{"id":21035,"date":"2025-10-13T16:15:56","date_gmt":"2025-10-13T16:15:56","guid":{"rendered":"https:\/\/www.verdichtet.at\/?p=21035"},"modified":"2026-04-26T11:51:07","modified_gmt":"2026-04-26T11:51:07","slug":"koma","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.verdichtet.at\/?p=21035","title":{"rendered":"Koma"},"content":{"rendered":"<div class=\"pdfprnt-buttons pdfprnt-buttons-post pdfprnt-top-right\"><a href=\"https:\/\/www.verdichtet.at\/index.php?rest_route=wpv2posts21035&print=pdf\" class=\"pdfprnt-button pdfprnt-button-pdf\" target=\"_blank\"><\/a><a href=\"https:\/\/www.verdichtet.at\/index.php?rest_route=wpv2posts21035&print=print\" class=\"pdfprnt-button pdfprnt-button-print\" target=\"_blank\"><\/a><\/div><p>\u201eSie kehrt zur\u00fcck\u201c, sagte die Stimme. Regina schlug die Augen auf, die verklebt waren. \u201eSie sind von einer langen Reise wiedergekommen\u201c, sagte die Stimme der Krankenschwester. Regina sah ihren rechten Arm hinunter, der \u00fcber und \u00fcber blau war. In der Armbeuge war ein Butterfly befestigt. Sie bewegte die Zehen. Kaum eine Regung war sp\u00fcrbar. Sie winkelte ihr linkes Bein an, versuchte, ihr linkes Bein anzuwinkeln. Es blieb schlaff und starr.<\/p>\n<p>Der Arzt nickte der Schwester zu. \u201eSoll ich Ihnen einen Spiegel bringen?\u201c, fragte sie Regina. Regina sch\u00fcttelte den Kopf, sachte; ruckartige Bewegungen waren nicht m\u00f6glich. \u201eWir hatten nicht mehr damit gerechnet, dass Sie wieder aufwachen w\u00fcrden\u201c, wandte sich der Arzt an sie. \u201eEs sind vierzehn Jahre vergangen seit dem Unfall.\u201c Regina kramte in ihren Erinnerungen. Das Letzte, woran sie sich erinnern konnte, war der sich \u00fcberschlagende Wagen, an dessen Steuer sie gesessen war. Sie war nicht angegurtet gewesen. Auf dem Beifahrersitz war ihr Sohn. \u201eWas ist mit meinem Sohn?\u201c, fragte sie den Arzt. \u201eEr ist wohlauf\u201c, sagte der Arzt, \u201eer ist jetzt ein junger Mann.\u201c \u201eRuhen Sie sich noch etwas aus\u201c, mischte sich die Schwester ins Gespr\u00e4ch, \u201edamit Sie zu Kr\u00e4ften kommen.\u201c Regina hatte den zweiten Teil des Satzes nur noch undeutlich vernommen. Sie h\u00f6rte nicht mehr, wie der Arzt zur Schwester sagte: \u201eSie ist wieder unter den Lebenden.\u201c Sie war wieder eingeschlafen.<\/p>\n<p>Bilder stiegen auf in ihrem Kopf. Sie hatte wieder gelernt, zu tr\u00e4umen. Man schob ihr Bett in ein anderes Zimmer. Die Herz-Lungen-Maschine w\u00fcrde nicht mehr ben\u00f6tigt werden. Der Schlauch, der in ihre Nase f\u00fchrte, mittels dessen sie k\u00fcnstlich ern\u00e4hrt worden war, wurde entfernt. Das Elektrokardiogramm zeigte stabile Herzt\u00f6ne.<\/p>\n<p>Als sie aufwachte, blickte sie in die Augen einer diesmal anderen Krankenschwester. \u201eKann ich bitte ein Glas Wasser haben?\u201c, fragte sie. Nachdem sie es auf einen Zug geleert hatte, sie fasste es mit beiden H\u00e4nden, die dabei zitterten, und es kostete sie gewaltige M\u00fche, den Kopf hochzuhalten, hatte sie den Mut zu sagen: \u201eW\u00fcrden Sie mir bitte einen Spiegel bringen?\u201c<\/p>\n<p>Sie sah ein kreidebleiches, eingefallenes Gesicht, das von tiefen Falten durchzogen war. Nichts war geblieben von seiner ehemaligen Sch\u00f6nheit. Es war das Gesicht einer alten Frau, umrahmt von schneewei\u00dfen Haaren, die fr\u00fcher dunkelbraun gewesen waren. Als sie den Mund \u00f6ffnete, bemerkte sie, dass etliche Z\u00e4hne fehlten, die verbliebenen waren gelb. Ihre braunen Augen waren stumpf, w\u00e4ssrig. \u201eErschrecken Sie nicht!\u201c, bes\u00e4nftigte sie die Schwester, \u201eSie sind soeben wiedergeboren worden und beginnen nun Ihr zweites Leben. Ich werde den Psychologen holen\u201c, fuhr sie fort. Sie verschwand, lie\u00df Regina mit ihrem Schmerz alleine.<\/p>\n<p>Ein rundlicher Mann mit Halbglatze erschien, der den Eindruck machte, als sei, sympathisch zu wirken, Teil seiner Arbeit. \u201eIch hei\u00dfe Heimo Burckhardt\u201c, stellte er sich vor, \u201ees freut mich, Ihre Bekanntschaft zu machen, Frau Sonnenwind.\u201c Herrn, den akademischen Grad hatte er verschwiegen, Burckhardts n\u00e4chste \u00c4u\u00dferung w\u00e4re vermutlich: \u201eFragen Sie mich, was Sie wissen wollen\u201c gewesen, doch sie kam ihm zuvor: \u201eWo ist mein Mann?\u201c Spannung trat in sein ausdrucksloses Gesicht. \u201eIhr Mann ist nicht mehr Ihr Mann. Er hat sich scheiden lassen.\u201c Regina lie\u00df die Schultern tief in die Matratze sinken. Sie wollte gar nicht fragen: \u201eWarum?\u201c, doch Herr Burckhardt erkl\u00e4rte es ihr: \u201eSie sind zu lange weggewesen. Ihr Mann hat jahrelang auf Sie gewartet. Nach sechs Jahren lernte er eine andere Frau kennen und reichte die Scheidung ein, die rechtswirksam ist. Er hat neu angefangen. Und Sie werden das auch tun, vorerst auf sich alleine gestellt.\u201c Da erst wurde ihr bewusst, dass niemand au\u00dfer Pflegepersonal in ihrem Zimmer war, keine Vase mit frischen Schnittblumen neben ihr. Man schien sie nicht erwartet zu haben. Man schien sie vergessen zu haben.<\/p>\n<p>Pl\u00f6tzlich klang eine Melodie aus Herrn Burckhardts Hosentasche. Er nestelte das Handy hervor, das quaderf\u00f6rmig, war, mehr als zehn Zentimeter lang, vielleicht sieben Zentimeter breit und ziemlich flach, mit einem gro\u00dfen Display, offensichtlich eine Weiterentwicklung. Er dr\u00fcckte auf einen seiner Kn\u00f6pfe, wobei die Melodie verstummte, und hielt es an sein Ohr. \u201eHier Doktor Burckhardt\u201c, sagte er. Seine vertrauenserweckende Stimme bekam einen ernsten Klang. \u201eIch komme sofort\u201c, schloss er das Gespr\u00e4ch. \u201eEntschuldigen Sie mich bitte f\u00fcr einige Zeit.\u201c Er reichte Regina die Hand, die sie nicht ergreifen konnte, und verlie\u00df schnellen Schrittes den Raum. Gleichzeitig kam die Krankenschwester herein. Wenigstens war Regina jetzt nicht alleine.<\/p>\n<p>Weshalb bist du von mir gegangen?, dachte sie und wusste die Antwort schon, als die Schwester sie ansprach. \u201eSie f\u00fchlen sich nicht gut, was? Verst\u00e4ndlicherweise. Wie kann ich Ihnen helfen, bis Doktor Burckhardt sich wieder mit Ihnen befassen wird?\u201c \u201eIch f\u00fchle mich leer, so leer\u201c, antwortete Regina. \u201eWarum ist mein Sohn nicht bei mir?\u201c, fragte sie. \u201eEr studiert Betriebswirtschaftslehre in Wien und bereitet sich auf wichtige Pr\u00fcfungen vor, soviel wir wissen. Er wird Sie bald besuchen\u201c, entgegnete die Schwester.<\/p>\n<p>Da trat Doktor Burckhardt erneut ins Zimmer. \u201eIst sie stark genug, die Wahrheit zu verkraften?\u201c, fl\u00fcsterte er zur Schwester. \u201eIch hoffe. Ich denke schon\u201c, erwiderte sie. \u201eFrau Sonnenwind, ich habe Ihnen etwas mitzuteilen: Es stimmt nicht. Ihr Sohn hat den Unfall nicht \u00fcberlebt. Sein Genick wurde gebrochen\u201c, sagte er mit einem Gesicht aus Stein. Regina sp\u00fcrte, dass sie keine Tr\u00e4nen mehr hatte. \u201eIch will nur noch schlafen. Bitte gehen Sie\u201c, sagte sie und drehte sich zur Seite, wollte sich zur Seite drehen, doch es blieb beim Versuch.<\/p>\n<p>Sie tr\u00e4umte ihr Leben, das ein verlorenes war. Sie tr\u00e4umte von Jakob, den sie als Baby im Arm hielt und dem sie die Brust gab. Sie w\u00fcnschte sich, bei ihm zu sein. Aber sie wusste, selbst im Traum, dass die harte Wirklichkeit sie wieder hatte, es ihr Schicksal gewesen war, zu \u00fcberleben, obwohl ihre Lebensgeister sie l\u00e4ngst verlassen hatten. Sie, Regina, die nicht mehr Schritt halten konnte, da sie verlernt hatte, zu gehen.<\/p>\n<div id=\"attachment_21034\" style=\"width: 410px\" class=\"wp-caption aligncenter\"><a href=\"http:\/\/www.verdichtet.at\/wp-content\/uploads\/2025\/10\/Der-duenne-Mann-und-das-Klinikum-Klagenfurt-am-12.-April-2023.jpg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" aria-describedby=\"caption-attachment-21034\" class=\"size-full wp-image-21034\" src=\"http:\/\/www.verdichtet.at\/wp-content\/uploads\/2025\/10\/Der-duenne-Mann-und-das-Klinikum-Klagenfurt-am-12.-April-2023.jpg\" alt=\"Der d\u00fcnne Mann und das Klinikum Klagenfurt am 12. April 2023\" width=\"400\" height=\"300\" srcset=\"https:\/\/www.verdichtet.at\/wp-content\/uploads\/2025\/10\/Der-duenne-Mann-und-das-Klinikum-Klagenfurt-am-12.-April-2023.jpg 400w, https:\/\/www.verdichtet.at\/wp-content\/uploads\/2025\/10\/Der-duenne-Mann-und-das-Klinikum-Klagenfurt-am-12.-April-2023-300x225.jpg 300w\" sizes=\"auto, (max-width: 400px) 100vw, 400px\" \/><\/a><p id=\"caption-attachment-21034\" class=\"wp-caption-text\">Der d\u00fcnne Mann und das Klinikum Klagenfurt am 12. April 2023<\/p><\/div>\n<p style=\"text-align: right;\">Johannes Tosin<br \/>\n(Text und Foto)<\/p>\n<p style=\"text-align: right;\">www.verdichtet.at |\u00a0Kategorie: <a href=\"http:\/\/www.verdichtet.at\/?page_id=972\">\u00e4rgstens<\/a> | Inventarnummer: 26029<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>\u201eSie kehrt zur\u00fcck\u201c, sagte die Stimme. 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