{"id":16419,"date":"2023-08-05T15:52:37","date_gmt":"2023-08-05T15:52:37","guid":{"rendered":"http:\/\/www.verdichtet.at\/?p=16419"},"modified":"2023-11-25T14:59:20","modified_gmt":"2023-11-25T14:59:20","slug":"365-sekunden-von-dem-untergang","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.verdichtet.at\/?p=16419","title":{"rendered":"365 Sekunden vor dem Untergang"},"content":{"rendered":"<div class=\"pdfprnt-buttons pdfprnt-buttons-post pdfprnt-top-right\"><a href=\"https:\/\/www.verdichtet.at\/index.php?rest_route=wpv2posts16419&print=pdf\" class=\"pdfprnt-button pdfprnt-button-pdf\" target=\"_blank\"><\/a><a href=\"https:\/\/www.verdichtet.at\/index.php?rest_route=wpv2posts16419&print=print\" class=\"pdfprnt-button pdfprnt-button-print\" target=\"_blank\"><\/a><\/div><p><span style=\"text-decoration: underline;\">365 Sekunden vor dem Untergang<\/span><\/p>\n<p>Die Tage sind gez\u00e4hlt. 1, 2, 3. In drei Tagen, am 23. Juni um 19:42 Uhr Ortszeit, wird ein Komet, der sich von der Oortschen Wolke, welche die Erde vor zwei Millionen Jahren passierte, gel\u00f6st hat, mit der Erde kollidieren. Dieser Komet wird in den Medien als Hades-13 bezeichnet, sein Durchmesser betr\u00e4gt 1247 Kilometer. Sein Aufprall wird 200 Kilometer s\u00fcdwestlich von Island stattfinden. Es wird das Ende jeglichen Lebens auf der Erde sein.<\/p>\n<p>Gestern wurde die zuk\u00fcnftige Katastrophe bekanntgegeben. Heute ist<\/p>\n<p><u>Tag 3 vor dem Untergang<\/u>.<\/p>\n<p>Man m\u00fcsste den Kometen, wenn er noch weit von der Erde entfernt ist, mit einer massiven Nuklearsprengladung treffen. Diese Technik ist aber nie entwickelt worden. Alle Prognosen sagen auch aus, dass keine Sprengladung stark genug w\u00e4re, den Kometen bersten zu lassen.<\/p>\n<p>Da es keine M\u00f6glichkeit gibt, das Ungl\u00fcck abzuwenden, kann man sich nur damit abfinden, dass alles aus sein wird. Es ist eine seltsame Vorstellung: Pl\u00f6tzlich, ohne jede Vorwarnung wird jeder und alles sterben, alle zum fast gleichen Zeitpunkt. Vor einiger Zeit sind die Dinosaurier ausgestorben und mit ihnen der gr\u00f6\u00dfte Teil des Lebens auf der Erde, aber ein kleiner Teil blieb eben, die Lebewesen entwickelten sich weiter, und unter anderem entstand der Mensch. Diesmal wird es endg\u00fcltig sein. Die einzige M\u00f6glichkeit zu \u00fcberleben w\u00e4re, mit einem Raumschiff die Erde zu verlassen, aber dazu ist die Menschheit heutzutage nicht imstande, und Zukunft wird es f\u00fcr sie keine geben. Der Tod ist der ultimative Gleichmacher. Ist jemand wirklich reich, stirbt er nicht leichter als ein Armer, wahrscheinlich stirbt er schwerer, weil er sich \u00e4rgern wird, alles zu verlieren. \u201eWozu war das Ganze dann gut?\u201c, wird er sich selbst fragen. Und die Antwort wird sein: \u201eF\u00fcr nichts.\u201c<\/p>\n<p>Der Tod wird durch die gewaltigsten Erdbeben, die es jemals gegeben haben wird, veranlasst, durch wolkenkratzerhohe Tsunamis, die Menschen werden erschlagen werden oder ertrinken, es ist auch m\u00f6glich, dass die Atmosph\u00e4re entweicht, das w\u00e4re wohl der gn\u00e4digste Tod. Es ist ja nicht der Tod, der wehtut, sondern das Sterben. Bestimmt gibt es auch Selbstmordkandidaten, denen der Kometeneinschlag die Arbeit abnimmt. Viele von ihnen trauten sich wohl nie, sich selbst zu richten, jetzt, in drei Tagen, erledigt das der Komet. Es wird das Ende jeden Kalenders sein, vom 24. Juni an hat er keine Fotos mehr, keine Beschriftung, er ist nur noch wei\u00df. Wei\u00df ist das Sterben, die Trauer ist schwarz. Die Liebe ist rot, der Glaube violett, gr\u00fcn ist die Hoffnung. Und blau? Blau ist das Wasser.<\/p>\n<p>Die Kirchen, die Moscheen, die Synagogen sind nun gef\u00fcllt. Kein Platz ist mehr frei. Die Menschen beten f\u00fcr die Vergebung ihrer S\u00fcnden, damit sie ein gutes Leben nach dem Tod f\u00fchren k\u00f6nnen, dass sie in den Himmel kommen und nicht in die H\u00f6lle. Manche wollen auch ihr irdisches Leben gerettet sehen. Was nicht passieren wird.<\/p>\n<p>Aber, was wirklich seltsam anmutet, ist, dass viele Besch\u00e4ftigte heute an ihrem Arbeitsplatz erschienen sind. Die B\u00fcroarbeiter tippen in ihre Computer, die Arbeiter in den Werkhallen produzieren, in der Qualit\u00e4tskontrolle werden die Waren gepr\u00fcft. Die Sekret\u00e4rinnen wollen Termine f\u00fcr ihre Chefs vereinbaren. Sie rufen bei Stellen an, wo ihnen gesagt wird: \u201eDie Erde wird untergehen, der letzte m\u00f6gliche Termin ist der 23. Juni. Sollen wir bis zu diesem Tag etwas vereinbaren?\u201c<\/p>\n<p>Florian ist einer dieser B\u00fcroarbeiter. Er mag Blumen nicht besonders, obwohl er diesen Namen tr\u00e4gt, aber den suchten ja seine Eltern f\u00fcr ihn aus. Seine Frau ist zuhause bei dem Baby, das niemals ein Kleinkind werden wird. \u201eBist du verr\u00fcckt, warum gehst du in die Firma?\u201c, fragte sie ihn in der Fr\u00fch. \u201eIch muss etwas fertigmachen\u201c, antwortete Florian. \u201eDu musst gar nichts mehr fertigmachen\u201c, sagte seine Frau, \u201edas Einzige, was du musst, ist sterben, in drei Tagen, wie wir alle.\u201c \u201eIch gehe nur noch heute hin\u201c, sagte Florian, \u201eich bin ja am fr\u00fchen Abend wieder zuhause bei euch.\u201c Seine Frau wusste nicht, wie sie Florian von seinem Vorhaben abbringen k\u00f6nnte, und wenn man etwas nicht wei\u00df, f\u00e4llt man oftmals in eine Art Schockstarre. Sie stand nur da und sah ihn an. \u201eOkay\u201c, sagte sie dann. \u201eOkay, bis dann\u201c, gab Florian zur\u00fcck.<\/p>\n<p>Ja, und jetzt ist Florian in seiner Firma. Nat\u00fcrlich gibt es einen Grund, dass er hier ist. Er ist keiner dieser Verr\u00fcckten, die Bestelllisten abarbeiten, wo nie mehr eine Lieferung folgen wird. Florians Grund ist Isabel, die in den technischen Abteilungen verschiedene Arbeiten erledigt. Er hat sich schon seit Langem in sie verschaut, machte aber nie Anstrengungen, sie zu erobern, da berufliche Aff\u00e4ren ein No-Go f\u00fcr ihn waren. Mittlerweile war das einerlei, Job-Nachteile innerhalb der letzten drei Tage, nach denen die Erde untergeht? L\u00e4cherlich, obwohl nun nicht die Zeit zum Lachen war. Egal, jetzt war anything goes angesagt, es war keine Zeit mehr \u00fcbrig, um zu warten. Now or never. Florian wusste noch gar nicht, ob er \u00fcberhaupt abends nachhause fahren w\u00fcrde. Es war bekannt, dass Isabel Drogen nahm. Er nahm auch Drogen, was h\u00f6chstwahrscheinlich niemand in der Firma wusste. Heute war seine Aktentasche gleichzeitig ein Drogenkoffer \u2013 mit Dope, Koks, Es gef\u00fcllt, genug f\u00fcr eine gute Zeit, mit Isabel, wenn sie denn will. Mal sehen, bislang hat Florian sie nicht ausgemacht.<\/p>\n<p>\u201eKnien Sie nieder, Sie Schwein!\u201c, t\u00f6nt es aus dem B\u00fcro des Abteilungsleiters. Es ist Herrn Warmuths Stimme. Das Verh\u00e4ltnis zwischen dem Abteilungsleiter und ihm war immer schon sehr angespannt, inzwischen hat sich das noch versch\u00e4rft. Jetzt h\u00f6rt man den Abteilungsleiter laut beten. Noch vor dem Amen schallt es \u201eBumm, Bumm, Bumm, Bumm, Bumm!\u201c Das war Herrn Warmuths Intention, heute ins B\u00fcro zu kommen. Verst\u00e4ndlich, findet Florian, den einen treibt die Liebe, den anderen der Hass. Der Hass ist vielleicht das wirkungsvollere Stimulans.<\/p>\n<p>Sp\u00e4ter erfuhr Florian, dass Isabel bislang nicht in der Firma erschienen war. Er verbrachte noch einige Zeit beim Kaffeeautomaten in der Fertigungshalle rauchend und den paar Wahnsinnigen zusehend, die Maschinenteile produzierten, die nie mehr verbaut werden w\u00fcrden. Dann fuhr er nachhause. Wohl hat sich Isabel auch ihren Traum wahrgemacht, der nichts mit der Firma und nichts mit ihm zu tun hat.<\/p>\n<p><u>Tag 2 vor dem Untergang<\/u><\/p>\n<p>Ein Open-Air-Konzert wird vorbereitet. Musiker sind da, um Songs zu spielen, das Publikum zu unterhalten, manche wollen auch Messages transportieren. Wann, wenn nicht jetzt, sollen Musiker auftreten? Jetzt, genau! Die Instrumente und die Mikros auf der B\u00fchne sind verkabelt. Der Soundcheck f\u00e4llt aus. Gleich wird es beginnen. Die Musiker kommen auf die B\u00fchne. Abertausend Menschen stehen davor. Es ist 20:07 Uhr. Noch existiert die Erde, sonst k\u00f6nnte niemand stehen und niemand k\u00f6nnte spielen und singen. Es ist eine Death-Metal-Band. Die S\u00e4ngerin singt vom Tod. Die Menschen toben, recken die Arme in Richtung der B\u00fchne. Diesmal ist es nicht nur eine Show. Es ist der vielleicht letzte Auftritt dieser Band. Und alles wird mit dem allgemeinen Sterben \u00e4ndern. Die Toten werden nicht mehr begraben werden, und niemand wird sich ihrer erinnern, weil niemand mehr da sein wird. Auch dar\u00fcber singt die S\u00e4ngerin. Diesmal ist es mehr als Unterhaltung. Es ist so ernst, wie der Tod ernst ist, nach dem nichts mehr folgt. Jeder hofft, dass es danach weitergeht, doch das wird es nicht. Es ist kein vorl\u00e4ufiges Ende, es ist das absolute Ende. Der Punkt des ewigen Satzes.<\/p>\n<p>Statt einer Lightshow brennen Feuer auf der B\u00fchne. Alle Musiker sind schwarz gekleidet, wie die meisten im Publikum. Dann sieht man von den Menschen nur die Gesichter und die H\u00e4nde, die wei\u00df herausleuchten. \u00dcberall werden Joints geraucht, wie fr\u00fcher bei Konzerten, als es noch keine Handys mit Kameras gab. Am Rand sitzen Leute mit pulverf\u00f6rmigen Substanzen, L\u00f6ffeln, Teilen von Zigarettenfiltern und brennenden Feuerzeugen. Jeder nimmt ein, was er hat. Keine Security ist hier, und auch keine Polizei. Alles ist scheinbar legal, da es keine Veranlassung mehr gibt, jemanden abzustrafen. Die Band auf der B\u00fchne bietet die beste musikalische Darbietung, zu der sie f\u00e4hig ist. Und das ist eine fantastische. Es ist traurig, denken wohl die allermeisten der Zuseher und Zuh\u00f6rer, dass es das letzte Mal ist, dass ich diese Band erlebe. Nat\u00fcrlich muss alles irgendwann beendet sein, aber doch noch nicht jetzt, ich bin doch noch viel zu jung.<\/p>\n<p>Mit den Worten: \u201eGoodbye Leute, wir lieben euch, wir sehen uns wieder in der H\u00f6lle\u201c, tritt schlie\u00dflich die Band ab.<\/p>\n<p>Eine andere Band tritt auf und gibt, was sie kann, was diesmal absolut der Superlativ ist. Der helle Gesang l\u00e4sst eher an den \u201eStairway to Heaven\u201c denken als an die Treppe in die Unterwelt. Die Stimme entf\u00fchrt zu anderen Galaxien, was die Rettung w\u00e4re, doch sobald man die Augen \u00f6ffnet, ist man wieder hier, innerhalb der Menge, auf der Erde gefangen.<\/p>\n<p>Seb und Lene verlassen nun den Platz vor der B\u00fchne. Sie gehen durch den Park, in dem sie aufgebaut ist. Da ist Rasen, sind B\u00e4ume und Kies, der scheinbar wei\u00df strahlt, Eichh\u00f6rnchen sind da und Enten, die quaken. Die beiden jungen Leute hatten gro\u00dfe Pl\u00e4ne, zuerst ihre Ausbildung beenden, zusammenziehen, ein Kind, mindestens, besser zwei oder drei. Die Pl\u00e4ne werden nun Pl\u00e4ne bleiben, sie k\u00f6nnen nicht mehr realisiert werden. Leider. Sie besuchen den st\u00e4dtischen Friedhof, auf dem Leute wie sie gerne ein Picknick veranstalteten. Jetzt sitzen sie blo\u00df im Schneidersitz neben einem Grab, jeder schaut f\u00fcr sich, von ihnen f\u00e4llt kein Wort.<\/p>\n<p>Sie sind nicht die einzigen Schwarzgekleideten hier, von denen man denkt, sie seien Satanisten. Einige haben sich auf dem Friedhof versammelt. Heute rei\u00dft niemand das Kreuz eines frischen Grabes heraus und steckt es andersrum zur\u00fcck in die Erde.<\/p>\n<p>In Wirklichkeit will ja niemand von ihnen, dass sie der Teufel holt. Wenn es denn so w\u00e4re, dann w\u00e4re das \u00fcbermorgen der Fall. Es kann gut sein, dass diese Leute von dieser besonderen Ruhe eines Friedhofs angezogen sind, und auch davon, dass er ein historischer Ort ist, mit den altert\u00fcmlichen Namen und manchen Schwarzwei\u00df-Fotos der Verstorbenen. Es ist der richtige Platz, um langsam zu atmen. Nachts kommen die Ger\u00e4usche fast nur vom Wind und von kleinen Tieren.<\/p>\n<p>Jetzt greift Lene nach Sebs Hand. \u201eEs ist schade um uns\u201c, sagt sie. \u201eJa, es ist schade um uns\u201c, sagt Seb.<\/p>\n<p><u>Tag 1 vor dem Untergang<\/u><\/p>\n<p>Die Tageszeitung liegt vor der Wohnungst\u00fcr. Der Kolporteur macht weiter, als wenn nichts w\u00e4re. Er ist Sikh. \u201eFrohe Weihnachten und ein gl\u00fcckliches neues Jahr\u201c, stand auf einer Karte von vor ziemlich genau einem \u00bd Jahr, die mit Singh beschriftet war. Wahrscheinlich sammelt er Pluspunkte f\u00fcr sein zuk\u00fcnftiges Leben, denkt Tino. Aber wo will er ohne Erde leben? Doch das soll mich nicht k\u00fcmmern, es geht mich auch nichts an. Der Mann wird schon wissen, was er tut. Er arbeitet ja nur noch um der Arbeit willen, denn Lohn wird er keinen mehr erhalten.<\/p>\n<p>Tino bl\u00e4ttert die Zeitung durch. Sie hat weniger Seiten als fr\u00fcher, aber sie ist erschienen, die Seiten sind bedruckt mit Text und Fotos, Redakteure und Fotografen waren an der Arbeit. Als ob sie einen Auftrag zu erf\u00fcllen h\u00e4tten, oder sie glauben, dass das Ungl\u00fcck doch abgewendet werden kann. Tino ist nicht zur Arbeit gegangen \u201eSchei\u00df drauf!\u201c, hat er sich gesagt, \u201ediese Arbeit ist nicht mein Lebenszweck.\u201c Und bald darauf fragte er sich: \u201eMorgen werde ich sterben, was soll ich dann heute tun?\u201c Bald bemerkte er, dass ihm niemand wichtig genug war, um ihn \u2013 oder sie, in jedem Fall viel eher eine Sie \u2013 zu besuchen und vielleicht bis zum Ende zu bleiben. Nein, das war es nicht, was ihm fehlte. Er lie\u00df seine Gedanken schweifen, und dann hatte er es vor sich: eine Gebirgslandschaft. Ja, das war es: Er w\u00fcrde wandern gehen, auf den Hochobir. Dort war er noch nie, und genau jetzt war es an der Zeit, ihn zu besteigen. Sonst g\u00e4be es ja auch keine Gelegenheit mehr daf\u00fcr.<\/p>\n<p>Tino macht sich fertig. Er w\u00fcrde alleine gehen. Als er j\u00fcnger war, hat er oft lange Sportausfl\u00fcge unternommen, bei so gut wie allen war er solo. Das ist ihm lieber, er braucht sich nach niemandem zu richten, keiner ist da, der ihn beschwatzt. Und besonders jetzt m\u00f6chte er in Ruhe gelassen werden. Er setzt sich in sein Auto, unterwegs tankt er kostenlos, er f\u00e4hrt bis zum Fu\u00df des Hochobirs. Von ganz unten w\u00e4re die Gehzeit f\u00fcr ihn zu lange, er f\u00e4hrt die Serpentinen des Berges hinauf, bis da ein gro\u00dfer Parkplatz ist. Dort stellt er das Auto ab. Von hier bis zum Gipfel und zur\u00fcck m\u00fcsste er es bei seiner schlecht gewordenen Kondition in vier bis l\u00e4ngstens f\u00fcnf Stunden schaffen.<\/p>\n<p>Der Parkplatz ist fast voll. Tino geht los. Viele Menschen gehen mit ihm und kommen ihm entgegen. Es ist ein Run auf den Berg. Steile und flachere Abschnitte wechseln einander ab. Wundersch\u00f6n findet er die Natur, und interessant, wie sie sich mit steigender H\u00f6he ver\u00e4ndert. Jetzt sieht er unten in einem Tal einen kleinen See. Tino kennt ihn gar nicht. Er wird morgen dort baden gehen, bis es aus sein wird. Wenn der Komet einschlagen wird, wird er am Ufer des Sees liegen.<\/p>\n<p>\u00dcberall sind jetzt viele Bergsteiger unterwegs, touristische, welche die Berge begehen, und Kletterer, die Felsw\u00e4nde vertikal hinaufkrabbeln. Man w\u00fcrde denken, dass praktisch alle Kletterer freeclimben w\u00fcrden \u2013 es muss doch toll sein, einen langen freien Fall zu erleben, bevor man stirbt, was morgen ja ohnedies der Fall sein wird \u2013, aber nein, mehr als wahrscheinlich \u00fcblich sind angeleint, sie wollen wohl keine einzige Stunde vers\u00e4umen.<\/p>\n<p>Nun hat Tino den Gipfel erreicht. Er sieht sich beim Gipfelkreuz um, dann geht er bergab, in Richtung des Parkplatzes, wo sein Auto steht, zwischen vielen anderen. Jetzt, wo er dort ist, kommt ihm ein kleiner, b\u00f6ser Gedanke: Warum habe ich, wo ich mich mein Leben lang immer bem\u00fcht habe, nur einen als gebraucht gekauften Kleinwagen, und manche von den anderen, die die totalen Flaschen sind, haben hier ihre Nobelkarossen stehen?<\/p>\n<p>Und so nimmt er seinen Autoschl\u00fcssel in die Hand und zerkratzt den Lack von einigen der Limousinen, Sportwagen, Riesen-SUVs. Er macht das unauff\u00e4llig. Trotzdem kann es nat\u00fcrlich sein, dass manche von den anderen Wanderern hier seine Aktion bemerken. Jedenfalls sagt niemand etwas \u2013 weil es nicht ihr Auto ist, \u00fcberlegt Tino, diejenigen, die feststellen werden, dass bei ihrem Auto der Lack zerkratzt wurde, sind bestimmt, wenn schon nicht fuchsteufelswild, dann wenigstens nur wild, eher aber doch fuchsteufelswild \u2013 obwohl sie in etwas mehr als 24 Stunden sowieso sterben werden und die gesamte Erde unbewohnt sein wird.<\/p>\n<p>W\u00e4hrend er nachhause f\u00e4hrt, denkt er nach, wie er morgen zu diesem kleinen See gelangen soll. Das Internet wird ihm eine L\u00f6sung aufzeigen, kein Problem. Er stellt sich das Wasser vor, in das er dort tauchen wird. Wasser ist f\u00fcr ihn ein angenehmes Medium, wie komprimierte Luft. Schwimmt man lange Strecken, kann das wie Schweben anmuten.<\/p>\n<p>Ob es Surfer auf den Tsunamis geben wird? Der Gro\u00dfteil der Menschen wird ja recht unmittelbar nach dem Kometeneinschlag sterben, aber auch wenn es manche Surfer danach noch aufs Meer schaffen w\u00fcrden, und selbst wenn sie einen Tsunami erreichten, bevor der sich zur vollen Gr\u00f6\u00dfe aufgebaut h\u00e4tte, w\u00e4re er viel zu schnell, um ihn zu reiten. Es w\u00e4re absolut unm\u00f6glich. Aber es g\u00e4be ein spektakul\u00e4res Bild, einen Surfer auf einer viele hundert Meter hohen dahinrasenden Welle zu sehen.<\/p>\n<p><u>Tag des Untergangs <\/u><\/p>\n<p>Es ist 00:26 in \u00d6sterreich. Theo ist auf einer Party. 20 Stunden und 16 Minuten ist noch Zeit. \u00dcberall sind jetzt Partys, Farewell-Partys, Goodbye-to-Earth-Partys. Musik und Visuals, DJs, DJanes. Put your hands up in the air. Never stop.<\/p>\n<p>Doch genau jetzt denkt Theo: Was tue ich eigentlich hier? Er zieht sich in eine ruhigere Ecke zur\u00fcck und schreibt auf seinem Smartphone Nachrichten, an Frauen, die ihm wichtig waren und, ja, es noch immer sind. Es gibt schon seit Langem keinen Kontakt mehr, aber sie ist wichtig, die eine, und sie ist wichtig, die andere, und einige mehr, die ihm wichtig sind, an alle die schreibt er. Nach einiger Zeit kommen auch Nachrichten zur\u00fcck. Eine schreibt ihm: \u201eTheolein, warum hast du mir das nicht vor drei Jahren geschrieben?\u201c Dann k\u00f6nnten wir jetzt vielleicht beisammen sein, wei\u00df er.<\/p>\n<p>Man kann das Leben so sehen, dass es aus Taten besteht, oder man kann es so sehen, dass es aus Vers\u00e4umnissen besteht.<\/p>\n<p>Anyway, heute ist es aus.<\/p>\n<p>Jetzt, je n\u00e4her der Untergang r\u00fcckt, desto mehr Menschen sitzen vor ihren Fernsehern. Manche lassen sich unterhalten \u2013 bestimmte Sender strahlen Blockbuster-Filme aus. Andere betrachten Zusammenschnitte von historischen Filmaufnahmen ohne Ton. Dort wird genau jetzt eine Zahl in dieser Schrift eingeblendet:<\/p>\n<p><u>365 Sekunden bis zum Untergang<\/u><\/p>\n<p>364, 363, 362, 361, 360. Sieht man aus Fenster, ist der Komet bereits deutlich gr\u00f6\u00dfer als die Sonne, bei jeder weiteren niedrigeren Zahl ist er weiter gewachsen. Bei 100 beschleunigt die Luft stark. Der Komet ist jetzt so gro\u00df wie ein Fu\u00dfball 50 Zentimeter vor den Augen.<\/p>\n<p>Bei 30 schlie\u00dft Fiona die Augen. Sie wird sie erst wieder \u00f6ffnen in dem Moment, in dem sie stirbt.<\/p>\n<div id=\"attachment_16418\" style=\"width: 610px\" class=\"wp-caption aligncenter\"><a href=\"http:\/\/www.verdichtet.at\/wp-content\/uploads\/2023\/08\/Die-Totenszene-mit-der-jungen-Frau-am-Kreuz.jpg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" aria-describedby=\"caption-attachment-16418\" class=\"size-full wp-image-16418\" src=\"http:\/\/www.verdichtet.at\/wp-content\/uploads\/2023\/08\/Die-Totenszene-mit-der-jungen-Frau-am-Kreuz.jpg\" alt=\"Die Totenszene mit der jungen Frau am Kreuz\" width=\"600\" height=\"360\" srcset=\"https:\/\/www.verdichtet.at\/wp-content\/uploads\/2023\/08\/Die-Totenszene-mit-der-jungen-Frau-am-Kreuz.jpg 600w, https:\/\/www.verdichtet.at\/wp-content\/uploads\/2023\/08\/Die-Totenszene-mit-der-jungen-Frau-am-Kreuz-300x180.jpg 300w\" sizes=\"auto, (max-width: 600px) 100vw, 600px\" \/><\/a><p id=\"caption-attachment-16418\" class=\"wp-caption-text\">Die Totenszene mit der jungen Frau am Kreuz<\/p><\/div>\n<p><em>\u00a0<\/em><\/p>\n<p style=\"text-align: right;\">Johannes Tosin<br \/>\n(Text und Bild)<\/p>\n<p style=\"text-align: right;\">www.verdichtet.at | Kategorie: <a href=\"http:\/\/www.verdichtet.at\/?page_id=972\">\u00e4rgstens<\/a> | Inventarnummer: 23139<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>365 Sekunden vor dem Untergang Die Tage sind gez\u00e4hlt. 1, 2, 3. 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