{"id":18203,"date":"2024-05-28T15:49:02","date_gmt":"2024-05-28T15:49:02","guid":{"rendered":"http:\/\/www.verdichtet.at\/?p=18203"},"modified":"2024-08-17T13:53:54","modified_gmt":"2024-08-17T13:53:54","slug":"dobratsch","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.verdichtet.at\/?p=18203","title":{"rendered":"Dobratsch"},"content":{"rendered":"<div class=\"pdfprnt-buttons pdfprnt-buttons-post pdfprnt-top-right\"><a href=\"https:\/\/www.verdichtet.at\/index.php?rest_route=wpv2posts18203&print=pdf\" class=\"pdfprnt-button pdfprnt-button-pdf\" target=\"_blank\"><\/a><a href=\"https:\/\/www.verdichtet.at\/index.php?rest_route=wpv2posts18203&print=print\" class=\"pdfprnt-button pdfprnt-button-print\" target=\"_blank\"><\/a><\/div><p>Thomas steigt den Dobratsch hinauf. Es ist ein warmer Augusttag. Er ist allein \u2013 mit dem Berg und dem Himmel dar\u00fcber. Seinen Volvo S60 hat er auf einem \u00f6ffentlichen Parkplatz in der Ebene abgestellt. Allein bis zum Fu\u00df des Berges waren es einige Kilometer, aber das macht nichts, im Gegenteil \u2013 er geht gerne. Tom hat es sich angew\u00f6hnt, weite Strecken zu Fu\u00df zur\u00fcckzulegen. Zu Fu\u00df findet er es am besten, man lernt die Gegend genauestens kennen, man nimmt am meisten auf \u2013 weil es die langsamste Fortbewegungsm\u00f6glichkeit ist. Bereits wenn man mit dem Fahrrad unterwegs ist, \u00fcbersieht man einiges. Und man kann richtig schnell werden \u2013 wenn man einen Berg hinunterf\u00e4hrt, man k\u00e4mpft dann damit, das Rad auf dem Untergrund zu halten, es ist gef\u00e4hrlich. Nat\u00fcrlich, das ist ein eigener Thrill, fr\u00fcher hat er sich dem auch \u00f6fters ausgesetzt, aber jetzt will er ihn eher nicht mehr. Er f\u00e4hrt ja auch nicht umsonst einen Volvo \u2013 dazu ist zu sagen, dass er sich am liebsten den S80 zugelegt h\u00e4tte, aber den hat sein Chef, und seinen Chef soll man ja nie \u00fcbertrumpfen. Ja, so ist das. Tom klettert auch nicht auf Berge, er wandert auf sie.<\/p>\n<p>Heute ist es eben der Dobratsch. \u201eDobratsch\u201c ist der slowenische Name, es gibt noch einen deutschen, und zwar \u201eVillacher Alpe\u201c. Der Volksmund bezeichnet den Berg meist aber als Dobratsch. Tom ist schon vor dem Morgengrauen losgegangen. Fast niemand wandert von ganz unten den Berg hinauf. Tom tut es. Da muss man sich seinen eigenen Weg suchen. Es gibt eine Stra\u00dfe, die bis auf \u00fcber 1700 Meter hinauff\u00fchrt, sie ist mautpflichtig, dann kann man unterschiedliche Wanderwege nehmen bis zum Gipfel in 2166 Metern Seeh\u00f6he. Das ist Bergwandern in der Light-Variante. F\u00fcr Tom ist das gar nichts.<\/p>\n<p>W\u00e4hrend er Fu\u00df vor Fu\u00df setzt, f\u00e4llt ihm ein, wie er als Jugendlicher auf diesem Berg Schifahren war, einige Male, mindestens einmal auch in einem Kurs, fr\u00fcher war es ein popul\u00e4res Schigebiet. Einmal fuhr sein Vater in ihrem Ford Taunus, am Beifahrersitz die Mutter, hinten links Tom und neben ihm seine kleine Schwester, im Winter. Links und rechts der Stra\u00dfe waren Schneew\u00e4nde, zirka 2,5 Meter hoch. Die Stra\u00dfe wurde mit einer Schneefr\u00e4se mit schr\u00e4gem Auswurf sozusagen herausgeschnitten. Dem Vater hat das gefallen, und Tom auch.<\/p>\n<p>Inzwischen gibt es hier kein Schigebiet mehr. Die Liftanlagen sind abgebaut. Tourengeher nutzen die alten Abfahrten gern. Aber das sind ein paar vereinzelte Leute im Winter, fr\u00fcher waren es tausende.<\/p>\n<p>Der Berg ragt heraus, er ist hoch. Darum geht es Tom, ihn mit eigener Muskelkraft zu begehen. Es ist kein Streit, der Berg gegen ihn, er gegen den Berg. Im Gegenteil, es ist eine Symbiose. Es soll gar nicht gef\u00e4hrlich sein. Das reine Naturerlebnis, so ist es gedacht.<\/p>\n<p>\u201eDas willst du dir ja wohl selbst weismachen. Du wei\u00dft, dass es nicht stimmt. Die Strecken, die du heute gehst, bist du vor zwanzig Jahren gelaufen. Du bist ganz einfach alt geworden\u201c, sagt eine Stimme in Tom. Es ist eine Wiederholung, eine Denkschleife, zum zweiten Mal gedacht. Die Stimme kann schon im Recht sein, \u00fcberlegt er. Er ist jetzt 45. Wahrscheinlich ist es dasselbe Prinzip, nach dem sich Frauen ab 40 f\u00fcr Gartenarbeit interessieren. Melissa, seine Frau, ist seit drei Jahren sehr aktiv im Garten. Sie ist jetzt 43. Eine korrigierende innere Stimme ist nichts Schlechtes, r\u00e4soniert Tom. Sie h\u00e4lt einen in der Spur.<\/p>\n<p>Man beschr\u00e4nkt sich darauf, was m\u00f6glich ist. Das Alter sch\u00e4rft den Realit\u00e4tssinn und macht einen abgekl\u00e4rt. Gleichzeitig ist einem bewusst, dass die sch\u00f6nen Tr\u00e4ume sich nicht erf\u00fcllen werden. Man h\u00f6rt auf, sie zu tr\u00e4umen.<\/p>\n<p>Aber das ist alles jetzt egal. Warum eigentlich begibt Tom sich in den negativen Bereich, wenn er mit sich selbst Zwiesprache h\u00e4lt? Wohl der geborene Pessimist, anders kann es nicht sein. Nicht weiterdenken, ruft Tom sich selbst in die Gegenwart zur\u00fcck. Er ist schon einiges an H\u00f6henmetern zur\u00fcckgelegt. Die Sonne ist hei\u00df, dieses Jahr besonders hei\u00df, da k\u00fchlende Sonnenflecken fehlen, ein bisschen schwei\u00dftreibend. Er setzt sich ins Gras, trinken und ein Brot essen.<\/p>\n<p>Was haben seine Freunde und er fr\u00fcher bei einem Grashang gemacht? Sie sind ihn hinabgerollt, die Drehachse f\u00fchrte durch den eigenen K\u00f6rper. \u201eAber ich bin alt. Ich mache das nicht mehr\u201c, weist ihn die korrigierende innere Stimme zurecht. \u201eIch will aber nicht alt sein\u201c, sagt die unvern\u00fcnftige, spa\u00dfige innere Stimme. Und nat\u00fcrlich gewinnt diese die Oberhand.<\/p>\n<p>Tom legt sich ins Gras und dreht sich, einmal, zweimal, dreimal, unz\u00e4hlige Male, er beschleunigt. Zwischendurch schlie\u00dft er immer wieder die Augen. Und pl\u00f6tzlich sp\u00fcrt er kein Gras mehr unter sich, auch keinen anderen Untergrund. Er befindet sich in der Luft. Das ist der Bergsturz des Dobratsch. Die S\u00fcdostflanke ist abgebrochen. Mehr als tausend Meter nacktes Gestein. Und Tom fliegt daneben herab.<\/p>\n<p>Ich sterbe, ich werde sterben, denkt er. Die Zeit dehnt sich jetzt. Zeitlupe. \u201eWillst du leben? Ich gebe dir die Gelegenheit dazu\u201c, Tom h\u00f6rt die Stimme laut. \u201eJa, will ich. Was muss ich daf\u00fcr tun?\u201c, schreit er. \u201eJemand aus deiner Familie muss an deiner Stelle sterben. Vielleicht dein Sohn?\u201c, schl\u00e4gt die Stimme vor. \u201eMaxi? Niemals\u201c, schreit Tom. \u201eDu musst dich entscheiden, Thomas\u201c, dr\u00f6hnt die Stimme, du stirbst oder jemand f\u00fcr dich. Nenn einen Namen, sonst erwischt es dich.\u201c \u201eMelissa!\u201c, schreit Tom.<\/p>\n<p>Augenblicklich wird sein Fall gebremst. Komprimierte Luft tr\u00e4gt ihn hinunter, und Wolken verstecken ihn, dass niemand sehen kann, welch unnat\u00fcrliches Ereignis hier passiert. Schlie\u00dflich liegt Tom in einem Maisfeld. Der Mais steht hoch. Um ihn sind einige Stauden geknickt. Kurz rastet er. Er realisiert: Er hat \u00fcberlebt. Dann steht er auf. Der Dobratsch ragt vor ihm in die H\u00f6h. Sein Rucksack fehlt, dadurch wei\u00df er, dass der Sturz und das ihn Hinunterheben keine Halluzination waren, sondern sich wirklich ereignet haben.<\/p>\n<p>Jemand hat ihn gerettet. Wer? Ein Engel sicherlich nicht, der fordert nicht daf\u00fcr das Leben eines anderen. Der andere, den man gut kennt? Eher nat\u00fcrlich. Die Stimme des Mephistopheles, und er war Dr. Heinrich Faust. Aber die Stimme hat nicht nach seiner Seele verlangt.<\/p>\n<p>Thomas f\u00fchlt sich unwohl. Er sch\u00e4mt sich. Er hat sich als sch\u00e4biger Feigling erwiesen. Seine Frau ist f\u00fcr die Kinder viel wichtiger als er. Maxi, 17, Sopherl, 15, sie sind noch nicht selbst\u00e4ndig. Er m\u00fcsste neben der Arbeit den Haushalt f\u00fchren. Wie sollte das gehen? Er hat keinen 8\/17- B\u00fcrojob. Er war Projektmanager, viele \u00dcberstunden, \u00f6fters Reisen, st\u00e4ndig auf Abruf sein. Er m\u00fcsste \u2026<\/p>\n<p>Er m\u00fcsste vieles. Ja, das ist klar. Aber als Erstes m\u00fcsste er einmal nach Hause gelangen. Er orientiert sich, der Berg, die Sonne, dort ist eine Stra\u00dfe. An dieser Stra\u00dfe hat er sein Auto abgestellt. Aber war das nun in Richtung weiter vorm Berg weg oder n\u00e4her zu ihm, links zu gehen oder rechts? Es m\u00fcsste die rechte Seite sein, er ist jetzt n\u00e4her, kein allzu weiter Weg, vielleicht drei, vier Kilometer. Tom tastet nach seinem Schl\u00fcsselbund im rechten vorderen Hosensack. Er nimmt ihn heraus, Haustorschl\u00fcssel, Wohnungsschl\u00fcssel, Aufzugsschl\u00fcssel, Firmenschl\u00fcssel, Autoschl\u00fcssel, sogar mit einem Volvo-Schl\u00fcsselanh\u00e4nger, alles vorhanden. Auch die Brieftasche im rechten hinteren Hosensack ist komplett, Geld, F\u00fchrerschein, Zulassungsschein, Karten, alles hier.<\/p>\n<p>Tom geht am Rand des Feldes, dann \u00fcber eine Wiese, dann ist er an der Stra\u00dfe angelangt, und jetzt nach rechts. Zuhause w\u00fcrden ihn zwei Teenager erwarten, wahrscheinlich in Angst und Schrecken, weil die Mutter bei einem h\u00e4uslichen Unfall gestorben ist. Vielleicht ist sie auch im Auto verungl\u00fcckt, und die Kinder wissen noch nichts davon. Am Leben ist sie nicht mehr, Tom zweifelt keine Sekunde daran, dass es die Stimme ernst gemeint hat. Gut, sie hat ihm das Leben gerettet, aber so etwas d\u00fcrfte doch nicht passieren, auf keinen Fall d\u00fcrfte es das, dass jemand anderer f\u00fcr einen stellvertretend stirbt. Das ist doch sicherlich schon millionenfach geschehen. Das ver\u00e4ndert doch viel, sehr viel. H\u00e4tte Melissa umgekehrt ihn sterben lassen? Im ersten Moment w\u00fcrde Tom antworten: Nein, auf keinen Fall. Aber wenn jemand wirklich ganz kurz vor dem Tod steht, wei\u00df man absolut nicht, wie er reagiert. Tom jedenfalls, das ist unbestreitbar, hat Melissa sterben lassen.<\/p>\n<p>Aber, nun andererseits, ist es nicht so, dass Menschen, die ihr Leben retten, bei Flugzeugungl\u00fccken beispielsweise, \u00fcber andere steigen, sie abdr\u00e4ngen, h\u00e4ssliche Dinge tun? Nur der Starke, R\u00fccksichtslose \u00fcberlebt. Ist es nicht so? Doch, das ist so. Trotz allem, seine eigene Frau f\u00fcr sich zu opfern, die geliebte eigene Frau? Was sollte Tom sagen? Es ist bereits passiert. Er muss nach vorn schauen.<\/p>\n<p>In der Ebene ist die Sonne hei\u00dfer. Zus\u00e4tzlich strahlt der Asphalt Hitze zur\u00fcck. Tom geht auf der linken Stra\u00dfenseite. Die Autos w\u00fcrden auf ihn zukommen. Es sind drei Autos, lediglich drei, bis er den Parkplatz erreicht hat. Einige Autos stehen dort, auch zwei Motorr\u00e4der. Doch wo ist sein Volvo? Tom sieht ihn nicht. Der Volvo ist hellblau \u2013 Celeste, eine seltene Farbe, in Metallic, er w\u00fcrde geradezu herausleuchten \u2013 wenn er denn hier w\u00e4re.<\/p>\n<p>Das Auto ist aber nicht hier, zweifelsohne. Tom erinnert sich genau, auf welchem Platz er es abgestellt hat. Dieser Platz ist leer. So wie es aussieht, gibt es das Auto nicht mehr.<\/p>\n<p>Und jetzt? Wie kommt er jetzt nach Hause? Er hat kein Handy mit, um jemand anzurufen, der ihn fahren k\u00f6nnte. Manni h\u00e4tte sich angeboten, der hat keine Familie, ein paar Biere mit ihm hintennach in einem Lokal getrunken, Manni h\u00e4tte Unterhaltung und w\u00e4re zufrieden. Warum hat Tom kein Handy mit? Er hat ein Dual-SIM-Handy, zwei SIM-Karten \u2013 eine beruflich, eine andere f\u00fcr private Angelegenheiten. Nur ist es so, dass ihn h\u00e4ufig Gesch\u00e4ftspartner anrufen, zu jeder Tageszeit, wochentags oder am Wochenende, das ist ihnen egal. Es ist wohl m\u00f6glich, die beruflichen Kontakte zu blocken, doch wenn die das merken w\u00fcrden, w\u00e4re es schlecht. Schon seit langem will sich Tom darum ein zweites, privates Handy zulegen, aber bislang hat er es nicht getan. Sein einziges hat er zuhause liegen lassen, um wenigstens heute bei der Bergtour seine Ruhe zu haben.<\/p>\n<p>Telefonzelle? Ist fast immer kaputt, au\u00dferdem ist hier keine. Au\u00dferdem hat Tom Mannis Nummer oder eine andere nicht im Kopf.<\/p>\n<p>Taxi? Das hier ist eine l\u00e4ndliche Gegend, zwar nicht weit von der Stadt Villach entfernt, aber dennoch \u2013 Land.<\/p>\n<p>Autostoppen? Es ist wenig Verkehr, aber immerhin etwas, ungef\u00e4hr ein Auto alle zehn Minuten, ja, das kommt hin. Trotzdem, mit 45 den Daumen raushalten, das ist peinlich. Nein, das ist keine Alternative.<\/p>\n<p>Die einzige M\u00f6glichkeit ist: der Postbus. Tom ist sich nicht ganz sicher, aber er vermutet stark \u2013 weil er mit diesem Bus vor einigen Jahren schon einmal in dieser Gegend gefahren ist \u2013, dass eine Haltestelle an der Bundesstra\u00dfe sein m\u00fcsste, die diese Landstra\u00dfe quert, in der Richtung, aus der er zu Fu\u00df gekommen ist.<\/p>\n<p>Er geht also zur\u00fcck. Hei\u00df, aber was hilft es? Schritt um Schritt unter der Sonnenglut. Nach einer guten halben Stunde hat er die Bundesstra\u00dfe erreicht. Und jetzt kommt die Frage auf \u2013 links oder rechts? Wo sitzt das Herz? Okay, also rechts.<\/p>\n<p>Also nach rechts, Fu\u00df vor Fu\u00df, die Sonne steil im Nacken, staubig ist die Bundesstra\u00dfe. Meter f\u00fcr Meter. Hoffentlich bin ich hier richtig, denkt Tom. Doch, ja, in der Ferne taucht schon die gl\u00e4serne \u00dcberdachung mit der Sitzbank und dem Haltestellenzeichen auf. Wie Tom sich n\u00e4hert, wird die Haltestelle gr\u00f6\u00dfer. Jetzt ist er angelangt. Um 15:12 Uhr kommt der Bus Richtung Villach. Auf Toms Armbanduhr ist es 14:45 Uhr. In Ordnung, er setzt sich auf die Bank. Er ist in der prallen Sonne. Die Sonne kann man nicht vertreiben, man kann nur den Standort wechseln, um ihr auszuweichen. Aber Tom hat m\u00fcde Beine, er bleibt, wo er ist.<\/p>\n<p>Tom wartet, die Minuten vergehen. Warteminuten sind Minuten ohne Sinn, denkt Tom. Sie haben keinen Inhalt, sie vergehen blo\u00df. Doch das tun sie zuverl\u00e4ssig, tick \u2013 tick \u2013 tick. Ein Auto kommt von rechts, 14:55 Uhr. Tom sieht geradeaus, die Landschaft ist ein unbewegtes Bild, 15:00 Uhr. Jetzt steht Tom doch auf, geht hin und her, nirgendwo Schatten, 15:05 Uhr. Er sieht einem Schmetterling beim Flattern zu, 15:10 Uhr. Rumms \u2013 rumms \u2013 rumms, 15:11 Uhr, der Postbus naht von links. Tom steigt ein, zahlt, der Bus f\u00e4hrt an, Tom setzt sich. Er ist Passagier Nummer drei, Nummer eins ist eine alte Dame, Nummer zwei ist ein Teenie-M\u00e4dchen. Es ist k\u00fchl \u2013 Klimaanlage \u2013 optimal!<\/p>\n<p>Der Postbus f\u00e4hrt an Wiesen, Feldern und H\u00e4usern vorbei. Mit Fortschreiten der Zeit werden es mehr H\u00e4user und weniger Land, schlie\u00dflich gar kein Land mehr, die Stadt Villach ist erreicht. Der Bus f\u00e4hrt durch die Stadt, beim Busbahnhof ist Endstation. Tom erkundigt sich beim Fahrer, welcher Bus nach Klagenfurt f\u00e4hrt, dort muss er hin, dort lebt er. Der Fahrer zeigt ihm die Haltestelle. \u201eUnd wann f\u00e4hrt er los?\u201c, fragt Tom. \u201eUm 16:50 Uhr\u201c, sagt der Fahrer.<\/p>\n<p>Es ist noch Zeit. Tom kehrt in einem Lokal ein, bestellt ein gro\u00dfes Cola. Er trinkt in gro\u00dfen Schlucken. Jetzt noch einen Verl\u00e4ngerten. Die Kellnerin kommt anscheinend aus einem fr\u00fcher jugoslawischen Land, sie ist dunkel und hat \u00fcberall Sommersprossen. Es sieht gut aus. \u201eAber ist das normal?\u201c, fragt sich Tom. Fragt er sich, doch nicht \u2013 scherzhaft \u2013 die Kellnerin. Er ist nicht in Stimmung daf\u00fcr. Nat\u00fcrlich nicht \u2013 er hat gerade seine Frau verloren. Er hat sie get\u00f6tet \u2013 um es zu pr\u00e4zisieren.<\/p>\n<p>Er bl\u00e4ttert ein wenig in der Kronen Zeitung. Er sieht gerade vor sich hin. Er holt sich den Kurier. Tom will nicht \u00fcber seine Situation nachdenken, auf gar keinen Fall will er das. Es wird schlimm genug sein, wenn er zuhause sein wird, die aufgel\u00f6sten Kinder sieht und die Frau eben nicht, weil sie tot ist. Sie werden seine Frau, die Mutter der Kinder betrauern und \u2013 dann wird es weitergehen. Weil es immer weitergeht. Weil die Erde nicht aufh\u00f6rt, sich zu drehen, wenn ein Ungl\u00fcck geschieht.<\/p>\n<p>So, jetzt aber weiter, bittesch\u00f6n! Es ist knapp vor dreiviertel f\u00fcnf. Tom geht zur Theke, hinter der die Kellnerin steht, zahlt dort. Dann macht er gro\u00dfe Schritte zum Postbus, l\u00f6st eine Fahrkarte, hier sind mehr Leute, setzt sich links ans Fenster. Der Fahrer schlie\u00dft die T\u00fcren und f\u00e4hrt los.<\/p>\n<p>Aus der Stadt wird wieder Land, ein sehr sch\u00f6nes Land, es kommen Velden, P\u00f6rtschach, Krumpendorf, die Orte an der Nordseite des W\u00f6rthersees, gerade paradiesisch \u2013 wenn man nur die Fassade betrachtet. In der Villacher Stra\u00dfe, am Ende des Lendkanals, steigt Tom aus.<\/p>\n<p>Nun wird er seinem Schicksal entgegentreten. Es sind nur hundert Meter, im Rothauer Hochhaus, dort ist die Wohnung seiner Familie, besser gesagt: ein Penthouse. Es ist ein richtiges Haus auf dem Flachdach des Hochhauses, ein Bungalow mit 210 Quadratmetern, mit riesiger Dachterrasse. Tom geht durch die unversperrte Eingangst\u00fcr im Erdgescho\u00df. Er dr\u00fcckt den Knopf, der den rechten Lift ruft, der Fahrg\u00e4ste ab dem achten Stock nach oben transportiert.<\/p>\n<p>Jetzt wird es hell im Liftschacht, der Lift ist hier. Tom \u00f6ffnet die T\u00fcr und tritt ein. Er nimmt seinen Schl\u00fcsselbund in die Hand, w\u00e4hlt den Aufzugsschl\u00fcssel. Er will ihn in das passende Schloss stecken, damit der Lift \u00fcber das oberste Stockwerk hinauf in das Penthouse f\u00e4hrt \u2013 nur die Mitglieder seiner Familie haben diesen Schl\u00fcssel \u2013, aber da ist kein Schloss. Tom sieht ganz genau hin \u2013 es gibt kein Schloss, es ist einfach nicht vorhanden. Der Aufzugsschl\u00fcssel hat keine Funktion mehr. Tom dr\u00fcckt den obersten Liftknopf. Das ist\u00a0 Nummer 14. Der Lift bewegt sich aufw\u00e4rts. Eine gleichm\u00e4\u00dfige Bewegung, niemand steigt zu, dann bleibt der Lift stehen. 14. Stock, Tom steigt aus dem Lift. An einer der vier Wohnungst\u00fcren steht \u201eSchurrer\u201c. Das ist Toms Nachname. Der Wohnungsschl\u00fcssel sperrt. Tom tritt in seine Wohnung.<\/p>\n<p>Die Wohnung ist penibel aufger\u00e4umt. K\u00fcche, zwei Zimmer, Bad und WC sowie ein Balkon. Maxi und Sopherl haben je ihr eigenes Zimmer. Ja, wirklich? In dieser Wohnung gibt es keine Zimmer von Jugendlichen, und nichts in dieser Wohnung l\u00e4sst darauf schlie\u00dfen, dass hier Jugendliche leben, \u00fcberhaupt gar nichts. Es ist anscheinend ein Singlehaushalt.<\/p>\n<p>Toms Handy liegt auf der Kommode im Schlafzimmer. Unter seiner Dienstnummer sind f\u00fcnf Anrufe und drei WhatsApp-Nachrichten eingegangen, doch das interessiert jetzt nicht. Auf seiner privaten Nummer nichts eingegangen. Tom sucht die Namen seiner Kinder \u2013 Max, Sophie \u2013, kein Eintrag.<\/p>\n<p>\u201eMaxi, Sopherl, wo seid ihr?\u201c, schreit er. \u201eEs gibt sie nicht\u201c, sagt die Stimme, die eine m\u00e4nnliche ist. \u201eAber warum denn nicht? Melissa hat doch sterben sollen\u201c, schreit Tom weiter. \u201eSie ist auch gestorben\u201c, sagt die Stimme. \u201eJa, aber warum sind dann die Kinder nicht hier?\u201c, fragt Tom schreiend. \u201eWeil sie vor zwanzig Jahren gestorben ist\u201c, sagt die Stimme. \u201eAber, das darf doch nicht sein\u201c, schreit Tom. \u201eWieso? Vom Zeitpunkt ihres Todes war nicht die Rede\u201c, sagt die Stimme.<\/p>\n<p>Tom sitzt auf dem Doppelbett, das Handy liegt rechts neben ihm. Er wirkt wie jemand, der seine ganze Welt verloren hat. Er hat ja auch nur noch seine Arbeit, die kleine Wohnung und sich selbst. Er hat drei Leben ausgel\u00f6scht. Drei Leben f\u00fcr eines, f\u00fcr seines, neutral betrachtet, war das ein schlechter Tausch.<\/p>\n<p>\u201eKann ich es wieder gutmachen?\u201c, fragt Tom, etwas unter normaler Lautst\u00e4rke. \u201eWie meinst du?\u201c, erkundigt sich die Stimme. \u201eJa, mein Leben f\u00fcr das von Melissa, Max und Sophie. Ich bin beim Absturz vom Dobratsch gestorben\u201c, erkl\u00e4rt er. \u201eNat\u00fcrlich, das ist m\u00f6glich\u201c, sagt die Stimme. \u201eWenn du das willst, schnippe dreimal mit Mittelfinger und Daumen der rechten Hand.\u201c<\/p>\n<p>Ich habe mehr zu gewinnen, als zu verlieren, denkt Tom. Schnipp \u2013 schnipp \u2013 schnipp.<\/p>\n<p>Er sitzt auf dem Sofa im Fernsehraum des Penthouses. Melissa steht auf der Terrasse und sieht hinunter. Maxi sitzt neben ihm und bl\u00e4ttert in einem Buch. Sopherl setzt sich auf ihren Vater, sie setzt sich durch ihn hindurch und schaltet den Fernseher ein. \u201eWo bleibt nur Papa?\u201c, fragt sie. \u201eAch, der wird schon bald kommen\u201c, sagt Maxi. \u201eMama h\u00e4lt nach dem Volvo Ausschau, wie ich sie kenne.\u201c<\/p>\n<div id=\"attachment_18202\" style=\"width: 610px\" class=\"wp-caption aligncenter\"><a href=\"http:\/\/www.verdichtet.at\/wp-content\/uploads\/2024\/05\/Der-Dobratsch-mit-dem-Sendeturm-von-N\u00f6tsch-gesehen-Nahaufnahme-bearbeitet.jpg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" aria-describedby=\"caption-attachment-18202\" class=\"size-full wp-image-18202\" src=\"http:\/\/www.verdichtet.at\/wp-content\/uploads\/2024\/05\/Der-Dobratsch-mit-dem-Sendeturm-von-N\u00f6tsch-gesehen-Nahaufnahme-bearbeitet.jpg\" alt=\"Der Dobratsch mit dem Sendeturm, von N\u00f6tsch gesehen, Nahaufnahme, bearbeitet\" width=\"600\" height=\"400\" srcset=\"https:\/\/www.verdichtet.at\/wp-content\/uploads\/2024\/05\/Der-Dobratsch-mit-dem-Sendeturm-von-N\u00f6tsch-gesehen-Nahaufnahme-bearbeitet.jpg 600w, https:\/\/www.verdichtet.at\/wp-content\/uploads\/2024\/05\/Der-Dobratsch-mit-dem-Sendeturm-von-N\u00f6tsch-gesehen-Nahaufnahme-bearbeitet-300x200.jpg 300w\" sizes=\"auto, (max-width: 600px) 100vw, 600px\" \/><\/a><p id=\"caption-attachment-18202\" class=\"wp-caption-text\">Der Dobratsch mit dem Sendeturm, von N\u00f6tsch gesehen, Nahaufnahme, bearbeitet<\/p><\/div>\n<p style=\"text-align: right;\">Johannes Tosin<br \/>\n(Text und Foto)<\/p>\n<p style=\"text-align: right;\">www.verdichtet.at |\u00a0Kategorie: <a title=\"Que ser\u00e1, ser\u00e1?\" href=\"http:\/\/www.verdichtet.at\/?page_id=5450\">Perfidee<\/a> | Inventarnummer: 24126<\/p>\n<p><em>\u00a0<\/em><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Thomas steigt den Dobratsch hinauf. Es ist ein warmer Augusttag. Er ist allein \u2013 mit dem Berg und dem Himmel dar\u00fcber. Seinen Volvo S60 hat er auf einem \u00f6ffentlichen Parkplatz in der Ebene abgestellt. Allein bis zum Fu\u00df des Berges waren es einige Kilometer, aber das macht nichts, im Gegenteil \u2013 er geht gerne. Tom [&hellip;]<\/p>\n","protected":false},"author":4,"featured_media":0,"comment_status":"open","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[117],"tags":[123],"class_list":["post-18203","post","type-post","status-publish","format-standard","hentry","category-tosin-johannes","tag-perfidee"],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/www.verdichtet.at\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/18203","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/www.verdichtet.at\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/www.verdichtet.at\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.verdichtet.at\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/users\/4"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.verdichtet.at\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcomments&post=18203"}],"version-history":[{"count":4,"href":"https:\/\/www.verdichtet.at\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/18203\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":18563,"href":"https:\/\/www.verdichtet.at\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/18203\/revisions\/18563"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/www.verdichtet.at\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fmedia&parent=18203"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.verdichtet.at\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcategories&post=18203"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.verdichtet.at\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Ftags&post=18203"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}