{"id":21057,"date":"2025-10-17T15:57:55","date_gmt":"2025-10-17T15:57:55","guid":{"rendered":"https:\/\/www.verdichtet.at\/?p=21057"},"modified":"2025-10-19T16:00:43","modified_gmt":"2025-10-19T16:00:43","slug":"schneefall","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.verdichtet.at\/?p=21057","title":{"rendered":"Schneefall"},"content":{"rendered":"<div class=\"pdfprnt-buttons pdfprnt-buttons-post pdfprnt-top-right\"><a href=\"https:\/\/www.verdichtet.at\/index.php?rest_route=wpv2posts21057&print=pdf\" class=\"pdfprnt-button pdfprnt-button-pdf\" target=\"_blank\"><\/a><a href=\"https:\/\/www.verdichtet.at\/index.php?rest_route=wpv2posts21057&print=print\" class=\"pdfprnt-button pdfprnt-button-print\" target=\"_blank\"><\/a><\/div><p>Um Punkt sechs Uhr morgens stehe ich auf. Auch diese Nacht habe ich allein auf der Couch im Wohnzimmer verbracht, und auch diese Nacht hat mich die Sorge um dich kaum schlafen lassen.<\/p>\n<p>Bedr\u00fcckt registriere ich das unter der geschlossenen Schlafzimmert\u00fcr durchschimmernde Licht, als ich leise daran vorbei Richtung K\u00fcche gehe. Dass du neuerlich nachts das Licht eingeschaltet l\u00e4sst, ist ein weiteres alarmierendes Zeichen f\u00fcr mich. Unweigerlich muss ich an meine Mutter denken, die ebenfalls eine Zeitlang nur bei Licht schlafen konnte. Auf mich, den damals Siebenj\u00e4hrigen, wirkte das irritierend, ja, bedrohlich: Erwachsene sollten keine Angst im Dunkeln haben.<\/p>\n<p>Ich verzichte auf ein Fr\u00fchst\u00fcck, \u00f6ffne die Balkont\u00fcr, gehe hinaus, um drau\u00dfen zu rauchen. Aufseufzend lasse ich mich in den Schaukelstuhl sinken, wickle eine Decke um mich, suche, w\u00e4hrend ich mir eine Zigarette anz\u00fcnde, nach etwas Blau am Himmel, vergeblich; suche ebenso vergeblich nach etwas Leichtigkeit in mir selbst. Es gibt kein Entrinnen. Die Welt drau\u00dfen spiegelt offensichtlich meine Innenwelt. Bedr\u00fcckendes Grau beherrscht das Au\u00dfen und lastet schwer in meinem Inneren. Dabei will ich doch vor allem jetzt, in deinem Zustand, heiter, voll Zuversicht, will der ber\u00fchmte Fels in der Brandung sein.<\/p>\n<p>Ich d\u00e4mpfe die Zigarette aus, hole tief Atem \u2013 und atme pl\u00f6tzlich Schneeluft. Ja, es riecht eindeutig nach Schnee. Verwundert sch\u00fcttle ich den Kopf. Ich muss mich t\u00e4uschen, schlie\u00dflich ist doch erst Ende September. Doch da \u2013 es beginnt tats\u00e4chlich leicht zu schneien. Aus dieser dunklen Wolkendecke so v\u00f6llig \u00fcberraschend zartes Wei\u00df fallen zu sehen, wirkt sich seltsam tr\u00f6stend auf mich aus. Zuversicht beginnt sich in mir auszubreiten, je l\u00e4nger ich die tanzenden Flocken betrachte.<\/p>\n<p>Es scheint mir inzwischen unm\u00f6glich, den Blick von dem wei\u00dfen Schauspiel vor mir zu wenden, unm\u00f6glich, aufzustehen, unm\u00f6glich, ins B\u00fcro zu fahren, so wie gestern mit dir vereinbart, eigentlich vehement von dir gefordert.<\/p>\n<p>\u201eIch ertrage es nicht, dass du die ganze Zeit an mir klebst, Oskar\u201c, hast du mich pl\u00f6tzlich, ohne ersichtlichen Grund, beim Abendessen angefahren. \u201eKeine Sekunde l\u00e4sst du mich allein, obwohl es dazu \u00fcberhaupt keinen Grund gibt. Ich bin schwanger und nicht krank, also bitte, bitte, geh ab morgen wieder arbeiten!\u201c<\/p>\n<p>Deine Stimme ist immer schriller, immer unangenehmer, jedes deiner Worte zu schmerzhaften Stichen in meinem Geh\u00f6rgang geworden, wimmernd habe ich mir schlie\u00dflich die Ohren zuhalten m\u00fcssen, habe dich angefleht: \u201eBitte, Anna, ich bitte dich, schrei doch nicht so.\u201c<\/p>\n<p>Doch du bist umso lauter geworden, hast gebr\u00fcllt, was das nun wieder solle, die Lautst\u00e4rke deiner Stimme sei doch dieselbe wie immer, du hast dich hineingesteigert, wie so oft in letzter Zeit, hast das Besteck auf den Tisch geknallt, bist aufgesprungen, hast geschrien, dass das nicht mehr so weitergehe, du willst normal mit mir reden k\u00f6nnen und nicht fl\u00fcstern m\u00fcssen, dass die Kommunikation zwischen uns generell nicht mehr funktioniere, dass meine Harmoniesucht v\u00f6llig \u00fcberzeichnet und abnormal sei, ich s\u00e4mtlichen, auch v\u00f6llig harmlosen Auseinandersetzungen panisch ausweiche, vor jeder noch so kleinen Reibung fl\u00fcchte, dass du \u2013 ja, dass du meine Art nicht mehr ertr\u00e4gst, meine \u00fcbertriebene F\u00fcrsorge, meine unertr\u00e4gliche Sanftheit, meine st\u00e4ndige stille Anwesenheit \u2013 und dann, als ich dich beruhigen wollte: \u201eAnna, bitte, reg dich doch nicht so auf, denke an unser Baby\u201c, hast du sogar vor Wut ein paar B\u00fccher aus einem Regal gerissen und zu Boden geschleudert.<\/p>\n<p>Wieder f\u00e4llt mir die Parallele zu meiner Mutter auf, denke an deren Gereiztheit und Unberechenbarkeit. Manchmal, wenn das Nachbarskind zu Besuch war und wir in meinem Zimmer spielten, hat sie uns l\u00e4chelnd Saft und Kuchen gebracht, war herzlich und fr\u00f6hlich, doch nur Minuten sp\u00e4ter hat sie die T\u00fcr aufgerissen und uns b\u00f6se angebr\u00fcllt, dass wir gef\u00e4lligst leiser sein sollen, sie halte diesen L\u00e4rm nicht aus. Und wie oft, wenn ich ihr irgendetwas erz\u00e4hlen wollte, hat sie mich hysterisch angeschrien: \u201eSprich mich jetzt ja nicht an, Oskar! Lass mich in Ruhe, geh weg von mir, ich will allein sein\u201c, um sich dann kurz darauf weinend bei mir zu entschuldigen.<\/p>\n<p>Mir ist kalt, ich wickle die Decke enger um mich, denke wieder an dich, an den sch\u00f6nen Beginn unserer Beziehung, und daran, dass du dich doch gerade wegen meiner ruhigen Art, die dir nun so missf\u00e4llt, in mich verliebt hast. Endlich jemand, der nicht st\u00e4ndig diskutieren und recht haben muss, hast du damals gesagt, endlich jemand, der zuh\u00f6ren kann. Noch vor wenigen Monaten verliefen unsere Tage harmonisch \u2013 nie hast du Streit mit mir gesucht, im Gegensatz zu jetzt.\u00a0 Wie sehr du dich doch ver\u00e4ndert hast, speziell in den letzten Wochen. Wieder steigt hei\u00df Sorge um dich in mir auf, und ich fasse den Entschluss, mich weiterhin im B\u00fcro krankzumelden, bei dir zuhause zu bleiben, auf dich achtzugeben, auch wenn du das nicht m\u00f6chtest. Auf keinen Fall werde ich dich alleinlassen. Der Fehler von damals wird sich nicht wiederholen.<\/p>\n<p>Damals \u2013 da hatten die Eltern alles f\u00fcr eine Woche Winterurlaub vorbereitet, das Hotel war reserviert, die Koffer gepackt, doch dann, kurz vor der Abfahrt, hat die Mutter zum Vater gesagt: \u201eSei mir nicht b\u00f6se, aber ich m\u00f6chte zuhause bleiben. Ich bin m\u00fcde, schrecklich m\u00fcde, ich brauche Ruhe \u2013 brauche dringend ein paar Tage nur f\u00fcr mich. Bitte fahrt ohne mich, lasst es euch gutgehen in den Bergen, du und Oskar.\u201c<\/p>\n<p>Als der Vater gez\u00f6gert hat, ist sie wie so oft w\u00fctend geworden: \u201eJetzt lasst mich doch endlich mal allein! Du und Oskar, ihr klebt ja die ganze Zeit \u00fcber f\u00f6rmlich an mir. Und immer deine unn\u00f6tige Sorge um mich, das macht mich fertig! Kapier doch endlich: Ich bin schwanger und nicht krank!\u201c<\/p>\n<p>\u201eStopp. Aus. Stopp\u201c, sage ich jetzt halblaut, und die inneren Bilder der Vergangenheit verblassen und verschwinden folgsam, ich schlie\u00dfe die Augen, ziehe die Decke bis \u00fcbers Kinn, schrecke auf, als du pl\u00f6tzlich mit wirrem Haar im Morgenmantel vor mir stehst. Offensichtlich bin ich trotz der K\u00e4lte eingenickt.<\/p>\n<p>\u201eWas ist mit dir, warum bist du nicht im B\u00fcro?\u201c Du klingst m\u00fcde, abgek\u00e4mpft.<\/p>\n<p>\u201eAch, Anna \u2013 also, ich bleibe doch noch zwei, drei Tage zuhause. Ich gebe im B\u00fcro Bescheid, das ist kein Problem\u201c, stottere ich, sehe, wie du deine Lippen zusammenpresst, die Stirn in Falten legst.<\/p>\n<p>\u201eAber was sagst du zu diesem Wunder: Schneefall im September.\u201c Ich werfe die Decke von mir, stehe auf, strecke meine Hand \u00fcber die bl\u00fchenden Balkonpflanzen, um ein paar Flocken aufzufangen, sehe hinunter in den glitzernden Innenhof. \u201eDer Schnee bleibt sogar liegen, schau!\u201c<\/p>\n<p>Du schaust nicht. Du starrst mich an, lange und sonderbar fassungslos, dann fauchst du: \u201eJetzt spinnst du also komplett!\u201c<\/p>\n<p>Du wendest dich ab, gehst hinein. Ich folge dir, doch du durchquerst schnell die K\u00fcche, gehst, die T\u00fcr vor mir zuknallend, ins Wohnzimmer. Deprimiert h\u00f6re ich dich schimpfen: \u201e\u2026 vollkommen \u00fcbergeschnappt &#8230; wird immer \u00e4rger, redet von Schnee bei diesem sch\u00f6nen Wetter &#8230;\u201c<\/p>\n<p>Dann ist kurze Zeit Stille, und nun vernehme ich ged\u00e4mpft deine ver\u00e4nderte, ruhige Stimme: \u201eHi, ich bin\u2019s, Anna &#8230;\u201c<\/p>\n<p>Mehr verstehe ich nicht, offensichtlich bist du telefonierend weiter ins Nebenzimmer gegangen. Kurz darauf kommst du zur\u00fcck, w\u00fcrdigst mich keines Blickes, w\u00e4hrend du eine Tasse aus dem K\u00fcchenschrank nimmst, den Wasserkocher einschaltest, dann Tee aufgie\u00dft und sagst: \u201eOskar, ich habe vorhin Mark angerufen. Wir haben Gl\u00fcck, ein Patient hat abgesagt, um zehn Uhr k\u00f6nnen wir zu ihm in die Praxis.\u201c<\/p>\n<p>Das kommt v\u00f6llig unerwartet. Ich muss mich bem\u00fchen, meine Erleichterung nicht allzu offen zu zeigen. Ich habe dich untersch\u00e4tzt: Es ist dir also sehr wohl bewusst, wie gef\u00e4hrdet du bist. Sicher hat es dich enorme \u00dcberwindung gekostet, Mark anzurufen, deinen Cousin, der ein paar Stra\u00dfen von uns entfernt seine psychiatrische Praxis hat.<\/p>\n<p>\u201eIch finde das gro\u00dfartig von dir\u201c, sage ich und bem\u00fche mich, meine Stimme fest und nicht allzu bewegt klingen zu lassen. \u201eIch meine, eben auch im Hinblick auf unser Baby.\u201c<\/p>\n<p>Du meidest meinen Blick, nippst nerv\u00f6s an deinem Tee, gehst unruhig hin und her.<\/p>\n<p>\u201eIch ziehe mich dann mal an, wir sollten bald losgehen\u201c, sagst du, verschwindest im Badezimmer. W\u00e4hrend ich mich anziehe, nehme ich mir fest vor, dir eine St\u00fctze zu sein, vor allem nichts zu tun oder zu sagen, was dich reizen k\u00f6nnte.<\/p>\n<p>Als du jedoch kurze Zeit sp\u00e4ter im d\u00fcnnen Kleid und Sommerschuhen vor mir stehst, kann ich mich nicht zur\u00fcckhalten und sage so sanft wie m\u00f6glich: \u201eEntschuldige, Anna, ich will dich sicher nicht bevormunden, aber du hast doch nicht ernsthaft vor, bei diesem Wetter so gekleidet rauszugehen?\u201c<\/p>\n<p>Ich deute zum Balkonfenster, hinter dem es unentwegt schneit. Ich selbst habe mir dem Wintereinbruch angemessen Daunenjacke und Stiefel angezogen.<\/p>\n<p>Deine gr\u00fcne Augen verengen sich zu schmalen Schlitzen. \u201eEs ist September, es ist warm drau\u00dfen, blauer Himmel, herrlichster Sonnenschein. Zieh du an, was du willst, Oskar, aber bitte, bitte, sag ja nichts Verr\u00fccktes mehr von Schnee, sag am besten gar nichts mehr, bis wir bei Mark sind!\u201c<\/p>\n<p>Du schnappst deine Tasche, \u00f6ffnest die Wohnungst\u00fcr. Ich bin versucht, dir zu widersprechen, greife nach meinem Smartphone, um wetter.com einzugeben und dir die fr\u00fchwinterlichen Tatsachen, die du einfach leugnest, die du ins Gegenteil verkehrst, in digitaler Form zu pr\u00e4sentieren, denke dann aber an deinen Zustand, an das Baby, und sage nichts, binde mir einen Schal um und folge dir die Treppe hinunter.<\/p>\n<p>Unten im Eingangsbereich wartest du, legst mir kurz deine Hand auf die Schulter.<\/p>\n<p>\u201eAch, Oskar\u201c, sagst du nun leise. \u201eIch m\u00f6chte nicht st\u00e4ndig mit dir streiten, mir ist \u2013 mir ist einfach alles zu viel. Wir werden mit Mark reden, er wird uns hoffentlich helfen k\u00f6nnen. Gehen wir jetzt.\u201c<\/p>\n<p>Ich nicke dir betont aufmunternd zu und \u00f6ffne die Haust\u00fcr, was mir M\u00fche bereitet, denn ein starker Schneesturm wirft sich dagegen, und weht mir eiskalt ins Gesicht, als ich nach drau\u00dfen trete. Ich blinzle, kann kaum die Augen offenhalten, teils wegen dem Sturm, teils wegen dem strahlenden Wei\u00df, das die ganze Umgebung bedeckt und mich blendet. Du gehst vollkommen unbeeindruckt von all dem an mir vorbei, obwohl du beinahe bis zu den Kn\u00f6cheln im Schnee versinkst, h\u00e4ltst deinen Kopf aufrecht wie immer, als ob du den eisigen Wind nicht sp\u00fcren w\u00fcrdest, nicht das Nass, das er dir ins Gesicht, auf dein Haar, in deinen Nacken weht.<\/p>\n<p>\u201eWas ist denn? Nun komm doch!\u201c, drehst du dich zu mir.<\/p>\n<p>Ich schlinge den Schal enger um meinen Hals, stemme mich gegen den Sturm und stapfe zu dir. Der Schnee knirscht laut unter meinen Schuhen.<\/p>\n<p>\u201eWahnsinn, nicht? Pl\u00f6tzlich Winterwetter!\u201c, entschl\u00fcpft es mir. \u201eFrierst du nicht, Anna? Soll ich dir eine Jacke holen?\u201c Angst um dich steigt in mir auf. Ich kann dich kaum ansehen in deinem d\u00fcnnen Kleid, das nass an deinen Beinen klebt.<\/p>\n<p>\u201eOskar, ich warne dich: kein Wort mehr \u00fcbers Wetter! Mir ist warm, ich brauche keine Jacke\u201c, ist deine b\u00f6se Antwort, du drehst sich weg, gehst weiter.<\/p>\n<p>Verzweifelt bem\u00fche ich mich, mit dir Schritt zu halten. Ein Radfahrer f\u00e4hrt vorbei. Wie kann man nur zu diesen Bedingungen mit dem Rad unterwegs sein, in kurzen Hosen noch dazu?\u00a0 Ich verstehe die Welt nicht mehr. Ich muss mich Schritt f\u00fcr Schritt vorw\u00e4rtsk\u00e4mpfen, der Sturm l\u00e4sst nicht nach, stellenweise ist es auch sehr rutschig. Unter der Schneedecke liegt anscheinend eine gef\u00e4hrlich glatte Eisschicht, sodass ich alle M\u00fche habe, das Gleichgewicht zu halten. Das Tr\u00f6stliche, das der Schneefall am Morgen in mir ausgel\u00f6st hat, hat sich l\u00e4ngst in Bedrohliches gewandelt. Wie gerne h\u00e4tte ich dies einfach ausgesprochen. Fr\u00fcher h\u00e4ttest du mich verstanden, h\u00e4ttest meine Gedanken aufgegriffen und sie weitergesponnen, nun aber geht du ein paar Meter vor mir, gef\u00fchllos, eine Fremde, die weder K\u00e4lte und N\u00e4sse noch meine stetig wachsende Angst und Verzweiflung zu sp\u00fcren scheint.<\/p>\n<p>Als ich um die Ecke biege, passiert es. Ich rutsche aus, lande mit dem Gesicht voran unsanft im Schnee. Ich h\u00f6re jemanden schreien, laut und anhaltend schreien. Ich halte mir die Ohren zu, presse mein Gesicht in den Schnee. Und jetzt steigt unaufhaltsam und eiskalt die Erinnerung in mir auf. Genauso wie ich jetzt daliege, der L\u00e4nge nach, das Gesicht im Schnee, genauso ist meine Mutter gelegen, genauso haben mein Vater und ich damals die Mutter vorgefunden. Nach den Tagen in den Bergen das Heimkommen in ein verlassenes Haus, auf dem K\u00fcchentisch leere Tablettenschachteln, leere Schnapsflaschen. Hinterm Haus, im schneewei\u00dfen Garten, die Mutter \u2013 so ruhig, so still, so alleine \u2013 die Mutter, in einem viel zu d\u00fcnnen Kleid regungslos auf einer Schneedecke liegend. Ich sehe vor mir, wie mein Vater sich \u00fcber sie beugt, panisch immer wieder ihren Namen ruft, wie er hektisch ins Haus l\u00e4uft, drinnen den Notruf w\u00e4hlt, sich gleich darauf wieder neben die Mutter in den Schnee kniet, laut schreit und weint, sehe mich starr und stumm daneben stehen und denken: \u201aNein, Papa, h\u00f6r auf zu schreien, Mama m\u00f6chte doch ihre Ruhe haben\u2018, sehe mich still auf meine Mutter schauen, auf den Schnee, der sanft zu fallen beginnt und mich seltsam tr\u00f6stet, auch noch, als mich irgendjemand in die Arme nimmt und wegtr\u00e4gt \u2026<\/p>\n<p>Aber jetzt, jetzt \u2013, registriere ich pl\u00f6tzlich, jetzt bin ich nicht still, jetzt schreie und weine ich, \u00e4hnlich wie damals Vater, verzweifelt und laut. Ja, derjenige, wegen dessen markersch\u00fctternden Schreien ich mir die Ohren zuhalten muss, bin ich selbst.<\/p>\n<p>Von weit weg h\u00f6re ich eine fremdklingende erschrockene Stimme: \u201eOskar! Oskar, sag mir, was ist mit dir? Komm, steh bitte auf, ich st\u00fctze dich. Hast du dir wehgetan?\u201c<\/p>\n<p>Du? Ja, du bist es. Anna. Ach, du wei\u00dft ja nicht, warum ich schreie und nicht damit aufh\u00f6ren kann, du kannst nicht wissen, dass mich durch meinen Sturz in den Schnee die Erinnerung soeben derma\u00dfen \u00fcberw\u00e4ltigt hat, dass ich schreien muss wie noch nie in meinem Leben, mich nicht unter Kontrolle habe. Nie habe dir davon erz\u00e4hlt, kein Wort von meiner toten Mutter im Schnee, nichts von ihren Depressionen, ihrer Schwangerschaft \u2013 nur dies: \u201eMeine Mutter hatte einen Unfall als ich sieben Jahre alt war.\u201c<\/p>\n<p>Du hilfst mir auf, sagst nichts, als ich mir schlie\u00dflich benommen den Schnee, den Schreck, die Erinnerung von der Kleidung klopfe, nimmst mich liebevoll st\u00fctzend in den Arm, als wir langsam und schweigend weitergehen, jeder Schritt eine Qual f\u00fcr mich.<\/p>\n<p>Zitternd nehme ich meinen nassen Schal ab, ziehe die schneeschwere Jacke aus, als wir endlich das Vorzimmer von Marks Praxis betreten. Du stehst neben mir, wischt dir mit einem Taschentuch die N\u00e4sse aus dem Gesicht, ich sehe dich an \u2013 aber nein, das ist kein Schnee, das sind Tr\u00e4nen, die du wegtupfst. Mark kommt uns entgegen. Hinter ihm dr\u00f6hnen in unangenehmer Lautst\u00e4rke Stimmen aus einem Radio, automatisch halte ich mir sch\u00fctzend die Ohren zu. Dennoch dringt eine fr\u00f6hlich klingende Frauenstimme in meinen Geh\u00f6rgang:<\/p>\n<p>\u201eDie Wetteraussichten: Es ist und bleibt ungew\u00f6hnlich mild heute, wolkenloser Himmel, Sonnenschein, bis zu 28 Grad.\u201c<\/p>\n<p style=\"text-align: right;\">Claudia Dvoracek-Iby<\/p>\n<p style=\"text-align: right;\">www.verdichtet.at | Kategorie: <a href=\"http:\/\/www.verdichtet.at\/?page_id=972\">\u00e4rgstens<\/a> | Inventarnummer: 25218<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Um Punkt sechs Uhr morgens stehe ich auf. Auch diese Nacht habe ich allein auf der Couch im Wohnzimmer verbracht, und auch diese Nacht hat mich die Sorge um dich kaum schlafen lassen. Bedr\u00fcckt registriere ich das unter der geschlossenen Schlafzimmert\u00fcr durchschimmernde Licht, als ich leise daran vorbei Richtung K\u00fcche gehe. Dass du neuerlich nachts [&hellip;]<\/p>\n","protected":false},"author":4,"featured_media":0,"comment_status":"open","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[176],"tags":[57],"class_list":["post-21057","post","type-post","status-publish","format-standard","hentry","category-dvoracek-iby-claudia","tag-aergstens"],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/www.verdichtet.at\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/21057","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/www.verdichtet.at\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/www.verdichtet.at\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.verdichtet.at\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/users\/4"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.verdichtet.at\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcomments&post=21057"}],"version-history":[{"count":2,"href":"https:\/\/www.verdichtet.at\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/21057\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":21059,"href":"https:\/\/www.verdichtet.at\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/21057\/revisions\/21059"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/www.verdichtet.at\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fmedia&parent=21057"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.verdichtet.at\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcategories&post=21057"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.verdichtet.at\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Ftags&post=21057"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}