{"id":16413,"date":"2023-08-02T15:46:30","date_gmt":"2023-08-02T15:46:30","guid":{"rendered":"http:\/\/www.verdichtet.at\/?p=16413"},"modified":"2023-10-14T16:32:09","modified_gmt":"2023-10-14T16:32:09","slug":"zeitreise","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.verdichtet.at\/?p=16413","title":{"rendered":"Zeitreise"},"content":{"rendered":"<div class=\"pdfprnt-buttons pdfprnt-buttons-post pdfprnt-top-right\"><a href=\"https:\/\/www.verdichtet.at\/index.php?rest_route=wpv2posts16413&print=pdf\" class=\"pdfprnt-button pdfprnt-button-pdf\" target=\"_blank\"><\/a><a href=\"https:\/\/www.verdichtet.at\/index.php?rest_route=wpv2posts16413&print=print\" class=\"pdfprnt-button pdfprnt-button-print\" target=\"_blank\"><\/a><\/div><p>Langsam biegt sie in die Einbahnstra\u00dfe ab, der Verkehr ist enorm und sie hat etwas M\u00fche, dem Navigationssystem zu folgen. Sie ist froh, dass die Tschechen so geduldige und unaufdringliche Autofahrer sind.<\/p>\n<p>Endlich erreicht sie ihr Hotel im Zentrum von Prag und checkt ein. Die Agentur hat ihr eine nette Unterkunft reserviert, von wo aus sie zu Fu\u00df alle wichtigen Sehensw\u00fcrdigkeiten erreichen und das Auto in der Tiefgarage parken kann f\u00fcr die n\u00e4chsten Tage. Sie hat noch gen\u00fcgend Zeit bis zu ihrem Termin nach dem Besuch im Museum Franz Kafka.<\/p>\n<p>Mit einem kleinen Rucksack, vollgepackt mit Notizb\u00fcchern, Stiften, der Eintrittskarte f\u00fcrs Museum und dem vorgefassten Interviewprotokoll verl\u00e4sst Doris ihr Zimmer. Es weht eine sanfte, warme Brise durch die Stra\u00dfen und Gassen, sie ist verwundert, dass Anfang Mai so angenehme Temperaturen in der Stadt herrschen. An diesem sonnigen Freitag sind viele Einheimische und Touristen auf den Stra\u00dfen unterwegs, die Tische der Caf\u00e9s und Gasth\u00e4user auf den B\u00fcrgersteigen sind ausgesprochen dicht besetzt. Die ge\u00f6ffnete Gastronomie ist ein Segen f\u00fcr die Menschen nach den harten Jahren der Pandemie.<\/p>\n<p>Doris holt sich ein Haarband aus der Jackentasche und knotet geschickt ihre br\u00fcnetten, etwas widerspenstigen Locken zu einem Dutt. Einzelne wirbelnde Str\u00e4hnen umrahmen ihren ebenm\u00e4\u00dfigen Teint und umspielen ihre gr\u00fcnblauen Augen. Die freudige Laune der Menschen um sie herum \u00fcbertr\u00e4gt sich auf Doris und mit einem zarten L\u00e4cheln im Gesicht biegt sie einige Male links, dann wieder rechts durch Gassen und Einkaufsstra\u00dfen ab. Sie betrachtet die Fassaden der in gotischem oder barockem Baustil erbauten H\u00e4user und die Blumendekorationen vor den Eing\u00e4ngen und Fenstern. Ihre Schritte hallen ged\u00e4mpft vom abgenutzten Kopfsteinpflaster wider, in manchen farbenpr\u00e4chtigen Gotikfenstern spiegelt sich die Sonne und wirft bunte Farbkleckse an die gegen\u00fcberliegenden Hausreihen. Alles scheint ihr sehr vertraut, als w\u00e4re sie eine B\u00fcrgerin von Prag. Wie kann das sein? Ich bin das erste Mal hier? Kopfsch\u00fcttelnd geht sie weiter und taucht in das gesch\u00e4ftige Treiben um sie herum ein.<\/p>\n<p>Pl\u00f6tzlich nimmt sie eigent\u00fcmliche Ger\u00fcche wahr \u2013 es riecht nach Pferdemist und Pferdeschwei\u00df. Sie sieht sich um, bemerkt aber keine Kutschen in der N\u00e4he, auch eine Pferdestallung kann sie nicht ausmachen in der unmittelbaren Umgebung. Ein leichtes Gef\u00fchl von Verwirrung macht sich in ihr breit. Nicht ein einziges Mal muss sie Google Maps auf ihrem Handy bem\u00fchen, sie kennt jede Gasse, jeden Platz, die Brunnen, Pulvert\u00fcrme, Kirchen und kleinen Parks. An der Ecke Zelezna zum historischen Rathaus bleibt sie j\u00e4h stehen. Ihr Atem stockt, ist schwer, sie f\u00fchlt sich eingeengt im Brust- und Taillenbereich, als w\u00e4re sie von einer Zange umklammert. Sie lehnt sich an die Hausmauer und schlie\u00dft die Augen. Du musst etwas trinken, das ist nur der Kreislauf nach der langen Autofahrt!<\/p>\n<p>Doris \u00fcberquert den \u00fcberf\u00fcllten alten Rathausplatz und schl\u00e4ngelt sich geschickt durch die engen Gassen auf den Weg zur Karlsbr\u00fccke. Das heimelige Rauschen der Moldau unter ihr l\u00e4sst Bilder in ihrem Kopf entstehen \u2026 \u2013 vor ihrem inneren Auge sieht sie eine junge Frau mit Sonnenschirm, breitkrempigem Hut und kn\u00f6chellangem R\u00fcschenkleid vergn\u00fcgt die Br\u00fccke entlanglaufen Richtung Mal\u00e1 Strana \u2026<\/p>\n<p>Sie braucht dringend ein stilles Pl\u00e4tzchen. Sie wei\u00df auch schon wo, n\u00e4mlich in dem kleinen, abgeschiedenen Innenhof mit den von Efeu \u00fcberwucherten Mauern und den schattenspendenden Lindenb\u00e4umen auf der Kleinseite von Prag, sie schreitet z\u00fcgig weiter. Ein einziger Tisch ist noch frei vor der B\u00fchne, wo gerade eine Jazzband, bestehend aus drei Mann mit Kontrabass, Saxophon und Gitarre, eine leise Melodie mit sanftem Blues-Einfluss zum Besten gibt.<\/p>\n<p>Um ihren Kreislauf anzukurbeln, bestellt sie Espresso und Cola. Doris lauscht der wohltuenden Musik. Die V\u00f6gel zwitschern in den B\u00e4umen, Insekten surren an den Linden- und Efeubl\u00fcten, langsam beruhigt sie sich wieder. An den Nebentischen wird gegessen, getrunken, gelacht und diskutiert. Aber halt! Viele G\u00e4ste sprechen tschechisch! Und: Doris versteht jedes Wort dieser ihr bis zum heutigen Tag fremden Sprache. Jak je mo\u017en\u00e9, \u017ee rozum\u00edm \u010desky? Wie ist es m\u00f6glich, dass ich Tschechisch verstehe?<\/p>\n<p>Wieder \u00fcberkommt sie dieses einengende Gef\u00fchl in der Brust, sie ruft den Kellner, bezahlt und verl\u00e4sst das Gartenlokal. In einigen Minuten Fu\u00dfmarsch erreicht sie auch das Museum Franz Kafka in der Ciheln\u00e1 2. Ein kurzer Blick auf die Uhr verr\u00e4t ihr, dass sie den Zeitplan perfekt einhalten kann und p\u00fcnktlich zum Treffen mit anderen Journalisten im Garten des Wallensteinpalastes eintreffen wird.<\/p>\n<p>Die R\u00e4ume, G\u00e4nge und Treppen des Museums sind unglaublich dunkel gehalten, teilweise schwarz tapeziert, leise Musik aus dem Hintergrund verleiht dem Ambiente eine r\u00e4tselhafte, leicht bedrohliche Stimmung. Den Museumsbetreibern ist es perfekt gelungen, das Kafkaeske dieser Ausstellung dem Besucher zu vermitteln. In einigen Nischen werden in Schwarz-Wei\u00df gedrehte Filme an schwarze Leinw\u00e4nde projiziert, die einen Einblick in das Leben in Prag um die Jahrhundertwende gew\u00e4hren. Die Pr\u00e4sentation beinhaltet auch Glasvitrinen mit Originalausschnitten von Kafkas Tageb\u00fcchern und Briefen. Doris liest aufmerksam die Zeilen und sie erschaudert, die seelische Zerrissenheit und tiefe Trauer von Franz Kafka gehen ihr nahe. Im Hintergrund h\u00f6rt sie leise Musik von Friedrich Smetana, die Museumsbesucher schlendern ruhig \u00fcber die knarzenden Holzdielen, kaum jemand spricht oder unterh\u00e4lt sich, jeder scheint in Gedanken versunken zu sein, in eine Welt voll Tristesse, Melancholie.<\/p>\n<p>Doris wendet sich der Stiege zu, die ins Erdgescho\u00df zum Ausgang f\u00fchrt, sie muss sich am Treppengel\u00e4nder festhalten, die Beleuchtung ist d\u00fcrftig. Kurz vor der letzten Stufe sp\u00fcrt sie einen dumpfen Schlag gegen ihre Stirn, sie hat sich an einem Balken den Kopf kr\u00e4ftig gesto\u00dfen. \u201eZatracen\u00fd\u201c, verdammt, entfleucht es ihrem Mund. Sie fasst an die schmerzende Stelle und f\u00fchlt auch schon ein warmes zartes Rinnsal \u00fcber ihrem Nasenfl\u00fcgel.<\/p>\n<p>Schnell packt sie Jacke und Rucksack aus der Garderobe und eilt in den sonnigen Hof vor dem Museumseingang. An einer schattigen Parkbank nimmt sie Platz und sucht nach Taschent\u00fcchern. Doris atmet tief durch, lehnt sich an die Hausmauer, dr\u00fcckt das Tuch an ihre Stirn und schlie\u00dft die Augen.<\/p>\n<p style=\"text-align: center;\"><em>Ein leichter Wind zieht durch die Gassen in den Innenhof in der Mal\u00e1 Strana, ihre salopp nach hinten gek\u00e4mmten nackenlangen Locken schl\u00fcpfen unter dem kleinen Glockenhut hervor. Ihr violetter Rock aus weitem Jersey schmiegt sich an ihre Knie, ein schmaler G\u00fcrtel betont ihre Taille. Die hochgeschlossene wei\u00dfe Satinbluse schimmert im Sonnenlicht und ihre Finger der linken Hand spielen mit einer beigefarbenen langen Perlenkette. Ein schelmisches L\u00e4cheln umspielt ihre vollen, rot geschminkten Lippen. Das Paar sitzt auf der Parkbank und beobachtet das rege Treiben auf den Stra\u00dfen, Hufgetrappel auf dem Kopfsteinpflaster ist zu h\u00f6ren und k\u00fcndigt eine Pferdekutsche an, dicht dahinter klingelt die Stra\u00dfenbahn.<\/em><\/p>\n<p style=\"text-align: center;\"><em>\u00a0\u201eWas f\u00fcr ein herrlicher Tag, meine Liebe!\u201c, fl\u00fcstert ihr Franti\u0161ek ins Ohr, sein rauer Atem kitzelt ihren Hals. Er dr\u00fcckt ihre rechte Hand, die auf seinem Scho\u00df liegt. Der Wollstoff seiner anthrazit-grauen Hose mit goldbrauner Streifenoptik ist angenehm weich auf ihrer Haut. Aus der Tasche seiner hochgeschlossenen Weste baumelt eine goldene Uhrkette, das Einstecktuch und die Krawatte sind mit ihrem violetten Rock abgestimmt. Er r\u00fcckt sich den grauen Fedora-Hut mit mittelbreiter Krempe und dunkelgrauem Hutband zurecht, beugt sich vor und k\u00fcsst sie.<\/em><\/p>\n<p style=\"text-align: center;\"><em>\u00a0\u201eAber Franti\u0161ek, doch nicht vor allen Leuten\u201c, fl\u00fcstert sie, wirft den Kopf in den Nacken und lacht.<\/em><\/p>\n<p>\u201eHallo? Geht es Ihnen gut? Ist alles in Ordnung, gn\u00e4dige Frau?\u201c Eine Hand liegt auf Doris\u2019 Schulter und dr\u00fcckt sie sachte. Sie \u00f6ffnet die Augen und sieht eine \u00e4ltere Dame mit besorgter Miene vor ihr stehen.<\/p>\n<p>\u201eJa, danke. Es ist alles in Ordnung. Ich habe mir nur den Kopf gesto\u00dfen. Das wird schon wieder.\u201c Doris betrachtet das Taschentuch, die Wunde hat aufgeh\u00f6rt zu bluten.<\/p>\n<p>\u201eKomm, trinken Sie ein Gl\u00e4schen Absinth, ich habe es gerade aus dem Haus geholt, als ich Sie hier sitzen sah.\u201c Das hellgr\u00fcne Wermutgetr\u00e4nk erfrischt ihren Gaumen und die Kehle abrupt, ein kleines Feuerwerk schie\u00dft indessen in ihren Kopf. Sie blickt auf ihre Uhr und erschrickt.<\/p>\n<p>\u201eVielen Dank, Sie haben mir sehr geholfen, aber ich muss jetzt dringend zu meinem Termin!\u201c<\/p>\n<p>Die meisten Pl\u00e4tze sind schon besetzt, und am Podium haben sich die Diskussionsleiter bereits eingefunden. Kurzer Check der Mikrofone, Doris z\u00fcckt ihren Block und ihre Interviewfragen, startet ihr Aufzeichnungsger\u00e4t und atmet tief durch. Einige wenige Journalisten sind ihr aus anderen Literaturdiskussionen bekannt, sie winkt ihnen h\u00f6flich zu. An den Tischen auf der Seite sieht sie B\u00fccher ausgestellt von Franz Kafka. Eigenartig \u2013 es sind zahlreiche B\u00e4nde dabei mit farbenfrohen Bildern von Gustav Klimt auf dem Cover. Von einigen Titeln hat sie noch nie geh\u00f6rt. Ist sie denn auf dem richtigen Meeting?<\/p>\n<p>\u201eMeine Damen und Herren, ich darf Sie herzlich begr\u00fc\u00dfen zur Literaturdiskussion \u00fcber Franz Kafka \u2026!\u201c<\/p>\n<p>\u201e\u2026 er war ein lebensfroher Mensch mit herrlich humorvollen Romanen und zarten Liebesbriefen an seine geliebte Dora \u2026!\u201c<\/p>\n<p>\u201e\u2026 er war ein Ausnahmetalent, der erst in sp\u00e4ten Jahren, von einer tiefen Melancholie kommend, jedoch \u00fcber die Liebe zu Dora zu einem herausragenden Schriftsteller wurde \u2026!\u201c<\/p>\n<p>\u201e\u2026 Franz Kafka war hoch gesch\u00e4tzt und hat zu Lebzeiten zahlreiche Werke verkauft, er konnte bis ins hohe Alter mit seiner Frau ein gesundes, gl\u00fcckliches und wohlhabendes Leben hier in Prag f\u00fchren \u2026!\u201c<\/p>\n<p>Doris sch\u00fcttelt den Kopf und hebt ihre Hand:<\/p>\n<p>\u201eEntschuldigen Sie bitte, aber von welchem Franz Kafka sprechen Sie? Er wurde nicht alt, er war schwer lungenkrank, vermutlich auch depressiv, \u2026 und verm\u00f6gend war er schon gar nicht. Und von welcher Dora sprechen Sie?\u201c<\/p>\n<p>Die G\u00e4ste auf den R\u00e4ngen vor ihr drehen sich um zu Doris, sie l\u00e4cheln, scharren verlegen mit den Schuhsohlen auf dem Kieselboden und vereinzelt ist ein R\u00e4uspern zu h\u00f6ren.<\/p>\n<p>\u201eAber nein! Nein! Wir sind doch heute hier, um \u00fcber die wunderbare Literatur von Franz Kafka zu sprechen und \u00fcber die gro\u00dfartige Wende in seiner zweiten Lebensh\u00e4lfte, als er Dora Diamant kennenlernte! Wie ist denn Ihr Name, gute Frau, und f\u00fcr welchen Literaturbetrieb schreiben Sie?\u201c Der Diskussionsleiter ist nun von seinem Platz aufgestanden und betrachtet sie interessiert.<\/p>\n<p>Alle Farbe weicht aus Doris\u2019 Gesicht, eine G\u00e4nsehaut macht sich auf ihren Unterarmen breit, sie f\u00fchlt die Blicke in ihrem R\u00fccken wie brennende Speere.<\/p>\n<p>\u201eIch, \u2026 also ich, \u2026 mein Name ist Doris \u2026 Doris Diamant!\u201c<\/p>\n<p style=\"text-align: right;\" align=\"right\">Manuela Murauer<br \/>\n<a href=\"http:\/\/waldgefluesteronline.com\/\" target=\"_blank\">waldgefluesteronline.com<\/a><\/p>\n<p style=\"text-align: right;\">www.verdichtet.at |\u00a0Kategorie: <a href=\"http:\/\/www.verdichtet.at\/?page_id=3714\">fantastiques<\/a> | Inventarnummer: 23143<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Langsam biegt sie in die Einbahnstra\u00dfe ab, der Verkehr ist enorm und sie hat etwas M\u00fche, dem Navigationssystem zu folgen. 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