{"id":13521,"date":"2021-12-20T11:34:49","date_gmt":"2021-12-20T11:34:49","guid":{"rendered":"http:\/\/www.verdichtet.at\/?p=13521"},"modified":"2022-01-05T13:21:02","modified_gmt":"2022-01-05T13:21:02","slug":"kuechenkulturen-von-new-york-bis-moskau-2","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.verdichtet.at\/?p=13521","title":{"rendered":"K\u00fcchenkulturen von New York bis Moskau 2"},"content":{"rendered":"<div class=\"pdfprnt-buttons pdfprnt-buttons-post pdfprnt-top-right\"><a href=\"https:\/\/www.verdichtet.at\/index.php?rest_route=wpv2posts13521&print=pdf\" class=\"pdfprnt-button pdfprnt-button-pdf\" target=\"_blank\"><\/a><a href=\"https:\/\/www.verdichtet.at\/index.php?rest_route=wpv2posts13521&print=print\" class=\"pdfprnt-button pdfprnt-button-print\" target=\"_blank\"><\/a><\/div><h2>Von Crepes, Apfelstrudel und Vanillekipferln<\/h2>\n<p>Im Haus der Wagners in New York war ich mehr Haustochter als Au-pair-M\u00e4dchen.<br \/>\nSo etwa freute sich die \u00e4lteste Tochter Kit, damals im letzten Jahr der High School, \u00fcber mich als \u00e4ltere Schwester und als Entlastung gegen ihre kleinen Geschwister.<br \/>\nSie bestand darauf, dass ich in ihrem Zimmer schlief, ihre Kosmetika benutzte und sie mich an ihrer Garderobe teilhaben lie\u00df. Die Kultur der BHs war eine Erleuchtung f\u00fcr mich. Sie weihte mich ein in die Geheimnisse des Beine- und Achselrasierens, des K\u00f6rperpuderns und der Tampax. Stolz pr\u00e4sentierte sie mich in ihrer Klasse, ihre Lehrer luden mich ein, etwas \u00fcber mein Heimatland zu erz\u00e4hlen und den Unterschied zwischen Austria und Australien zu erkl\u00e4ren. Alle waren begeistert, ein lebendes Exemplar aus dem Land des \u201eSound of Music\u201c vor sich zu haben, dessen Melodien damals alle kannten und nachtr\u00e4llerten. \u201eEdelweiss, Edelweiss.\u201c<\/p>\n<p>Zum Nations Day der High School etwa sollten alle ausl\u00e4ndischen Angeh\u00f6rigen in ihren Trachten in die Schule kommen und etwas Landestypisches mitbringen. Kit wollte mich dabei haben, und ich f\u00fchlte mich doppelt geehrt. Aber was anziehen und was mitbringen? Zum Gl\u00fcck blieb gen\u00fcgend Zeit, um mir von zu Hause mein Salzburger Dirndl schicken zu lassen, man hatte es mir erst in meinem letzten Salzkammergut-Sommer schneidern lassen. Die Familie Wagner war begeistert, sahen sie doch in mir eine \u00c4hnlichkeit mit Maria, dem Kinderm\u00e4dchen der Familie Trapp. Als ich erw\u00e4hnte, dass meine Mutter mit einem der Trapp-M\u00e4dchen in die Schule gegangen war, flippten sie vollst\u00e4ndig aus. Da ich Salzburger Nockerl nicht beherrschte und sich diese \u00fcberdies nicht f\u00fcr Transport und \u00f6ffentliche Pr\u00e4sentation eigneten, verfiel ich auf den Apfelstrudel, der ja auch in New York bekannt war, weil ihn die Wienerwald-Restaurantkette anbot, garniert mit Ice Cream oder Marshmallows.<\/p>\n<p>Die Familie Wagner hatte mich kurz nach meiner Ankunft in ein Kino der Radio City eingeladen, wo Sound of Music in Endlosschleife lief \u2013 der ganze Saal sang die Lieder lauthals mit \u2013 und danach f\u00fchrte sie mich in das Wienerwald auf der 5th Ave. Kit hatte den Film schon f\u00fcnfmal gesehen und kannte sogar alle Dialoge auswendig.<\/p>\n<p>Zusammen mit dem Dirndl lie\u00df ich mir fertigen Bl\u00e4tterteig schicken \u2013 von meiner Mutter gemacht und abgepackt, weil es industriell gefertigten im Jahre 1967 noch nicht gab. Die Zutaten mussten sich finden lassen: \u00c4pfel, Br\u00f6sel, Rosinen, Butter, Ei, Zucker \u2013 alles keine Hexerei, dachte ich. Als ich alles feins\u00e4uberlich beisammen hatte, schritt ich ans Werk. Leider war ich noch so ein Greenhorn, dass mir nicht auffiel, dass ich salted butter gekauft hatte, denn im Haushalt der Wagners a\u00df ich keine Butter und wusste daher nicht, dass es keine ungesalzene Butter gab, zumindest nicht in dem von uns frequentierten Supermarkt.<\/p>\n<p>Zwei gro\u00dfe Backbleche hatte ich zubereitet, eines f\u00fcr die Familie, eines f\u00fcr die Schule. Die beiden Strudelstriezel sahen wunderbar aus und dufteten so k\u00f6stlich, dass alle in der K\u00fcche zusammenliefen. Zum Ausk\u00fchlen stellte ich die beiden Backbleche auf die K\u00fcchenterrasse. Beim Abendessen wurden wir durch ein furchtbares Rappeln und Scheppern aus der Ruhe gerissen und wir st\u00fcrmten zum kitchen porch. Ein Backblech lag am Boden und der Strudel zerschmettert am Boden, das andere auf dem Tisch war zur H\u00e4lfte weggefressen. Das Wagner-Haus grenzte an einen Wald, und Rehe, F\u00fcchse, Dachse, Eichkatzerl und Skunks querten frei das gro\u00dfe Grundst\u00fcck. Aber der Geruch war eindeutig \u2013 es muss ein Stinktier gewesen sein, das sich hier g\u00fctlich getan hatte.<\/p>\n<p>Mr Wagner versuchte mit seinen Chirurgenh\u00e4nden den Striezel vom Boden aufzulesen, den angefressenen lie\u00df er den Skunks. Als sich alles beruhigt hatte, servierte Mr Wagner einige der geretteten St\u00fccke \u2013 aber welch ein Schreck! Mein applestrudel war so gr\u00e4sslich und abscheulich ungenie\u00dfbar, dass die Gesichter zu schrecklichen Grimassen verkamen. Oh Gott, die gesalzene Butter! Da konnte auch die dick aufgetragene Schicht von Puderzucker nicht helfen. Die kleine Amy fragte \u00e4ngstlich: That\u2019s what you like to eat in your country?<br \/>\nSo schmerzhaft und peinlich kann das Erlernen einer neuen Kultur sein.<\/p>\n<p>Die Bewohner des Waldes bekamen alles, und ich lie\u00df mir bis zum Nations Day noch auf die Schnelle eine Dose Mozartkugeln schicken.<br \/>\nIch d\u00fcrfte nicht allzu unangenehm aufgefallen sein, zumindest bekam ich im n\u00e4chsten Quartal eine Einladung der Hudson High School, einen Kurs in \u201eEuropean Enlightment\u201c f\u00fcr die Schulabg\u00e4nger zu halten.<\/p>\n<p>16.12.21<\/p>\n<p style=\"text-align: right;\">Veronika Seyr<br \/>\n<a href=\"http:\/\/www.veronikaseyr.at\/\" target=\"_blank\">www.veronikaseyr.at<\/a><br \/>\n<a href=\"http:\/\/veronikaseyr.blogspot.co.at\/\" target=\"_blank\">http:\/\/veronikaseyr.blogspot.co.at\/<\/a><\/p>\n<p style=\"text-align: right;\">www.verdichtet.at | Kategorie: <a href=\"http:\/\/www.verdichtet.at\/?page_id=3102\">Lesebissen<\/a> | Inventarnummer: 21126<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Von Crepes, Apfelstrudel und Vanillekipferln Im Haus der Wagners in New York war ich mehr Haustochter als Au-pair-M\u00e4dchen. 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