{"id":16381,"date":"2023-07-26T12:16:38","date_gmt":"2023-07-26T12:16:38","guid":{"rendered":"http:\/\/www.verdichtet.at\/?p=16381"},"modified":"2023-10-14T16:33:38","modified_gmt":"2023-10-14T16:33:38","slug":"wieder-zurueck","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.verdichtet.at\/?p=16381","title":{"rendered":"Wieder zur\u00fcck"},"content":{"rendered":"<div class=\"pdfprnt-buttons pdfprnt-buttons-post pdfprnt-top-right\"><a href=\"https:\/\/www.verdichtet.at\/index.php?rest_route=wpv2posts16381&print=pdf\" class=\"pdfprnt-button pdfprnt-button-pdf\" target=\"_blank\"><\/a><a href=\"https:\/\/www.verdichtet.at\/index.php?rest_route=wpv2posts16381&print=print\" class=\"pdfprnt-button pdfprnt-button-print\" target=\"_blank\"><\/a><\/div><p>Da sitze ich also wieder, in der kleinen, muffigen K\u00fcche meiner Kleinstadtwohnung, das Bierglas vor mir, ganz so, als w\u00e4re ich nie weggewesen, als h\u00e4tte ich nicht vor rund einem Jahr, damals gro\u00dfspurig \u201aF\u00fcr immer!\u2018 denkend, diese Wohnung verlassen. Obwohl, irgendetwas in mir muss dem F\u00fcr-immer-Gedanken misstraut haben, da ich die Wohnung nicht aufgelassen, den Dauerauftrag der billigen Miete nicht gek\u00fcndigt habe. Seufzend nehme ich einen gro\u00dfen Schluck Bier, greife nach meinem Handy und gehe die Anrufliste durch. Viele Namen sind gespeichert, allerdings ist kein einziger darunter, den ich jetzt, mitten in der Nacht, anrufen k\u00f6nnte, kein einziger, zu dem ich leichthin sagen k\u00f6nnte:<\/p>\n<p>\u201eHey, ich bin\u2019s, ich bin wieder zur\u00fcck \u2026\u201c<\/p>\n<p>Schuld daran bin ich selbst, da ich s\u00e4mtliche Kontakte abgebrochen habe im Laufe dieses Jahres, sogar den zu Max, meinem Bruder. Ich w\u00fcrde ihn gerne anrufen, mich ihm erkl\u00e4ren, kann mich aber nicht \u00fcberwinden. Unm\u00f6glich. Zu gro\u00df ist meine Scham. Ich lege das Handy weg. Ich f\u00fchle mich elend. Ich f\u00fchle mich einsam. Ich trinke Bier. Die Stille um mich herum ist mir unertr\u00e4glich. Ach, alles w\u00fcrde ich jetzt geben f\u00fcr ein Gegen\u00fcber, bei dem ich mich ausreden k\u00f6nnte, das mir zuh\u00f6ren w\u00fcrde.<\/p>\n<p>Da h\u00f6re ich ein Sirren in der K\u00fcchenecke, und sehe etwas hell schimmern dort im Eck, irgendetwas Undefinierbares. Ich reibe meine Augen, die offensichtlich \u00fcberm\u00fcdet sind, als ich pl\u00f6tzlich etwas Weiches, Warmes an meinem rechten Unterschenkel sp\u00fcre. Etwas wie eine leichte Umklammerung. Ich fasse reflexartig hinunter, sp\u00fcre ein weiches Fell oder Haare, denke: \u201aAh, nur die Katze\u2018, dann springe ich panisch auf:<\/p>\n<p>\u201eWelche Katze, verdammt, ich habe doch keine Katze!?\u201c<\/p>\n<p>Ich sehe auf einen hellen Lockenkopf an einem winzigen K\u00f6rper, sehe lange, d\u00fcnne \u00c4rmchen, die sich an mein Bein klammern, schreie erschrocken auf, versuche, sie abzusch\u00fctteln. Der Lockenkopf umklammert mich nur noch fester, und dreht sein Gesicht zu mir. Ich schaue in weitaufgerissene hellblaue Augen. Blasses, kleines Gesicht, Stupsnase, der Mund \u00e4rgerlich verkniffen. Was ist das? Ein Kind ist das nicht. Ein Zwerg? Es l\u00e4sst nun mein Bein los, l\u00e4uft affenartig schwankend in die K\u00fcchenecke, kauert sich dorthin, zieht die Knie an, schlingt seine Arme um den kleinen K\u00f6rper und sagt mit glockenhellem Stimmchen: \u201eJetzt beruhige dich doch bitte.\u201c<\/p>\n<p>Mein Herz klopft wie wild, ich schlie\u00dfe die Augen, \u00f6ffne sie, das kleine Wesen sitzt noch immer in der K\u00fcchenecke.<\/p>\n<p>\u201eWer bist du?\u201c, fl\u00fcstere ich beinahe tonlos.<\/p>\n<p>\u201eEin Kobold\u201c, piepst das zarte Ding.<\/p>\n<p>Und dann, etwas lauter: \u201eJaja, ich wei\u00df, ich sehe nicht wie ein typischer Kobold aus. Aber ich bin einer.\u201c<\/p>\n<p>Und schlie\u00dflich, w\u00fctend: \u201eAch, dann glaub mir halt nicht! Mir egal. Ich hab\u2019s echt satt, mich st\u00e4ndig erkl\u00e4ren zu m\u00fcssen.\u201c<\/p>\n<p>Ich r\u00e4uspere mich, habe mich aber noch nicht so weit gefasst, dass ich wieder reden kann.<\/p>\n<p>\u201eMensch. Jetzt rei\u00df dich zusammen\u201c, sagt der Kobold missmutig. \u201eZur Erkl\u00e4rung: Du kannst mich sehen, weil ich so wie du todungl\u00fccklich bin. Verstehst du? Ich habe mir jemanden gew\u00fcnscht, dem es \u00e4hnlich schlecht geht und mit dem ich reden kann. Und dieser Jemand bist offensichtlich du.\u201c<\/p>\n<p>\u201eHei\u00dft das, &#8230; weil es uns \u00e4hnlich ergangen ist &#8230;\u201c, kr\u00e4chze ich. Meine Gedanken schwirren.<\/p>\n<p>\u201eJaja\u201c, nickt der blonde Kobold, ziemlich ungeduldig, wie mir scheint, angesichts meiner Begriffsstutzigkeit. \u201eDarum.\u201c<\/p>\n<p>\u201eAber das gibt\u2019s doch nicht!\u201c Ich habe endlich meine Stimme wieder. \u201eIch meine, ich bin ein drei\u00dfigj\u00e4hriger Mann, kein Kind mit einem \u00dcberschuss an Fantasie. Ach, wahrscheinlich war ich zu lange allein. Meine Nerven. Der Alkohol.\u201c<\/p>\n<p>\u201eGlaub, was du willst. Mir egal. Ich habe meine eigenen Probleme\u201c, sagt der blonde Kobold.<\/p>\n<p>Ein Bier und einen Schnaps sp\u00e4ter ist er noch immer da. Kauert nun nicht mehr in der K\u00fcchenecke, sondern wesentlich entspannter am K\u00fcchentisch mir gegen\u00fcber. Er ist tats\u00e4chlich ungemein zart, wirkt beinahe durchscheinend. Die schwarze Hose und der schwarze Rollkragenpullover, die er tr\u00e4gt, unterstreichen sein helles \u00c4u\u00dferes.<\/p>\n<p>\u201eFassen wir zusammen\u201c, sage ich. \u201eWir k\u00f6nnen uns sehen, weil wir im selben Moment dasselbe gedacht haben, pr\u00e4ziser, weil wir im selben Moment verzweifelt gewesen sind, und uns ein Gegen\u00fcber gew\u00fcnscht haben, mit dem wir reden k\u00f6nnen, ein Gegen\u00fcber, das uns versteht.\u201c<\/p>\n<p>Der Kobold rollt ungeduldig mit seinen Augen.<\/p>\n<p>\u201eDann fangen wir endlich damit an, Mensch\u201c, fordert er. \u201eMit dem Reden.\u201c<\/p>\n<p>\u201eUnd warum bist du bei mir gelandet, hier in meiner Wohnung?\u201c, denke ich weiter laut nach. \u201eUnd nicht ich bei dir in deiner Welt?\u201c<\/p>\n<p>\u201eTs, ts, ts\u201c, lacht der Kobold sirrend, \u201eDas ist doch meine Wohnung, Mensch! Ich lebe hier, seit es mich gibt. Obwohl, im letzten Jahr habe ich mich v\u00f6llig zur\u00fcckgezogen. Aber jetzt bin ich wieder zur\u00fcck. \u00dcbrigens leben hier auch noch einige andere Kobolde, aber die kannst du nicht sehen.\u201c<\/p>\n<p>Mir verschl\u00e4gt es wieder die Sprache.<\/p>\n<p>\u201eAlso, beginnen wir endlich. Soll ich zuerst erz\u00e4hlen? Oder du, Mensch?\u201c<\/p>\n<p>\u201eKobold first\u201c, versuche ich mich nach einem weiteren gro\u00dfen Schluck Bier in L\u00e4ssigkeit.<\/p>\n<p>\u201eThank you\u201c, sagt der Kobold und dann. \u201eUnd untersch\u00e4tze mich bitte nicht. Au\u00dfer Englisch spreche ich flie\u00dfend Franz\u00f6sisch, Russisch und Japanisch. Und damit bin ich auch schon bei meinem Problem angelangt: Ich bin n\u00e4mlich komplett anders als die anderen Kobolde. Nicht nur \u00e4u\u00dferlich. Ich bin wissbegierig. Ich lese viel. Ich denke. Ich hinterfrage. Ich lerne. Ich schreibe. Das alles macht der typische Kobold nicht.\u201c<\/p>\n<p>\u201eIch verstehe\u201c, sage ich verwirrt.<\/p>\n<p>\u201eNichts verstehst du\u201c, sagt der Kobold kopfsch\u00fcttelnd. Seine Haut schimmert noch eine Spur durchsichtiger vor \u00c4rger, ich kann alle Gegenst\u00e4nde hinter ihm durchsehen.<\/p>\n<p>\u201eIch habe mich rund ein Jahr lang v\u00f6llig aus der Koboldwelt zur\u00fcckgezogen. Mein Intellekt verbietet mir n\u00e4mlich, dumme Streiche zu spielen. Es langweilt mich, zuzusehen, wie Menschen aufgrund stupider Koboldaktionen ihre Schl\u00fcssel oder Brillen suchen. Was aber quasi die Lebensaufgabe eines Kobolds ist. Spielt ein Kobold selten oder gar keine Streiche, wird seine Stimme immer h\u00f6her, sein Haar, seine Haut immer blasser, heller, elfenhafter, dann durchsichtig, und schlussendlich l\u00f6st er sich v\u00f6llig auf. Im Nichts. Das Resultat meiner Verweigerung ist also, dass ich bald kein Kobold mehr sein werde.\u201c<\/p>\n<p>\u201eIch verstehe\u201c, sage ich wieder. Ich verstehe nun tats\u00e4chlich. Und nicht nur das, ich habe die L\u00f6sung f\u00fcr sein Problem glasklar vor Augen.<\/p>\n<p>\u201eEs geht also tats\u00e4chlich um dein Leben\u201c, sage ich. \u201eIch denke, es ist an der Zeit, dass du ein paar Kompromisse schlie\u00dft. Aber du brauchst keinesfalls dein Lebenskonzept aufgeben. Integriere es.\u201c<\/p>\n<p>\u201eWie stellst du dir das vor?\u201c, schnaubt der Kobold.<\/p>\n<p>\u201eGanz einfach.\u201c Koboldprobleme zu l\u00f6sen, f\u00e4llt mir erstaunlich leicht. \u201eLebe und beweise deinen Intellekt anhand deiner Streiche. Spiele keine dummen Streiche, sondern deiner Intelligenz angemessene, strategisch durchdachte, sinndurchflutete. Erstelle Pl\u00e4ne, schreibe B\u00fccher \u00fcber durchdachte Koboldaktionen, unterrichte eventuell auch andere interessierte Kobolde im intelligenten Streiche-Spielen.\u201c<\/p>\n<p>\u201eOh\u201c, sagt der Kobold. Er starrt mich erstaunt an, offensichtlich hat er mich untersch\u00e4tzt.<\/p>\n<p>\u201eDas hat was\u201c, sagt er dann. \u201eWarum sind mir diese M\u00f6glichkeiten nie in den Sinn gekommen?\u201c<\/p>\n<p>\u201eObwohl, so einfach ist das alles nicht\u201c, f\u00fcgt er hinzu. \u201eDazu braucht es einiges an Einsatz, an Umdenken, an Flexibilit\u00e4t und \u00dcberwindung\u201c, sagt er.<\/p>\n<p>\u201eTja. Ein Kobold zu sein, ist sicher nicht leicht\u201c, sage ich gro\u00dfm\u00fctig.<\/p>\n<p>\u201eNun gut, Mensch. Ich denke, zun\u00e4chst einmal werde ich eine Abhandlung \u00fcber komplexe Streiche-Strategien schreiben, bevor ich es angehe mit dem praktischen Teil, dem Umsetzen.\u201c Er hebt seine durchsichtige Hand wie zum Abschied, will vom K\u00fcchentisch springen.<\/p>\n<p>\u201eHalt, Kobold\u201c, sage ich schnell. \u201eNicht so eilig. Was ist mit mir? Mit meinen Problemen? Es geht doch darum, dass wir uns gegenseitig zuh\u00f6ren, nicht?\u201c<\/p>\n<p>\u201eGut. Dann erz\u00e4hle\u201c, seufzt der Kobold widerstrebend. \u201eAber mach schnell, bevor ich mich v\u00f6llig aufl\u00f6se.\u201c Er hebt seinen blassen Fu\u00df und betrachtet ihn kopfsch\u00fcttelnd.<\/p>\n<p>\u201eAlso\u201c, sage ich. \u201eIch bin ausgebildeter Schauspieler. Vor gut einem Jahr bin ich von hier weg und in die Gro\u00dfstadt gezogen, um Karriere als solcher zu machen. Hier in der Kleinstadt gibt es n\u00e4mlich kaum M\u00f6glichkeiten zum Spielen. Doch nach ein, zwei kleinen Rollen bekam ich keine Auftr\u00e4ge mehr. Die Konkurrenz war zu gro\u00df. Kurz gesagt: Ich bin gescheitert. Mir blieb schlie\u00dflich nichts anderes \u00fcbrig, als die teure Stadtwohnung zu k\u00fcndigen und wieder hierher zur\u00fcckzukommen.\u201c<\/p>\n<p>\u201eIch verstehe\u201c, sagt der Kobold g\u00e4hnend.<\/p>\n<p>\u201eNichts verstehst du\u201c, sage ich kopfsch\u00fcttelnd. Sein Desinteresse \u00e4rgert mich.<\/p>\n<p>\u201eIch habe s\u00e4mtliche Kontakte abgebrochen, sogar den zu meinem Bruder, weil ich mich voll und ganz meiner Schauspielkarriere, die keine geworden ist, gewidmet habe. Ich kann mich nicht \u00fcberwinden, ihn anzurufen. Ich sch\u00e4me mich zu sehr, verstehst du? Ich habe keinen Job, kein Geld. Ich trinke zu viel. Ich bin am Ende.\u201c<\/p>\n<p>\u201eIch verstehe\u201c, sagt der Kobold wieder. Er scheint nun tats\u00e4chlich zu verstehen. Und nicht nur das, er scheint die L\u00f6sung f\u00fcr mein Problem glasklar vor Augen zu haben.<\/p>\n<p>\u201eEs geht also tats\u00e4chlich um dein Leben\u201c, sagt er. \u201eIch denke, es ist an der Zeit, dass du ein paar Kompromisse schlie\u00dft. Aber du brauchst keinesfalls dein Lebenskonzept aufgeben. Integriere es.\u201c<\/p>\n<p>\u201eUnd wie stellst du dir das vor?\u201c, schnaube ich.<\/p>\n<p>\u201eGanz einfach!\u201c Menschenprobleme zu l\u00f6sen, f\u00e4llt dem Kobold sichtlich leicht. \u201eH\u00f6r auf mit dem Trinken. Rufe deinen Bruder an, erz\u00e4hle ihm, dass du zur\u00fcck bist und hier im Ort eine Schauspielgruppe gr\u00fcnden wirst. Suche dir einen Proberaum, gib Schauspielunterricht, schreibe und inszeniere eigene St\u00fccke.\u201c<\/p>\n<p>\u201eOh\u201c, sage ich erstaunt und starre den Kobold an, den ich v\u00f6llig untersch\u00e4tzt habe.<\/p>\n<p>\u201eDas hat was\u201c, sage ich dann. \u201eWarum sind mir diese M\u00f6glichkeiten nie in den Sinn gekommen?\u201c<\/p>\n<p>\u201eObwohl, so einfach ist das alles nicht\u201c, f\u00fcge ich hinzu. \u201eDazu braucht es einiges an Einsatz, an Umdenken, an Flexibilit\u00e4t und \u00dcberwindung.\u201c<\/p>\n<p>\u201eTja\u201c, sagt der Kobold gelangweilt. \u201eEin Kob-, ich meine, ein Mensch zu sein, ist sicher nicht leicht.\u201c<\/p>\n<p>Und dann: \u201eMensch, kann ich jetzt endlich los? Wir m\u00fcssen ja nicht \u00fcbertreiben mit dem Einander-Erz\u00e4hlen. Ich meine, schau mich an!\u201c Er f\u00e4chelt mit seinen bedenklich durchsichtigen H\u00e4nden. \u201eIch muss mich jetzt dringendst um mich k\u00fcmmern.\u201c<\/p>\n<p>Ich nicke ihm zu. Der Kobold h\u00fcpft schwankend vom Tisch zum K\u00fccheneck und ist sogleich verschwunden. Nur mehr ein helles Sirren in meinen Ohren. Eine Weile starre ich nachdenklich in das Eck, \u00f6ffne erneut eine Flasche Bier, doch dann merke ich, wie m\u00fcde ich bin. Nun erstmal schlafen, beschlie\u00dfe ich, und stelle das Bier in den K\u00fchlschrank.<\/p>\n<p>Am n\u00e4chsten Morgen f\u00e4llt mir sofort der Kobold ein. Ob das n\u00e4chtliche Gespr\u00e4ch Einbildung gewesen ist oder nicht, Tatsache ist, dass ich meine Lebenssituation nun nicht mehr als aussichtslos betrachte. Mit meiner neu gewonnenen Gelassenheit ist es allerdings rasch vorbei, als ich feststelle, dass die Bierflasche, die ich nachts in den K\u00fchlschrank gestellt habe, nicht mehr voll, sondern leer ist. Und ich stehe starr vor Schock, als ich entdecken muss, dass nicht nur diese Flasche, sondern s\u00e4mtliche Bier-, Wein- und Schnapsflaschen v\u00f6llig ohne Inhalt sind.<\/p>\n<p>\u201eDas darf doch nicht wahr sein\u201c, fluche ich.<\/p>\n<p>War ich gestern so betrunken, dass ich sie alle ausgeleert habe? Und dann sehe ich es. Das Koboldhaar. Eine blonde Locke klebt an einer der leeren Weinflaschen.<\/p>\n<p>\u201eAlso, Kobold\u201c, rufe ich w\u00fctend, \u201eob das tats\u00e4chlich ein intelligenter, sinndurchfluteter Streich ist, dar\u00fcber l\u00e4sst sich streiten!\u201c<\/p>\n<p>Obwohl, gebe ich insgeheim zu, dadurch nat\u00fcrlich der ideale Ausgangspunkt geschaffen ist, um endlich aufzuh\u00f6ren mit dem Trinken. Was w\u00fcrde mein Bruder dazu sagen? Ich nehme mein Handy in die Hand. Ach, Max wei\u00df ja nicht einmal, dass ich wieder zur\u00fcck bin. Ich z\u00f6gere, lasse die Hand mutlos sinken. Als ich das Handy wieder weglegen will, zischt pl\u00f6tzlich etwas wie eine Art Blitz direkt an mir vorbei, und dr\u00fcckt auf Max\u2019 Nummer. Rufaufbau, lese ich. Zugleich vernehme ich ein bekanntes Sirren.<\/p>\n<p>\u201aWas tust du, Kobold!! Das geht mir zu rasch!\u2018<\/p>\n<p>Doch schon h\u00f6re ich Max\u2019 Stimme:<\/p>\n<p>\u201eOh, das ist ja eine \u00dcberraschung. Hey, Bruder!\u201c<\/p>\n<p>\u201eHey, Max, tja, ich bin\u2019s\u201c, stottere ich. \u201eIch- ich bin wieder zur\u00fcck \u2026\u201c<\/p>\n<p>Sp\u00e4ter sitze ich da, die Fenster meiner kleinen K\u00fcche weit ge\u00f6ffnet, eine Tasse gr\u00fcner Tee vor mir, und f\u00fchle mich gro\u00dfartig. Ich denke an das Gespr\u00e4ch mit meinem Bruder. Max hat es mir einfach gemacht, mich zu erkl\u00e4ren, und er hat mir in jeder Hinsicht seine Unterst\u00fctzung zugesagt. Diesem Telefonat sind einige weitere gefolgt, gr\u00f6\u00dftenteils aufgrund tatkr\u00e4ftiger Kobold-Anregung. Unter anderem eines mit dem Leiter der \u00f6rtlichen Volkshochschule, in der ich ab sofort Schauspielkurse geben kann, und eines mit einem Musiker, der mir die M\u00f6glichkeit bietet, tageweise seinen Proberaum sowie die B\u00fchne zu benutzen. Ja, meine Vorstellungen werden zusehends realer, alles kommt ins Rollen. Zufrieden starte ich meinen Laptop, um all meine Ideen schriftlich festzuhalten.<\/p>\n<p>Da h\u00f6re ich \u2013 nein, kein hohes Sirren, sondern im Gegenteil ein tiefes Brummen in der K\u00fcchenecke, und sehe etwas dunkel gl\u00e4nzen dort im Eck, irgendetwas Undefinierbares.<\/p>\n<p>\u201eGut gemacht, Kobold\u201c, sage ich leise, \u201ewir sind wieder zur\u00fcck.\u201c Und ich beginne zu schreiben.<\/p>\n<p style=\"text-align: right;\">Claudia Dvoracek-Iby<\/p>\n<p style=\"text-align: right;\">www.verdichtet.at | Kategorie: <a href=\"http:\/\/www.verdichtet.at\/?page_id=3714\">fantastiques<\/a> | Inventarnummer: 23144<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Da sitze ich also wieder, in der kleinen, muffigen K\u00fcche meiner Kleinstadtwohnung, das Bierglas vor mir, ganz so, als w\u00e4re ich nie weggewesen, als h\u00e4tte ich nicht vor rund einem Jahr, damals gro\u00dfspurig \u201aF\u00fcr immer!\u2018 denkend, diese Wohnung verlassen. 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