{"id":14944,"date":"2022-11-14T16:26:29","date_gmt":"2022-11-14T16:26:29","guid":{"rendered":"http:\/\/www.verdichtet.at\/?p=14944"},"modified":"2022-12-23T08:21:23","modified_gmt":"2022-12-23T08:21:23","slug":"stellvertreter","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.verdichtet.at\/?p=14944","title":{"rendered":"Stellvertreter"},"content":{"rendered":"<div class=\"pdfprnt-buttons pdfprnt-buttons-post pdfprnt-top-right\"><a href=\"https:\/\/www.verdichtet.at\/index.php?rest_route=wpv2posts14944&print=pdf\" class=\"pdfprnt-button pdfprnt-button-pdf\" target=\"_blank\"><\/a><a href=\"https:\/\/www.verdichtet.at\/index.php?rest_route=wpv2posts14944&print=print\" class=\"pdfprnt-button pdfprnt-button-print\" target=\"_blank\"><\/a><\/div><p>Ich wei\u00df nicht ganz genau, wann es geschah, dass ich ersetzt wurde, doch ich erinnere mich genau, wie es vor sich ging.<\/p>\n<p>Morgens vor einigen Monaten zog ich mich an, Hemd, Anzughose, Krawatte, Sakko, da stand er zirka einen Meter links von mir und sah mir zu. Er war durchsichtig, an seinen Konturen war er erkenntlich. Er war so gro\u00df wie ich. Als ich den Raum verlie\u00df, verschwand er.<\/p>\n<p>Aber er kam wieder. N\u00e4chsten Abend sa\u00df er neben meiner Frau auf dem Sofa und sah anscheinend mit ihr fern. Ich h\u00f6rte w\u00e4hrenddessen in der K\u00fcche mit meinem Laptop und Kopfh\u00f6rern Musik. Diesmal war er etwas weniger durchsichtig. Er sprach nicht, er bewegte sich nicht viel. Gerrit, meine Frau, reagierte nicht auf ihn. Auch unser f\u00fcnfj\u00e4hriger Sohn Mickie nahm keine Notiz von ihm. Offensichtlich sah nur ich ihn. Er war der Eindringling.<\/p>\n<p>Am n\u00e4chsten Morgen stand ich fr\u00fch auf. Ich wollte einiges im B\u00fcro erledigen, bevor das Tagesgesch\u00e4ft losgehen w\u00fcrde. Gerrit schlief noch. Als ich das Schlafzimmer verlassen und die T\u00fcr hinter mir geschlossen hatte, erblickte ich ihn, den Eindringling. Er war halb durchsichtig. Er versperrte mir den Weg ins Badezimmer. \u201eGeh weg!\u201c, sagte ich, worauf er ins Wohnzimmer ging und sich auf einen Stuhl setzte.<\/p>\n<p>\u201eWarum l\u00f6st er sich nicht einfach auf?\u201c, fragte ich mich. \u201eWeil er es nicht will\u201c, antwortete ich mir selbst. \u201eEr beabsichtigt zu bleiben.\u201c Ich hatte aber gerade nicht den Kopf, mich um den Eindringling zu k\u00fcmmern. Ich musste mich fertigmachen, ich sollte m\u00f6glichst fr\u00fch im B\u00fcro sein. Bevor ich die Wohnung verlie\u00df, bemerkte ich, dass der Eindringling immer noch auf dem Stuhl sa\u00df. Er hatte die Stehlampe eingeschaltet und las ein Buch.<\/p>\n<p>Ich tat mir schwer beim Arbeiten im B\u00fcro. Ich wurde nicht fertig mit dem, was ich mir vorgenommen hatte. Dabei sollte ich mich ranhalten, ich bin nicht der \u00dcberflieger unter den B\u00fcroangestellten, sondern derjenige, der seinen Arbeitsplatz verteidigen muss. Aber mir war bewusst, dass der Eindringling eine wachsende Gefahr darstellte. Nat\u00fcrlich konnte ich mich unter diesen Umst\u00e4nden schwer konzentrieren. Ich durfte \u00fcber ihn klarerweise auch kein Wort verlieren. Was sollte ich auch sagen: \u201eMein Alter Ego ist im Begriff, bei mir einzuziehen. Und ich bin im Begriff, aus unserer Wohnung auszuziehen?\u201c Das Mindeste, was mir dann gedroht h\u00e4tte, w\u00e4re wohl die Nervenheilanstalt gewesen.<\/p>\n<p>Gegen achtzehn Uhr war ich wieder zuhause. Auch der Eindringling war anwesend, er spielte mit Mickie in seinem Zimmer Lego. Nun war er g\u00e4nzlich sichtbar, und \u2013 er sah aus wie ich, genau gleich. Er sprach mit Mickie mit einer Stimme, die genau klang wie meine. Ich stand in der offenen T\u00fcr zu Mickies Zimmer und sagte: \u201eHallo!\u201c Mickie sagte auch: \u201eHallo!\u201c, ebenso wie der Eindringling, der sich zu meinem Stellvertreter weiterentwickelt hatte. Mickie wunderte sich gar nicht, dass mein Stellvertreter mit ihm spielte, genauso wenig, wie sich Gerrit beim Abendessen wunderte, dass es da nicht nur mich, sondern auch meinen Stellvertreter gab, der mita\u00df und Gespr\u00e4che f\u00fchrte. Es war, als w\u00e4re er schon immer hier gewesen.<\/p>\n<p>Am n\u00e4chsten Morgen, als ich gerade den Wagen startete, klopfte er an das Fenster der Beifahrerseite. Er war gekleidet wie ich. Was sollte ich tun? Ich lie\u00df ihn einsteigen. Er wollte sogar mit mir plaudern, da fiel mir auf, dass seine Z\u00e4hne besser waren als meine, wei\u00dfer und vor allem vollst\u00e4ndig. Ich wusste nicht, was ich zu ihm sagen sollte. Ich dachte auch, dass ich das Recht h\u00e4tte, auf den Smalltalk aus H\u00f6flichkeit verzichten zu d\u00fcrfen.<\/p>\n<p>In der Firma begleitete er mich auf allen Wegen. Er lernte, was ich arbeitete. Ich hatte die Vermutung, besser gesagt die Bef\u00fcrchtung, dass er sehr sich schnell und exakt mein Wissen und meine T\u00e4tigkeiten aneignete.<\/p>\n<p>Niemand nahm Notiz von ihm. Ich wei\u00df nicht, wie das funktionierte, ich habe keine Ahnung. Es geht offensichtlich automatisch: Wo mein Stellvertreter unsichtbar sein soll, ist er unsichtbar. Wo man ihn sehen soll, ist er sichtbar.<\/p>\n<p>W\u00fcrde es jetzt so laufen, dachte ich am Abend, dass er statt mir meine Arbeit im B\u00fcro erledigte? Es g\u00e4be Schlimmeres als das, logisch, doch ich vermutete nicht, dass ich mir die Rosinen aus dieser Situation herauspicken k\u00f6nnen w\u00fcrde.<\/p>\n<p>Nach dem Abendessen blieb Gerrit mit ihm am Tisch sitzen. Er erz\u00e4hlte ihr von Reisen, die er unternommen haben wollte, als jugendlicher Tramper und zuletzt mit dem Motorrad. Er sprach mit ihr \u00fcber Mode und \u00fcber Musik, er kannte sich dabei augenscheinlich sehr gut aus. Gerrit sa\u00df ihm gegen\u00fcber, ihre Augen strahlten.<\/p>\n<p>Je st\u00e4rker er wird, desto schw\u00e4cher werde ich.<\/p>\n<p>Ich sitze nun vor meinem Computer und bemerke, als ich an mir heruntersehe, dass ich durchscheinend werde.<\/p>\n<div id=\"attachment_14949\" style=\"width: 610px\" class=\"wp-caption aligncenter\"><a href=\"http:\/\/www.verdichtet.at\/wp-content\/uploads\/2022\/11\/Die-Morgensonne.jpg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" aria-describedby=\"caption-attachment-14949\" class=\"size-full wp-image-14949\" src=\"http:\/\/www.verdichtet.at\/wp-content\/uploads\/2022\/11\/Die-Morgensonne.jpg\" alt=\"Die Morgensonne \u00fcber dem Dach in Krumpendorf\" width=\"600\" height=\"400\" srcset=\"https:\/\/www.verdichtet.at\/wp-content\/uploads\/2022\/11\/Die-Morgensonne.jpg 600w, https:\/\/www.verdichtet.at\/wp-content\/uploads\/2022\/11\/Die-Morgensonne-300x200.jpg 300w\" sizes=\"auto, (max-width: 600px) 100vw, 600px\" \/><\/a><p id=\"caption-attachment-14949\" class=\"wp-caption-text\">Die Morgensonne \u00fcber dem Dach in Krumpendorf<\/p><\/div>\n<p style=\"text-align: right;\">Johannes Tosin<br \/>\n(Text und Bild)<\/p>\n<p style=\"text-align: right;\">www.verdichtet.at |\u00a0Kategorie:\u00a0<a href=\"http:\/\/www.verdichtet.at\/?page_id=3714\"><span style=\"color: #0066cc;\">fantastiques<\/span><\/a> | Inventarnummer: 22146<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Ich wei\u00df nicht ganz genau, wann es geschah, dass ich ersetzt wurde, doch ich erinnere mich genau, wie es vor sich ging. 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