{"id":13523,"date":"2021-12-20T11:36:13","date_gmt":"2021-12-20T11:36:13","guid":{"rendered":"http:\/\/www.verdichtet.at\/?p=13523"},"modified":"2021-12-26T12:16:33","modified_gmt":"2021-12-26T12:16:33","slug":"kuechenkulturen-von-new-york-bis-moskau-3","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.verdichtet.at\/?p=13523","title":{"rendered":"K\u00fcchenkulturen von New York bis Moskau 3"},"content":{"rendered":"<div class=\"pdfprnt-buttons pdfprnt-buttons-post pdfprnt-top-right\"><a href=\"https:\/\/www.verdichtet.at\/index.php?rest_route=wpv2posts13523&print=pdf\" class=\"pdfprnt-button pdfprnt-button-pdf\" target=\"_blank\"><\/a><a href=\"https:\/\/www.verdichtet.at\/index.php?rest_route=wpv2posts13523&print=print\" class=\"pdfprnt-button pdfprnt-button-print\" target=\"_blank\"><\/a><\/div><p>Asja fiel mir sofort auf, als ich sie zum ersten Mal sah, beim Botschaftsempfang zum Nationalfeiertag. Sie servierte Tabletts mit Getr\u00e4nken und Kanapees, in einem schwarzen Kleid mit wei\u00dfem Sch\u00fcrzchen. Die Frau war \u00fcber 50, und f\u00fcr eine russische Frau in diesem Alter auffallend schlank und zart. Das glatte, schwarze Haar hatte sie zu einer eleganten Spirale aufgesteckt, das schmale Gesicht war vollst\u00e4ndig ungeschminkt. Sie h\u00e4tte in jedem Lokal zwischen Wien und Paris servieren k\u00f6nnen. Sie zog mich an. Als ich sie kennenlernte, erfuhr ich, dass sie aus der s\u00fcdossetischen Provinz Georgiens stammte, aber schon lange in Moskau lebte.<\/p>\n<p>Sie war K\u00f6chin in der Schweizerischen Botschaft und hatte einen sagenhaften Ruf. Mit der Chefin Heidi T. war ich befreundet, und sie erlaubte, dass Asja, einigen unserer Diplomaten bei Empf\u00e4ngen und Dinners aushalf. So engagierte ich Asja f\u00fcr einen \u00f6sterreichischen Adventabend in meiner Dienstwohnung. Und wie kann eine \u00f6sterreichische Vorweihnacht stattfinden ohne Vanillekipferl?<\/p>\n<p>Ich kaufte selbst alle Ingredienzien ein, den Vanillezucker hatte ich aus \u00d6sterreich mitgebracht. Das Briefchen von Dr. Oetker zeigte auf der R\u00fcckseite ein Vanillekipferl, darunter das Rezept und die Anleitung. Ich konnte Vanillekipferl seit meiner Kindheit selbst machen, hatte ich mit meinen Schwestern doch unter der Anleitung unserer Mutter hunderttausende Kipferl hergestellt und vielleicht ebenso viele gegessen. Teig kneten, immer und immer wieder, bis zur richtigen Konsistenz. Dann ruhen lassen.<\/p>\n<p>Aber derzeit hatte ich extrem viel zu tun, und ich w\u00fcrde keine Zeit zum vorweihnachtlichen Backen finden. Ich \u00fcbersetzte f\u00fcr Asja den Text, schreib einige Arbeitsanweisungen dazu, stellte das Backblech auf den Ofen, eine Schale f\u00fcr das Zucker-Vanille-Zitronenabrieb-Gemisch zurecht, dazu eine Blechdose, mit Seidenpapier ausgeschlagen, in der sie die fertigen Vanillekipferl aufbewahren sollte. Am Tag davor erkl\u00e4rte ich Asja in meiner K\u00fcche noch einmal alles und zeigte ihr die Zutaten. Sie war hell, klar und schnell auffassungsf\u00e4hig. Sie hatte schon mehrmals bei mir gekocht, noch \u00f6fter serviert, sie kannte sich aus in meinem Haushalt.<\/p>\n<p>Kein Problem. Es w\u00fcrde alles gutgehen. Von Besuchen in der Schweizerischen Botschaft hatte ich die Erfahrung, dass sie die kompliziertesten Speisen aus aller Herren L\u00e4nder k\u00f6stlich und ansehnlich zuzubereiten wusste, die sie sicher nicht aus ihrer s\u00fcdossetischen Heimat kannte.<br \/>\nSchlie\u00dflich rissen sich alle Kolleginnen um Asja, sei es als K\u00f6chin, Servierkraft oder Schulter zum Ausweinen, zumindest f\u00fcr die, die der russischen Sprache m\u00e4chtig waren. Auch sie sch\u00fcttete mir ihr Herz aus, bei mir ist alles gut, aber Mann, Sohn.<br \/>\nBei mir waren es die heimischen Vanillekipferl, die ich ihr anvertrauen wollte. Als ich sp\u00e4tnachts und ersch\u00f6pft von meinem zweit\u00e4gigen Besuch aus Minsk in meine Wohnung am Ukrainski Bulvar zur\u00fcckkehrte, lag ein leichter Hauch von Vanille \u00fcber den Zimmern.<br \/>\nFein, danke, Asja.<\/p>\n<p>In der K\u00fcche stand die mit geschm\u00fcckten Christb\u00e4umen und Engeln verzierte Blechdose auf der Anrichte, genau dort, wo ich sie hingestellt hatte. Ich befreite mich von meinen hochhackigen und v\u00f6llig durchn\u00e4ssten Stiefeln und \u00f6ffnete erwartungsvoll die Keksdose. Blanke Leere g\u00e4hnte mir entgegen. Hastig durchst\u00f6berte ich alle K\u00fcchenschr\u00e4nke, nichts. Ich sah mich in der K\u00fcche um, alles blitzblank sauber, nicht das geringste Br\u00f6serl. Wie immer, Asja war immer perfekt.<br \/>\nDanke, Asja!<\/p>\n<p>Da entdeckte ich, dass das Fach f\u00fcr die Backbleche neben dem Herd leer war.<br \/>\nDas brachte mich auf den Gedanken, im Rohr nachzusehen. Ich ging in die Knie und \u00f6ffnete die T\u00fcr.<br \/>\nWas sah ich dort? Das ganze Backblech war ausgef\u00fcllt mit einem einzigen, gro\u00dfen Vanillekipf. Sie hatte genau nach dem Bild auf dem Oetker-Briefchen die ganze Teigmasse zu einem einzigen Riesenkipf verarbeitet, fein mit Zucker \u00fcberstreut, noch immer duftend, aber leider steinhart.<br \/>\nNachdem wir gemeinsam unm\u00e4\u00dfig gelacht hatten, zerschlugen wir den Kipf mit einem Hammer in kleine Teile, um nicht zu sagen in Br\u00f6sel, und f\u00fcllten sie in die Keksdose. Wie soll ein Mensch aus S\u00fcdossetien denn wissen, dass es Kipferl und einen Kipf gibt. Sie hatte sich genau an das Rezept und an das Bildchen auf dem Oetker-P\u00e4ckchen gehalten.<br \/>\nDanke, Asja!<\/p>\n<p>Bei jedem Besuch von Asja in diesem Winter pickten wir Vanillekipf-Kr\u00fcmel aus der Keksdose und lachten uns krumm und bucklig. Es erleichterte sie, hatte sie doch einen Alkoholiker-Mann zu Hause, einen Afghanistan-Veteranen, und einen Sohn, der sich zum K\u00e4mpfen nach Tschetschenien gemeldet hatte.<br \/>\nAsja, mit welcher s\u00fcdossetischen Speise h\u00e4tte mir etwas \u00c4hnliches passieren k\u00f6nnen?<br \/>\nHm, vielleicht mit den Teigtaschen, den Chinkali. Aber wir brauchen keinen Oetker mit dummen Bildern. Das h\u00e4tte dir schon deine Mutter oder die Schwiegermutter beigebracht.<br \/>\nAuch bei den Georgiern eine Leibspeise. \u00dcbrigens, auch kipferl\u00e4hnlich, mit F\u00fcllungen aus Kr\u00e4utern, Erd\u00e4pfeln, K\u00e4se oder Pilzen.<br \/>\nUnd wir zerkugelten uns noch immer \u00fcber den Vanille-Kipf, als im TV Pr\u00e4sident Boris Jelzin das Zepter an einen kleinen, unbekannten KGBler namens Putin \u00fcbergab.<\/p>\n<p>16.12.21<\/p>\n<p style=\"text-align: right;\">Veronika Seyr<br \/>\n<a href=\"http:\/\/www.veronikaseyr.at\/\" target=\"_blank\">www.veronikaseyr.at<\/a><br \/>\n<a href=\"http:\/\/veronikaseyr.blogspot.co.at\/\" target=\"_blank\">http:\/\/veronikaseyr.blogspot.co.at\/<\/a><\/p>\n<p style=\"text-align: right;\">www.verdichtet.at | Kategorie: <a href=\"http:\/\/www.verdichtet.at\/?page_id=3102\">Lesebissen<\/a> | Inventarnummer: 21130<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Asja fiel mir sofort auf, als ich sie zum ersten Mal sah, beim Botschaftsempfang zum Nationalfeiertag. Sie servierte Tabletts mit Getr\u00e4nken und Kanapees, in einem schwarzen Kleid mit wei\u00dfem Sch\u00fcrzchen. Die Frau war \u00fcber 50, und f\u00fcr eine russische Frau in diesem Alter auffallend schlank und zart. Das glatte, schwarze Haar hatte sie zu einer [&hellip;]<\/p>\n","protected":false},"author":4,"featured_media":0,"comment_status":"open","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[109],"tags":[97],"class_list":["post-13523","post","type-post","status-publish","format-standard","hentry","category-seyr-veronika","tag-lesebissen"],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/www.verdichtet.at\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/13523","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/www.verdichtet.at\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/www.verdichtet.at\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.verdichtet.at\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/users\/4"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.verdichtet.at\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcomments&post=13523"}],"version-history":[{"count":4,"href":"https:\/\/www.verdichtet.at\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/13523\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":13566,"href":"https:\/\/www.verdichtet.at\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/13523\/revisions\/13566"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/www.verdichtet.at\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fmedia&parent=13523"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.verdichtet.at\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcategories&post=13523"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.verdichtet.at\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Ftags&post=13523"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}