{"id":13300,"date":"2021-10-23T08:53:29","date_gmt":"2021-10-23T08:53:29","guid":{"rendered":"http:\/\/www.verdichtet.at\/?p=13300"},"modified":"2024-05-12T16:33:27","modified_gmt":"2024-05-12T16:33:27","slug":"haute-couture","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.verdichtet.at\/?p=13300","title":{"rendered":"Haute Couture"},"content":{"rendered":"<div class=\"pdfprnt-buttons pdfprnt-buttons-post pdfprnt-top-right\"><a href=\"https:\/\/www.verdichtet.at\/index.php?rest_route=wpv2posts13300&print=pdf\" class=\"pdfprnt-button pdfprnt-button-pdf\" target=\"_blank\"><\/a><a href=\"https:\/\/www.verdichtet.at\/index.php?rest_route=wpv2posts13300&print=print\" class=\"pdfprnt-button pdfprnt-button-print\" target=\"_blank\"><\/a><\/div><p>Ganz bewusst und voller Lebensfreude begab sie sich in den Sog. In den Sog des Konsums, ausgerichtet, um zu gefallen. Gerne nahm sie in Kauf, Dinge nicht mehr um ihrer Sch\u00f6nheit willen zu betrachten, sondern nur noch zu bewerten, ob sie zum jeweiligen Mainstream passten. Berauschend fand sie die Einkaufstouren, bei denen es nur darum ging, Markenartikel, die gerade angesagt waren, zu erwerben, ohne R\u00fccksicht auf Gefallen, nur der Preis bestimmte den Wert. Sie liebte es, am n\u00e4chsten Tag im B\u00fcro zu erscheinen und beil\u00e4ufig das Gespr\u00e4ch auf die zurzeit herrschende Moderichtung zu lenken. Welch ein Genuss f\u00fcr sie anzumerken, dass ihre Raulederstilettos 499 Euro gekostet hatten. So nebenbei flocht sie noch ein, das Gucci wieder einmal unversch\u00e4mt seine Preise erh\u00f6ht hatte.<\/p>\n<p>Die gr\u00f6\u00dfte Befreiung brachte es ihr, Kolleginnen, von denen sie wusste, dass sie \u00e4u\u00dferst preiswert einkauften, zu fragen: \u201eWo hast du denn dieses tolle St\u00fcck erworben?\u201c Wenn diese dann verlegen um eine ausweichende Antwort bem\u00fcht waren, f\u00fchlte sie sich gut. Allein f\u00fcr das Empfinden dieser \u00dcberlegenheit w\u00e4re sie bereit gewesen, den doppelten Betrag f\u00fcr ihre Designerkleidung zu bezahlen. Diese bedeutete f\u00fcr sie Macht und auch deren angenehme Begleiterscheinung, die da w\u00e4re, erniedrigen zu k\u00f6nnen. Sehr oft erg\u00f6tzte sie sich am Abend daran, die Geschehnisse an sich vor\u00fcberziehen zu lassen und sich dabei an die versch\u00e4mten Reaktionen ihrer Kolleginnen zu erinnern. Diese Reflektionen oder \u201eAuszeiten\u201c, wie sie sie nannte, tr\u00f6steten sie \u00fcber Beziehungen, die sie verloren hatte, hinweg.<\/p>\n<p>Immer wenn ihr ein One-Night-Stand-Lover vorwarf, eine leblose H\u00fclle zu sein, erwiderte sie: \u201eIm Gegenteil, ich lebe f\u00fcr meine H\u00fcllen.\u201c Sie hatte gelernt, ihre Gef\u00fchle gleich zu handhaben wie die Mode. Was gerade en vogue war, wurde zugelassen, alles andere entsorgt. Darin hatte sie \u00dcbung, denn schlie\u00dflich musste sie mindestens viermal im Jahr ihre Kleiderschr\u00e4nke durchforsten und das nicht mehr Passende wegwerfen.<br \/>\nDiese Regeln hielt sie auch bei der Auswahl ihrer Liebhaber ein. War in einer Saison ein Drei-Tage-Bart-Tr\u00e4ger schick, konnte solcher bei ihr landen. Ein gepflegt Rasierter, h\u00e4tte er auch noch so gut ausgesehen, w\u00e4re aus diesem Grunde chancenlos gewesen.<\/p>\n<p>Nur einmal hatte es einer geschafft, diese ihre heiligen Prinzipien zu unterwandern. Als sie ihn gesehen hatte, machte sich in ihr ein Gef\u00fchl breit, das sie schon lange geglaubt hatte, besiegt zu haben. Weder seine Kleidung noch sein Aussehen waren es, das sie angezogen hatte, sondern seine Ausstrahlung. Gew\u00f6hnt , sich immer auf der Gewinnerstra\u00dfe zu befinden, wollte sie eine Ausnahme machen und ihn so akzeptieren, wie er war. Nur, f\u00fcr sie unvorstellbar, blieb die Gegenreaktion aus.<\/p>\n<p>Bitteres Erwachen, sich f\u00fchlen wie eine Verliererin. Eines hatte sie daraus gelernt: Weiche niemals von deinem Weg ab, es wird nicht belohnt, sondern du wirst verh\u00f6hnt werden.<\/p>\n<p>Nach diesem Abenteuer blieb sie ihrem Weltbild treu. Sie steigerte es noch zur Perfektion. Als sie erfuhr, dass ihre Eltern bei einem Verkehrsunfall t\u00f6dlich verungl\u00fcckt waren, beherrschte nicht Trauer ihre Gedanken, sondern nur die eine Frage: \u201eWas trage ich zum Begr\u00e4bnis?\u201c Sie entschied sich f\u00fcr das kleine Schwarze von Prada, ihren Kopf schm\u00fcckte eine ausgefallene Kreation von Dior. Der integrierte Schleier des Hutes erwies sich als \u00e4u\u00dferst hilfreich, da er verbarg, was niemand sehen sollte. Im Gegenteil, er suggerierte den Trauerg\u00e4sten Schmerz und Tr\u00e4nen. Dabei genoss sie es in vollen Z\u00fcgen, die neidischen Blicke, die auf sie gerichtet waren, und sie stellte sich vor, wie \u00fcberschlagsm\u00e4\u00dfig der Preis ihres Outfits errechnet wurde. Sie wusste, dass ihre Augen bei diesem Gedanken strahlten, konnte sich jedoch dank des Schleiers in Sicherheit wiegen, dass niemand dies bemerken w\u00fcrde. Sie gratulierte sich zu dieser kostspieligen Investition.<\/p>\n<p>Sie befand sich ab jetzt im tobenden Strudel des Taifuns.<\/p>\n<p>Die Jahre gingen auch an ihr nicht spurlos vor\u00fcber. Obwohl sie einen asketischen Lebensstil pflegte, um den Model-Ma\u00dfen gerecht zu werden, unterlag auch sie dem biologischen Alterungsprozess. Zu Zeiten wie diesen kein Problem. Sie konsultierte einen angesehenen Sch\u00f6nheitschirurgen und lie\u00df sich ein Angebot f\u00fcr eine \u201eRundum-Verj\u00fcngung\u201c legen. Ein Jahr lang arbeitete sie wie besessen, um diese Summe aufzubringen. Dann war es so weit. Abgesehen von den erlittenen Schmerzen hatte es sich \u201estraff\u201c ausgezahlt. Keine einzige Delle verunzierte mehr ihre Oberschenkel, der Bauch war herzeigbar, wie bei einem vierzehnj\u00e4hrigen Model, die Br\u00fcste wirkten jungfr\u00e4ulich, die Oberarme zeigten keine Spur mehr von Erschlaffung, und das Gesicht hatte seine Lebenserfahrungen vergessen, es war faltenfrei.<\/p>\n<p>Diese Erkenntnis des Machbaren, des Nicht-Akzeptieren-M\u00fcssens eines vorgegebenen Ablaufes, best\u00e4rkte sie. Es bedeute einen Schritt n\u00e4her zum Auge des Taifuns.<\/p>\n<p>Obwohl sie Sozialkontakte bedingt durch ihr Arbeitsumfeld hatte, blieb eines aus: \u201eSozialkontakt mit sich selbst.\u201c Wenn sie am Morgen in den Spiegel blickte, war sie selbst nicht vorhanden, sondern nur ihre Abbildung der \u00c4u\u00dferlichkeit. Wenn sie das B\u00fcro betrat, mieden sie die Kolleginnen oder hatten nur ein m\u00fcdes L\u00e4cheln auf den Lippen, wenn sie sie gr\u00fc\u00dften. Niemand war mehr bereit, sich n\u00e4her auf sie einzulassen, da sie es satt hatten, sich anh\u00f6ren zu m\u00fcssen, wie viel Geld sie heute wieder an ihrem K\u00f6rper trug.<\/p>\n<p>Sie wurde einsam. Wozu alles zu investieren, wenn keine R\u00fcckmeldung erfolgt? Ist es das wert, morgens in den Spiegel zu sehen, dabei sich selbst nicht mehr zu erkennen, das eigene Wesen reduziert auf eine H\u00fclle, die nur \u00e4u\u00dferlich sichtbar und innerlich nicht mehr existent? Diese dunklen Gedanken suchten sie immer \u00f6fters heim. Aus blieb das erregende Gef\u00fchl, m\u00e4chtig zu sein, indem die eigene Verleugnung gelingt.<\/p>\n<p>Sie wollte etwas \u00e4ndern. Warum nicht sein Leben durch etwas anderes K\u00e4ufliches bereichern? Ein Kind. In Katalogen hatte sie bereits gelesen, dass es die M\u00f6glichkeit gibt, auch wenn man schon \u00e4lter ist, Kinder aus afrikanischen L\u00e4ndern zu adoptieren. Bedingungen: Man musste verheiratet sein, einen tadellosen Lebenslauf vorweisen k\u00f6nnen und den Nachweis, f\u00fcr dieses Kind optimal sorgen zu k\u00f6nnen. Erster Punkt: fehlender Ehemann. Sie begab sich zu einer Partnervermittlungsagentur und schilderte dort ihr Anliegen. Zahlreiche Bewerber meldeten sich auf ihre Annonce. Anfangs war jeder von ihrem Aussehen angetan, doch nach einem kurz gef\u00fchrten Gespr\u00e4ch verabschiedeten sie sich mit einer vagen Zusage, sich wieder zu melden. Nach acht Monaten, nachdem alle diese Treffen gl\u00fccklos verlaufen waren, entschied sie sich, dieses Ziel fallen zu lassen. Lieber die Einsamkeit zu riskieren als Niederlagen zuzulassen.<\/p>\n<p>Sie kehrte wieder zu ihrem Anfangsprinzip zur\u00fcck: Ich bin, was ich trage. Immer \u00f6fters passierte es, dass Kolleginnen sie schnitten. Alles, was \u00fcber die Arbeit hinausging, wurde mit ihr nicht mehr besprochen. Sie war isoliert, der Reiz der Exklusivmarken hatte sich abgen\u00fctzt. Im Gegenteil, immer \u00f6fters wurde sie damit konfrontiert, wie sie sich das leisten k\u00f6nne. Nur noch Neid schlug ihr entgegen. Ger\u00fcchte machten die Runde, dass sie ihr gesamtes geerbtes Verm\u00f6gen in diese \u00c4u\u00dferlichkeiten gesteckt hatte. Die Situation wurde feindselig.<\/p>\n<p>Die entscheidende Wende in ihrem Leben brachte der Befund des Gyn\u00e4kologen. Der Befund lautete: Geb\u00e4rmutterhalskrebs im Endstadium. Die Psychotherapeutin empfahl ihr, ein Selbstbildnis zu malen. Sie stand vor der wei\u00dfen Leinwand und konnte nur eines hinzuf\u00fcgen: \u201eIch \u2013 wo bist du?\u201c<\/p>\n<p>Pl\u00f6tzlich war ihr, als ob all das Geschehene nur dem Einen gedient hatte: ins Auge des Taifuns einzudringen.<\/p>\n<p>Das hie\u00df: \u201eKein Anspruch darauf, dass ich geliebt werde. Kein Anspruch mehr auf meine \u00c4u\u00dferlichkeit. Ich verkaufe mich nicht mehr. Mein Markenartikel bin ich. Die Lebendigkeit des Lebens lebt in mir. Ich bin im Auge des Taifuns.<br \/>\nSpirale des Seins. Entwirrt. Gibt mich wieder preis.<br \/>\nEndlich angekommen.\u201c<\/p>\n<div id=\"attachment_13275\" style=\"width: 327px\" class=\"wp-caption alignnone\"><a href=\"http:\/\/www.verdichtet.at\/wp-content\/uploads\/2021\/10\/floral.jpg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" aria-describedby=\"caption-attachment-13275\" class=\"size-full wp-image-13275\" src=\"http:\/\/www.verdichtet.at\/wp-content\/uploads\/2021\/10\/floral.jpg\" alt=\"Die floral bunt gekleidete blonde Schaufensterpuppe mit Sonnenbrille bei SCHUSCHA im Sommer 2021\" width=\"317\" height=\"600\" srcset=\"https:\/\/www.verdichtet.at\/wp-content\/uploads\/2021\/10\/floral.jpg 317w, https:\/\/www.verdichtet.at\/wp-content\/uploads\/2021\/10\/floral-159x300.jpg 159w\" sizes=\"auto, (max-width: 317px) 100vw, 317px\" \/><\/a><p id=\"caption-attachment-13275\" class=\"wp-caption-text\">Die floral bunt gekleidete blonde Schaufensterpuppe mit Sonnenbrille bei SCHUSCHA im Sommer 2021<\/p><\/div>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p style=\"text-align: right;\">Irmgard Tosin &amp; Johannes Tosin (Text)<br \/>\nJohannes Tosin (Bild)<\/p>\n<p style=\"text-align: right;\">www.verdichtet.at | Kategorie: <a href=\"http:\/\/www.verdichtet.at\/?page_id=418\">hardly secret diary<\/a> | Inventarnummer: 21119<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Ganz bewusst und voller Lebensfreude begab sie sich in den Sog. 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