{"id":20847,"date":"2025-09-02T15:09:45","date_gmt":"2025-09-02T15:09:45","guid":{"rendered":"https:\/\/www.verdichtet.at\/?p=20847"},"modified":"2025-09-07T07:31:10","modified_gmt":"2025-09-07T07:31:10","slug":"die-kleine-stadt-an-der-moldau","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.verdichtet.at\/?p=20847","title":{"rendered":"Die kleine Stadt an der Moldau"},"content":{"rendered":"<div class=\"pdfprnt-buttons pdfprnt-buttons-post pdfprnt-top-right\"><a href=\"https:\/\/www.verdichtet.at\/index.php?rest_route=wpv2posts20847&print=pdf\" class=\"pdfprnt-button pdfprnt-button-pdf\" target=\"_blank\"><\/a><a href=\"https:\/\/www.verdichtet.at\/index.php?rest_route=wpv2posts20847&print=print\" class=\"pdfprnt-button pdfprnt-button-print\" target=\"_blank\"><\/a><\/div>\n<p>Eines Tages las ich von der fr\u00fcheren j\u00fcdischen Gemeinde in dem kleinen Ort Rosenberg \u2013 tschechisch Ro\u017emberk \u2013, der idyllisch an der Moldau liegt, \u00fcberragt von der Burg. Bald darauf fuhr ich mit dem Auto hin. Ich nahm Elsbeth mit, die auch daran interessiert war, den Ort und den kleinen j\u00fcdischen Friedhof kennen\u00adzulernen. Sie ist eine zarte Frau, die den Eindruck erweckt, als w\u00e4re sie aus Papier oder einem anderen Leicht\u00adstoff und als k\u00f6nnte sie schon ein sanfter Hauch davonschweben lassen. Wenn es darauf an\u00adkommt, kann sie allerdings ziemlich hartn\u00e4ckig, fast widerspenstig sein. Dann schmollt sie lange.<\/p>\n\n\n\n<p>Hat man die Eichenalleen an der Moldau erreicht, wird die Fahrt nach Ro\u00adsenberg romantisch, wie \u00fcber\u00adhaupt die Fahrt bis Krumau. Smetana klingt im Ohr, und die Wellen der Moldau scheinen sich nach seiner Leitmelodie und deren Rhythmus zu bewegen. Die an\u00adgesichts des kleinen Ortes gro\u00dfe Burg Rosenberg \u00fcbt eine fast autorit\u00e4re Dominanz aus. Der Ort selbst scheint ausgestorben und menschenleer bis auf Autos, die nach Krumau weiter\u00adfahren, und Radfahrer, die seit dem Fall des Eisernen Vorhangs vor allem aus \u00d6sterreich und Deutsch\u00adland in ihren Taucheranz\u00fc\u00adgen \u00e4hnelnden Bekleidungen \u00fcber die Stra\u00dfen fe\u00adgen. Sonst sieht man dort nur we\u00adnige Menschen, Einheimische scheinen sich kaum blicken zu las\u00adsen, sie bleiben in ihren H\u00e4u\u00adsern und kleinen G\u00e4rten. Und in der Moldau bewegen sich die Paddelboote, Rafter und Ka\u00adjakfahrer.<\/p>\n\n\n\n<p>Der Friedhof liegt links neben der Stra\u00dfe in Richtung Krumau, etwas nach Ro\u00adsenberg, und er f\u00e4llt, wenn man ohne Kenntnis vorbeif\u00e4hrt, gewiss niemandem auf. Oberhalb des Friedhofs konnte ich parken, und ich wunderte mich, dass dort ein Auto stand, hatte ich doch Elsbeth und mich f\u00fcr die einzigen interessierten Besucher gehalten. Wir konn\u00adten von oben auf den Friedhof schauen und sahen einen Mann, korpulent und nicht sehr gro\u00df, mit einer Kappe oder einer Schirmm\u00fctze, keiner Kippa \u2013 aber vielleicht diente sie als Kippaersatz \u2013, eine alte Frau und zwei Kinder, auf die der Friedhof of\u00adfensicht\u00adlich keinen Eindruck als Ort des Innehaltens oder der Besinnung machte. Sie lie\u00adfen herum und spielten Fangen. Der Mann mahnte sie mehrmals laut zur Ruhe, seine Sprache ver\u00adstand ich nicht, erkannte aber, dass es weder Deutsch noch Englisch war.<\/p>\n\n\n\n<p>Elsbeth und ich betraten den Friedhof und waren gleich bei der Gruppe, so klein ist das Gel\u00e4nde, vielleicht drei\u00dfig mal drei\u00dfig Meter, nicht viel mehr. Wir kamen ins Gespr\u00e4ch, der Mann sprach eng\u00adlisch mit uns. Wir stellten uns vor. Er hei\u00dfe Charlie Kalech, sagte der Mann, und die Frau an seiner Seite sei seine Mutter, die seit einigen Jahren in Kalifornien lebe, urspr\u00fcnglich aber aus dieser Gegend komme. Charlie setzte fort, er lebe mit seiner Familie in Israel, und die beiden Kin\u00adder, die keine Ruhe g\u00e4ben, seien seine S\u00f6hne. Die beiden spr\u00e4chen Hebr\u00e4\u00adisch, das heutige Alltagshebr\u00e4isch oder Neu\u00adheb\u00adr\u00e4isch, das man in Israel spreche, Ivrit hei\u00dfe es.<\/p>\n\n\n\n<p>Jetzt war mir klar, warum mir die W\u00f6rter, die ich bei unserer Ann\u00e4herung geh\u00f6rt hatte, fremd gewesen waren. In der Schule lernten seine S\u00f6hne Englisch, sagte Charlie. Viel\u00adleicht lasse er sie Deutsch lernen, die Sprache ihrer Gro\u00dfmutter, seiner Mutter. Was ihn hier\u00adher f\u00fchre, fragte ich ihn. Das Grab, vor dem er stehe, sagte Charlie Kalech, trage den Na\u00admen Holzbauer, und so habe seine Mutter mit ihrem M\u00e4dchennamen gehei\u00dfen. Ihre und somit seine Vorfahren seien hier begraben. Mir war der Name Holzbauer, der einen kaum an einen j\u00fcdischen Zusammenhang denken lie\u00df und an mehreren Grabsteinen zu lesen war, gleich aufge\u00adfallen, zumal einige mit mir befreundete Leute die\u00adsen Namen tragen, ohne j\u00fcdi\u00adscher Her\u00adkunft zu sein, zu\u00admindest nicht meines Wissens. Seine Mutter, setzte Charlie fort, sei zur Zeit des Ein\u00admarsches der deutschen Wehrmacht in die Tschechoslowakei ein M\u00e4dchen von etwa zehn Jah\u00adren gewesen. Sie stamme aus Oberhaid, dem tschechischen Horn\u00ed Dvo\u0159i\u0161t\u011b, und habe mit ihrer Familie fl\u00fcchten m\u00fcssen, besser gesagt, sie h\u00e4tten gerade noch fl\u00fcchten k\u00f6nnen. Sie landete schlie\u00dflich in New Jersey, arbeitete als Haushaltshilfe, lernte ihren Mann kennen, den sie bald heiratete.<\/p>\n\n\n\n<p>Die alte Frau, die einen sehr r\u00fcstigen Eindruck machte, sprach \u2013 falls sie Charlie zu Wort kommen lie\u00df \u2013 noch ungebrochen Deutsch mit uns, sie sprach ein paar Brocken des deutschen Dialekts, den vielleicht einige sehr alte Leute S\u00fcdb\u00f6hmens noch heute beherrschen und mit dem es wohl die eine oder andere \u00dcberschneidung im n\u00f6rdlichen M\u00fchlviertel gibt, kaum mit Ak\u00adzent. \u00dcber ein paar ihrer Wendungen, an die sie sich erinnerte, lachten wir, zum Gro\u00dfteil aber spra\u00adchen wir englisch, damit Charlie folgen konnte. Einmal im Jahr, meist im Sommer, komme sie hierher in die Gegend ihrer Herkunft, sagte Charlies Mutter, immer mit ihrem Sohn, sie besuche den Friedhof, wo ihre Vorfahren liegen, und ihren Geburtsort Oberhaid, den sie habe verlassen m\u00fcssen. Diesmal h\u00e4tten sie ihre Enkel mitgenommen, deren Inter\u00adesse an der Historie, nicht nur an der genealogischen, mit Si\u00adcherheit noch erwa\u00adchen werde, wenn sie erwachsen und erst recht, wenn sie \u00e4lter seien. Char\u00adlie hinge\u00adgen habe immer \u2013 schon in den Vereinigten Staaten, sp\u00e4ter in Israel \u2013 gro\u00dfes Interesse an der Familiengeschichte und an der Geschichte dieser Gegend gezeigt. Ihr Mann, Charlies Vater, sei vor einigen Jahren gestorben. So habe sie die Grausamkeit der Ge\u00adschichte in die Vereinigten Staaten versetzt und ei\u00adner Welt entrissen, die sie, w\u00e4ren die Zeiten ruhig verlaufen, wohl kaum verlassen h\u00e4tte.<\/p>\n\n\n\n<p>Charlie sei in New Jer\u00adsey zur Schule ge\u00adgangen, habe in New York studiert, dann habe er ein zionisti\u00adsches Bewusstsein entwi\u00adckelt. Nein, das habe er schon fr\u00fcher gehabt, aber nach dem Studium habe er es umge\u00adsetzt und sei nach Israel gegangen, wo er in Jerusalem eine Inter\u00adnetfirma aufgebaut habe, etwas, wovon sie gar nichts verstehe. Dazu sei sie zu alt. Charlie sei ein gemachter Mann, man k\u00f6nne sagen, er sei reich, sagte die Mutter. Nach dem Tod ihres Mannes sei sie von New Jersey nach Kalifornien gezogen, wegen des milderen Klimas.<\/p>\n\n\n\n<p>Die Kinder hielten mit dem Herumlaufen inne, unser Kommen hatte ihre Neugier geweckt und sie hatten sich zu uns gesellt, vielleicht konnten sie einige W\u00f6rter der Unterhaltung in englischer Sprache verstehen. Charlie fragte mich, warum wir den kleinen j\u00fcdischen Friedhof besuchten. Elsbeth schwieg, nicht so sehr wegen ihrer Sch\u00fcchternheit, sondern weil sie kaum englisch sprechen konnte und gesprochenes Englisch nicht verstand.<\/p>\n\n\n\n<p>Ich setzte Charlie die Gr\u00fcnde unseres Interesses auseinander, etwa meines an der Geschichte der Familie und der Firma Spitz, die \u2013 in Linz gegr\u00fcndet \u2013 zu einem weltweit bekannten Unternehmen f\u00fcr Getr\u00e4nke und Lebensmittel geworden war. Und die Geschehnisse im Nationalsozialismus bed\u00fcrften immer noch einer Aufarbeitung, da es kaum eine Region gebe, die nicht kontaminiert sei. Dieses Interesse, das ich mit Elsbeth teile, habe mich einer verschwundenen, einer ausgel\u00f6schten Welt nahegebracht. Dabei sto\u00dfe man, wenn man sich im regionalen Bereich bewege, unweiger\u00adlich auf Rosenberg, auf den kleinen Friedhof und Reste ei\u00adnes \u00e4lteren im Ort, den ich noch nicht kenne.<\/p>\n\n\n\n<p>Charlie fragte mich, ob ich ihm Informationen zum Judentum in S\u00fcdb\u00f6hmen und Linz zukommen lassen k\u00f6nne. Er gab mir eine Visitenkarte mit seiner E-Mail-Adresse. Die Visitenkarte best\u00e4tigte, dass Charlie ein Unternehmen f\u00fcr Internet-Services in Israel hatte, in Jeru\u00adsalem genauer gesagt. Sp\u00e4ter recherchierte ich im Inter\u00adnet und fand den Auftritt von Charlies Firma.<\/p>\n\n\n\n<p><br>Charlies S\u00f6hne hatten ihre Neugier an den fremden Personen l\u00e4ngst gestillt, Charlie oder seine Mutter mussten sie wieder regelm\u00e4\u00dfig ermahnen, sich der W\u00fcrde des Ortes gem\u00e4\u00df zu betragen. Das hatte kurze Zeit Erfolg, dann liefen sie wieder l\u00e4r\u00admend umher. Schlie\u00dflich verabschiedeten wir uns, und ich versicherte Charlie, ihm Informationen zu schicken.<\/p>\n\n\n\n<p>Ich fuhr mit Elsbeth nach Rosenberg zur\u00fcck. Wir spazierten in dem kleinen Ort, der von der Burg und der Stra\u00dfe nach Krumau dominiert wird und verlassen und trist wirkte. Nur selten lie\u00df sich ein Auto sehen, auch die Radfahrer hielten sich zur\u00fcck. Parallel zur Stra\u00dfe nach Krumau, aber h\u00f6her gelegen, verlief eine Gasse, der entlang fr\u00fcher ein kleiner j\u00fcdi\u00adscher Bereich lag, und in einem Garten erkannte man einige Relikte j\u00fcdischer Gr\u00e4ber. Als wir auf den zentralen Platz zur\u00fcckkehrten, sahen wir in einiger Entfernung Charlie Kalech, wie er sich, sprachlich unterst\u00fctzt von seiner Mutter, mit jemandem an der Haust\u00fcr unterhielt. Die Mutter konnte neben Deutsch wahrscheinlich noch ein paar Brocken Tschechisch, wahrscheinlich genug, um die Kommunikation ihres Sohnes mit den Einheimischen zu unterst\u00fctzen.<\/p>\n\n\n\n<p>Einige Tage nach meiner R\u00fcckkehr schickte ich Charlie via E-Mail mehrere Hinweise und Dokumente und wies ihn auf einen Historiker der Universit\u00e4t Linz hin, Michael John, der sich unter anderem mit j\u00fcdischer Geschichte befasste, etwa mit Enteignungen, Arisierungen und Restitutionsfragen. Charlie antwortete mir, einige Ge\u00adsch\u00e4ftsleute, die er kenne und die ihre Wurzeln in Rosenberg und der weiteren Umge\u00adbung h\u00e4tten, wollten der Geschichte des Dorfes intensiver nachgehen, im Besonderen der j\u00fcdischen. Eine Ver\u00f6ffentlichung sei geplant. Erfahren habe ich dar\u00fcber nichts, aber vielleicht kommt noch etwas, falls Charlie Zeit daf\u00fcr findet und nicht vergisst. Wenn ich zu lange warten muss, erinnere ich ihn.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"has-text-align-right\">G\u00fcnther Androsch<\/p>\n\n\n\n<p class=\"has-text-align-right\">www.verdichtet.at | Kategorie: <a href=\"https:\/\/www.verdichtet.at\/?page_id=3365\" data-type=\"page\" data-id=\"3365\">anno<\/a> | Inventarnummer: 25198<\/p>\n\n\n\n<p><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Eines Tages las ich von der fr\u00fcheren j\u00fcdischen Gemeinde in dem kleinen Ort Rosenberg \u2013 tschechisch Ro\u017emberk \u2013, der idyllisch an der Moldau liegt, \u00fcberragt von der Burg. Bald darauf fuhr ich mit dem Auto hin. Ich nahm Elsbeth mit, die auch daran interessiert war, den Ort und den kleinen j\u00fcdischen Friedhof kennen\u00adzulernen. 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