemens zu verstehen, dass er ihr in ihre Bibliothek folgen sollte.<br \/>\nSie tranken alten Cognac und unterhielten sich \u00fcber das Anliegen des Mannes.<br \/>\nDa der Mann keine Bleibe hatte, gab die Hausherrin Anweisung, die am Rande des Grundst\u00fcckes gelegene Jagdh\u00fctte des verblichenen Oswald Knehs so herzurichten, dass sie Clemens als Unterkunft gen\u00fcgen w\u00fcrde.<br \/>\nDa sich in der H\u00fctte auch ein Raum befand, in welchem das erlegte Wild zerlegt wurde, gab es Wasser, einen Schlauch, mit dem er sich duschen konnte, und sogar \u00fcber einen Abort verf\u00fcgte sein neues Heim.<\/p>\n<p>Clemens verrichtete die ihm aufgetragenen Arbeiten schnell und gr\u00fcndlich, sodass Melitta sehr zufrieden war und ihm jedes Monat eine kleine Pr\u00e4mie zukommen lie\u00df. Er rauchte nicht, trank wenig und seine Freizeit verbrachte er damit, in schwarze Notizhefte zu schreiben. Jeden Sonntag durfte er in die Villa kommen, um sein Mittagsmahl einzunehmen.<br \/>\nMelitta genoss die Gespr\u00e4che mit Clemens, der belesen war und \u00fcber Malerei Bescheid wusste, so sehr, dass sie ihn an jedem Sonntag ein klein wenig mehr ins Herz schloss.<br \/>\nMelitta wollte unbedingt wissen, was Clemens in seine Notizb\u00fccher schrieb. Heimlich suchte sie nach diesen, doch hatte er sie so gut versteckt, dass sie neugierig bleiben musste.<br \/>\nMit der Haush\u00e4lterin verstand sich Clemens gut, und bald fragte diese Melitta, ob er nicht in eines der G\u00e4stezimmer \u00fcbersiedeln k\u00f6nnte. Diese war au\u00dfer sich vor Wut und beschied ihrer Angestellten in deutlichen Worten, dass in ihrer Villa niemals jemand einziehen w\u00fcrde, der nicht von ihrem Stand w\u00e4re. Die Haush\u00e4lterin bat um Verzeihung, sie w\u00fcrde niemals wieder darauf zu sprechen kommen.<\/p>\n<p>Dann fand Melitta die Notizb\u00fccher und las sie. Mit zitternden H\u00e4nden legte sie sie in das Versteck zur\u00fcck. Sie enthielten die Lebensgeschichte eines jungen Mannes, dessen Vater ihn verleugnet, aber dennoch gro\u00dfz\u00fcgig unterst\u00fctzt hatte. Seine Mutter hatte ihn alleine gro\u00dfgezogen, und als sie eine Stelle als Haush\u00e4lterin bei der Witwe von Clemens Vater antrat, vereinten sich ihre Wege aufs Neue. Um seinen Vater r\u00e4chen zu k\u00f6nnen, so schrieb Clemens, musste er Oswald Knehs Witwe aus dem Weg r\u00e4umen.<br \/>\nMelitta eilte in die Bibliothek, wo der Waffenschrank stand, doch dieser war ge\u00f6ffnet und zwei einl\u00e4ufige Schrotflinten waren entnommen worden.<br \/>\nSie wollte aus der Villa laufen, doch Clemens und seine Mutter versperrten ihr den Weg. Sie zwangen Melitta, mit ihnen in den Wald zu fahren, die Flinten nahmen sie mit.<br \/>\nBevor sie zu der Stelle gelangten, an der Oswald Knehs sein Leben verloren hatte, brach Clemens einen Tannenzweig vom Baum und schob ihn Melitta in den Mund. Als letzte \u00c4sung.<\/p>\n<p style=\"text-align: right;\">Michael Timoschek<\/p>\n<p style=\"text-align: right;\">www.verdichtet.at | Kategorie: <a title=\"Que ser\u00e1, ser\u00e1?\" href=\"http:\/\/www.verdichtet.at\/?page_id=2020\">drah di ned um<\/a> |Inventarnummer: 25220<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Was auch immer sich im kleinen steirischen Dorf Gratwein zutrug \u2013 Melitta Knehs wusste davon. Sie war siebenundf\u00fcnfzig Jahre alt, gl\u00fccklich und verm\u00f6gend verwitwet und widmete ihre Zeit ihrer Spitzh\u00fcndin namens Ella und den Dingen, die im Ort vor sich gingen. Melitta hatte sich als gro\u00dfe Aufdeckerin einen Namen in Gratwein gemacht, zumindest sah sie [&hellip;]<\/p>\n","protected":false},"author":4,"featured_media":0,"comment_status":"open","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[112],"tags":[73],"class_list":["post-21072","post","type-post","status-publish","format-standard","hentry","category-timoschek-michael","tag-drah-di"],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/www.verdichtet.at\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/21072","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/www.verdichtet.at\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/www.verdichtet.at\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.verdichtet.at\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/users\/4"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.verdichtet.at\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcomments&post=21072"}],"version-history":[{"count":5,"href":"https:\/\/www.verdichtet.at\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/21072\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":21077,"href":"https:\/\/www.verdichtet.at\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/21072\/revisions\/21077"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/www.verdichtet.at\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fmedia&parent=21072"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.verdichtet.at\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcategories&post=21072"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.verdichtet.at\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Ftags&post=21072"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}