{"id":20888,"date":"2025-09-12T12:09:03","date_gmt":"2025-09-12T12:09:03","guid":{"rendered":"https:\/\/www.verdichtet.at\/?p=20888"},"modified":"2025-09-21T12:20:30","modified_gmt":"2025-09-21T12:20:30","slug":"nussdorfer-spaziergang","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.verdichtet.at\/?p=20888","title":{"rendered":"Nussdorfer Spaziergang"},"content":{"rendered":"<div class=\"pdfprnt-buttons pdfprnt-buttons-post pdfprnt-top-right\"><a href=\"https:\/\/www.verdichtet.at\/index.php?rest_route=wpv2posts20888&print=pdf\" class=\"pdfprnt-button pdfprnt-button-pdf\" target=\"_blank\"><\/a><a href=\"https:\/\/www.verdichtet.at\/index.php?rest_route=wpv2posts20888&print=print\" class=\"pdfprnt-button pdfprnt-button-print\" target=\"_blank\"><\/a><\/div>\n<p><strong>Nussdorf ist Teil des 19. Wiener Gemeindebezirks, mit Weing\u00e4rten am \u201eNussberg\u201c.<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>Abends, nach dem Berufsstress, oder auch an ruhigen Sonntag-Vormittagen geht der Verfasser dieser Zeilen gerne am Nussberg spazieren. Der Weg ist festgelegt, die Zeit genau bemessen:<\/p>\n\n\n\n<p>Vom \u201eNussdorfer Platzl\u201c geht es \u2013 durch einen \u201ebis auf Widerruf gestatteten\u201c Durchgang \u2013 in die Hackhofergasse. Vor dem Haus Nr. 5 stehen drei Golf-GTI auf dem bisschen Gras herum, einer davon ohne Kennzeichen. Daneben das geschlossene Tor des ehemaligen Heurigen <strong>\u201eStift Schotten\u201c<\/strong>,erbaut 1730, es weckt wehm\u00fctige Erinnerungen \u2013 wie an eine verlorene Geliebte. Viel zu selten ist man dort eingekehrt! Wie sch\u00f6n war es doch, mit der Frau bei einem Viertel Nussberger und einem saftigen Krautstrudel unter den gro\u00dfen alten B\u00e4umen zu sitzen, ein gutes Wort zu reden, dem aufgehenden Mond zuzublinzeln und das Atmen der Zeit zu h\u00f6ren \u2013 eine blaue Stunde, eine Spanne der Schwerelosigkeit zu erleben. Was wird dem sch\u00f6nen alten Geb\u00e4ude jetzt bevorstehen?<\/p>\n\n\n\n<p>Links um die Ecke steht in der Nussberggasse 2b das <strong>\u201eSchloss Dracula\u201c<\/strong>. Als das Kind des Verfassers noch klein war und am Spaziergang teilnahm, war es ein beliebtes Spiel, den H\u00e4usern am Weg passende lustige Namen zu geben, und die wundersch\u00f6ne Jugendstilvilla mit ihrer reichen Gliederung, den schmiedeeisernen Gittern und Laternen war infolge ihrer d\u00fcsteren Lage hinter hohen B\u00e4umen eben Schloss Dracula. Manchmal brannte ein einsames Licht oben im Dachgescho\u00df \u2013 da war Graf Dracula zu Hause. Seit einiger Zeit ist mehr Leben zu beobachten: Riesige Kristall-Luster brennen im gro\u00dfen Salon, schwere Limousinen fahren vor, an einem Sonntagvormittag drang sogar Klavierspiel aus einem offenen Fenster \u2013 eine neue Generation?<\/p>\n\n\n\n<p>Nach der Hofeinfahrt des Schottenstifts in der Nussberggasse beginnt links das <strong>\u201eSchiache-Leut-Ghetto\u201c<\/strong>. Auf die Frage des Kindes, warum deren Reihenh\u00e4user so tief unter dem absch\u00fcssigen Stra\u00dfenniveau st\u00fcnden, war die lustige Antwort, die Bewohner w\u00e4ren so h\u00e4sslich, dass sie unterirdisch gehen m\u00fcssten. Anschlie\u00dfend steht auf Nummer 11a-c das <strong>\u201eDrei-Doktor-Haus\u201c<\/strong>, ein brillant geplantes Dreifach-Reihenhaus, welches mit sehr wenig Platz in der Breite auskommt, aber vertikal und in die Tiefe des Areals gen\u00fcgend Raum bietet. Vom Beethovengang unten aus gesehen ist es ein stattlicher Besitz. Links wohnt ein praktischer Arzt. Der mittlere Bewohner hat keinen Titel am T\u00fcrschild stehen, wird aber wohl auch ein Akademiker sein, um sich das sch\u00f6ne Haus leisten zu k\u00f6nnen, und rechts wohnt und residiert ein Augenarzt Dr. Heilig \u2013 welch ein sch\u00f6ner Name f\u00fcr einen Mediziner! Ein Heiliger hatte nichts mit Religion zu tun, sondern war ein Mann, der heilen, Kranke gesund machen konnte.<\/p>\n\n\n\n<p>Gegen\u00fcber steht seit kurzem das <strong>\u201eStiegenhaus\u201c<\/strong>, ein Neubau mit \u00fcberdimensionaler Freitreppe, die aber auf einem winzigen Plateau mit je drei Stufen seitlich vom Hoftor endet \u2013 eine Freitreppe ohne freien Platz davor. Die gleichfarbige gro\u00dfe Hundeh\u00fctte daneben passt genau dazu. Neben dem \u201eDrei-Doktor-Haus\u201c beginnt das <strong>\u201eSch\u00f6ne-Leut-Ghetto\u201c<\/strong>, eine sch\u00f6ne wei\u00dfe Wohnanlage mit viel braunem Holz, gro\u00dfen Fenstern und Loggien, extrovertiert auf Prestige gebaut. Es m\u00fcssen hier \u2013 so der Verfasser zum Kind \u2013 lauter sch\u00f6ne Leute wohnen, die sich da wie in einer Auslage pr\u00e4sentieren. Die ehemalige K\u00f6rperbehindertenschule vis-\u00e0-vis am Hang wird gerade abgerissen, vermutlich zugunsten einer neuen Bonzen-Siedlung an vornehmer Adresse.<\/p>\n\n\n\n<p>Ein paar Schritte weiter steht (ohne Hausnummer) die <strong>\u201eArme-Leut-Villa\u201c<\/strong>, eine gro\u00dfe und einst stattliche, jetzt aber sehr verfallen und armselig wirkende Villa mit bis zum ersten Stock feucht abbr\u00f6ckelndem Verputz, die Fenster mit brauner \u00d6lfarbe gestrichen. Die linke Mauer ist mit verwitterten Holzschindeln bedeckt, die Einfahrt vermoost.<\/p>\n\n\n\n<p>Immer gut im Schuss ist hingegen \u2013 vor dem Friedhof \u2013 das <strong>\u201eMilchreindl\u201c<\/strong>, ein zeitlos moderner Bau: nahezu kreisrund, mit viel Glas und einem Flachdach. Die glaslosen Teile sind mit wei\u00dfen Brettern vertikal verschalt. Souterrain und Erdgescho\u00df dienen B\u00fcrozwecken, der erste Stock ist Wohnung. Fallweise flattert \u2013 wie auf einem B\u00fchnenbild \u2013 ein rotes Handtuch am Balkon.<\/p>\n\n\n\n<p>An der Ecke Eroicagasse-Dennweg st\u00f6\u00dft man an das <strong>\u201eBettbrunzerhaus\u201c<\/strong>, so genannt, weil vor einigen Jahren gegen\u00fcber ein offener Schacht gemauert wurde, in den lautstark ein Wasserstrahl pl\u00e4tschert. Krankenschwestern und M\u00fctter wissen um die harntreibende Wirkung dieser Ger\u00e4uschkulisse \u2013 und seither m\u00fcssen, so die Vermutung, Bewohner mit schwacher Blase bei geschlossenem Fenster schlafen.<\/p>\n\n\n\n<p>Das <strong>\u201eSchwammerlhaus\u201c<\/strong> auf Dennweg 11a, das mit seiner gelblichen Farbe und dem dunklen, \u00fcberstehenden Mansardendach an einen Herrenpilz erinnert, ist bei weitem sch\u00f6ner als die <strong>\u201eHatschek-Villa\u201c<\/strong> auf Nummer 15, die mit ihrer trostlosen Eternitverkleidung, dem Dach aus schwarzem Welleternit und mit rostigen Blechen eine negative Reklame f\u00fcr den bekannten Eternit-Hersteller macht.<\/p>\n\n\n\n<p>Umso origineller ist das Nachbarhaus, der <strong>\u201eStadel\u201c<\/strong>, dessen breite braune Holzverblendung \u00fcber dem Eingang an eine Futterluke in einem Heustadel erinnert. Die <strong>\u201eGarage\u201c<\/strong> mit ihrem gro\u00dfen orangefarbenen Blechschiebetor ist das sehr praktisch und raffiniert in den Hang gesetzte Nebenhaus des <strong>\u201eW\u00fcrfels\u201c<\/strong>, der gleich breit wie hoch scheint und kein sichtbares Dach hat.<\/p>\n\n\n\n<p>Das rustikale <strong>\u201eSchweizerh\u00e4usl\u201c<\/strong> daneben w\u00fcrde wohl besser in den alpinen Raum \u00fcber 1000 Meter H\u00f6he passen und ist mit seinen rosigwei\u00dfen, duftenden Rosenhecken ein Highlight des Dennweges. Das vorletzte Haus links ist die <strong>\u201eSteuervilla\u201c<\/strong>, in der \u2013 vermutlich wegen der steuerlichen Absetzbarkeit \u2013 gleich drei \u201eGesellschaften mit beschr\u00e4nkter Haftung\u201c ihre schwarzbesockten Managerzehen gegen den Kamin recken, w\u00e4hrend sie ihre abendliche Kartoffelsuppe schl\u00fcrfen.<\/p>\n\n\n\n<p>Der rosenstockbewachsene Bildstock des hl. Severin bildet den Abschluss des Dennweges gegen die Kahlenbergstra\u00dfe. Rechts gegen\u00fcber liegt die <strong>\u201eHollywood-Villa\u201c<\/strong> in Sch\u00f6nbrunngelb und erinnert mit ihren vielen wei\u00dflackierten gro\u00dfen Terassent\u00fcren und Fenstern unter dem dunklen Mansardendach an eine nostalgisch-sch\u00f6ne Filmkulisse.<\/p>\n\n\n\n<p>Nun ist der Umkehrpunkt erreicht, und beim R\u00fcckweg ist zu bedenken, ob nicht ein braunes \u201eWhisky-Bier\u201c im St\u00fcberl der Nussdorfer Brauerei ein passender Abschluss w\u00e4re. Bier ist ja bekanntlich gut gegen Herzinfarkt \u2013 und bei der Gesundheit sollte man besser nicht sparen!<\/p>\n\n\n\n<p class=\"has-text-align-right\">Robert M\u00fcller<\/p>\n\n\n\n<p class=\"has-text-align-right\">www.verdichtet.at |\u00a0Kategorie: <a href=\"https:\/\/www.verdichtet.at\/?page_id=2528\" data-type=\"page\" data-id=\"2528\">spazierensehen<\/a> | Inventarnummer: 25200<\/p>\n\n\n\n<p><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Nussdorf ist Teil des 19. Wiener Gemeindebezirks, mit Weing\u00e4rten am \u201eNussberg\u201c. Abends, nach dem Berufsstress, oder auch an ruhigen Sonntag-Vormittagen geht der Verfasser dieser Zeilen gerne am Nussberg spazieren. Der Weg ist festgelegt, die Zeit genau bemessen: Vom \u201eNussdorfer Platzl\u201c geht es \u2013 durch einen \u201ebis auf Widerruf gestatteten\u201c Durchgang \u2013 in die Hackhofergasse. 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