{"id":20352,"date":"2025-07-03T12:08:33","date_gmt":"2025-07-03T12:08:33","guid":{"rendered":"https:\/\/www.verdichtet.at\/?p=20352"},"modified":"2026-04-27T16:46:55","modified_gmt":"2026-04-27T16:46:55","slug":"seelentanz","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.verdichtet.at\/?p=20352","title":{"rendered":"Seelentanz"},"content":{"rendered":"<div class=\"pdfprnt-buttons pdfprnt-buttons-post pdfprnt-top-right\"><a href=\"https:\/\/www.verdichtet.at\/index.php?rest_route=wpv2posts20352&print=pdf\" class=\"pdfprnt-button pdfprnt-button-pdf\" target=\"_blank\"><\/a><a href=\"https:\/\/www.verdichtet.at\/index.php?rest_route=wpv2posts20352&print=print\" class=\"pdfprnt-button pdfprnt-button-print\" target=\"_blank\"><\/a><\/div>\r\n<p>Ist wirklich schon so viel Zeit vergangen?<\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p>\u00dcber meine pl\u00f6tzliche Verunsicherung und die regelm\u00e4\u00dfig wiederkehrenden Unvorhersehbarkeiten des Lebens staunend, setze ich mich an einen fein gedeckten Tisch am Meer und stelle fest, dass ich doch nicht vor allem gefeit bin, auch nach den vielen Jahren nicht.<\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p>Aber was w\u00e4re das Leben ohne neue Herausforderungen, mit denen wir wachsen k\u00f6nnen? Ohne seine permanente Wellenbewegung?<\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p>Fast \u00e4rgert es mich, dass ich mich so unvorbereitet in Sicherheit gewiegt hatte. Dass ich wieder einmal dachte, es w\u00e4re das Ziel, obwohl es nur eine Rast war.<\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p>Der Platz am Kopfende des Tisches ist f\u00fcr mich vorgesehen. Der besondere Moment verlangt nach einem geb\u00fchrenden Fest mit au\u00dfergew\u00f6hnlichen G\u00e4sten. So habe ich mir f\u00fcr heute etwas Originelles \u00fcberlegt. Etwas, das mich dazu bringt, kurz innezuhalten und die gelebten Jahre mit ein wenig Abstand betrachtet noch einmal in Zeitlupe an mir vor\u00fcberziehen zu lassen. Um dann der Gegenwart, dem Hier und Jetzt und dem eigenen Selbst die verdiente Wertsch\u00e4tzung schenken zu k\u00f6nnen. Aus tiefster Seele und mit wachem Geist.<\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p>F\u00fcr einen Abend lang die Zeit anhalten. Den Wellengang stoppen und den Wind einbremsen. Das Weiteratmen vergessen. Ausgew\u00e4hlte Lebensszenen einfrieren und mit ver\u00e4nderten Augen betrachten. Alle F\u00fchler ausstrecken und auf Empfang stellen. Sich bereitmachen f\u00fcr die h\u00f6chste Stufe der Ber\u00fchrbarkeit. Das Herzfeuer, das ein w\u00e4rmendes Licht spendet, lichterloh brennen und knistern lassen. Bevor sich die Erde breitl\u00e4chelnd weiterdreht.<\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p>Am Horizont tauchen sie auf. Noch sind ihre Erscheinungen miteinander verwoben, verschwimmen im glei\u00dfenden Sonnenlicht. Doch mit jedem Schritt in meine Richtung werden ihre Formen klarer, eindeutiger. Aus einem pastelligen Farbgemisch kristallisieren sich die Umrisse dreier Frauen heraus. Ihre langen Gew\u00e4nder, vom Wind umspielt, ber\u00fchren sich nur zuf\u00e4llig und verh\u00fcllen zuverl\u00e4ssig ihre K\u00f6rper, sodass ich meine unruhig flackernden Augen auf das Wesentliche richten kann.<\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p>Vor Aufregung tanzt mein Herz, w\u00e4hrend ich die unkontrolliert zuckenden F\u00fc\u00dfe tief in den Sand bohre, um sie zur Rast zu zwingen. Doch schon im n\u00e4chsten Moment r\u00fcge ich mich daf\u00fcr. Was ist so schlimm daran, dass meine Nervosit\u00e4t offensichtlich ist? Sie geh\u00f6rt zu mir. Ebenso wie meine Freude, meine Angst und meine Neugier auf den heutigen Abend. \u201eAlso lass sie zu\u201c, ermahne ich mich, w\u00e4hrend ich mit zittrigen H\u00e4nden die Champagnergl\u00e4ser f\u00fclle und mich dann erwartungsvoll aufrichte, um meine G\u00e4ste feierlich zu empfangen. Denn sie sind nur noch wenige Schritte von mir entfernt.<\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p>Eine Dame in Wei\u00df, eine in Schwarz und die dritte in schillerndem Bunt. Ich kann direkt in ihre Augen sehen, die darauf brennen, mir schonungslos ihre Geschichten zu erz\u00e4hlen. Jede f\u00fcr sich ist mit Haut und Haar bereit, meine kaum noch zu bremsende Neugier zu stillen, die wie ein junges, umherspringendes Fohlen all meine Kraft in Anspruch nimmt, um sich z\u00e4hmen zu lassen.<\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p>H\u00f6flich weise ich den Damen einen Platz an dem f\u00fcrstlich gedeckten Tisch zu. Etwas z\u00f6gerlich setzen sie sich. Mit Bedacht und sacht, anmutig l\u00e4chelnd. Das Meer t\u00f6nt ungewohnt sph\u00e4risch und unterst\u00fctzt ein F\u00fchlen anderer Welten. Seelenr\u00e4ume \u00f6ffnen sich. Die Sonne, die bereits ihren Untergang vorbereitet, beschenkt uns mit einem magischen Licht, das sich bereitwillig von unseren Gl\u00e4sern einfangen l\u00e4sst. Mit einem vornehmen Kopfnicken prosten wir uns zu, nachdem jede einzelne Falte der langen Gew\u00e4nder darauf bestand, sorgf\u00e4ltig glattgestrichen zu werden. Die anschlie\u00dfende Stille unterstreicht mit feiner, gerader Linie die Bedeutsamkeit unseres Zusammentreffens. Bietet noch kurz die Gelegenheit, frischen Atem zu holen, um dann ehrf\u00fcrchtig die erste Seite in der Geschichte, die das Leben schrieb, aufzuschlagen und vorzutragen.<\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p>Und das Meer glitzert zauberhaft. Bringt sich in Position, um aufmerksam zu lauschen und in sich aufzusaugen. Seit Urzeiten daran gew\u00f6hnt, Geheimnisse f\u00fcr sich zu behalten.<\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p>Dann ist es endlich so weit, und das Abenteuer beginnt. Feinsinnig h\u00f6re ich zu. Bewegungslos, fassungslos, begl\u00fcckt, best\u00fcrzt. Bem\u00fcht, neben einer derart m\u00e4chtigen Beeindruckung meinen Atem flie\u00dfen zu lassen. Meine eigene Vergangenheit packt mich an den Schultern, krallt ihre N\u00e4gel in mein Fleisch und zieht mich erbarmungslos in ihren Bann.<\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p>Zun\u00e4chst ergreift die Frau in Wei\u00df das Wort. Mit ihr verbindet mich die k\u00fcrzeste Zeit. Und dennoch kenne ich sie in- und auswendig. Wie ein oft gelesenes Buch, das nicht mehr \u00fcberrascht. Jedes einzelne Detail, das sie in ihrem Monolog von innen nach au\u00dfen kehrt, ist mir vertraut. Ihre Geschichte saugt mich an wie ein Schlupfloch im All, und ich muss an mich halten, um dem \u00fcberirdisch starken Sog nicht nachzugeben, sp\u00fcre ich doch unter ihren F\u00fc\u00dfen kein Fundament, keinen Boden, der ihr Halt geben k\u00f6nnte. Auch unter den schwersten Bedingungen, verzweifelt und mit aller Macht den verf\u00fchrerisch s\u00fc\u00dfen Saft im Au\u00dfen zu trinken, anstatt sich aus dem eigenen Selbst zu n\u00e4hren, das ist lebensnotwendig f\u00fcr sie. Bis heute hat sie es nicht geschafft, einen festen Platz in ihrer Familie einzunehmen, was ihr die Basis f\u00fcr einen eigenen Weg stiehlt.<\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p>Doch hat sie Erfolg damit, sich selbst nicht anzunehmen. So kann sie sich mit aller Kraft auf ihre Arbeit als \u00c4rztin st\u00fcrzen, ist ungemein flei\u00dfig, verfolgt ehrgeizig ihre Ziele und f\u00fcttert die Seele mit verdienter Anerkennung. Kann allein das mit Gl\u00fcck erf\u00fcllen?<\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p>Sie ist gut, in dem was sie tut, zweifellos. Die Beste weit und breit. Es ist ihre besondere Spezialit\u00e4t, f\u00fcr ein wenig Halt alles zu geben. Sich im Au\u00dfen feste Anker zu setzen, an denen auch der st\u00e4rkste Sturm nicht r\u00fctteln kann. Nur hat sie auf ihrem Erfolgsweg den Kontakt zu ihrer Seele verloren, sp\u00fcrt nicht, dass ihr das Essen, das sie ihr reicht, nicht bekommt, weil es zu fett ist. Dass sie sich nach etwas ganz anderem sehnt. Denn die Qualit\u00e4t kommt aus <em>Ich lebe! <\/em>und nicht aus <em>Ich muss!<\/em><\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p>Vor mir sitzt eine Frau, die vor lauter Pflichterf\u00fcllung nicht in die Lebendigkeit kommt und sich in der F\u00fcrsorge anderer verliert. Die sich nicht erlaubt, zu atmen und wichtig zu sein. Gef\u00fchlsregungen wie Freude oder Wut, die sich vor langer Zeit viel M\u00fche gaben, durch ihr schweres, gut gesichertes Lebenstor einzutreten, waren viel zu l\u00e4stig, zogen und zerrten unerbittlich an ihrer starren Form und wurden l\u00e4ngst in die W\u00fcste verbannt. Ihr sch\u00f6nes, ebenm\u00e4\u00dfiges Gesicht durfte noch nie in voller Bl\u00fcte stehen, zeigt sich regungslos und fahl. Ihre Lippen schmal und ohne Schwung, die Augen m\u00fcde, ausdruckslos. Haben verlernt zu strahlen. Die Anstrengung, mit der sie jeden einzigen Tag lebt, steht ihr mitten ins Gesicht geschrieben. Ihr Vertrauen in die eigene Kraft wurde nie aus dem Dornr\u00f6schenschlaf geholt, sodass sie sich im Beruf immer wieder neu beweisen muss. Bis zur k\u00f6rperlichen Ersch\u00f6pfung.<\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p>Sie opfert sich bedingungslos auf, wird von anderen ausgelaugt und ausgenutzt. Wie an einer Wei\u00dfwurst zutzeln sie an ihr, trinken eigenn\u00fctzig den fremden Lebenssaft, bedienen sich ungefragt und schamlos. Bis nur noch eine ausgetrocknete, por\u00f6se H\u00fclle bleibt.<\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p>Und trotzdem kann sie das Schicksal nicht abwenden. Denn nur, wer sich selbst in seinem Wert sp\u00fcrt, kann dem anderen wahrhaft helfen. Nur so kann ich die unreflektierte, selbstzerst\u00f6rende Anpassung absch\u00fctteln, kann ureigene Erfahrungen machen, handeln und daraus Kraft sch\u00f6pfen. Grenzen setzen und eigene Bed\u00fcrfnisse achten. Verantwortung f\u00fcr mich selbst ergreifen, um das Gl\u00fcck zu sp\u00fcren. Meiner Seele begegnen und sie mit vitaminreicher Kost verw\u00f6hnen. Gesund bleiben. Seelisch wie k\u00f6rperlich.<\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p>Pl\u00f6tzlich \u00fcberkommt mich ein Fr\u00f6steln. Mir bleibt die Luft weg, meine F\u00fc\u00dfe suchen den Boden. Ich muss kurz aufstehen, um sie wieder zu f\u00fchlen, drehe meinen K\u00f6rper zum Meer und atme es ein. Erfrische mich daran, um mich nicht in meiner Ber\u00fchrbarkeit zu verlieren. Zu sehr bin ich mit der Frau in Wei\u00df verwoben, zu sehr f\u00fchle ich wie sie. Das, was sie am Leben behindert, habe ich mit gro\u00dfer Anstrengung \u00fcberwunden. Denn uns verbindet ein und derselbe Stamm. Unsere weit verzweigten \u00c4ste wachsen gar nicht fern voneinander, ber\u00fchren sich manchmal sogar. Doch meine Wunden sind erst frisch verheilt. Ich muss sie in ihrer Gegenwart sch\u00fctzen, damit sie nicht wieder aufbrechen. Deshalb bin ich erleichtert, als sie aufsteht und leise geht.<\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p>Das Meer leckt mit salziger Zunge \u00fcber den Strand, wobei es fast unseren Tisch ber\u00fchrt. Unmittelbar erweckt es den Anschein, als wolle es sich an unserem Gespr\u00e4ch, auf dessen Fortgang es brennt, beteiligen. Schlie\u00dflich hat es auch eine Menge zu sagen. Dann kr\u00e4uselt es die Lippen, schwappt kraftvoll zur\u00fcck und entscheidet sich daf\u00fcr, seiner Rolle als aufmerksamer Zuh\u00f6rer treu zu bleiben. F\u00fcr eine gute Weile beobachte ich sein Wellenspiel, das nur allm\u00e4hlich gleichm\u00e4\u00dfiger wird. Bis ein glatter See entsteht, dessen aufkeimendes Funkeln in der Tiefe verborgene Kr\u00e4fte vermuten l\u00e4sst. Erleichtert gestattete ich der von dort ausgehenden Ruhe, auch in mir Platz zu nehmen und sich verschwenderisch zu verstr\u00f6men, sodass ich nach und nach meine urspr\u00fcngliche Fassung zur\u00fcckerlange und mich, in energetischer H\u00f6chstform befindend, wieder meinen G\u00e4sten zuwenden kann.<\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p>Freundlich l\u00e4chele ich ihnen zu und ermutige die Frau in schillerndem Bunt, das Wort zu ergreifen. Ihre Augen, die ebenso strahlen wie ihr Gewand, sind fest auf mich gerichtet. \u201eErz\u00e4hl mir von dir!\u201c, fordere ich sie ungeduldig auf, w\u00e4hrend ich aus den Augenwinkeln beobachte, wie die Frau in Wei\u00df in etwa zwanzig Meter Entfernung im Sand Platz nimmt, den schmalen R\u00fccken zu uns gewandt.<\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p>\u201eIch lebe meinen gr\u00f6\u00dften Traum und leite eine Schule im Osten Afrikas\u201c, beginnt die Frau in Bunt vorsichtig. \u201eDie Bildung der M\u00e4dchen liegt mir ganz besonders am Herzen.\u201c Dabei verr\u00e4t das Aufblitzen in ihren Augen, wie gl\u00fccklich sie dar\u00fcber ist. Erleichtert atme ich die angestaute Anspannung aus und sauge das Gl\u00fcck mit einem extrabreiten Strohhalm ein. Bis tief in meine Seele, die aufgeregt den festen, eisernen Mantel, der sich w\u00e4hrend der letzten Erz\u00e4hlung \u00fcber sie legte, abwirft. Gen\u00fcsslich streckt sie sich aus und beginnt dann, den neu gewonnenen Raum einnehmend, ausgelassen zu tanzen.<br \/>Best\u00e4tigt durch die positive Wirkung ihrer Worte, f\u00fchrt die Frau in Bunt ihren Bericht fort. \u201eNach einer abrupten Trennung von meinem Mann, die mir sehr zusetzte, weil sie alles Dagewesene umkehrte, wohnte ich zum ersten Mal allein und lernte in kleinen Schritten, dass die Verbindung zu mir selbst das Wichtigste im Leben ist. Das Einzige, das ich nicht verlieren kann. Ich erhielt einen befristeten Lehrauftrag an der Uni, der mich beruflich weiterbrachte, und unterrichtete danach drei Jahre an einer Deutschen Schule in S\u00fcdafrika. Dort lernte ich eine junge Frau kennen, die mich in ihr Heimatdorf einlud. Und so ergab eins das andere.\u201c<\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p>Die Frau in Schwarz blickt sie ein wenig ver\u00e4chtlich von der Seite an. Ich bemerke, wie sich ihre Fingern\u00e4gel in ihrem hochgeschlossenen Gewand, das einem bereits beim blo\u00dfen Anblick die Luft zum Atmen nimmt, vergraben. Ihre Mundwinkel unver\u00e4ndert nach unten gezogen und die schmalen Strichlippen fest aufeinandergepresst, schnappt sie pl\u00f6tzlich panisch nach Luft, nachdem zuvor keineswegs zu beobachten war, dass sie \u00fcberhaupt atmete. \u201eSie nimmt sich selbst nicht an. Ihr Atem ist gefangen und wei\u00df nicht, wo er hingeh\u00f6rt\u201c, denke ich still bei mir. \u201eSchlimmer noch, sie geht mit aller Kraft gegen sich selbst und vergiftet damit ihren K\u00f6rper und ihre Seele. Das blockiert ihr Wachsen.\u201c Und die fr\u00f6hlich tanzende Seele in mir wird massiv in ihre Schranken gewiesen, w\u00e4hrend die Frau in Schwarz bereits mit verbitterter Stimme weiterspricht. \u201eNicht jeder wird vom Leben mit derartig verlockenden Angeboten beschenkt\u201c, bemerkt sie, ohne sich die M\u00fche zu machen, den aufflackernden Neid in sich zu unterdr\u00fccken.<\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p>\u201eDas mag stimmen\u201c, entgegnet die wei\u00dfe Massai mit ruhiger Stimme und unbeirrbarem Blick. \u201eDoch meine Geschenke konnte ich nur annehmen und verwirklichen, weil ich mich gut darauf vorbereitet hatte\u201c, erkl\u00e4rt sie, ohne \u00fcberheblich zu wirken. \u201eAls ich nach meiner Trennung allein war, habe ich mir Zeit genommen, um mich mit mir selbst zu verbinden. Das war notwendig, damit sich die Tore f\u00fcr einen neuen Weg \u00f6ffnen konnten.\u201c<\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p>Die Frau in Schwarz horcht interessiert auf und fragt zaghaft nach: \u201eHattest du denn \u00fcberhaupt keine Angst vor dem Alleinsein?\u201c Eine ungewohnt sanfte Nuance in ihrer Stimme verr\u00e4t, dass sie vom Denken ins F\u00fchlen wechselt, was ihr nur in seltenen Momenten gelingt. Ihre hoch angespannten Nerven beginnen zu zittern, bringen ihren gesamten K\u00f6rper zum Beben, sodass sie sich kaum noch unter Kontrolle bringt. Sie sch\u00e4mt sich daf\u00fcr und senkt den Blick, ist sie doch allzu unge\u00fcbt darin, das Innerste nach au\u00dfen zu kehren.<\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p>Eigentlich ist sie die Meisterin der Selbstkontrolle. Ihre Gef\u00fchle h\u00e4lt sie seit Langem in einem inneren Hochsicherheitstrakt gefangen. Mit bleichen Gesichtern schlummern sie verk\u00fcmmert und vernachl\u00e4ssigt im finstersten Areal ihrer inneren R\u00e4ume. Einbetoniert. Fluchtversuche sinnlos.<\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p>Ihre \u00c4ngste sind oft nicht real. In alten Strukturen kann sie baden und entspannen wie in einem wohlig warmen, sprudelnden Whirlpool, h\u00e4lt krampfhaft an ihnen fest und begibt sich in selbstzerst\u00f6rerische Abh\u00e4ngigkeiten. Weil sie sich klein f\u00fchlt und nur darauf bedacht ist, die Bed\u00fcrfnisse anderer zu erf\u00fcllen, die sich an ihr festsaugen wie selbsts\u00fcchtige Zecken. Weil sie sich selbst regelm\u00e4\u00dfig \u00fcbersieht, ausradiert wie einen ungenauen Bleistiftstrich. Nachdem ihr Mann sie einst verlie\u00df, h\u00fcpft sie \u00fcbergangslos von einer Beziehung zur n\u00e4chsten, in der sie wie ein armes Pfl\u00e4nzchen verk\u00fcmmert, weil der Boden ausgetrocknet und n\u00e4hrstoffarm ist. Sie lebt ohne Kontakte, ohne Kinder und ohne Gef\u00fchle. Kommt nicht in ihre Kraft und Lebendigkeit. Kann weder am Leben teilhaben noch bei sich selbst sein.<\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p>Ich erschrecke vor dieser Frau, die mir erbarmungslos mit allen Zellen spiegelt, was aus mir geworden w\u00e4re, h\u00e4tte ich mich vor Jahren an einer Weggabelung des Lebens anders entschieden. Ein eiskalter Schauer erfasst mich und gibt mir das Gef\u00fchl, dass eine ganze Kompanie r\u00fchriger Ameisen auf parallel angelegten Stra\u00dfen mit gefrorenen F\u00fc\u00dfen \u00fcber meinen R\u00fccken krabbelt. Flie\u00dft unsere Lebensenergie doch durch ein- und dieselben Wurzeln in den gemeinsamen Stamm, der stolz unser weit verzweigtes Astwerk tr\u00e4gt. Auch wenn meine Zweige am entgegengesetzten Ende wachsen, so sind sie doch denen der Frau in Schwarz nicht un\u00e4hnlich, ja in Teilen sogar mit ihnen identisch, eine gemeinsame Identit\u00e4t formend.<\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p>Nach einer l\u00e4ngeren Pause, in der jede ihren eigenen Gedanken nachh\u00e4ngt, greift die wei\u00dfe Massai die von der Frau in Schwarz zuletzt gestellte Frage auf, die noch wie eine Feder in der k\u00fchlen Abendluft \u00fcber uns schwebt. \u201eNat\u00fcrlich hatte ich Angst\u201c, gesteht sie, \u201e\u00fcberm\u00e4chtige Angst sogar. Nur blieb mir in der Situation damals nichts anderes \u00fcbrig, als die Kraft in mir zu suchen, um die Angst zu \u00fcberwinden.\u201c<\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p>Die Frau in Schwarz erhebt sich. Mit blo\u00dfem Auge erkenne ich, dass das Blut in ihren Adern \u00fcbersch\u00e4umend aufkocht. Es f\u00e4llt ihr ungemein schwer, die K\u00e4figt\u00fcr zu ihren Gef\u00fchlen, die wie wild gewordene Schlangen giftig z\u00fcngelnd den Kopf heben, verschlossen zu halten. \u201eDann war deine Angst nicht ann\u00e4hernd so gro\u00df wie meine. Oder glaubst du, dass deine exotische Wegvariante die bessere ist?\u201c<\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p>Der Zorn funkelt aus ihren Augen. Und ein kleines bisschen Genugtuung breitet sich wie ein warmer Sommerregen in ihr aus, hat sie es doch gerade zum ersten Mal geschafft, die Wut nicht gegen sich selbst zu richten. \u201eWas unterscheidet uns denn voneinander? Du hast es im richtigen Moment geschafft, deine Angst zu besiegen. Doch sie ist l\u00e4ngst wieder da! Nun isst du dich an deiner st\u00e4ndigen Suche nach dem Besonderen satt und bist, ohne es zu bemerken, jeden Tag dabei, deine Sehns\u00fcchte durch das, was sich au\u00dferhalb von dir ereignet, zu erf\u00fcllen. Doch tief in deinem Herzen w\u00fcnschst du dir nichts mehr, als dass deine Seele so bunt schillert wie dein kitschiges Kleid!\u201c<\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p>Mit diesen Worten wendet sie sich von uns ab, entledigt sich ihres m\u00e4chtigen, viel zu eng und zu hoch geschn\u00fcrten Gewandes und springt kraftvoll in das salzige Nass, das sie weit bis zum Horizont forttr\u00e4gt und f\u00fcr uns nur noch stecknadelkopfgro\u00df herausblitzen l\u00e4sst.<\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p>Nur wenige Wellenbewegungen sp\u00e4ter sehe ich, wie die Frau in Wei\u00df aus ihrer Starre herausbricht und ebenfalls in das fast schwarz gef\u00e4rbte Meer eintaucht, das kurz davor ist, mit dem Dunkel der Nacht eins zu werden. Die wei\u00dfe Massai blickt mich mit ernsten Augen an und beginnt, unruhig auf ihrem Stuhl hin und her zu rutschen. Ich sp\u00fcre den starken Sog, den das Meer auch auf sie aus\u00fcbt. Das unb\u00e4ndige Verlangen, es den anderen beiden gleichzutun, um im Meer wieder mit ihnen zu verschmelzen, erfasst ihren gesamten K\u00f6rper und l\u00e4sst sich nicht l\u00e4nger deckeln. In der Gestalt hunderter kleiner Zungen saugen sich die Wellen an ihr fest und ziehen sie ganz sanft zu sich heran. Bis sie sich in den Fluten aufl\u00f6st.<\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p>Zur\u00fcck bleibe ich. Der einsame, feste Fels in der Brandung. An den Seiten leicht ausgeh\u00f6hlt, doch in der Mitte stabil. In mir brummen und surren die Worte dieses fantastischen Abends. Wie Musik klingen sie nach. Hinterlassen Spuren in mir, die begriffen werden wollen, damit sie fest ausgetreten und zu sicheren Wegen werden k\u00f6nnen.<\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p>Mit beiden F\u00fc\u00dfen stehe ich fest auf dem Boden. Die Energie flie\u00dft frei durch mich hindurch, macht mich lebendig und offen f\u00fcr den Kontakt mit meiner Seele. Ich schlie\u00dfe die Augen und konzentriere mich auf meinen Atem, der mir inneren Freiraum schenkt, meinen Platz und damit Raum im Leben einnehmen l\u00e4sst. Auf seinem Weg durch meinen K\u00f6rper nimmt er alle Gef\u00fchle auf in seinen Strom, damit sie gelebt werden k\u00f6nnen. Vielleicht muss man erst einen Teil von sich verlieren, um ihn dann wiederzufinden.<\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p>Ich erfahre, handle und entscheide, habe einen offenen und ehrlichen Weg gew\u00e4hlt, in Freiheit und Unabh\u00e4ngigkeit. Ich habe gelernt, Beziehungen einzugehen, ohne mich selbst zu verlieren. Mit schmerzlichen und gl\u00fcckvollen Wegstrecken.<\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p>Doch das Lernen geht weiter, es ist nur eine Rast, nicht das Ziel. Mir scheint, dass die Tage wertvoller geworden sind. In goldenes Licht getunkt, in dem die Seele wohnt und ruht.<\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p>Besonnen richte ich meinen Blick auf das endlose, bezaubernde Meer. Den Ursprung allen Lebens. Beobachte staunend meine Seele, die zum Rhythmus der Wellen tanzt. Die sich kristallklar und zart schimmernd ihre B\u00fchne erobert. Sich in die Seelen der drei Frauen ebenso bindet wie in das Funkeln des Meeres. Atemberaubend sch\u00f6n.<\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p>Gef\u00fchle wie Rache und Strafe sind ihr unbekannt. Zu einfach. Zu menschlich. Deshalb habe ich Nachsicht mit mir selbst. Mit all meinen Um- und Irrwegen, die mich zu der geformt haben, die ich heute bin.<\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p>Denn die Seele bewertet nicht und verzeiht alles.<\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p class=\"has-text-align-right\">Claudia L\u00fcer<br \/><a href=\"https:\/\/www.verdichtet.at\/?p=14596\">Informationen zu Ver\u00f6ffentlichungen und Buchbestellungen<\/a><\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p class=\"has-text-align-right\">www.verdichtet.at |\u00a0Kategorie: <a href=\"http:\/\/www.verdichtet.at\/?page_id=418\">hardly secret diary<\/a> | Inventarnummer: 25130<\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p>&nbsp;<\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p>&nbsp;<\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p>&nbsp;<\/p>\r\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Ist wirklich schon so viel Zeit vergangen? \u00dcber meine pl\u00f6tzliche Verunsicherung und die regelm\u00e4\u00dfig wiederkehrenden Unvorhersehbarkeiten des Lebens staunend, setze ich mich an einen fein gedeckten Tisch am Meer und stelle fest, dass ich doch nicht vor allem gefeit bin, auch nach den vielen Jahren nicht. Aber was w\u00e4re das Leben ohne neue Herausforderungen, mit [&hellip;]<\/p>\n","protected":false},"author":4,"featured_media":0,"comment_status":"open","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[170],"tags":[36],"class_list":["post-20352","post","type-post","status-publish","format-standard","hentry","category-lueer-claudia","tag-hardly-secret-diary"],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/www.verdichtet.at\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/20352","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/www.verdichtet.at\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/www.verdichtet.at\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.verdichtet.at\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/users\/4"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.verdichtet.at\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcomments&post=20352"}],"version-history":[{"count":6,"href":"https:\/\/www.verdichtet.at\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/20352\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":22613,"href":"https:\/\/www.verdichtet.at\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/20352\/revisions\/22613"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/www.verdichtet.at\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fmedia&parent=20352"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.verdichtet.at\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcategories&post=20352"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.verdichtet.at\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Ftags&post=20352"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}