{"id":20875,"date":"2025-09-10T11:33:03","date_gmt":"2025-09-10T11:33:03","guid":{"rendered":"https:\/\/www.verdichtet.at\/?p=20875"},"modified":"2026-04-27T16:46:20","modified_gmt":"2026-04-27T16:46:20","slug":"herzblut","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.verdichtet.at\/?p=20875","title":{"rendered":"Herzblut"},"content":{"rendered":"<div class=\"pdfprnt-buttons pdfprnt-buttons-post pdfprnt-top-right\"><a href=\"https:\/\/www.verdichtet.at\/index.php?rest_route=wpv2posts20875&print=pdf\" class=\"pdfprnt-button pdfprnt-button-pdf\" target=\"_blank\"><\/a><a href=\"https:\/\/www.verdichtet.at\/index.php?rest_route=wpv2posts20875&print=print\" class=\"pdfprnt-button pdfprnt-button-print\" target=\"_blank\"><\/a><\/div>\r\n<p>Es war still geworden auf dem Herzplaneten. Gef\u00e4hrlich still. Nicht wohltuend still oder erl\u00f6send still. Auch nicht nachdenklich still, nein, vielmehr mutete es an, eine Stille vor dem Sturm zu sein, eine beunruhigende, herzzerrei\u00dfende Stille. In der die Luft vor Anspannung knisterte, in der Kehle brannte, wenn man sie atmete, und das Herz nicht mehr s\u00e4ttigte, die Lebewesen nicht mehr f\u00fcllte. Nicht mehr erf\u00fcllte, nicht mehr stillte.<\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p>Vielleicht war es ein Wechsel der Gezeiten, ein neuer Anfang, vielleicht aber auch das Ende von allem. Ein pl\u00f6tzlicher Herztod. Denn der Planet pulsierte nicht mehr, und das war schlimm, weil sein rhythmisches Schlagen nicht nur die blutrote Erde belebte, n\u00e4hrte und alles, was auf ihm existierte, miteinander verband, sondern auch f\u00fcr das gesamte Universum, dessen Zentrum er bildete, eine unverzichtbare Konstante war.<\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p>Durch das Weltall schallte sein Pochen, unverkennbar gleichm\u00e4\u00dfig und ungef\u00e4hr sechzig bis siebzig Mal pro Minute. Es ordnete, stabilisierte, verband und versicherte, war die Basis f\u00fcr alles Leben und Wachsen im All, gab Zuversicht und die Sicherheit, dass alles gut war, so, wie es war.<\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p>Die Ausma\u00dfe der Stille waren verheerend, und deshalb konnte das Universum froh sein, dass es einen kleinen Funken Hoffnung gab, wenn der Wind sich noch drehte und die vorhergesagten Eisst\u00fcrme ausblieben. Denn die Komplexit\u00e4t der sich eingestellten Ver\u00e4nderung hatte die Wettervorhersage massiv erschwert, in weiten Teilen des Herzplaneten sogar unm\u00f6glich gemacht, und man tat gut daran, sich nicht mehr auf sie zu verlassen.<\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p>So kam es, dass sich ein paar wenige, weise Urbewohner, Coresianer genannt, die sich die Demut vor dem Leben bewahrt und noch nicht verlernt hatten, auf den eigenen Herzschlag zu h\u00f6ren, zusammenschlossen, um etwas zu tun. Sie besa\u00dfen genug Mut und Lebendigkeit im Herzen, um aufzubegehren, weil sie einer Minderheit angeh\u00f6rten, die dem derzeit vorherrschenden, radikalen Trend, sich einen eisernen Herzpanzer zuzulegen, nicht un\u00fcberlegt folgten. Vielleicht hatten sie aber auch einfach nur das gro\u00dfe Gl\u00fcck, dass ihr Herz noch nicht so oft gebrochen war. Und damit auch nicht ihr unersch\u00fctterlicher Glaube an das Gute.<\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p>Ihr Blick nach au\u00dfen war offen und ungetr\u00fcbt, was an ihrer frei beweglichen Herzspitze lag, die daf\u00fcr sorgte, dass ihre Gedanken im Fluss blieben und sich nicht in starre Muster verirrten. Und weil sie regelm\u00e4\u00dfig ihren Herzmuskel trainierten, waren ihre beiden Herzh\u00e4lften im Gleichgewicht. So blieben sie frei von Hass, h\u00f6rten noch das Zwitschern der V\u00f6gel und standen im Licht der Sonne, die sie jeden Tag aufs Neue mit Herzensw\u00e4rme betankte.<\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p>Nat\u00fcrlich waren sie sich der gro\u00dfen Gefahr bewusst, in die sie sich begaben, denn in den weit ge\u00f6ffneten Herzen, mit denen sie sich aufmachten, floss ihr Herzblut in einem tiefen, samtigen Rot. In einem Rot, so wie man es nur selten sah. Ein Rot, das sich nur zeigte, wenn man auf dem Zenit seiner Kraft stand. Wenn das Herz lauter war als der Kopf und man bereit war, sein Herzblut ungehindert flie\u00dfen zu lassen. Dann, und nur dann, konnte das Undenkbare m\u00f6glich werden. Weil man ber\u00fchrbar war und ungehaltene Freude ebenso tief empfunden wurde wie herzzerst\u00f6rerische Verletzung.<\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p>\u201eGenau das sollte unser Ziel sein\u201c, sprach der \u00c4lteste in der Runde, einer der wenigen, die noch das Herz auf der Zunge trugen, \u201ealle Coresianer sollten sich wieder im Herzen ber\u00fchren lassen, um ihrer ureigenen Stimme zu folgen! Damit h\u00e4tten wir schon viel erreicht.\u201c<\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p>\u201eDas ist wohl wahr\u201c, stimmte ein anderer eifrig zu, einer, der ganz Herz geworden war, dem man die tiefe Ber\u00fchrbarkeit unmittelbar ansah, denn eine Vielzahl von Spuren und Abdr\u00fccken zierten seine Gestalt, ebenso wie klaffende Wunden und schmerzhafte Risse. \u201eGenauso wichtig w\u00e4re es jedoch, wenn es ein Geben und Nehmen w\u00e4re, wenn man sich zum Ziel setzte, auch andere mit guten Gedanken, Worten und Taten zu ber\u00fchren, sich zu verbinden und wieder verbindlicher zu werden.\u201c<\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p>Was er sagte, fand gro\u00dfen Anklang. Einige nickten zustimmend, andere lie\u00dfen ihre Herzen laut bis zum Hals klopfen, so begeistert waren sie.<\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p>Da meldete sich ein tr\u00e4nendes Herz zu Wort. \u201eDaf\u00fcr braucht man viel Mut\u201c, gab es and\u00e4chtig zu bedenken, w\u00e4hrend es aus allen Poren tropfte, denn sein Tr\u00e4nenfluss war unstillbar, \u201edas wissen wir, die ber\u00fchrbar geblieben sind, am allerbesten.\u201c<\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p>Und die anderen Coresianer senkten betreten den Blick, weil sie wussten, wie schwer es ist, Mut im Herzen aufzubringen.<\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p>Einer, der sein Herz in der Hand trug, nahm das tr\u00e4nende Herz in den Arm, streichelte es z\u00e4rtlich und fl\u00fcsterte ihm herzbewegende Worte ins Ohr, die es st\u00e4rkten und aufrichteten, sodass seine Tr\u00e4nen nur noch in feinen Rinnsalen an ihm herabrannen.<\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p>Ein anderer, der sein Herz am rechten Fleck trug, gesellte sich dazu, um sein Mitgef\u00fchl kundzutun. Er konnte sich nicht verstellen, denn seine Augen verrieten stets, was in seinem Herzen vorging, deshalb tat er sich mit mutigen Worten leicht. \u201eWie oft ist es schon gebrochen?\u201c, fragte er das tr\u00e4nende Herz, w\u00e4hrend er den sch\u00fctzenden Herzbeutel sanft massierte.<\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p>\u201eIch wei\u00df es nicht mehr, unz\u00e4hlige Male\u201c, antwortete es traurig. \u201eBisher ist es jedes Mal wieder zusammengewachsen, nur der letzte Riss, der will partout nicht heilen. Vielleicht ist es sogar so, dass ein Herz nicht unendlich oft brechen kann, dass es irgendwann zu Staub zerf\u00e4llt und nicht mehr zu retten ist.\u201c<\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p>Pl\u00f6tzlich machte sich Herzangst in ihm breit. Spitze Messer stachen auf es ein, sodass es immer schneller schlug, zu rasen begann, stolperte und bei jedem Stich hechelnd nach Luft rang.<\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p>\u201eWas ist passiert?\u201c, fragte der mit dem Herzen am rechten Fleck ruhig, ohne seine sprechenden Augen von ihm zu l\u00f6sen. Dabei f\u00fchlte er sich so tief in das tr\u00e4nende Herz ein, dass sie sich anzogen wie Magneten und eins zu werden schienen.<\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p>Das tr\u00e4nende Herz lie\u00df sich bes\u00e4nftigen, w\u00e4hrend es sich mit ihm verband, um seine ureigene Geschichte zu erz\u00e4hlen.<\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p>\u201eDie Zeit wird ihr \u00dcbriges tun\u201c, prophezeite der mit dem Herzen am rechten Fleck, nachdem er sie angeh\u00f6rt hatte, und l\u00f6ste sich langsam wieder aus ihm heraus, um sich nicht zu verlieren, denn der Kummer sa\u00df tief in den Kammern. Dann fuhr er mit den H\u00e4nden sanft \u00fcber jede Bruchstelle, betropfte sie mit ein wenig Herzblut, verband sie mit Trost und hauchte ihm Zuversicht ein.<\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p>Die Szene war so anr\u00fchrend, dass f\u00fcr einen Moment niemand sprach, noch wagte zu atmen, so schlossen sie lautlos ihre Augen, da sie ihr Mitgef\u00fchl flie\u00dfen lie\u00dfen und auf den eigenen Herzschlag h\u00f6rten, der sich mit den anderen in einem st\u00e4rkenden Rhythmus verband, sodass das Unfassbare geschah und der j\u00fcngste Bruch des tr\u00e4nenden Herzens ausheilte.<\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p>\u201eDas ist es!\u201c, erkannte in diesem Moment ein lachendes Herz, das schon viele Herzensbrecher in die Flucht geschlagen hatte, und es h\u00fcpfte vor Freude, wobei es Gl\u00fccksfunken verspr\u00fchte, \u201ees ist nicht die Zeit, sondern die Liebe, die alle Wunden heilt!\u201c<\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p>Daraufhin machte es eine bedeutsame Pause und wiederholte dann mit erhabener Stimme: \u201eDie Liebe! Die Liebe muss wieder flie\u00dfen!\u201c, wonach er seine Worte mit dem samtigen Blutrot, das in ihm pulsierte, unterstrich, weil sie zu Herzen gehen sollten.<\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p>\u201eWie soll das gehen?\u201c, raunten die anderen und blickten einander verdutzt in die fragenden Augen. Dann spannten sie ihren Herzmuskel an, so fest es nur ging, wobei sie versuchten, den einen oder anderen Gl\u00fccksfunken zu erhaschen, bis sich endlich die Euphorie auf sie \u00fcbertrug, ihr Herzblut zum Kochen brachte, sodass es gegen ihre W\u00e4nde spritzte und sie einstimmig riefen: \u201eDu sprichst uns aus dem Herzen!\u201c<\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p>Dann wurde es still. Erwartungsvoll still. Nicht leblos still oder bedr\u00fcckend still. Auch nicht geheimnisvoll still, nein, vielmehr mutete es an, eine Stille vor dem Aufbruch zu sein, eine explosive, dicht gedr\u00e4ngte Stille, in der ein jeder mit herzerw\u00e4rmenden Gedanken jonglierte, die der Anfang jener Taten waren, die eine verhei\u00dfungsvolle, alles Leben rettende Wende einl\u00e4uten sollten.<\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p>Jetzt trat das lachende Herz vor die anderen. Weil es ein Dutzend Kinder hatte, gab es immer einen Grund, heiter zu sein, deshalb schimmerte seine Herzhaut, gut durchblutet, in einem satten Burgunderrot, und der austrainierte Herzmuskel lie\u00df es \u00fcber sich selbst und die anderen hinauswachsen. Dieser innere Reichtum zog auch ein materielles Wachsen nach sich, weil es viel Geld sparte, wenn es auf teure Lachyogakurse verzichten konnte.<\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p>\u201eDie Sache ist ganz einfach\u201c, sprach es mit basstiefer, sonorer Stimme, die es einem ganz warm ums Herz werden lie\u00df, dabei h\u00f6rte es nicht auf, Funken zu spr\u00fchen, denn sein Herzfeuer loderte auf hei\u00dfer Flamme, weil es f\u00fcr seine Worte brannte. \u201eUnser Planet pulsiert nicht mehr, weil wir, seine Bewohner, aus dem eigenen Rhythmus gekommen, fremdgesteuert sind\u201c, erkl\u00e4rte es und unterstrich das Gesagte mit einem schwungvollen Kreisen seiner Herzspitze.<\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p>Das Publikum nickte ehrf\u00fcrchtig, w\u00e4hrend es sich bei jedem Schwung duckte, um sich mit den K\u00f6pfen in Sicherheit zu bringen.<\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p>\u201eWenn wir nicht mehr die Stimme unseres Herzens h\u00f6ren, k\u00f6nnen wir ihr auch nicht folgen, geraten aus dem Gleichgewicht und h\u00f6ren nur noch das, was unser Handy sagt, auf das wir ununterbrochen starren. Dabei laufen wir Gefahr, alles, was um uns herum passiert, aus den Augen zu verlieren\u201c, f\u00fchrte es seine eindrucksvolle Rede fort.<\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p>Ein weiches Herz, das immer im Schatten der anderen stand, weil es ansonsten zu zerflie\u00dfen drohte, meldete sich zu Wort: \u201eDas stimmt!\u201c, best\u00e4tigte es mit viel Gef\u00fchl in der Stimme, dabei atmete es unentwegt k\u00fchle Luft auf die eigene Haut, \u201eauf unserem Planeten ist es auch deshalb so still geworden, weil wir uns nicht mehr in die Augen sehen, um ein L\u00e4cheln zu verschenken oder miteinander zu reden!\u201c<\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p>Nun machte sich eine Unruhe unter den Zuh\u00f6rern breit. Manche hielt es nicht mehr am Boden, weil ihr Herz in Flammen stand, und sie schossen wie spitze, brennende Pfeile in die Luft, denn das, was auf dem Planeten passierte, ging einem jeden tief zu Herzen.<\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p>\u201eDie Luft um uns herum ist kalt geworden, nicht nur, weil sich Eisst\u00fcrme angek\u00fcndigt haben, sondern vor allem, weil die Worte fehlen, die sie warm und weich machen\u201c, wusste ein erl\u00f6stes Herz zu berichten, das erst vor kurzem nach jahrelanger Therapie seinen eisernen Herzpanzer absto\u00dfen hatte k\u00f6nnen.<\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p>\u201eRichtig!\u201c, stimmte das weiche Herz zu, \u201eeinige sind verstummt, weil sie nur noch auf das Handy starren, andere, weil man ihnen die Worte aus dem Mund genommen hat.\u201c<\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p>Es hatte sich schon viel mit dem Thema besch\u00e4ftigt, weil es vor langer Zeit selbst einmal die Sprache verloren hatte. \u201eWeiterhin gebe ich zu bedenken, dass die Herzgewalt, aber auch die Herzensk\u00e4lte in den letzten Jahren drastisch zugenommen hat. Es w\u00e4re fatal, wenn die Herzlosen und die mit einem Herz aus Stein auf unserem Planeten langsam \u00fcberhandnehmen\u201c, mahnte es an, w\u00e4hrend es beim n\u00e4chsten Herzschlag ersch\u00f6pft in sich zusammensackte, weil die eigene Betroffenheit zu herzerweichend war und es ihm schwerfiel, seine Form zu bewahren.<\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p>\u201eDazu wird es nicht kommen, wenn wir unsere Rettungsaktion noch heute starten!\u201c, gab das lachende Herz energisch den Ton an, w\u00e4hrend es vor Ungeduld h\u00fcpfte, denn die Zeit dr\u00e4ngte.<\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p>Der mit dem Herzen am rechten Fleck k\u00fcmmerte sich um das weiche Herz, sch\u00fcttelte es auf wie ein Federkissen und bestrich seine d\u00fcnne Haut mit einer stabilisierenden Paste, die es fester und unerschrockener machte, sodass es wieder beherzt f\u00fcr sich selbst und das gemeinsame Ziel, den Herzplaneten zu retten, einstehen konnte.<\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p>\u201eIch w\u00fcrde vorschlagen, wir bilden zwei Gruppen\u201c, sagte das lachende Herz, das sich immer mehr als Leitherz hervortat, weil sein augenscheinlicher Frohsinn als leuchtender Funkenregen Euphorie in die Herzen s\u00e4te und sein Strahlen sich wie w\u00e4rmende H\u00e4nde bis ins Weltall erstreckte. \u201eGruppe eins sollte etwas bergerfahren sein, denn sie wandert \u00fcber das rechte Kammerfelsgebirge und die Herzfeldsteppe ins rechte Atrium. Dort befindet sich der Sinusknoten, das autonome Erregungszentrum unseres Planeten.\u201c<\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p>W\u00e4hrend es noch sprach, formierte sich eine Gruppe entschlossener Herzwesen, die sich dieser Aufgabe gewachsen f\u00fchlten, von Herzen bereit, den Weg durch die steinigen Kammerfelsen anzutreten.<\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p>Das lachende Herz beobachtete die Bewegung mit zufriedener Miene und lie\u00df ein wenig von seinem Gl\u00fcck \u00fcber die \u00e4u\u00dfere Herzhaut auf die Gruppe schwappen, w\u00e4hrend es sich, bevor sie ihre weite Reise antraten, mit abschlie\u00dfenden Worten an sie wandte: \u201eUnser Planet funktioniert nur noch im Notaggregat, er schl\u00e4gt noch, doch der Puffer ist bald aufgebraucht. Kurz bevor ihr am Sinusknoten ankommt, gelangt ihr im rechten Atrium, ganz in der N\u00e4he der Herzhaut hinter dem dritten Herzfeld, an die Quelle des Flusses, der uns Coresianer mit Liebe versorgt. Sie scheint verstopft zu sein, ihr m\u00fcsst sie freischaufeln und das Flussbett von schadhaften Ablagerungen befreien. Wenn ihr das geschafft habt und die Liebe wieder tiefrot flie\u00dft, k\u00f6nnt ihr das Notaggregat im Sinusknoten abschalten, und unser Planet wird sich erholen.\u201c<\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p>Voller Tatendrang und im sicheren Wissen, dass ihre Herzen im gleichen Takt schlugen, machte sich die Gruppe auf den Weg, w\u00e4hrend das lachende Herz bereits fr\u00f6hlich auf die noch verbliebenen Herzwesen zusprang, um sie mit blutroter Farbe zu bespr\u00fchen, die sie noch beherzter und lebendiger werden lie\u00df, und alle trainierten noch einmal ihren Herzmuskel, denn man ahnte, dass die bevorstehende Aufgabe nicht einfach sein w\u00fcrde. Einer, dem dabei das Herz in die Hose rutschte, weil ihm die Verantwortung pl\u00f6tzlich zu gro\u00df wurde, wollte sich klammheimlich davonstehlen, doch dann hielt er inne, besann sich eines Besseren und nahm sein Herz in die Hand, w\u00e4hrend er sich wieder unbemerkt zu den anderen gesellte.<\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p>Nur ein sehendes Herz hatte den Fluchtversuch beobachtet, schmunzelte verschmitzt in sich hinein, verriet aber nichts, da sprach auch schon das Leitherz zu ihnen, aus tiefer Brust: \u201eIhr solltet nicht nur bergerfahren, sondern sogar sicher im alpinen Klettern sein\u201c, dabei wanderten seine nur ausnahmsweise ernsten Augen bed\u00e4chtig von einem zum anderen.<\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p>\u201eEuer Weg f\u00fchrt euch durch das linke Kammerfelsgebirge, dessen Durchquerung weitaus gef\u00e4hrlicher ist als die des rechten, weil euch unvorhersehbare, wulstige Muskelvorspr\u00fcnge \u00fcberraschen und herausfordern k\u00f6nnen. Auch treiben sich hier vermehrt Herzensbrecher, die ihren eigenen Herzschmerz als Waffe benutzen, und verwilderte Herzlose herum, weil die Gegend so einsam ist. Seid also vorsichtig!\u201c, warnte es sie, und sein forschender Blick bohrte sich direkt in ihre Herzen, doch hier wohnte so viel Mut, dass sie problemlos standhielten.<\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p>\u201eWenn ihr das Gebirge hinter euch gelassen habt, kommt ihr zur Quelle des Planetenhauptflusses, der das Universum mit Liebe betankt. Am Flussbett setzen feine, stabil gebaute Klappen an, die normalerweise den R\u00fcckfluss der Liebe verhindern und eine lebenserhaltende Versorgung des Universums garantieren. Ihre Funktion scheint eingeschr\u00e4nkt zu sein, ihr m\u00fcsst alles daransetzen, sie zu reparieren, damit die Liebe wieder ungehindert flie\u00dft und das Universum gerettet ist.\u201c<\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p>Gesagt, getan. Die Rettungsaktion verlief erfolgreich und ging als Meilenstein in die Geschichte ein. Noch heute, da die Zeitzeugen langsam aussterben, h\u00e4ngen die Jungen mit staunenden Augen an den Lippen der Alten, wenn die davon erz\u00e4hlen. Auch in den Schulen wird davon berichtet, in B\u00fcchern kann man es nachlesen, und man erschuf gro\u00dfe Denkm\u00e4ler, die als Mahnmale daf\u00fcr sorgen, dass das, was damals geschah, niemals in Vergessenheit ger\u00e4t, denn nur so kann man daf\u00fcr Sorge tragen, dass sich auch in Zukunft der Wind wieder dreht und bedrohliche Eisst\u00fcrme ausbleiben.<\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p>Somit ist es unm\u00f6glich geworden, die Fehler, die damals fast zum Untergang des Universums gef\u00fchrt h\u00e4tten, zu wiederholen. Man richtet seinen Blick nicht mehr auf das Handy, sondern hoch zur Sonne, sodass die Herzen wieder w\u00e4rmer sind und ihre eisigen Herzpanzer nach und nach absto\u00dfen. Es tanzen wieder mehr Worte durch die Luft, die sie weicher werden l\u00e4sst, weil man miteinander spricht und einander zuh\u00f6rt. Man hat wieder mehr Zeit f\u00fcr die, die einem am Herzen liegen, verschenkt hier und da ein L\u00e4cheln und teilt gro\u00dfz\u00fcgig Herzlichkeiten aus. Ist ber\u00fchrbar und ber\u00fchrt andere. Und weil ein jeder wieder seinen eigenen Herzschlag f\u00fchlt, kann er sich auch in andere einf\u00fchlen, ihnen verzeihen und beherzter f\u00fcr sich und andere einstehen.<\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p>Und manchmal ist es ganz still auf dem Herzplaneten. Angenehm still und anr\u00fchrend still. Es mutet an, eine Stille voller Gl\u00fcck und Leichtigkeit zu sein. Eine Stille vor dem gr\u00f6\u00dften Fest, das das Universum jedes Jahr dankbar zu feiern hat, einem Urknall gleich. Weil es weiterexistieren durfte. Und ein jeder ist bis in die Tiefen seines Herzens ber\u00fchrt, wenn er ausgelassen und fr\u00f6hlich seinen sch\u00f6nsten Tanz tanzen darf.<\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p class=\"has-text-align-right\">Claudia L\u00fcer<br \/><a href=\"https:\/\/www.verdichtet.at\/?p=14596\">Informationen zu Ver\u00f6ffentlichungen und Buchbestellungen<\/a><\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p class=\"has-text-align-right\">www.verdichtet.at |\u00a0Kategorie: <a href=\"http:\/\/www.verdichtet.at\/?page_id=3714\">fantastiques<\/a> | Inventarnummer: 25201<\/p>\r\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Es war still geworden auf dem Herzplaneten. Gef\u00e4hrlich still. Nicht wohltuend still oder erl\u00f6send still. Auch nicht nachdenklich still, nein, vielmehr mutete es an, eine Stille vor dem Sturm zu sein, eine beunruhigende, herzzerrei\u00dfende Stille. 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