{"id":20838,"date":"2025-08-31T16:01:37","date_gmt":"2025-08-31T16:01:37","guid":{"rendered":"https:\/\/www.verdichtet.at\/?p=20838"},"modified":"2025-11-15T17:48:13","modified_gmt":"2025-11-15T17:48:13","slug":"das-verschwinden-der-schoenen-rose","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.verdichtet.at\/?p=20838","title":{"rendered":"Das Verschwinden der sch\u00f6nen Rose"},"content":{"rendered":"<div class=\"pdfprnt-buttons pdfprnt-buttons-post pdfprnt-top-right\"><a href=\"https:\/\/www.verdichtet.at\/index.php?rest_route=wpv2posts20838&print=pdf\" class=\"pdfprnt-button pdfprnt-button-pdf\" target=\"_blank\"><\/a><a href=\"https:\/\/www.verdichtet.at\/index.php?rest_route=wpv2posts20838&print=print\" class=\"pdfprnt-button pdfprnt-button-print\" target=\"_blank\"><\/a><\/div>\r\n<p>&nbsp;<\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p><strong>1480 \u2013<\/strong> <strong>1990<\/strong><br \/><strong>Ein Verbrechen zwischen Neuzeit und Jahrtausendwende<\/strong><\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p>Es fing recht banal an: Giorgione Faltrelli di Montemarche erwachte ungewohnt schwei\u00dfgebadet und setzte sich mit einem Ruck auf, so dass der Baldachin \u00fcber seinem Kopf erzitterte und das Holzgestell seiner Schlafst\u00e4tte unversehens \u00e4chzte. Der Weg vom Liegen zum Sitzen war nicht weit gewesen, die damals \u00fcblichen Polsterberge hatten ihn ohnedies in Steillage schlafen lassen. Ihm hatte von grauen, moos\u00fcberwachsenen Ruinen getr\u00e4umt, die sich im z\u00e4hem, mahlendem Zeitstrom den schroffen Felsformationen der Gebirgsz\u00fcge des Monte Falterona angeglichen hatten. Dieses Gebirgsmassiv bot seiner Stammburg R\u00fcckendeckung, welche sich zwischen dem Berg und dem Casentiner Tal befand und von durchaus dichten Kastanienw\u00e4ldern umringt war. Best\u00fcrzt erkannte er in den Ruinen die \u00dcberreste seines ehemals praktisch unzerst\u00f6rbaren Heims, welches schon gut seit Generationen Angriffen, Erdbeben und Unwettern getrotzt hatte. Auf einer Felserhebung, an die sich vereinzelt ein paar z\u00e4he B\u00fcsche klammerten, hatte sich bis zu jenem fatalen Traum sein Bergfried schier unverw\u00fcstlich aufget\u00fcrmt!<\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p>Giorgione, Sohn des ehrenwerten Conte Nicolo Faltrelli, war eben der Jugend entwachsen (die in seiner Epoche blo\u00df eineinhalb Jahrzehnte w\u00e4hrte), ein h\u00fcbscher kr\u00e4ftiger junger Mann mit r\u00f6tlich braunen, sauber geschnittenen Haaren. Der heftige Traum jedoch hatte zur Folge gehabt, dass sein Haupthaar mehr einem von Hagel verw\u00fcstetem Feld als dem akkuraten Pagenkopf eines toskanischen Edelmannes seiner Zeit, des ausgehenden Quattrocento, glich.<\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p>Jenseits des Rundbogenfensters seines Schlafgemaches d\u00e4mmerte es und die V\u00f6gel zwitscherten um die Wette den Fr\u00fchlingshimmel an. Als es an der kr\u00e4ftig gemaserten Nussholzt\u00fcr klopfte, strich er sein wadenlanges wei\u00dfes Leinenhemd vorsorglich glatt. Als angehender Ritter, allerdings einer der letzten seiner Art, befolgte er die ihm gebotenen Anstandsregeln, sich keine Bl\u00f6\u00dfen zu geben.<\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p>Seine in die Jahre gekommene Amme, deren Rundungen die beinahe verflossenen drei Lebensjahrzehnte besonders aus ihrem Mondgesicht pl\u00e4tteten, betrat schlurfend, in einem sauberen, steifen, selbstzufrieden knisternden braunen Kittel mit einer Kanne und einem Becher in der Hand das Schlafgemach des jungen Adeligen.<\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p>\u201eGuten Morgen mein Herr\u201c, schnarrte sie, \u201eEure kuhwarme Milch. Vergesst mir nicht, wie Euer Herr Vater aufgetragen, euch ansehnlich herzurichten.\u201c Dann kicherte sie versch\u00e4mt. \u201eSeine Durchlaucht Ivo di Selvascuro ist mit seinem T\u00f6chterchen eingetroffen. Ein properes Ding. Hihi!\u201c Sie zog ihre rundlichen Schultern hoch und ergl\u00fchte unter ihrer Dienstbotenhaube.<\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p>Giorgione r\u00e4usperte sich, was wie eine ungeschmierte Wagendeichsel klang, und winkte schlaff ab. \u201eSchon gut, schon gut.\u201c<\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p>Die Amme verstand und machte sich im R\u00fcckw\u00e4rtsgang fort.<\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p>\u201eCara Mamma Cibo, es langweilt mich\u201c, murmelte er der Verschwundenen nach. Was er wohl mit der dreizehnj\u00e4hrigen kleinen Selvascuro anfangen solle? Wahrscheinlich k\u00f6nne sie leidlich sticken, etwas lesen und schreiben, aber: Mit dieser unbekannten Lebensform zu kommunizieren, und dass er so ein fragiles Wesen auf seine geliebten Jagden mitnehmen k\u00f6nne, konnte er sich nicht vorstellen.<\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p>Nat\u00fcrlich war der Besuch aus dem Piemont mehr als ein Anstandsbesuch. Er war zum Zwecke der Begutachtung, nein, der Bekanntmachung der Tochter des Hauses als Heiratskandidatin. Da beide Familien befreundet waren und man sonst keine Grafschaft mit Eheschlie\u00dfungsbedarf ber\u00fccksichtigen musste, war wohl die kleine Bellarosa fix f\u00fcr Giorgione vorgesehen.<\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p>Giorgiones Mutter mit dem sch\u00f6nen Namen Viola war geradezu aus dem H\u00e4uschen gewesen, dass ihr Sohn sich mit den durchaus verm\u00f6genden Selvascuros verbinden sollte. Immerhin war Bellarosas Mutter Sofia ihre Kusine, welche eigentlich aus b\u00e4uerlichen Verh\u00e4ltnissen aus dem Val Pellice stammte, allerdings war dort die Landbev\u00f6lkerung seit Jahrhunderten sowohl m\u00e4chtig als auch finanzkr\u00e4ftig gewesen und hatte es sogar zur Herrschaft \u00fcber eine eigene Bauernrepublik gebracht.<\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p>Auf der Apenninenhalbinsel war es gerade en vogue, sich G\u00fcter und bestenfalls sogar Stadtherrschaften per Verschw\u00e4gerung einzuverleiben.<\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p>Als sich der junge Ehekandidat im Rittersaal einfand, erwarteten ihn seine Eltern an der langen dunklen Eichentafel ungew\u00f6hnlich w\u00fcrdevoll, jedoch vom aufsteigenden Geruch aus den R\u00fcstkammern, einer Mischung aus Ammoniak und Schweinefett, umweht. Wenigstens wussten sie die pr\u00e4chtigen Plattenpanzer ber\u00fchmter toskanischer Machart zu Ehren von Bellarosas Papa, einem Condottiere, mit abgestandenem Urin und Sand geputzt und mit Fett eingelassen und aufpoliert. Geeichte Jungneuzeit-Nasen st\u00f6rte sowas wenig. Die <em>V\u00f6gelchen aus Zypern<\/em>, wie man das beliebteste Parfum der St\u00e4dter nannte, hatten hier keine Einflugschneise genommen und wurden auch gar nicht vermisst. Sie w\u00e4ren ohnedies vom Ru\u00dfgeruch, welcher zwei Eisenkandelaber und einen Kronleuchter umwehte, gefressen worden.<\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p>Giorgiones Vater war wie immer recht einfach und geradezu farblos gekleidet, allerdings mit einer schweren Silberkette behangen und an den H\u00e4nden pr\u00e4chtigst beringt, seine Mutter hatte eine ausladende Tracht aus Samt und Seide angelegt, was er ziemlich \u00fcbertrieben fand. Der Sohn hatte sich an seinen Vater gehalten und sich nach einer raschen Waschung in ein braunes Wams mit engen Beinkleidern geworfen.<\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p>Conte Nicolo mochte den Repr\u00e4sentationsdrang seiner Frau Viola bei derlei Treffen gerne missen, aber die Sitten der Zeit verlangten, dass man sich als Familie offiziellen Besuchern entsprechend adjustiert pr\u00e4sentierte, selbst wenn sie zur Verwandtschaft z\u00e4hlten.<\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p>Die bereits von den Reisestrapazen erholten und entsprechend restaurierten G\u00e4ste konnten beim Eintreffen durchaus beeindrucken. An der anderen Seite der Tafel lie\u00df sich der d\u00fcster gewandete Ivo auf dem Ehrenplatz, einem dunklen, reichlich verzierten Eichenstuhl, mit seiner ganzen Gewichtigkeit nieder. Neben seinen ausladenden schwarzen Puff\u00e4rmeln ging ein kleines, recht lebendiges P\u00fcppchen, seine Tochter mit rundlichem Gesichtchen, rosa Wangen und unter einer wei\u00dfen M\u00e4dchenhaube herausquellenden kastanienfarbenen Haarz\u00f6pfen beinahe unter, obwohl ihre Zofe sie in ein leuchtend gr\u00fcnes Kleidchen aus Samt und Zendal aus Lucca gesteckt hatte. Die doch eher beschwerliche Reise, die auch durch dichte und nicht ungef\u00e4hrliche W\u00e4lder f\u00fchrte, hatte Mama Sofia di Selvascuro vermieden, zumal sie ihre Residenz, das Castel Solelonghi in der N\u00e4he von Asti, pers\u00f6nlich in Schuss halten hatte wollen.<\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p>Man sah der Kleinen an, dass sie sich Besseres gewusst h\u00e4tte, als eine lange beschwerliche Reise zu Pferd anzutreten, um als Verschw\u00e4gerungspfand feil gehalten zu werden. Ihre braunen Knopfaugen blickten starr geradeaus. Ihren potenziellen Verlobten w\u00fcrdigte sie keines Blickes.<\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p>Alle sa\u00dfen etwas steif an der Tafel. Das schwache Licht, das durch die nicht verhangene obere Fenster\u00f6ffnung fiel, trug nichts zur Aufheiterung dieser Szene bei. Der Austausch der H\u00f6flichkeiten begann entsprechend steif: \u201eWelch eine Freude, Euch so wohlbehalten anzutreffen. Wir h\u00e4tten es uns nicht verziehen, wenn wir nicht trotz des jugendlichen Alters unserer Kleinen den Weg gescheut h\u00e4tten. Dass sich unsere Nachkommen recht bald kennenlernen, kann f\u00fcr sp\u00e4ter nicht schaden.\u201c<\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p>\u201eDass Ihr solch eine zarte Knospe dieser Reise ausgesetzt habt, zeugt von Eurer Freundschaft zu uns\u201c, antwortete der Gastgeber. Ganz geheuer war dem alten Faltrelli di Montemarche nicht dabei, denn derlei Stilbl\u00fcten pflegte ihm seine Gattin einzufl\u00fcstern, die bei derartigen Anl\u00e4ssen das Reden dem Hausherrn zu \u00fcberlassen hatte. Er drehte sich zu Giorgione. Der machte ein unbeteiligtes Gesicht.<\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p>Unter Cinquecento-Teenagern gab es keinen unbefangenen Umgang. Bis zur eigentlichen Hochzeit w\u00fcrde man zu beider Erleichterung noch zuwarten; verbindlich beschlossen war sie ja. Zu baldige Ehearrangements f\u00fcr Kindsvolk waren zwar im ausgehenden 15. Jahrhundert bereits verp\u00f6nt, doch gewisse Ewiggestrige, und dazu z\u00e4hlten die Selvascuros, ignorierten, was gewinnbringenden Interessen im Weg stand.<\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p>Giorgione \u00fcberlie\u00df gelangweilt seine Mimik der Schwerkraft und Bellarosa schien m\u00fcde zu sein. Anders konnten ihre gesenkten Lider nicht gedeutet werden, war sie doch zu jung, um ihre Augen mit Arroganz zu beschatten.<\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p>Ein herrlicher, mit Kastanien garnierter Wildschweinbraten beendete den Austausch von Floskeln. Nicolo lauschte den nun wieder vernehmbaren Ger\u00e4uschen von in der Festung ein und ausgehenden Menschen mit Genugtuung, klangen sie doch nach pr\u00e4sentabler Gesch\u00e4ftigkeit. Im Nu entspannten sich wirklich alle und langten heiter zu. Ivo mit ausladender Geste, Viola zwar mit spitzen, aber lustvoll bebenden Fingern, und Bellarosa schien Spa\u00df zu haben, ihre Schwiegermutter in spe zu imitieren.<\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p>Der Gastgeber stellte einen Ausritt f\u00fcr den n\u00e4chsten Tag in Aussicht, um seinen Besitz den Besuchern zu zeigen. Obstg\u00e4rten und Felder sowie ein Forst wollten im Verlauf eines Halbtagesrittes pr\u00e4sentiert werden, Fasane oder gar ein Damwild waren f\u00fcrs n\u00e4chste Bankett mit eingeplant.<\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p>Der folgende Morgen hatte an diesem Maientag mit ungew\u00f6hnlich warmen Temperaturen aufgewartet. Der Hausherr stellte seinen G\u00e4sten die besten Reittiere zur Verf\u00fcgung. Alle Vorzeichen schienen selbst f\u00fcr als abergl\u00e4ubisch geltende Toskaner hervorragend. Pflanzengr\u00fcn und Bl\u00fctenfarben leuchteten miteinander um die Wette. Amseln und Stare unterhielten sich angeregt und lie\u00dfen sich auch nicht von der lebhaften Reitgesellschaft unterbrechen. Giorgione, Niccolo, Ivo und sogar Bellarosa ritten mit zwei Leuten Gefolge einen Pfad, der in den Felshang geschlagen worden war, hinab. In den Hufschlag der Reittiere mischte sich leises Rauschen vom nahen Bach und Klatschen von Holzpaddeln auf nasse W\u00e4sche. Giorgione musste anerkennen, dass sich Bellarosa im Seitensitz pr\u00e4chtig auf ihrem Zelter hielt. Ein recht steiles St\u00fcck musste nun von den nickenden, tapsenden, aber selten stolpernden R\u00f6ssern \u00fcberwunden werden, doch bald verlief sich das Gestein in einer buckligen Grasfl\u00e4che, die ihren Platz erfolgreich gegen Fels und Baum behauptet hatte.<\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p>Das Versprechen, einen beschaulichen Ritt genie\u00dfen zu k\u00f6nnen, wurde j\u00e4h durchkreuzt, als ein unerwarteter Blitz zischend \u00fcber den Himmel raste. Eben noch durch Baumkronen blitzendes Blau wich zusehends rasenden, finsteren Wolken. Die Reiter legten ihre Schenkel dichter an die Flanken ihrer R\u00f6sser und versicherten sich ihrer Z\u00fcgel. Die Reittiere verdrehten Augen und Ohren, vergeblich nach der Gefahrenquelle und gleichzeitig nach einem Fluchtweg suchend. Die Luft roch fremd, s\u00fc\u00dflich und schwer, das Himmelsdunkel verd\u00fcsterte und erhellte sich zusehends im Stakkato.<\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p>Gastgeber Niccolo offerierte eine Jagdh\u00fctte in der N\u00e4he. \u201eDa finden wir Zuflucht.\u201c Ivo verriet mit keiner Miene, dass er trotz seiner Milit\u00e4rkarriere abergl\u00e4ubischer war als der furchtsamste Toskaner, atmete aber sichtbar auf. Giorgione blieb jugendlich l\u00e4ssig, w\u00e4hrend Bellarosas K\u00f6pfchen aufflammte. Ihre Miene zeigte nicht, ob sie sich erschreckt hatte. Schon zausten Windb\u00f6en die Pferdem\u00e4hnen und fuhren in die stoffreichen W\u00e4mser mit den gestopften \u00c4rmeln. Haare standen ob der geladenen Luft zu Berge und das Reitkleid der Kleinen bl\u00e4hte sich so m\u00e4chtig auf, dass ihr Vater sich sorgte, sie w\u00fcrde demn\u00e4chst vom Pferd segeln. Dann donnerte es und darauf folgte der erste heftige Regenguss.<\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p>Der sonst so sanfte und etwas tr\u00e4ge Zelter Bellarosas scheute, gegen sein phlegmatisches Naturell, \u00e4u\u00dferst heftig und ging durch. Giorgione riss seinen Rappen unverz\u00fcglich herum, dass Wasser aus M\u00e4hne und Schweif spritzte und folgte ihr Richtung Wald. Er galoppierte mit aller Kraft; einer der M\u00e4nner vom Gefolge, der sich ihm an die Fersen geheftet hatte, um ihm beizustehen, kam nicht mehr nach und konnte nurmehr das Verhallen der feucht schmatzenden Galoppschl\u00e4ge auf dem Waldboden h\u00f6ren.<\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p>Giorgione, ein k\u00fchner, manchmal auch etwas \u00fcberm\u00fctiger Reiter, holte die Fliehenden alsbald ein, bekam das schwei\u00dfgebadete Pferd an den Z\u00fcgeln zu fassen, die die Kleine schleifen hatte lassen, um sich an der M\u00e4hne festzuhalten.<\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p>Als sie sich umsahen, wussten beide nicht mehr, wo sie sich befanden. Sie mussten wohl im Kreis geritten sein, da das Gel\u00e4nde felsig anstieg, vermutete Giorgione. Immerhin fanden die Durchn\u00e4ssten unter einem Steinvorsprung Zuflucht.<\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p>Der Cavalliere wollte die Kleine zu sich ziehen, als sie sich dem Griff seiner Hand scheu entwand.<\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p>\u201eFr\u00e4ulein, habt Vertrauen.\u201c<\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p>Das M\u00e4dchen riss die Augen auf und sch\u00fcttelte den Kopf: \u201eDie Masca stellt mir nach\u201c, fl\u00fcsterte sie. Giorgione \u00fcberh\u00f6rte zun\u00e4chst den Namen, den er nicht kannte, war die Masca doch ein piemontesisches Zauberweib, das sich in allerlei Tiere verwandeln konnte. \u201eIch tu euch gewiss nichts anhaben. Eure Ehre ist die meine.\u201c<\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p>\u201eHier k\u00f6nnen wir nicht bleiben\u201c, dr\u00e4ngte sie und schrie pl\u00f6tzlich laut auf: \u201eMasca, Masca!\u201c Vor Giorgiones Nase schoss eine schwarze Kr\u00e4he vorbei und verschwand im Geb\u00fcsch.<\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p>\u201eMeint ihr etwa den Badalisco?\u201c, fragte er nach. Der toskanische Basilisk trieb sich unten im Casentiner Tal herum, hier herauf w\u00fcrde er doch nicht finden. Immerhin, dieses Mischwesen aus Hahn und Schlange konnte mit seinen Blicken t\u00f6dlich l\u00e4hmen.<\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p>\u201eSagt Ihr so hier?\u201c, murmelte sie, ihre schweren, nassen Kleider glattstreichend, w\u00e4hrend sie sich ruckartig umblickte.<\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p>\u201eIhr braucht schon einen triftigen Grund, warum wir uns dem Unbill des Wetters aussetzen sollen. Mir scheint, Ihr seid ein wenig eigensinnig.\u201c<\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p>Bellarosa schwieg, w\u00e4hrend sich Starkregen \u00fcber die Landschaft ergoss, unz\u00e4hlige Rinnsale von den Haarspitzen \u00fcber Kleidung und Pferdeleiber dem Boden zustrebten und die Feuchtigkeit nun sogar begann, alles in Nebelschwaden einzuh\u00fcllen.<\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p>\u201eIch muss Euch wohl n\u00f6tigen. Es ist zu eurem Besten.\u201c<\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p>Er versuchte die Z\u00fcgel, die er Bellarosa gelassen hatte, erneut zu ergreifen, sie aber machte mit dem massiven Ross einen Satz zur Seite und war im n\u00e4chsten Moment von Gel\u00e4nde und Dunst verschlungen. Er jagte ihr sofort sein Pferd, das beinahe am glitschigen Stein ausglitt, nach. Doch nicht einmal das dampfende Fell ihres Reittieres war noch zu riechen.<\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p class=\"has-text-align-right\">Antonia H.<\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p class=\"has-text-align-right\"><em>Auszug aus dem Roman \u201eDas Verschwinden der sch\u00f6nen Rose. 1480\u20131990.<\/em><br \/><em>Ein Verbrechen zwischen Neuzeit und Jahrtausendwende&#8220;, der hoffentlich bald erscheinen wird.<\/em><br \/><em>Wir danken der Autorin f\u00fcr die M\u00f6glichkeit der Vorver\u00f6ffentlichung <\/em><br \/><em>und reichen die Bestelldaten nach, wenn das Werk erschienen ist.<\/em><\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p class=\"has-text-align-right\">www.verdichtet.at |\u00a0Kategorie: <a href=\"https:\/\/www.verdichtet.at\/?page_id=412\" data-type=\"page\" data-id=\"412\">auszugsweise<\/a> | Inventarnummer: 25195<\/p>\r\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>&nbsp; 1480 \u2013 1990Ein Verbrechen zwischen Neuzeit und Jahrtausendwende Es fing recht banal an: Giorgione Faltrelli di Montemarche erwachte ungewohnt schwei\u00dfgebadet und setzte sich mit einem Ruck auf, so dass der Baldachin \u00fcber seinem Kopf erzitterte und das Holzgestell seiner Schlafst\u00e4tte unversehens \u00e4chzte. 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