{"id":14616,"date":"2022-10-01T16:07:18","date_gmt":"2022-10-01T16:07:18","guid":{"rendered":"http:\/\/www.verdichtet.at\/?p=14616"},"modified":"2022-10-08T15:47:46","modified_gmt":"2022-10-08T15:47:46","slug":"ag-noch-einzufuegen","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.verdichtet.at\/?p=14616","title":{"rendered":"Ag"},"content":{"rendered":"<div class=\"pdfprnt-buttons pdfprnt-buttons-post pdfprnt-top-right\"><a href=\"https:\/\/www.verdichtet.at\/index.php?rest_route=wpv2posts14616&print=pdf\" class=\"pdfprnt-button pdfprnt-button-pdf\" target=\"_blank\"><\/a><a href=\"https:\/\/www.verdichtet.at\/index.php?rest_route=wpv2posts14616&print=print\" class=\"pdfprnt-button pdfprnt-button-print\" target=\"_blank\"><\/a><\/div><p>Sie war nicht, wie sie schien. Die Stadt aus Silber und Licht war eine andere. Sie war die aus Dunkelheit und Unrat.<\/p>\n<p>Wie konntest du dich nur so t\u00e4uschen? Weil man sieht, was man sehen will, nicht? Die Hoffnung sucht immer fettes Futter. Die Stadt sollte sein, wie du sie am liebsten h\u00e4ttest. Von Weitem leuchtete sie. Damit zog sie dich an. Du durchquertest die W\u00fcste, warst durstig und hungrig, und da erschien sie am Horizont. Du n\u00e4hertest dich ihr, und die Stadt blieb. Sie war keine Lichtspiegelung, sie war real. Du konntest deine Freude mit niemandem teilen, weil du allein in deinem Gel\u00e4ndewagen sa\u00dft, mit vielen Kanistern Benzin. Vor f\u00fcnfzig Jahren w\u00e4rst du vielleicht noch auf einem Kamel gesessen, ja, kann gut sein, doch diese Zeiten sind vor\u00fcber. Du fuhrst in die Stadt hinein, alle paar Meter wurde sie dunkler. Als du deinen Wagen abstelltest, gab es keine Stra\u00dfenbeleuchtung mehr.<\/p>\n<p>Besonders merkw\u00fcrdig war, dass du niemanden verstehen konntest. Wie beim Turmbau zu Babel, wo jeder seine eigene Sprache hatte. Dort wird es wohl deshalb gewesen sein, weil viele ausl\u00e4ndische Arbeitskr\u00e4fte angereist waren.<\/p>\n<p>Hoffentlich werden sie meine W\u00e4hrung akzeptieren, dachtest du. Du brauchtest ja einen Schlafplatz. Du sahst dich um. Seltsam, dachtest du, kein Hotel, keine Pension. Es muss doch Bedarf an \u00dcbernachtungsm\u00f6glichkeiten herrschen. Was tun denn all die Leute auf der Stra\u00dfe? Es kann ja nicht sein, dass jeder hier einen Wohnsitz hat. Dir fielen auch keine Lokale auf, keine Caf\u00e9s, keine Bars, keine Restaurants. Keine Geselligkeit, keine M\u00f6glichkeit, seinen Durst und seinen Hunger zu stillen. Das konnte doch nicht sein!<\/p>\n<p>Welch seltsame Stadt war das hier? Die Kennzeichen der Autos, Lkws und Motorr\u00e4der waren auch alle unterschiedlich. Hier war anscheinend niemand heimisch. Gesetzt den Fall, \u00fcberlegtest du, die Stadt h\u00e4tte mich bewusst angelockt wie eine fleischfressende Pflanze, wobei ich dann das fleischige Opfer w\u00e4re, was h\u00e4tte sie dann vor? Hinter dem Licht war nur noch Dunkelheit. Hier wirkte die Stadt wie ein riesiges Grab.<br \/>\nManche M\u00e4nner, Frauen und Kinder sprachen dich an, in flehendem Ton. Gelegentlich zeigten sie Fotos von ihnen wichtigen Menschen. Auch ohne die Sprachen zu verstehen, war dir klar, dass diese Menschen abg\u00e4ngig waren. So abg\u00e4ngig, dass sie geradezu von der Oberfl\u00e4che verschwunden waren? Ist gut m\u00f6glich, dachtest du. Wie soll ich wissen, wo jemand ist, \u00fcberlegtest du, ich bin doch fremd hier? Und nicht nur etwas fremd, sondern v\u00f6llig fremd. Kann man hier \u00fcberhaupt ein normales Leben f\u00fchren? Sicherlich nicht leicht, und wenn, w\u00e4re es ein low life, ein Leben, das niemand will.<\/p>\n<p>Bin ich seit f\u00fcnftausendsechshundert Kilometern unterwegs, um hier zu landen?, dachtest du. Nein, ganz bestimmt nicht! Nur, ganz am Anfang, also au\u00dfen war diese Stadt ja wirklich jene aus Licht und silbrig gl\u00e4nzenden Oberfl\u00e4chen. Die Stadt lud ein, sie zu betreten. Um realistisch zu bleiben, musste man in Betracht ziehen, dass diese Stadt die einzige im Umkreis von zirka tausend Kilometern war. Sehr au\u00dfergew\u00f6hnlich war jedoch, dass diese Stadt weder in einer elektronischen Landkarte noch in einer aus Papier eingetragen war.<\/p>\n<p>Wie hie\u00df sie \u00fcberhaupt?, dachtest du. Nirgendwo stand ihr Name. H\u00e4tte dich jetzt jemand gefragt, wo du bist, was h\u00e4ttest du antworten sollen? Ich bin in der Stadt, die keinen Namen tr\u00e4gt, w\u00e4re die korrekte Antwort gewesen.<br \/>\nH\u00e4tte der Fragensteller dir nicht geglaubt und h\u00e4ttest du ihm die Koordinaten deines Standortes, dieser Stadt, durchgegeben, was h\u00e4tte er auf seinem Bildschirm gesehen? Er h\u00e4tte W\u00fcste gesehen und sonst nichts, nicht einmal eine Oase, nichts au\u00dfer W\u00fcste. Du \u00fcberlegtest noch einmal, wie du hier sein konntest, und in dir stieg der Gedanke hoch, dass du m\u00f6glicherweise gestorben warst, und hier fand dein Leben danach statt, dein Nicht-Leben. Das klang sogar recht plausibel, fandst du. Doch du versp\u00fcrtest Durst und hattest Hunger, was bedeutete, dass du noch \u00fcber deinen K\u00f6rper verf\u00fcgtest. Also war es wahrscheinlich, dass du noch am Leben warst, am Leben vor dem Tod.<br \/>\nM\u00fcde warst du \u00fcbrigens nicht, du standst wohl unter Adrenalin. Viele der Bewohner dieser Stadt wirkten bedrohlich. Wenn du dich einfach irgendwohin gelegt h\u00e4ttest, h\u00e4ttest du damit rechnen m\u00fcssen, zumindest ausgeraubt zu werden. Oder jemand h\u00e4tte dich \u00fcber den Fluss geschickt, der von deinem Leben zu deinem Tod f\u00fchrte.<\/p>\n<p>Du beschlossest, diese Stadt zu verlassen, und gingst dorthin zur\u00fcck, wo du annahmst, deinen Gel\u00e4ndewagen abgestellt zu haben. Doch die Stadt war zu gro\u00df, es waren zu viele Stra\u00dfen und Pl\u00e4tze. Und dann war da noch etwas: Diese Stadt wirkte, als h\u00e4tte sie sich ver\u00e4ndert, nicht nur an einer Seite gestaucht und an einer anderen verl\u00e4ngert, sondern als w\u00e4re sie tats\u00e4chlich eine andere geworden. Du setztest dich einfach irgendwo auf den B\u00fcrgersteig. Wie geht es weiter?, fragtest du dich, worauf die Antwort war: keine Ahnung.<br \/>\nDu sahst dein Smartphone an. Kein Empfang. Das passt ins Bild, dachtest du. Die Zeitanzeige auf dem Smartphone lief, 16 Uhr, 17 Uhr bis 24 Uhr, dann wieder 1 Uhr und so fort. Auf deiner Armbanduhr \u00fcberholte der lange immer wieder den kurzen Zeiger.<\/p>\n<div id=\"attachment_14615\" style=\"width: 610px\" class=\"wp-caption aligncenter\"><a href=\"http:\/\/www.verdichtet.at\/wp-content\/uploads\/2022\/10\/Lichter.jpg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" aria-describedby=\"caption-attachment-14615\" class=\"size-full wp-image-14615\" src=\"http:\/\/www.verdichtet.at\/wp-content\/uploads\/2022\/10\/Lichter.jpg\" alt=\"R\u00f6tliche und wei\u00dfgelbe Lichter hinter den \u00d6BB-L\u00e4rmschutzw\u00e4nden mit V\u00f6geln in der Nacht des 24. August 2022 in Krumpendorf\" width=\"600\" height=\"400\" srcset=\"https:\/\/www.verdichtet.at\/wp-content\/uploads\/2022\/10\/Lichter.jpg 600w, https:\/\/www.verdichtet.at\/wp-content\/uploads\/2022\/10\/Lichter-300x200.jpg 300w\" sizes=\"auto, (max-width: 600px) 100vw, 600px\" \/><\/a><p id=\"caption-attachment-14615\" class=\"wp-caption-text\">R\u00f6tliche und wei\u00dfgelbe Lichter hinter den \u00d6BB-L\u00e4rmschutzw\u00e4nden mit V\u00f6geln in der Nacht des 24. August 2022 in Krumpendorf<\/p><\/div>\n<p style=\"text-align: right;\">Johannes Tosin<br \/>\n(Text und Bild)<\/p>\n<p style=\"text-align: right;\">www.verdichtet.at |\u00a0Kategorie:\u00a0<a href=\"http:\/\/www.verdichtet.at\/?page_id=3714\"><span style=\"color: #0066cc;\">fantastiques<\/span><\/a> | Inventarnummer: 22101<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Sie war nicht, wie sie schien. Die Stadt aus Silber und Licht war eine andere. Sie war die aus Dunkelheit und Unrat. 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